Die Liebe zur ewigen Weisheit

Der hl. Alphons Maria v. Liguori schreibt in seinen Lobreden auf die Gottesmutter Maria:

„Wie Maria eine Mutter der Liebe und des Erbarmens ist, so ist sie auch eine Mutter des Glaubens und, wie Irenäus so schön sagt, so macht sie durch den Glauben jenen Schaden gut, den uns die erste Mutter durch den Unglauben brachte. Eva, so schreibt Tertullian, glaubte der Schlange, Maria dem Engel. Was jene durch den Unglauben verdorben, das hat diese durch den Glauben wieder gutgemacht. Als Maria dem Engel Gehör schenkte, hat ihr Glaube uns den Himmel geöffnet, sagt Augustinus. Unter anderem schreibt der Weltapostel, daß ein ungläubiger Mann durch ein gläubiges Weib geheiligt werde (1 Kor 7,14). Wer anders ist dieses gläubige Weib, als Maria, wer der ungläubige Mann, als Adam. Elisabeth lobte die Mutter Jesu wegen ihres Glaubens, als sie zu ihr sprach: Selig bist du, weil du geglaubt hast. Ja, sagt Augustinus, Maria war weit seliger, da sie an Christus glaubte, als da sie Christus empfing.
Suarez behauptet, daß der Glaube Marias den der Menschen und der Engel übertraf. Als sie ihren Sohn im Stalle zu Bethlehem vor sich sah, glaubte sie an ihn als den Schöpfer der Welt. Sie sah ihn vor dem Grimme Herodes fliehn, und glaubte zugleich, daß er der König aller Könige sei. Sie sah ihn in der Zeit, und glaubte, daß seine Dauer von Ewigkeit sei. Sie sah ihn in Armut auf dem Heu in der Krippe liegen, und glaubte doch an seine Allmacht. Sie sah, wie er kein Wort redete, und glaubte doch, daß er die ewige Weisheit sei. Sie sah ihn weinen, und glaubte an ihn, als die Freude der Engel. Sie sah und hörte endlich, wie er gelästert, verachtet, verspottet, ja ans Kreuz geheftet wurde, und obschon andere im Glauben wankten, blieb Maria doch standhaft. Neben dem Kreuz stand die Mutter Jesu. Darüber schreibt der heilige Antonius: Nur der Glaube an die Gottheit Jesu hielt Maria aufrecht.
Der heilige Idelphons ermahnt uns, daß wir Maria als einem Vorbild des Glaubens nacheifern. Wie aber können wir ihr in ihrem Glauben nachfolgen? Er ist zugleich eine Tugend und eine Gabe. Eine Gabe insofern, als sie als Licht in unsere Seele fällt, eine Tugend insofern, als sie eine Übung für die Seele ist. Der Glaube muß uns also zur Richtschnur sowohl im Werk als auch im Geiste dienen. Jener glaubt wahrhaftig, sagt der heilige Gregor, der auch durch die Tat zeigt, was er glaubt. Augustinus schreibt, ‚du sagst, ich glaube. Tu‘! was du glaubst, so ist dein Glaube ein wahrer Glaube.‘ Es ist der wahrhafte, lebendige und wirksame Glaube.
Nach diesem lebendigen Glauben lebte Maria und beschämt alle, die nicht nach ihrem Glauben leben. Der Glaube ohne Werke ist tot, schreibt der Apostel Jakobus. Diogenes suchte einst einen Menschen, Gott aber einen wahren Christen; deren gibt es viele dem Scheine nach, wenige aber in der Tat. Zu dergleichen Maulchristen könnte man mit gutem Recht sagen, was einst Alexander der Große zu einem feigen Soldaten, der sich auch Alexander nannte, gesprochen: ‚Ändere entweder deinen Namen oder dein Verhalten!‘ Solch aberwitzige Menschenkinder sollte man als Toren ins Gefängnis werfen, denn, obwohl sie genau wissen, daß auf den gerechten Menschen eine glückselige Ewigkeit wartet, und eine unglückselige auf den lasterhaften, so leben sie doch, als glaubten sie dies alles nicht. Darum ermahnt uns der heilige Augustinus, daß wir alles mit christlichen Augen betrachten, das heißt, mit den Augen des Glaubens. Wo kein Glaube ist, versichert uns die heilige Theresia, da nehmen die Sünden überhand. Laßt uns also ohne Unterlaß Maria anrufen: Mutter! vermehre uns durch deine Fürbitte den Glauben.“

Sich Maria anschließen heißt, sie in besonderer Weise verehren und sich ihr ganz weihen. Der hl. Ludwig Maria war überzeugt, daß die Ganzhingabe an Maria eines der vorzüglichsten Mittel ist, ein wahrhaft Gott wohlgefälliges, also heiliges Leben zu führen. Wer sich jedoch Maria in dieser Weise weihen will, der muß sich immer wieder darüber Gedanken machen, was diese Ganzhingabe alles umschließt und bedeutet. Lassen wir uns darum vom hl. Ludwig Maria erklären, wie eine „zärtliche und wahre Andacht zur Allerseligsten Jungfrau“ konkret aussehen muß.

1. Grundlagen der Andacht zu Maria
Nun komme ich endlich zum wirksamsten Mittel, zum wunderbarsten aller Geheimnisse, um die göttliche Weisheit zu erlangen und zu bewahren, und das ist eine zärtliche und aufrichtige Andacht zu Maria.
Niemand außer Maria hat je Gnade gefunden bei Gott (vgl. Lk. 1,30), für sich selbst und für das ganze Menschengeschlecht. Sie allein hatte die Fähigkeit, der Ewigen Weisheit die menschliche Natur zu geben und sie zur Welt zu bringen, und nur sie allein besitzt durch die Wirkung des Heiligen Geistes die Macht, die menschgewordene Weisheit in den Auserwählten gleichsam zu verkörpern.
Die Patriarchen, die Propheten und Heiligen des Alten Bundes haben um die Menschwerdung der Ewigen Weisheit geschrien, geseufzt und gebetet; aber keiner aus ihnen konnte sie verdienen. Maria allein stieg durch die Erhabenheit ihrer Tugenden bis zum Throne der Gottheit empor und verdiente diese unendliche Wohltat. Sie wurde Mutter, Herrin und Thron der göttlichen Weisheit.
a) Maria, die würdigste Mutter Jesu
Maria ist die würdigste Mutter Jesu; denn sie hat ihm die menschliche Natur gegeben und hat ihn der Welt geschenkt als die Frucht ihres Leibes: „Und gebenedeit ist die Frucht Deines Leibes, Jesus.“
Überall also, wo Jesus ist, sei es im Himmel oder auf Erden, in den Tabernakeln oder in unseren Herzen, überall kann man in Wahrheit sagen, daß er die Frucht und die Gabe Mariä ist, daß Maria allein der Baum des Lebens ist, der keine andere Frucht als Jesus hervorbringt. Wer daher immer diese bewunderungswürdige Frucht in seinem Herzen haben will, der muß den Baum besitzen, der sie hervorbringt. Wer Jesus haben will, muß Maria haben.
b) Maria, die Herrin der göttlichen Weisheit
Maria ist die Herrin der göttlichen Weisheit, nicht als ob sie größer wäre als die göttliche Weisheit, die wahrer Gott ist, oder ihr gleich wäre. Solches zu meinen oder zu sagen, wäre eine Gotteslästerung! Aber da Gott der Sohn, die Ewige Weisheit, sich Maria als seiner Mutter vollkommen unterworfen hat, so hat er ihr eine mütterliche und natürliche Gewalt über sich selbst gegeben, die unbegreiflich ist, und zwar nicht nur für die Zeit seines Erdenlebens, sondern auch im Himmel, weil die Glorie nicht nur die Natur nicht zerstört, sondern vervollkommnet. Deshalb ist Jesus im Himmel ebenso sehr wie ehemals das Kind Mariä und Maria seine Mutter.
In dieser Eigenschaft besitzt sie Macht über ihn und er ist ihr in gewissem Sinne untertan, weil er es so will (hl. Bonaventura). Das heißt, Maria erlangt von Jesus durch ihr mächtiges Gebet und ihre Gottesmutterschaft alles, was sie will; sie gibt ihn, wem sie will und sie bringt ihn jeden Tag in den Seelen hervor, wo sie will.
Wie glücklich ist eine Seele, welche die Huld Mariä gewonnen hat! Sie darf sicher sein, daß sie bald die Weisheit besitzen werde. Denn da Maria jene liebt, die sie lieben (vgl. Sprw. 8,17), so teilt sie ihnen mit vollen Händen ihre Güter und vor allem das unendliche Gut aus, in welchem alle anderen eingeschlossen sind: Jesus, die Frucht ihres Leibes.
Wenn man also in Wahrheit sagen kann, Maria sei in gewissem Sinne die Herrin der menschgewordenen Weisheit, was müssen wir dann denken von ihrer Macht, die sie über alle Gnaden und Gaben Gottes besitzt, und von der Freiheit, mit der sie davon austeilt, ganz nach ihrem Gutdünken!
Sie ist nach dem Ausspruch der Kirchenväter der unermeßliche Ozean aller Herrlichkeiten Gottes, die große Schatzkammer aller seiner Güter, der unerschöpfliche Schatz des Herrn, die Schatzmeisterin und Ausspenderin aller seiner Gaben.
Es ist der Wille Gottes, daß, nachdem er ihr seinen Sohn geschenkt, wir alles aus ihrer Hand empfangen, und es steigt kein himmlisches Geschenk auf die Erde nieder, das nicht durch sie wie durch einen Kanal hindurchginge.
Aus ihrer Fülle haben wir alle empfangen, und wenn sich in uns eine Gnade, einige Heilshoffnung findet, so ist dies ein Gut, das uns durch sie von Gott zukommt.
Sie ist in solchem Maße Herrin über die Güter Gottes, daß sie (wem sie will, soviel sie will, wann sie will und wie sie will) alle Gnaden Gottes, alle Tugenden Jesu Christi und alle Gaben des Heiligen Geistes, alle Güter der Natur, der Gnade und der Glorie austeilt.
Das sind Gedanken und Aussprüche der Kirchenväter, deren lateinische Texte ich nur der Kürze halber nicht anführe.
Aber so große Gaben diese erhabene und liebenswürdige Königin uns auch spendet, so ist sie doch nicht zufrieden, solange sie uns nicht die menschgewordene Weisheit, ihren Sohn Jesus Christus, geben kann, und tagtäglich ist sie damit beschäftigt, Seelen zu suchen, die der Ewigen Weisheit würdig wären, damit sie ihnen Jesus schenken könne.
c) Maria, der königliche Thron der Ewigen Weisheit
Maria ist überdies der königliche Thron der Ewigen Weisheit. In Maria offenbart die Ewige Weisheit ihre Größe, in Maria entfaltet sie ihre Schätze, in Maria findet sie ihre Wonne. Und es gibt keinen Ort im Himmel und auf Erden, wo die Ewige Weisheit eine größere Pracht entfaltete und soviel Wohlgefallen fände, als in der unvergleichlichen Maria.
Darum nennen die Kirchenväter Maria das Heiligtum der Gottheit, die Ruhe und Freude der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, den Thron Gottes, die Stadt Gottes, den Altar Gottes, den Tempel Gottes, die Welt Gottes und das Paradies Gottes. Alle diese Bezeichnungen und Lobsprüche sind sehr wahr in bezug auf die verschiedenen Wunder, die der Allerhöchste in Maria gewirkt hat.
Nur durch Maria kann man also die Weisheit erlangen. Wenn wir aber ein so großes Geschenk wie die Weisheit es ist, empfangen haben, welche Wohnung werden wir ihr anweisen? Was für ein Haus, was für einen Sitz, was für einen Thron werden wir dieser so reinen und strahlenden Fürstin geben, vor der die Sonnenstrahlen nur Staub und Finsternis sind?
Vielleicht antwortest du mir, sie verlange nur nach unserem Herzen und dieses also müßten wir ihr geben und dort ihr Wohnung anweisen. Aber wissen wir denn nicht, daß unser Herz befleckt, unrein, fleischlich und von tausend Leidenschaften erfüllt und daher unwürdig ist, einen so hohen und heiligen Gast zu besitzen? Und hätten wir auch hunderttausend Herzen wie das unsrige, um sie ihr als Thron anzubieten, so würde sie noch immer mit Recht unsere Bemühungen geringschätzen, für unsere Bitten ein taubes Ohr haben und uns sogar der Kühnheit und Unverschämtheit zeihen, daß wir sie an einem so verdorbenen und ihrer Majestät unwürdigen Orte unterbringen wollten. Was tun also, um unsere Herzen ihrer würdig zu machen? Höre den guten Rat, vernimm das bewunderungswürdige Geheimnis:
Lassen wir Maria, um uns so auszudrücken, in unser Haus einziehen, indem wir uns ihr ohne jeden Vorbehalt als ihre Diener und Sklaven weihen. Übergeben wir in ihre Hände und zu ihrer Ehre das Teuerste, was wir haben, ohne uns irgendetwas vorzubehalten, und diese gute Herrin, die sich nie an Freigebigkeit übertreffen ließ, wird sich uns auf eine unaussprechliche, aber wahrhaftige Weise schenken, und in ihr wird die Ewige Weisheit wie auf einem glorreichen Throne ihre Wohnung aufschlagen.
d) Maria, der heilige Magnet
Maria ist der heilige Magnet, der überall, wo er ist, die Ewige Weisheit so heftig anzieht, daß sie nicht widerstehen kann. Dieser Magnet hat die Ewige Weisheit für alle Menschen auf die Erde herabgezogen und er zieht sie noch tagtäglich in jeden einzelnen herab, in dem er sich befindet.
Ist Maria einmal in uns, so erlangen wir durch ihre Vermittlung leicht und in kurzer Zeit die göttliche Weisheit. Von allen Mitteln, Jesus Christus zu besitzen, ist Maria das sicherste, das leichteste, das kürzeste und heiligste.
Wenn wir die schwersten Bußwerke verrichteten, die beschwerlichsten Reisen und härtesten Arbeiten unternähmen, ja sogar all unser Blut vergössen, um die Ewige Weisheit zu erlangen, aber die Fürbitte Maria und die Andacht zu ihr würde sich nicht zu all diesen Anstrengungen gesellen, so wären sie unnütz und unfähig, uns die Weisheit zu erlangen. Wenn aber Maria ein Wort für uns einlegt, wenn ihre Liebe in uns ist, wenn wir gezeichnet sind mit dem Merkmal ihrer treuen Diener, die ihre Wege bewahren, dann werden wir bald und mit wenig Aufwand die göttliche Weisheit besitzen.
e) Maria, die Mutter aller Glieder Christi
Beachte, daß Maria nicht nur die Mutter Jesu, des Hauptes aller Auserwählten ist, sondern auch die Mutter aller seiner Glieder, und zwar in dem Sinne, daß sie dieselben hervorbringt, in ihrem Schöße trägt und durch die Gnade Gottes, welche sie ihnen mitteilt, zur himmlischen Glorie gebiert.
Dies ist die Lehre der Kirchenväter, unter anderen des heiligen Augustinus, welcher sagt, die Auserwählten seien im Schoße Mariä geborgen und sie bringe sie erst zur Welt, wenn sie in die Glorie eingehen.
Überdies hat Gott Maria befohlen, in Jakob zu wohnen, in Israel ihr Erbe zu nehmen und in den Auserwählten und Vorherbestimmten Wurzel zu schlagen.
f) Folgerungen
Aus diesen Wahrheiten ergibt sich:
1. Daß man sich umsonst schmeichelt, ein Kind Gottes und Jünger der Weisheit zu sein, wenn man kein Kind Mariä ist.
2. Um zur Zahl der Auserwählten zu gehören, ist erfordert, daß Maria in uns wohne und durch eine zarte und wahre Andacht zu ihr Wurzel schlage.
3. An ihr ist es, uns in Jesus Christus hervorzubringen und Jesus Christus in uns bis zur Vollkommenheit und Fülle seines Alters, so daß sie von sich mit mehr Wahrheit sagt, was der heilige Paulus auf sich anwendet: Ich bilde euch tagtäglich in mir, meine lieben Kinder, bis Jesus Christus, mein Sohn, in euch vollkommen gestaltet ist. (vgl. Gal. 4,19)

2. Die wahre Andacht zu Maria
Es fragt mich vielleicht jemand, der die Allerseligste Jungfrau zu verehren verlangt, worin die wahre Andacht zu Maria denn bestehe. Ich antworte in wenigen Worten: sie besteht in einer tiefen Hochachtung vor ihrer Größe und Würde, in einer großen Dankbarkeit für ihre Wohltaten, in einem großen Eifer für ihre Ehre, in der beständigen Anrufung ihrer Hilfe, in einer vollständigen Abhängigkeit von ihrer Macht und einem festen und zärtlichen Vertrauen auf ihre mütterliche Güte.
Wir müssen uns recht hüten vor den falschen Andachten zu Maria, deren sich der Teufel bedient, um manche Seelen zu täuschen und in Verdammnis zu stürzen. Ich halte mich nicht dabei auf, sie zu schildern. Es genügt, zu sagen, daß die wahre Andacht zur Allerseligsten Jungfrau:
1) immer innerlich ist, ohne Heuchelei und ohne Aberglauben;
2) zärtlich, ohne Gleichgültigkeit und Ängstlichkeit;
3) beharrlich, ohne Wankelmut und Untreue;
4) heilig, ohne Vermessenheit und Unordnung.
Wir dürfen nicht zur Zahl jener falschen heuchlerischen Verehrer gehören, die ihre Andacht nur auf den Lippen und in ihrem Äußeren zeigen.
Wir dürfen auch nicht zur Zahl jener nörgelnden und engherzigen Verehrer gehören, welche fürchten, Maria zu viel Ehre zu erweisen, und die meinen, den Sohn zu entehren, wenn man die Mutter ehrt.
Wir dürfen nicht zu jenen gleichgültigen und eigennützigen Verehrern gehören, welche weder zärtliche Liebe, noch kindliches Vertrauen zu Maria besitzen und die nur dann ihre Zuflucht zu ihr nehmen, wenn es sich um Erwerbung oder Bewahrung zeitlicher Güter handelt.
Wir dürfen nicht zu jenen unbeständigen und leichtsinnigen Verehrern gehören, welche nur nach der Laune gehen und zeitweise Verehrung gegen die Allerseligste Jungfrau haben, zur Zeit der Versuchung aber sich ihrem Dienste entziehen.
Endlich müssen wir uns wohl hüten, zur Zahl jener vermessenen Verehrer zu gehören, welche unter dem Scheine einiger äußerer Andachtsübungen, denen sie obliegen, ein in die Sünde verstricktes Herz verbergen; die sich einbilden, sie werden wegen ihrer Andachtsübungen zur Allerseligsten Jungfrau nicht ohne Beichte sterben und so gerettet werden, mögen sie unterdessen noch so sehr sündigen.
Unterlassen wir hingegen nicht, in die Bruderschaften, namentlich in die des heiligen Rosenkranzes, einzutreten, um darin die Pflichten zu erfüllen, die so sehr zur Heiligung beitragen.

3. Die vollkommene Andacht zu Maria
Aber die vollkommene und nützlichste aller Andachten zur Allerseligsten Jungfrau besteht darin, sich ganz Jesu und Maria in der Eigenschaft eines Sklaven zu weihen, indem man ihr rückhaltlos und auf ewig seinen Leib und seine Seele, seine äußeren und inneren Güter, den genugtuenden und verdienstlichen Wert aller seiner guten Handlungen und sein eigenes Verfügungsrecht darüber und endlich alle Güter schenkt und weiht, die man in der Vergangenheit empfangen, gegenwärtig besitzt und in Zukunft besitzen wird.
Da es mehrere Bücher gibt, die über diese Andacht handeln, beschränke ich mich darauf, zu sagen, daß ich niemals eine Andachtsübung zu Maria gefunden habe, die besser begründet wäre, da sie sich ja auf das Beispiel Jesu stützt, die für Gott glorreicher, für die Seele heilsamer, den Feinden des Heiles schrecklicher, die endlich süßer und leichter wäre, als diese.
Wenn diese Andacht auf rechte Weise geübt wird, so wird Jesus Christus, die Ewige Weisheit, nicht nur in eine Seele herabgezogen, sondern wird in ihr zurückgehalten und vor dem Tode bewahrt. Denn, lieber Leser, was würde es uns nützen, tausend Geheimnisse zu suchen und tausend Anstrengungen zu machen, um den Schatz der Weisheit zu erlangen, wenn wir nach deren Empfang das Unglück hätten, ihn durch unsere Untreue wieder zu verlieren, wie Salomon? Er war weiser, als wir es vielleicht je sein werden, und in allem war er stärker, erleuchteter: dennoch wurde er getäuscht und besiegt und fiel in Sünde und Torheit und versetzte alle, die nach ihm kamen in zweifaches Staunen, nämlich über sein Licht und seine Finsternis, über seine Weisheit und die Torheit seiner Sünden. Man kann sagen, wenn einerseits sein Beispiel und seine Bücher alle seine Nachkommen aneifern mußten, nach der Weisheit zu trachten, so mußte doch andererseits sein tatsächliches Verderben oder wenigstens der wohlbegründete Zweifel an seiner Rettung eine unermeßliche Zahl von Seelen abhalten, nach einem an sich wohl schönen, aber so leicht verlierbaren Gute zu streben.
Um also in gewissem Sinne weiser zu sein, als Salomon, müssen wir alles, was wir besitzen und selbst das Gut aller Güter, Jesus Christus, in die Hände Maria legen, damit sie es uns bewahre. Wir sind zu gebrechliche Gefäße. Legen wir nicht ein so kostbares Gut und das himmlische Manna hinein. Wir haben zu zahlreiche, zu schlaue und erfahrene Feinde gegen uns; bauen wir nicht auf unsere Kraft und Klugheit. Wir haben mit unserer Unbeständigkeit und unserem natürlichen Leichtsinn zu traurige Erfahrungen gemacht; hegen wir Mißtrauen gegen unsere Weisheit und unseren Eifer.
Maria ist weise: legen wir alles in ihre Hände; sie weiß am besten über uns und all das Unsrige zur größeren Ehre Gottes zu verfügen.
Maria ist liebevoll: sie liebt uns als ihre Kinder und Diener. Opfern wir ihr alles auf, wir werden nichts verlieren, sie wird alles zu unserem Vorteil gereichen lassen.
Maria ist freigebig: sie gibt mehr zurück, als man ihr gibt. Übergeben wir ihr alles, was wir besitzen, ohne den geringsten Vorbehalt, wir erhalten dafür hundertfaches.
Maria ist mächtig: nichts ist imstande, ihr das zu entreißen, was in ihre Hände gelegt wurde. Übergeben wir uns ganz ihren Händen; sie wird uns verteidigen und uns den Sieg über alle Feinde verleihen.
Maria ist treu: sie läßt nichts von dem, was man ihr anvertraut, abhandenkommen oder verlorengehen. Sie ist die getreueste Jungfrau gegen Gott und gegen die Menschen. Sie hat getreulich alles bewahrt und behütet, was Gott ihr anvertraut hat, ohne den geringsten Teil davon zu verlieren, und sie bewahrt noch immer mit besonderer Sorgfalt alle, die sich gänzlich unter ihren Schutz und Schirm gestellt haben.
Vertrauen wir also alles ihrer Treue an; klammern wir uns an sie wie an eine Säule, die nicht gestürzt, wie an einen Anker, der nicht losgerissen, oder vielmehr wie an den Berg Sion, der nicht erschüttert werden kann (vgl. Ps. 124,1).
Mögen wir von Natur aus noch so blind, schwach und unbeständig sein, mögen unsere Feinde noch so zahlreich und boshaft sein, niemals werden wir uns dann täuschen oder irregehen, und niemals werden wir dann das Unglück haben, die Gnade Gottes und den unendlichen Schatz der Ewigen Weisheit zu verlieren.