Der wahre Glaubensbegriff

Der Gott, der auf natürliche Weise als Schöpfer aller Dinge von jedem erkannt werden kann, offenbart sich uns aber nicht nur in den sichtbaren Dingen, sondern es gefiel IHM zudem noch auf einem anderen „und zwar übernatürlichen Wege sich selbst und die ewigen Ratschlüsse seines Willens dem Menschengeschlecht zu offenbaren, wie der Apostel sagt: ‚Oftmals und auf vielfache Weise hat Gott einst zu den Vätern in den Propheten gesprochen: zuletzt hat er in diesen Tagen zu uns gesprochen in seinem Sohn‘“.

Also auch im religiösen, ja übernatürlichen Glauben haben wir einen Jemand, der zu uns spricht und Glauben von uns fordert. Dieser „Jemand“ unterscheidet sich jedoch wesentlich von einem menschlichen Zeugen. Während, wie angeführt, ein menschlicher Zeuge sich irren und auch lügen kann, ist beides bei Gott ausgeschlossen. Ersteres widerspricht Seiner Allwissenheit, zweiteres Seiner vollkommen Wahrhaftigkeit und Heiligkeit. Somit ist allein Gott der Glaube im vollen Sinne des Wortes zu leisten. Alles, was Er uns sagt, muß wahr sein, muß Wirklichkeit benennen.

Aber wie weiß ich eigentlich, daß Gott mit mir redet, ist doch Gott seinem Wesen nach vollkommener Geist und somit unsichtbar? Wenn ich eine Stimme hörte, die zu mir sagte: „Ich bin Dein Gott!“ – woher wüßte ich, daß dies wahr ist? Könnte die Stimme nicht auch eine Einbildung meiner Phantasie sein oder die Stimme des Teufels, der sich als Engel des Lichts ausgibt?

Es kommt noch etwas Weiteres hinzu, das man bedenken muß: Das Reden Gottes zu uns ist auch inhaltlich verschieden vom menschlichen Reden. Ein Mensch kann mir, wenigstens im Rahmen der Vernunft, nichts sagen, was ich nicht auch selbst verstehen könnte. Wenn mir darum eine Rede absurd erschiene, würde ich sicherlich auch nicht glauben, was mir gesagt wurde. Das Gesagte muß vernünftig sein, es muß im Rahmen der Vernunft begreifbar sein.

Anders ist es mit der Rede Gottes. Die göttlichen Offenbarungen übersteigen unseren menschlichen Verstand und bleiben auch nach der Offenbarung für uns Geheimnis, wie ebenfalls das Vatikanische Konzil lehrt: „Zwar ist es dieser göttlichen Offenbarung zuzuschreiben, daß das, was an den göttlichen Dingen der menschlichen Vernunft an sich nicht unzugänglich ist, auch bei der gegenwärtigen Verfaßtheit des Menschengeschlechtes von allen ohne Schwierigkeit, mit sicherer Gewißheit und ohne Beimischung eines Irrtums erkannt werden kann. Jedoch ist die Offenbarung nicht aus diesem Grund unbedingt notwendig zu nennen, sondern weil Gott aufgrund seiner unendlichen Güte den Menschen auf ein übernatürliches Ziel hinordnete, nämlich an den göttlichen Gütern teilzuhaben, die das Erkenntnisvermögen des menschlichen Geistes völlig übersteigen; denn ‚kein Auge hat gesehen, kein Ohr hat gehört, noch ist in das Herz eines Menschen gedrungen, was Gott denenbereitet hat, die ihn lieben‘ [1 Kor 2,9; Kan. 2 und 3]“ (DH 3005).

Hieraus wird ersichtlich, daß zum übernatürlichen Glauben eine besondere Gnadenhilfe notwendig ist und der Glaube selber Gnade, eine von Gott eingegossene Tugend ist. Das von Gott geschenkte Glaubenslicht hilft uns, das unsere menschliche Vernunft übersteigende Geheimnis festzuhalten und auch soweit zu verstehen, daß wir es aus dem Glauben heraus leben können, womit wir das durch den Glauben geoffenbarte übernatürliche Ziel zu erreichen imstande sind.

Sobald man diesen Sachverhalt ernst nimmt, wird man sofort auch einsehen, dieser göttliche Glaube braucht eine besondere Stütze. Gott muß uns mit Seiner Gnade beistehen, damit wir glauben und den Glauben entsprechend leben können. Aber bevor wir darauf näher eingehen, wollen wir nochmals zusammenfassen: Im übernatürlichen Glauben spricht der Seinem Wesen nach unsichtbare Gott zu uns über etwas, das seinem Wesen nach unsere menschliche Vernunft übersteigt. Wir glauben dieses „Etwas“, weil wir wissen, Gott ist vollkommen vertrauenswürdig in seiner Offenbarung, denn Er kann sich weder irren, noch kann Er uns belügen. Damit uns aber dieser Akt des Glaubens möglich ist, schenkt uns Gott ein übernatürliches Glaubenslicht, eine besondere Gnade, die uns das von Gott Geoffenbarte mit absoluter Sicherheit und Festigkeit als göttliche Wahrheit festhalten läßt. Somit ist der Glaube, den man Gott schenkt, der vollkommenste Glaube, den man sich denken kann.

Das ist wohl an und für sich theoretisch leicht einsehbar und soweit klar. Es kommt jedoch in der Praxis eine nicht geringe Schwierigkeit hinzu: Gott spricht nicht zu jedem persönlich, vielmehr spricht Er zu uns durch die Propheten und zuletzt hat Er zu uns gesprochen durch Seinen Sohn. Nun, die Propheten sind gestorben und der Sohn ist in den Himmel aufgefahren. Wie aber komme ich da zum Glauben, wenn der Zeuge dessen, was ich glauben soll, nicht mehr erreichbar ist? Wie erfahre ich all das, was Gott mir zu sagen hat und wovon immerhin mein ewiges Heil abhängt? Gott muß beglaubigte Zeugen Seines Wortes einsetzen, die Sein Wort weitergeben. Diese von Gott beglaubigten Zeugen, so wissen wir Katholiken, waren die Propheten und die Apostel und sind deren Nachfolger, die das kirchliche Lehramt bilden.

Um die Bedeutung des kirchlichen Lehramtes für unseren persönlichen Glauben besser verstehen zu lernen, soll im Folgenden dieses möglichst kurz anhand von Auszügen aus einer recht umfangreichen Arbeit von Prof. Dr. Wilhelm Bartz über „Die lehrende Kirche“ dargelegt werden. Prof. Bartz stützt sich in seinen Ausführungen auf das Gedankengut des Dogmatikers M. J. Scheeben. Auch wenn die Sprache und die Gedankengänge Scheebens nicht immer leicht zu verstehen sind, so lohnt sich die Mühe des Lesens dennoch umso mehr, weil sie nicht Selbstzweck sind, sondern von einer ungewöhnlichen Einsicht in die Tiefe des Geheimnisses zeugen. Wir werden uns bemühen, das von Scheeben Gesagte durch unsere Kommentare allgemeinverständlich zu machen. In seiner Darlegung der Notwendigkeit eines kirchlichen Lehramtes für den Glauben geht Scheeben vom Wesen der Offenbarung aus:

„Das Wort Gottes als eine frohe Botschaft Gottes an die Menschen darf und soll nicht bloß durch beliebige Ausrufer verbreitet oder auch nur durch einfache Boten oder Herolde Gottes verkündigt werden. Die Verkündigung muß vielmehr durch wahre Botschafter, d. h. mit der Macht und Gewalt Gottes ausgerüstete Gesandte ausgeführt werden. Und weil es sich nicht um eine Botschaft Gottes an einen Souverän neben ihm (also von einem König zu einem anderen König oder einem Fürst zu einem anderen Fürsten), sondern an seine Kreaturen (Geschöpfe) handelt, welchen die Botschaft als Gesetz verkündigt werden soll, so müssen die Botschafter, namentlich der oberste unter ihnen, zugleich die Kanzler Gottes für das Reich seiner Wahrheit und die von ihm für die treue Auslegung und Ausführung seiner Botschaft bestellten Richter sein. Weil nun kein anderer Ausdruck den ganzen Umfang und den vollen Inhalt der den Gesandten Gottes zukommenden Vollmacht darstellt: so ist der beste Ausdruck für dieselbe der einfachste, nämlich Apostolat oder Lehrapostolat, der jedenfalls weitbezeichnender ist, als unser deutsches Lehramt“ (Dogmatik 1. Buch n. 74).

Scheeben befürchtet, daß, weil die Bezeichnung „Lehramt“ auch im Sinn von „Predigtamt“ genommen werden kann, die Gefahr des Mißverständnisses bei der kirchlichen Lehrverkündigung von vornherein in ihr enthalten ist. Kirchliches Lehramt ist wesentlich mehr als das Predigtamt etwa bei den Protestanten. Das kirchliche Lehrapostolat ist seinem Wesen nach übernatürlich und kann deswegen nur aus dem, was Gott uns darüber geoffenbart hat, verstanden werden. Weil inzwischen auch die meisten sog. Katholiken vom Naturalismus angesteckt sind, möchten wir hierzu den großen deutschen Dogmatiker, dessen Hauptanliegen es war, das übernatürliche Wesen der Kirche Gottes möglichst umfangreich aufzuzeigen, besonders zu Wort kommen lassen.

Martin Grabmann hebt in seinem Buch über „Scheebens theologisches Lebenswerk“ hervor, daß der „das ganze Denken und Leben Scheebens beherrschende Grundgedanke des Übernatürlichen“ seine Lehre über die hl. Kirche umspannt. Was Scheeben unter „übernatürlich“ begreift, das hat er in „Natur und Gnade“ mit aller Klarheit und Kraft auseinandergesetzt. Übernatürlich nennt er „das außerhalb und unabhängig von der Schöpfung von der höheren Natur der niederen mitgeteilte Gute, wodurch diese jener ähnlich wird … nach dem Maße der Kraft, das die höhere Natur entfalten will und kann, um der niederen auch das zu geben, was sie aus sich nicht hat und nicht erreichen kann“ (J. M. Scheeben, Natur und Gnade. 3. Aufl. Hrsg. von M. Grabmann. In: M. j. Scheeben, Gesammelte Schriften Bd. I, 25).

Die Übernatürlichkeit des Lehrapostolates wird wesensgesetzlich bedingt und bestimmt durch die Übernatürlichkeit der Glaubenswahrheit und der Glaubenstugend. „Das Wort Gottes als eine frohe Botschaft Gottes an die Menschen darf und soll nicht bloß durch beliebige Ausrufer verbreitet oder auch nur durch einfache Boten oder Herolde Gottes verkündigt werden. Die Verkündigung muß vielmehr durch wahre Botschafter, d. h. mit der Macht und Gewalt Gottes ausgerüstete Gesandte ausgeführt werden“ (Dogmatik a. a. O. n. 73). Sie kann ihrer Aufgabe nur dann gerecht werden, wenn sie erfolgt „durch göttliche, im Namen Gottes auftretende Gesandte, welche dieselbe kraft göttlichen Auftrages, göttlicher Vollmacht und mit einer ihnen von Gott übertragenen göttlichen Gewalt öffentlich vollziehen“ (A. a. O. n. 67). Ebenso verlangt die Übernatürlichkeit der Tugend des Glaubens ein „entsprechendes übernatürliches Medium, d. h. … ein unter seiner übernatürlichen Einwirkung stehendes Organ Gottes“ (A. a. O. n. 766; vgl. n. 63). In dieser Auffassung gelten die Mitglieder des Lehrapostolates „nicht mehr bloß als Boten und Botschafter Gottes, sondern zugleich als Organe und Stellvertreter seiner geistigen Vaterschaft …, kraft welcher er das geistige Leben, das er seiner Kreatur durch die Schöpfung und Gnade verleiht, auch nährt, bildet und regelt“ (A. a. O. n. 82).

Die authentische Lehrbezeugung aber ist „ein Akt der Übermittlung übernatürlicher Güter und der Erzeugung bzw. Vollendung übernatürlichen Lebens“ (A. a. O. n. 114; vgl. n. 63). Nur unter dieser Voraussetzung kann die Offenbarung „als Prinzip übernatürlicher, göttlicher Glaubenserkenntnis erfaßt werden“ und „ihrerseits als Gesetz eines übernatürlichen, der Majestät Gottes entsprechenden Glaubensgehorsams den Menschen erfassen“, weshalb Gott die Verkündigung des Lehrapostolates durch eine dreifache übernatürliche Mitgift ausgezeichnet hat, nämlich durch Unfehlbarkeit, äußere Legitimation und seine persönliche Sanktion (A. a. O. nn. 63; 77ff und 95f). Die Übernatürlichkeit dieser drei Vorzüge ist für Scheeben heilig und unantastbar, und er verteidigt sie ebenso entschieden gegen alle häretische Verfälschung wie gegen das theologische Mißverständnis in dem eigenen Lager. Es fällt dabei besonders auf, daß die Argumentation Scheebens gegen die damaligen Häretiker, die Altkatholiken, fast gleichlautend auch einen Großteil der heutigen Traditionalisten trifft. Haben diese doch offensichtlich ihre Argumente den Häretikern entlehnt, denken wir nur an die vermeintlichen Irrtümer der früheren Päpste und die unausrottbare Lüge, die Päpste Honorius, Liberius und Johannes XXII. seien Häretiker gewesen.

Weil es sich hierbei um die Nahtstelle zum Verständnis des kirchlichen Lehrapostolates handelt, möchten wir den Ausführungen Scheebens noch eingehender folgen. Scheeben gibt zu bedenken: „Um die Offenbarungswahrheit durch die Kirche zu erhalten, bedient sich die göttliche Vorsehung in hervorragender Weise aller Mittel, die im weltlichen Bereich angewandt werden, um Rechtstitel zu sichern: der Urkunde – von der Privaturkunde bis zur Gesetzesurkunde -, der Zeugenaussage – der authentischen und der privaten, der richterlichen Entscheidung aller Instanzen. Nur eine Trennung der Gewalten kennt die Kirche im allgemeinen nicht, vielmehr liegen in der Regel authentische Zeugnisvollmacht, Regierung, Gesetzgebung und Rechtsprechung in den Händen derselben Personen. Der Protestantismus läßt die Offenbarungsurkunde (nämlich die Heilige Schrift) allein gelten und schließt Zeugen, Gesetzgeber und Richter aus“ (Vgl. Dogmatik a. a.O. n. 401).