Der wahre Glaubensbegriff

Demzufolge wird vielfach die Verschiedenheit der katholischen und der protestantischen Anschauung über das Material- und Formalprinzip des Glaubens dahingehend zusammengefaßt, daß der Protestantismus nur eine Glaubensquelle anerkenne und die Glaubensregel überhaupt leugne. Ohne diesen grundlegenden Unterschied irgendwie übersehen zu wollen, was unbedingt falsch und verkehrt wäre, muß man jedoch nach Scheeben ausdrücklich darauf hinweisen, daß die gemachte Feststellung „nur dann adäquat richtig ist, wenn hinzugefügt wird, daß die Verwerfung der Zeugen ebenfalls nicht bloß einen materiellen Unterschied, nämlich bezüglich des Umfanges der Glaubenswahrheit, sondern auch einen formellen, bezüglich der Art der Zuführung des Glaubensinhaltes und der Erzeugung des Glaubens, enthält, indem die Protestanten geradezu das fides ex auditu (der Glaube kommt vom Hören) und damit die lebendige Übermittlung des Wortes Gottes verleugnen“. Diese Bemerkung Scheebens ist von höchster Aktualität!

Wir haben schon öfter darauf hingewiesen, daß von den meisten Traditionalisten der Irrtum der Altkatholiken übernommen wurde, der die niedergeschriebene Tradition (also die sog. entfernte Norm unseres Glaubens) über das Lehramt (die nächste Norm des Glaubens) setzte. Sie machen somit ein totes Buch, einen toten Buchstaben zur letzten Instanz ihres Glaubens und somit ihr eigenes persönliches Urteil! Die meisten Traditionalisten tun folglich ganz selbstverständlich so, als ob sie die göttlich legitimierten Glaubenszeugen gar nicht bräuchten, weil sie nämlich selbst viel besser wüßten als die Römer (womit sie immerhin ihren Papst und somit ihr Lehramt meinen!), was Tradition und somit katholisch ist. Der Grund für diese Verkehrung ist ihre irrige Ansicht, auch ein öffentlicher Häretiker könne weiterhin Papst bleiben. Wenn aber ein Häretiker ihr „Papst“ ist, dann müssen sich diese Traditionalisten gegen ihren eigenen „Papst“ schützen, müssen sie doch immer Angst haben, ihr Papst würde sie ebenfalls in die Häresie führen. Sie sind also gezwungen, sich selber das letzte Urteil über alle Akte und Handlungen dieses häretischen „Papstes“ vorzubehalten, womit freilich das Verhältnis auf den Kopf gestellt wird. Nicht mehr das Lehramt belehrt den Traditionalisten, vielmehr belehrt der Traditionalist das Lehramt. Infolgedessen haben sich die allermeisten dieser Traditionalisten ganz selbstverständlich daran gewöhnt, daß sie die göttlich legitimierten Glaubenszeugen gar nicht brauchen, weil sie nämlich selbst viel besser wissen als die Römer (womit sie ernsthafterweise oder vielmehr unernsthafterweise ihren Papst und somit ihr Lehramt meinen!), was Tradition und somit katholisch ist. Dieses falsche Grundverständnis „bezüglich der Art der Zuführung des Glaubensinhaltes und der Erzeugung des Glaubens“ kommt in Formulierungen wie folgenden zum Ausdruck: Man müsse der Kirche die Tradition zurückbringen, oder Rom bzw. der Papst müsse sich bekehren usw.

Es sei an dieser Stelle als kleiner Exkurs auf eine besonders kuriose Formulierung eines Piusbruderschaftspriesters in seiner Gottesdienstordnung hingewiesen – übrigens direkt am Distriktsitz, also unmittelbar unter den Augen des sog. Distriktsoberen. Der Schreiber macht sich zunächst Gedanken über den „Verfall des Petrusamtes“ – man höre und staune –, und zwar angesichts der bergoglioschen Eskapaden, besonders auf der sog. Familiensynode. Der Priester beklagt allen Ernstes Folgendes: „Der eklatante Widerspruch der ‚Päpste von heute‘ in ihrem Reden, Handeln und Zulassen zum Text dieses Eides (nämlich des früher geleisteten päpstlichen Krönungseides) ist ein schaudererregender Beweis dafür, wie weit der Verfall des Petrusamtes bereits fortgeschritten ist. Das Licht des Leuchtturmes, welches die Lehre des Papstes sein sollte, um die Seelen zum Glauben und damit zum Heil zu führen, scheint durch die zahllosen Skandale seit ‚dem Konzil‘ fast ganz verfinstert. Die neuen Lehren – Ökumenismus, Kollegialität der Bischöfe, Interreligiösen Dialogs (!), Kultfreiheit für falsche Religionen, ‚Schwamm-drüber-Barmherzigkeit‘ für Geschiedene-Wiederverheiratete und Sodomisten – sind zu scharfen Klippen geworden, an denen der Glaube zahlloser Seelen zerschellt ist und zerschellt. Und die Konsequenz? Sie gehen unter – nicht in einem Meer aus Wasser, wie damals Petrus, sondern in einem Meer von Feuer!“

Der „Verfall des Petrusamtes“ ist also schon soweit fortgeschritten, daß der Inhaber dieses zerfallenen Petrusamtes, nämlich der vermeintliche Stellvertreter Jesu Christi und Nachfolger des hl. Petrus, aufgrund seiner vielen der ganzen „Kirche“ aufgezwungenen Irrlehren „zur Klippe geworden“ ist, an der „der Glaube zahlloser Seelen zerschellt ist und zerschellt“. Die Konsequenz davon ist wiederum: „Sie gehen unter – nicht in einem Meer aus Wasser, wie damals Petrus, sondern in einem Meer von Feuer!“ Also zusammengefaßt soll das wohl heißen: Aufgrund der vielen Irrlehren des unfehlbaren, von Gott eingesetzten und unter dem ständigen Beistand des Heiligen Geistes die Kirche leitenden Stellvertreters Jesu Christi werden die Seelen scharenweise in die Hölle gestürzt.

Natürlich nimmt selbst der Piusbruderpriester den von uns pointiert formulierten Zwiespalt, in dem er sich befindet, noch irgendwie wahr, aber anstatt einmal in einer etwas ausführlicheren Dogmatik nachzulesen und womöglich sogar Scheeben zu studieren, beginnt er aus dem Stegreif zu phantasieren und zu schwafeln: „Damit das verfallene Petrusamt wiederersteht, bleiben uns freilich rein äußerlich betrachtet nur sehr bescheidene Mittel. Zuerst sei, bei allem berechtigten Ärger und Skandal über den amtierenden Papst, das Gebet für ihn geraten. Nur Gott kann sein Herz anrühren, um es aus seiner Verblendung zu retten und ihm die heiligen Pflichten und die große Verantwortung seines Amtes wieder begreiflich zu machen. Das Gebet für den heiligen Vater ist ein bescheidener Dienst echter Barmherzigkeit und auch ein Zeichen der Treue eines echten Katholiken, der nicht nur zu einem glänzenden, heiligmäßigen Papst aufschaut, sondern auch einem ärgerniserregenden Amtsträger zu Hilfe eilen gewillt sein muß.“

Also nach Ansicht dieses traditionalistischen Seelsorgers muß man für den „heiligen“ Vater – er hätte wenigstens das „heilig“ unter Anführungszeichen setzen können, wenn dieser schon ein ärgerniserregender Amtsträger ist – beten, weil ein echter Katholik „nicht nur zu einem glänzenden, heiligmäßigen Papst aufschaut, sondern auch einem ärgerniserregenden Amtsträger zu Hilfe eilen gewillt sein muß“. Es zeigt sich wieder einmal, wie wichtig klare Begriffe sind. Der Pater hätte besser und genauer „häretischer Amtsträger“ schreiben sollen, und er hätte zudem erwägen sollen, daß ein unfehlbares Lehramt, das für die ganze Kirche gelten sollende Häresien verkündet, nicht nur ein Widerspruch in sich ist, sondern auch das ganze übernatürliche Fundament der hl. Kirche vollkommen vernichtet.

Weil der H.H. Pater dies jedoch versäumt, faselt er weiter: „Zweitens stehen wir jedoch auch in der Pflicht, soweit es unser Einfluß zuläßt, die Verdunkelung des Leuchtturmes des aktuellen Lehramtes auszugleichen, indem wir uns in die Lage versetzen, unter Anleitung rechtgläubiger Priester, der Überlieferung in unseren Familien und unseren sonstigen Wirkungskreisen Gehör und Beachtung zu verschaffen. Freilich, auf die Lehrverkündigung des jetzigen Nachfolgers Petri können wir uns hierfür nicht stützen, ist doch das Wahre, das er sagt, all zu oft vermengt mit Falschem. Das heißt jedoch nicht, daß unserem Glauben deshalb der Boden unter den Füßen weggezogen worden wäre. Der Felsen Petri ist größer als der amtierende Papst. Er besteht aus den Lehren aller Päpste. Diese müssen wir kennen. Diese müssen wir studieren. Diese müssen wir vor allem lieben. Wo finden wir diese Lehre? In den Katechismen, in den päpstlichen Lehrschreiben, wie sie beispielsweise am Schriftenstand ausliegen oder auch in der Prioratsbibliothek ausgeliehen werden können.“

Wie wir sehen können, ist nun die Verwirrung perfekt. Es ist nach Ansicht dieses Paters die Pflicht der Stunde, die „Verdunkelung des Leuchtturmes des aktuellen Lehramtes auszugleichen“. Wie soll das geschehen? Wie soll man die Verdunkelung des Lehramtes ausgleichen? Unser Seelsorger meint: „indem wir uns in die Lage versetzen, unter Anleitung rechtgläubiger Priester, der Überlieferung in unseren Familien und unseren sonstigen Wirkungskreisen Gehör und Beachtung zu verschaffen“. Woher weiß nun der Seelsorger aber, daß er seine Herde als rechtgläubiger Priester leitet, wenn er doch andauernd seinem Papst mißtrauen und widersprechen muß, weil dieser ihn mit seinen Irrlehren gleichsam erdrückt? Die FSSPX-Priester sind wirklich Meister in unsinnigen Ausreden und Lösungen. Gott sei Dank, so ist man versucht zu sagen: „Der Felsen Petri ist größer als der amtierende Papst. Er besteht aus den Lehren aller Päpste.“ Der in der FSSPX ausgebildete „Theologe“ scheint noch nie etwas von einem wesentlichen und entscheidenden Unterschied zwischen der Tradition als entfernter Norm des Glaubens und dem lebendigen Lehramt als nächster Norm des Glaubens gehört zu haben. Ohne es zu merken, stellt er die entfernte Norm des Glaubens über die nächste Norm des Glaubens, denn: „Der Felsen Petri ist größer als der amtierende Papst!“ Und inwiefern ist er größer? „Er besteht aus den Lehren aller Päpste.“ Wie so viele Häretiker beruft sich der Piusbruder gegen seinen Papst auf die Tradition. Er stellt also seine Tradition – die er fälschlicherweise für katholisch hält oder auch naiverweise – über die lebendige Tradition des Lehramtes, denn er bildet sich ein, die Tradition würde sich selbst erklären und deuten, wie es die Protestanten von der Heiligen Schrift glauben. Beides ist ein von der Kirche verurteilter Irrglaube.

Wenn wir Gott mit übernatürlichen Glauben anhangen sollen, so brauchen wir nicht nur irgendeine in Büchern niedergeschriebene Tradition, sondern notwendigerweise einen von Gott unmittelbar legitimierten Zeugen, der uns genauso wie Gott den Glaubensinhalt irrtumslos vorlegt und lebendig lehrt und uns auch deswegen allein zum übernatürlichen Glauben verpflichten kann. Darum ist die Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehrapostolates absolut notwendig für einen übernatürlichen Glauben. Gott muß dieses Lehrapostolat vor jeglichem Irrtum in Glaubens- und Sittenfragen bewahren, wenn es überhaupt einen übernatürlichen Glauben geben soll.

Scheeben erklärt dementsprechend weiter: „Denn die propositio ecclesiae (=die verbindliche Vorlage des Glaubens durch die hl. Kirche) bedeutet mehr als die wortgetreue und unfehlbare Darbietung des Offenbarungsinhaltes. Diese Aufgabe könnte auch ein Buch erfüllen, und zwischen der fides divina (göttlicher Glaube) und der fides divina et catholica (göttlicher und kirchlicher Glaube) bestände dann lediglich ein materieller Unterschied. Weil die Kirche die Heilslehre lebendig, im Auftrag, in der Autorität und in der Kraft Gottes kundtut, spricht Gott selbst durch ihren Mund zu uns, so daß folglich das göttliche Motiv des Glaubens eben durch sie und in ihr an uns herantritt und auf uns einwirkt. Mit anderen Worten: die Kirche tritt dem Glauben gegenüber auf, nicht bloß irgendwie als ministra materiae verbi Dei (also als Dienerin der Materie des Wortes Gottes), sondern als ministra Dei loquentis (als die Dienerin des zu uns sprechenden Gottes) oder als Organ und bevollmächtigte Gesandte des redenden Gottes selbst, der eben durch sie sein Wort in lebendiger, der Würde und Kraft desselben entsprechender Weise uns vorführt“ (Dogmatik a. a. O. n. 765). Nur so vermag die „göttliche Offenbarung“ „einen wahrhaft göttlichen Glauben zu erzeugen“.

Man könnte es auch so ausdrücken: Der sprechende Gott muß möglichst konkret und für uns greifbar vor uns treten, damit wir Ihm einen vollkommenen Glauben schenken können. Er muß Sein Sprechen uns soweit wie möglich verbürgen. Dies aber geschieht durch den ständigen Beistand des Heiligen Geistes, der das kirchliche Lehrapostolat vor Irrtum in Glaubens- und Sittenlehren bewahrt.

Darum darf die göttliche Offenbarung nicht „als ein totes Wort einmal im Schoße des Menschengeschlechtes niedergelegt sein, sondern muß als ein lebendiges Wort fort und fort durch die Jahrhunderte von Gott selbst weiter gesprochen und geltend gemacht werden, so daß sie zu jeder Zeit mit derselben Kraft und Würde an die Menschen herantreten kann, wie zur Zeit, wo sie zum ersten Male ausgesprochen wurde; im andern Falle würde das einmal gesprochene Wort Gottes für die Nachkommen nicht mehr als ein gegenwärtiges in seiner ursprünglichen Frische erscheinen, nicht mehr seinerseits an die Menschen herantreten, um sie zu ergreifen und zu durchdringen, sondern darauf warten müssen, ob und wie weit es von ihnen ergriffen und aufgenommen werde“. Diesem Sachverhalt entspricht denn auch das ausdrückliche Gebot des Herrn an seine Apostel, „in seinem Namen und unter seinem Beistand in ihren Nachfolgern“ sein Evangelium über Zeit und Raum hinweg zu predigen, und an die Menschen, das Wort der Apostel wie sein eigenes anzunehmen (vgl. Mt. 28, 18-20; Lk. 10, 16). Es ist der Wille Christi, daß seine Lehre durch eine von ihm eingesetzte und bevollmächtigte Autorität allzeit verkündigt, eingeschärft und zu glauben befohlen wird. Darum schreibt der Apostel: „Also kommt der Glaube aus der Predigt; die Predigt aber geschieht im Auftrag Christi“, und zwar durch seine Gesandten, von denen Paulus sagt: „Ihr Schall ist über die ganze Erde ergangen und bis an die Grenzen des Erdkreises ihr Wort“ (Röm. 10, 17f). Aufgrund dieser Tatsache bezeichnet das Vatikanum nicht das Wort Gottes einfachhin als Gegenstand des Glaubens, sondern das von der kirchlichen Lehrautorität vorgetragene Wort (Vgl. DZ 1792). „Je deutlicher und bestimmter jene Autorität in ihrem wahren Charakter hervortritt, je mehr sie als eine wahrhaft göttliche, auf übernatürlicher Sendung beruhende, von übernatürlicher Kraft getragene erscheint: um so mehr muß auch die Offenbarung, zu deren Geltendmachung und Erhaltung sie bestimmt ist, in ihrer vollen übernatürlichen Erhabenheit hervortreten und der ihr entsprechende Glaube in seiner göttlichen Kraft und Lebendigkeit sich entwickeln.“

Durch diese enge und lebendige Verbindung der kirchlichen Verkündigung mit dem Glauben erfährt also der einfache göttliche Glaube eine gewisse Veränderung. Denn der göttliche Glaube tritt durch die Vorlage durch die Kirche „in ein so inniges Verhältnis zur Kirche, daß eben die Unterwerfung und der Anschluß an sie in naturgemäßer Weise die vollkommene Unterwerfung und den lebendigen Anschluß an Gott vermittelt, und daß beide Verhältnisse so innig verwachsen sind wie das Verhältnis des Kindes zu seiner Mutter und seinem Vater“.

Zweifellos ist es für den Menschen schwerer, sich mittelbar durch die Kirche Gott im Glauben zu unterwerfen als Gott unmittelbar das Gehorsamsopfer des Glaubens zu bringen. Aber eben dadurch kann und soll der Glaube zur vollkommenen Unterwerfung unter Gott werden, und die durch die Bindung an die Kirche erhöhte Verdemütigung und Hilfsbedürftigkeit des Gläubigen vermögen „erst recht den kindlichen Sinn gegen Gott und den kindlichen Verkehr mit Gott, welcher die Seele des göttlichen Glaubens bildet“, zur Entfaltung zu bringen, indem „wir das Wort Gottes gerade aus dem Munde der Kirche als unserer von Gott bestellten und von seinem Geiste geleiteten Mutter mit kindlichem Sinne empfangen sollen“ (Dogmatik a. a. O. n. 765).