Luther und die Heiligkeit

von antimodernist2014

Diese Bemerkung scheint uns doch recht zielsicher zu sein und des Pudels Kern zu treffen. Sie hilft uns zudem zum besseren Verständnis des „geistlichen“ Lebens des modernen Menschen und natürlich auch der Menschenmachwerkskirche, deren Grundlage die Sünde gegen den Heiligen Geist ist, nämlich das vermessentliche Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit, genauso wie bei Luther.

Der autonome Mensch der Moderne – „die Häresie des tätigen Lebens“

„Die Häresie des Lebensstils“

Doch kehren wir zurück zum eigentlichen Thema. Wie leben die Modernisten ihren Glauben oder besser Unglauben? In seinem umfangreichen Werk „Sentire cum Ecclesia“ bemerkt August Doerner dasselbe, worauf auch wir schon oft hingewiesen haben: „Die modernen Menschen sind autonom, sie haben es verlernt, übernatürlich zu denken und übernatürlich zu leben.“ Wie aber wirkt sich dieser Mangel aus? „Die alten, in langer Erfahrung herausgebildeten Formen des kirchlichen und priesterlichen Lebens werden vielfach abgelehnt, weil sie nicht mehr den Bedürfnissen unserer Zeit gerecht würden und den modernen Menschen nicht mehr ansprächen. Auf der ganzen Linie, im priesterlichen Leben und Wirken, in der Aszese, in der geistlichen Kleidung, in der Lebenshaltung des Priesters, in der Seelsorge, in der liturgischen Sprache, in der kirchlichen Kunst usw. will man umwälzen und neue Formen finden und schaffen. Man will vielfach unter allen Umständen ‚modern‘ sein, und diesem Zuge zum Modernen wird dann nicht selten der kirchliche Geist zum Opfer gebracht. Was nicht ‚modern‘ ist, was nicht ‚neu‘ ist, das hat in ihren Augen keinen Wert, das ist veraltet und überlebt. Man geht auf in äußerer Tätigkeit; Kardinal Mermillod hat dieses Aufgehen in äußerer Tätigkeit mit treffenden Worten als ‚die Häresie des tätigen Lebens‘ gekennzeichnet“ (S. 146).

Der Modernist möchte den Anschluß an die moderne Welt auf keinem Fall verpassen. Darum läuft er dieser ständig hinterher. Man könne noch etwas treffender formulieren: er hechelt der modernen Welt hinterher. Für ihn stellt sich die Frage gar nicht mehr: Wie viel moderne Welt verträgt der wahre Glaube? Er bildet sich vielmehr ein, es gebe keinen Widerspruch zwischen der neuen Welt und dem alten Glauben, was schon von einer erschreckenden Verblendung zeugt.

Die neue Generation des Postmodernismus

Genau das stellt August Doerner auch fest: „Diese moderne Geisteshaltung, die das Alte und Überkommene in der Kirche ablehnt und, wie sie sagen, mit dem Denken der Vergangenheit bricht, die nur die selbst entdeckten Wege als die einzig richtigen gelten lassen will — diese moderne Geisteshaltung ist nichts anderes als eine neue Form des Modernismus. Der Modernismus ist zwar von der Kirche verurteilt, aber er erhebt in verschiedener neuer Prägung immer wieder sein Haupt“ (Ebd.).

Das war im Jahre 1941! Heute, 75 Jahre später, ist fast alles restlos vom modernen Geist verseucht, und der Modernismus hat sich inzwischen zum Postmodernismus gewandelt. Im Postmodernismus ist alles möglich! Das ist die Grundhaltung dieser neuen Generation: Es gibt keine Tabus mehr, es gibt keine Grenzen mehr, es gibt keine Gebote mehr, jeder kann machen, was ihm beliebt – aber er kommt dennoch in den Himmel, solange er ein guter Kerl bleibt, die Umwelt schont und nett zu allen anderen ist. So wie Luther ein Anrecht auf seine Sünde zu haben vermeinte, so meint es auch der postmoderne Mensch. Nur eines hat sich geändert: Es gibt gar keine Sünde mehr, es gibt nur noch Intoleranz!

In einer solchen Welt hat der Katholik selbstverständlich einen schweren Stand. Nicht nur seine Festigkeit im Glauben wird vielfach erprobt, auch seine sittliche Festigkeit ist einer ständigen Prüfung ausgesetzt. Darum müßte man eigentlich meinen, jeder Katholik würde leicht einsehen, er brauche umso mehr Selbstüberwindung, Tugend und Abtötung. Aber weit gefehlt. Bereits im Jahre 1922 nahm P. Pius XI. in seiner ersten Enzyklika „Ubi arcano“ zu diesen Formen des Modernismus Stellung: „Wie viele gibt es, welche die katholische Lehre bekennen… bezüglich der Rechte des Hl. Stuhles und des Papstes, der Rechte der Bischöfe und selbst der Rechte Christi unseres Schöpfers und Erlösers und Herrn über die einzelnen und über ganze Völker! Und dennoch benehmen sie sich in ihren Schriften und Reden und in ihrer ganzen Lebensweise nicht anders, als ob die von den Päpsten, insbesondere von Leo XIII., Pius X. und Benedikt XV. so oft verkündeten Lehren und Vorschriften ihre ursprüngliche Kraft eingebüßt hätten oder gänzlich veraltet wären. Darin ist eine Art moralischer, juridischer und sozialer Modernismus zu erkennen, den wir gleich dem dogmatischen entschieden verurteilen. Es sind also jene Vorschriften wieder zur Geltung zu bringen, bei allen muß der gleiche Eifer im Glauben und in der göttlichen Liebe entfacht werden, der allein den Sinn der Lehre erschließen und zur Befolgung der Vorschriften antreiben kann. Das verlangen wir vor allem in der Erziehung der Jugend und insbesondere des priesterlichen Nachwuchses, damit sie nicht auf dem Wege der allgemeinen Umwälzung und Verwirrung der Meinungen nach den Worten des Apostels ‚vom Winde jeder Lehre, die von boshaften Menschen ersonnen sind zu ihrer Irreführung, hin- und hergetrieben werden.‘“

Der Modernist möchte jeder Anstrengung aus dem Wege gehen. Er will letztlich ein schönes Leben haben und meint deswegen, alle Lehren und Vorschriften hätten ihre ursprüngliche Kraft eingebüßt …oder wären gänzlich veraltet. August Doerner bemerkt zu diesen Worten des Papstes: „Die Säkularisation des Klerus in seiner Gesinnung und Denkart ist für die Kirche eine größere Gefahr als die Säkularisation ihrer Güter. Darum haben ja auch die Feinde der Kirche stets offen oder versteckt auf die Verweltlichung des Priesterstandes ihr Ziel gerichtet. Jeder, der solchen ‚übermodernen‘ Ideen huldigt, arbeitet darum den Feinden der Kirche in die Hände“ (S. 147).

Es war schließlich eine ganze Armee, die solchen ‚übermodernen‘ Ideen huldigte und zielsicher den Feinden der Kirche in die Hände arbeitete, wohingegen die Verteidiger der Wahrheit immer mehr zu einem mehr oder weniger verängstigten Haufen zusammenschrumpften. Die Folge davon war katastrophal, hunderte Millionen von Katholiken verloren ihren Glauben und gingen im moralischen Sumpf zugrunde. Man hatte diese Menschen schamlos betrogen. Anstatt sie auf die erschwerten Umstände einer immer gottloser werdenden Welt vorzubereiten und sie entsprechend zu stärken, hat man sie in einer illusionären Scheinsicherheit belassen, ja sie in diese hineingetrieben. Das hl. Evangelium ist nämlich durchaus keine Drohbotschaft, sondern eine Frohbotschaft, so sagte man. Man sagte aber nicht, daß keiner froh werden könne, der die Gebote Gottes nicht achte und halte und der nicht Gott mehr liebt als die Geschöpfe. Um das aber fertigzubringen, ist eine gewisse Selbstüberwindung unumgänglich, man spricht deswegen von der christlichen Aszese.

Die christliche Aszese

Die tatsächliche Grundsituation unseres Menschenlebens bringt der hl. Petrus in seinem ersten Brief zum Ausdruck, indem er uns ernstlich mahnt: „Seid nüchtern und wachsam! Euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Widersteht ihm fest im Glauben, im Wissen, daß dieselben Leiden eurer Bruderschaft in der Welt auferlegt werden. Der Gott aller Gnade selbst aber, der euch durch Christus Jesus zu seiner ewigen Herrlichkeit berufen hat, wird euch, die ihr kurze Zeit zu leiden habt, vollenden, stärken, kräftigen und befestigen. Sein ist die Macht in alle Ewigkeit. Amen“ (1 Petr. 5,8-11).

Wir sollen also beharrlich nüchtern und wachsam sein und in aller inneren Gefaßtheit den Angriffen des Teufels aus der Kraft unseres Glaubens heraus widerstehen. Einer kurzen Zeit der Prüfung aber folgt die ewige Herrlichkeit, zu der wir durch Christus Jesus berufen worden sind. Auf die kurze Anstrengung folgt ein herrlicher, ewiger Lohn!

Das Wesen der christlichen Aszese besteht nun allgemein in diesem beharrlichen Streben nach christlicher Vollkommenheit. Die christliche Vollkommenheit ist nichts anderes als die heilige Gottesliebe – und zwar in solcher Stärke, daß die Seele Gott über alles Geschaffene nur um Gottes willen liebt. Diese Vollkommenheit weist im Menschen verschiedene Grade auf, je nach den Mitteln, die er gebraucht, um sie zu erreichen.

Das Streben nach Vollkommenheit erfordert erfahrungsgemäß vom Menschen ein Zweifaches:
– erstens die tatkräftige Überwindung aller Hindernisse und Schwierigkeiten, die sich seinem Streben nach Vollkommenheit entgegenstellen;
– zweitens die beharrliche und konsequente Anwendung aller Mittel, die ihm die Kirche zur Erlangung dieser Vollkommenheit an die Hand gibt.

Folgen wir hierzu nochmals den Ausführungen August Doerners:

Die Notwendigkeit der Aszese ergibt sich aus dem Begriff der Vollkommenheit und aus den Folgen der Erbsünde. Die christliche Vollkommenheit bzw. die Gottes- und Nächstenliebe läßt sich nicht mit einem Male, nicht mit einer einmaligen Kraftanstrengung erreichen, sondern erfordert fortgesetzte ‚Übung‘ – Aszese –, erfordert beharrliches Tugendstreben, verlangt beständige Kleinarbeit an sich selber und beharrlichen Kampf gegen alle Hindernisse, die sich dem Streben nach Vollkommenheit entgegenstellen.
Die Folgen der Erbsünde nun bereiten dem Streben nach Vollkommenheit die größten Hindernisse, denn „Sinn und Gedanken des menschlichen Herzens sind zum Bösen geneigt von Jugend auf“ (1 Mos. 8,21). Der Mensch hat beständig mit der dreifachen bösen Lust zu kämpfen, mit der Augenlust, mit der Fleischeslust und mit der Hoffart des Lebens. Diese Folgen der Erbsünde können aber wiederum nicht mit einem Male, nicht in einem einzigen Großkampf überwunden werden, sondern auch dieser Kampf gegen die Begierlichkeit, gegen das „Gesetz der Sünde in unsern Gliedern“ erfordert beharrlichen Kleinkrieg, fortgesetzte Angriffe, fortgesetzte „Übung“ — Aszese. Der Kampf gegen die Begierlichkeit verlangt von jedem Menschen, von Laien und Priestern, ständige Übung in der Abtötung und Selbstverleugnung. Solange der Mensch lebt, wird sich immer wieder in ihm die Begierlichkeit regen, bald in dieser, bald in jener Form, und darum muß der Mensch auch immerfort mit der bösen Begierlichkeit kämpfen, wenn er zur Vollkommenheit gelangen will.
Die Aufgabe der Aszese ist nach dem Gesagten wesentlich eine positive und eine negative.
Die negative besteht in dem ständigen Kampf gegen die Folgen der Erbsünde, in der fortgesetzten, zielbewußten und mühevollen Ausrottung aller Fehler und Unvollkommenheiten unter dem Beistand der göttlichen Gnade.
Die positive Aufgabe der Aszese besteht in der fortwährenden Übung und Erwerbung der einzelnen Tugenden, um so mit Hilfe der Gnade die christliche Vollkommenheit zu erlangen.
Der hl. Paulus kennzeichnet diese doppelte Aufgabe der Aszese mit dem Ausziehen des alten und mit dem Anziehen des neuen Menschen: „Ihr sollt euren früheren Wandel aufgeben und den alten Menschen ausziehen, der durch seine fleischlichen Gelüste dem Verderben anheimfällt. Erneuert euch in eurem Sinne durch den Geist und ziehet den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.“ (Eph. 4,22ff) Im Grunde genommen ist also der beharrliche Kampf gegen die böse Begierlichkeit, die dem Streben nach der christlichen Vollkommenheit die größten Hindernisse bereitet, die Wurzel der Aszese. „In der Tat liegt hier, in der durch die Erbsünde verursachten Zwiespältigkeit, ja Zerrissenheit der menschlichen Natur der Urquell aller Aszese.

(Doerner S. 148f)

Seiten: 1 2 3