Luther und die Heiligkeit

von antimodernist2014

Im Oktober dieses Jahres beginnt das große Gedenkjahr, mit dem die Protestanten und Ökumeniker 500 Jahre Reformation feiern wollen. Dieses Jubiläum allein ist schon Anlaß genug, sich mit der Hauptperson der sog. Reformation eingehender zu beschäftigen, mit Doktor Martin Luther.

Luther hat nicht nur selbst sehr viel geredet und geschrieben, geschwätzt und geschimpft, gepoltert und gedonnert, über ihn wurde eine ganz ansehnliche Reihe Bücher geschrieben, die sein unruhiges Leben nachzeichnen oder seine Lehre darlegen wollen. Dabei kann man zuweilen etwas recht Seltsames feststellen: Während die Protestanten gewöhnlich die Heiligenverehrung ablehnen, haben sie Luther gerade zu einem solchen hochstilisiert, obwohl dessen Leben eher für das Gegenteil Zeugnis gibt. Deswegen war eine Legendenbildung unumgänglich, denn in einem gewissen Sinne mußte der große „Reformator“ doch wenigstens ein Vorbild für die anderen sein. Was wäre das für eine Reformation, wenn ihr Reformator, das auserwählte Rüstzeug Gottes, der Gottesmann und Konfessionsgründer, ein liederlicher Lump gewesen wäre?

Darum ist es Luther, der die Legenden so gründlich wie nur möglich verabscheute – „Im Papsttum gibt es ein Buch der Legenden; dieses hasse ich gründlich, weil es so übertriebenen Kult und so falsche Wunder enthält. Diese Fabeln muß man fliehen und austreiben.“ – ironischerweise so ergangen, daß er selbst zur Legende, sogar zu einer recht abenteuerlichen Legende wurde. Es entstand der Luther des Glaubens, der mit dem wahren, wirklichen, leibhaftigen Luther, dem Luther der Geschichte, nichts gemein hatte. Luther hätte sich sicherlich nicht wenig darüber gewundert, wenn man ihm gesagt hätte, daß 100 bis 200 Jahre nach seinem Tod es Bücher über ihn geben werde, in denen er als Märtyrer dargestellt wird, in denen von seinen Wundern und Prophezeiungen berichtet wird, von schwitzenden und unverbrannten Bildern von ihm, oder in denen er als engelgleicher Lehrer erscheint, dessen Reliquien mehr oder weniger fromm verehrt werden. Wenn das auch Auswüchse sein mögen, so passen sie doch ins Gesamtbild, das man heute von diesem Reformator zeichnet. Mit dem wirklichen Luther hat das jedenfalls genauso wenig zu tun.

Diese legendäre Ausschmückung des Lebens Luthers verweist auf ein grundlegendes Bedürfnis des Menschen, nämlich zu großen Persönlichkeiten aufschauen zu können. Diesem Bedürfnis entsprechend gestaltete man den Luther des Glaubens, das religiöse Genie, das die Kirche reformiert und zur Reinheit ihrer Lehren zurückgeführt hat. Daß man aber so etwas glauben kann, daß die Massen bereit sind, dies anzunehmen, gibt Zeugnis von der Möglichkeit, Heilige zu machen, auch wenn es gar keine Heiligen sind, was wiederum äußerst aktuell ist. Werden doch in der modernen Menschenmachwerkskirche massenweise Leute heiliggesprochen, und wenn ein Roncalli alias Johannes XXIII. und ein Wojtyla alias Johannes Paul II. Heilige sein sollen, warum nicht auch ein Martin Luther? Es gibt auch schon einige Würdenträger in Rom, die laut über eine Heiligsprechung Luthers nachgedacht haben, und Bergoglio alias Franziskus ist sicher der letzte, der einen Einwand gegen eine derartige ökumenische Geste im großen Jubiläumsjahr hätte.

Wir aber wollen uns fragen: Was ist denn eigentlich geschehen, daß man einem Menschen, der sich katholisch nennt, einen Wojtyla oder Roncalli als Heiligen verkaufen kann? Die Antwort ist im Grunde ganz einfach: Der moderne Mensch weiß gar nicht mehr, was ein Heiliger ist. Er kann einen guten Menschen nicht mehr von einem Heiligen unterscheiden, weshalb er jeden Gutmenschen als einen Heiligen ansieht. Dieses Fehlurteil aber hat wiederum eine tiefere Ursache. Das Wissen um den sittlichen Ernst eines Lebens in und aus der Gnade hat sich verloren. Die Ansicht, daß (fast) jeder in den Himmel kommt, weil Gott jeden Menschen retten will, hat letztlich verheerende Auswirkung auf das notwendige Tugendstreben, auf den Willen, sich selbst zu überwinden, um dem Ideal der Heiligkeit nachzustreben.

Heiligkeit ohne Tugend und Abtötung?

Schon in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts gab es eine breite Strömung innerhalb der Kirche, die den Modernismus ins Leben umsetzte. Es kann ja auch gar nicht anderes sein, ein Irrtum in der Lehre hat auch immer einen Irrtum im Leben zur Folge. Denken wir nur an Luther. Die Irrlehre des Protestantismus zieht einen ganzen Rattenschwanz von irrigen Lebenslehren nach sich, interpretiert doch jeder Protestant sein Leben wieder anders aus seinem Glauben.

Glauben als Gefühlssache – Das Charismatikertum

Genauso ist es mit dem Modernismus. Dieser läßt natürlich nicht das Leben unangetastet. Wenn der Glaube nur ein Gefühl ist, dann muß er auch dementsprechend gefühlsmäßig gelebt und erlebt werden, womit man inmitten des modernen Charismatikertums ist. Im Mittelpunkt steht plötzlich nicht mehr der hl. Glaube und das sittliche Streben nach Vollkommenheit, sondern das eigne Erlebnis des Glaubens oder gar Gottes.

Aber nicht ganz so schnell. Spüren wir erst einmal den Anfängen des Charismatikertums nach, der sog. Liturgischen Bewegung. Auch wenn diese sicher nicht in allen ihren Anliegen zu verwerfen ist, so war sie dennoch im Grunde eine Folge des Modernismus, also einer falschen Auffassung des Glaubens als solchen. Sie war einerseits von einem schwärmerischen „Zurück zur Urkirche“ getragen und andererseits vom Wunsch, alles neu und natürlich besser zu machen als in der Vergangenheit. Wie so oft bei solchen Strömungen sah man nicht den Widerspruch, der darin lag.

Es ging natürlich auch gar nicht um ein Zurück zur wahren Urkirche, sondern um ein Zurück zu einer aus modernem Blickwinkel rekonstruierten Urkirche, welche letztlich eine bloße Phantasiekirche ist. Diese phantastische Urkirche hat natürlich einen Vorteil: Sie liegt zeitlich schon so weit zurück, daß man mit der wahren Situation der damaligen Christen nicht mehr konfrontiert werden kann, weil die detaillierten Quellen meist fehlen. In dieses nebulöse Etwas „Ideal der Urkirche“ kann man sodann alle eigenen Vorstellungen und Wüsche hineininterpretieren und all das sodann den ahnungslosen Katholiken als Urkirche verkaufen. Einem wachsamen Katholiken hätte freilich auffallen müssen, daß von jeher die Häretiker aller Art, wie etwa die Protestanten, Jansenisten und Altkatholiken, das Schlagwort „Zurück zur Urkirche“ als Deckmantel über ihre irrigen Ansichten gehängt haben.

Um was geht es im Grunde den Modernisten? Man muß die Frage etwas zugespitzter formulieren, damit man zu einer klaren Antwort kommt, denn die Modernisten haben eindeutig ihre „Hintermänner“: Worum geht es dem Teufel, wenn er eine Neuerung einführen möchte? Der Teufel will dem Menschen wenn irgend möglich einreden, daß das Leben mit Gott auch viel einfacher und leichter sein kann, als man in der Vergangenheit gemeint hat. Also möglichst einfacher und leichter in den Himmel kommen als vor 100, 200, 500, 1000 Jahren? Haben sich denn die Bedingungen verändert? Oder noch etwas provozierender gefragt: Hat Gott denn im 20. Jahrhundert plötzlich die Bedingungen verändert, um in den Himmel kommen zu können? Hat er etwa gesagt: Jetzt nehme ich es nicht mehr so genau mit dem Glauben und den Geboten? Davon ist jedenfalls nichts bekannt geworden und wir wissen als Katholiken natürlich ganz sicher, daß es hierin auch niemals eine Änderung geben wird und geben kann. Die Bedingungen werden immer gleich bleiben, es wird nur derjenige in den Himmel kommen, der in dem wahren Glauben und ohne schwere Sünde stirbt.

SOLA FIDES – Allein der Glaube

Solche Glaubenssicherheit kümmert freilich die modernen Irrlehrer genauso wenig wie die alten Irrlehrer. Schon Luther hatte seine liebe Mühe mit den sittlichen Forderungen des hl. Evangeliums und war allmählich resignierend zur Überzeugung gekommen, es sei unmöglich, die Gebote Gottes zu halten. Er gesteht: „Obwohl ich als Mönch ein untadeliges Leben führte, fühlte ich mich vor Gott als Sünder mit ganz unruhigem Gewissen. Ich fühlte, daß ich nicht darauf vertrauen konnte, ihn durch mein genugtuendes Werk zu versöhnen. Ich liebte diesen gerechten Gott, der die Sünder straft, nicht, ich haßte ihn vielmehr. Mit einem unterdrückten, wenn nicht schon blasphemischen, so doch ungeheuren Murren, das mich gegen Gott aufbrachte, sagte ich: Ist es nicht genug, daß die armen Sünder bedrückt sind… und daß er uns noch durch das Evangelium seine Gerechtigkeit und seinen Zorn auflädt? So raste ich mit wildem und verstörten Gewissen. Aber ich pochte doch in meiner Not weiter an jener Stelle bei Paulus an, in heißer Begierde zu wissen wünschend, was doch St. Paulus meine. Bis ich, grübelnd die Tage und Nächte, durch Gottes Barmherzigkeit auf den Zusammenhang jener Stelle achtete, nämlich: Die Gerechtigkeit Gottes wird ihm enthüllt wie geschrieben steht: der Gerechte lebt aus Glauben… Da fühlte ich mich wie neugeboren und wie durch offene Pforten in den höchsten Himmel eingegangen“ (WA 54,185,14-186,21 Vorrede zu Band I der lateinischen Schriften der Wittenberger Luther-Ausgabe 1545).

SOLA GRATIA – Allein die Gnade

Dieser höchste Himmel, den Luther meinte gefunden zu haben, war aber nicht der echte, wahre Himmel, sondern ein bloßes Hirngespinst. Dieses Hirngespinst war jedoch sehr gefährlich, denn aufgrund dessen versuchte Luther sich nunmehr sein ganzes weiteres Leben einzureden, er müsse gar keine Tugenden üben, keine Abtötung, keine Selbstüberwindung – er müsse nur tapfer glauben, daß er gerechtfertigt sei. Dementsprechend schrieb Luther an Melanchthon: „Sei ein Sünder und sündige nur tapfer darauf los, aber glaube noch tapferer und freue dich in Christus, welcher der Sieger ist über Sünde, Tod und Welt. Man muß (!) sündigen, so lange man lebt; es genügt aber, daß wir den Reichtum der Gnade und das Lamm erkennen (im Glauben), welches die Sünden der Welt trägt, von diesem kann man keine Seele trennen, wenn wir auch an einem Tage hunderttausendmal Unzucht treiben oder töten“ (De Wette, Luthers Briefe II. 37). So lautete also das von Luther neu erfundene Evangelium, das sicherlich noch kein Sünder vor ihm gekannt hatte. Luther wollte ganz einfach beides haben: Die Sünde und die Gerechtigkeit, er wollte in den Himmel kommen, ohne sich zu bekehren und ohne die Sünde meiden zu müssen!

SOLA MISERICORDIA – Allein die Barmherzigkeit

Dieser Wunsch ist seltsamerweise immer noch ganz modern, obwohl er schon uralt ist! Der derzeitige Usurpator auf dem Stuhl Petri – wobei das schon wieder übertrieben ist, da Bergoglio sich weigerte, den Stuhl Petri zu besteigen – eifert Luther nach, indem er die Barmherzigkeit Gottes neu, d.h. blasphemisch, bzw. ganz im Sinne Luthers interpretiert. Sein Vorgänger, Josef Ratzinger, verwies auch kürzlich auf diesen Zusammenhang zwischen Martin Luthers und Bergoglios Phantastereien. Ratzinger meinte: Bergoglios Kurs der Barmherzigkeit sei nichts anderes als die Rechtfertigungslehre des Reformators in modernem Gewand. Nur hätten sich für den heutigen Menschen die Dinge gegenüber der Zeit Luthers in gewisser Hinsicht umgekehrt. Was früher die Rechtfertigung durch den Glauben genannt worden sei, das heiße heute Barmherzigkeit Gottes. So lasse sich der Kern der Rechtfertigungslehre heute „neu verstehen und erscheint wieder in seiner ganzen Bedeutung“, so Ratzingers Resümee.

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