Der wahre Glaubensbegriff

Es ist eine evidente Tatsache, in der Folge der Modernismuskrise ist der kindliche Glaubenssinn bei den meisten Katholiken verlorengegangen. Und inzwischen haben nicht nur die Modernisten, sondern auch ein Großteil der sog. Traditionalisten keine Ahnung mehr, wozu das Lehramt der Kirche eigentlich da ist und welch unersetzliche Stelle im Gefüge des eigenen, persönlichen Glaubens es einnimmt. Sie meinen deswegen, es genüge durchaus, wenn das Lehramt nur ab und zu tätig wird, um unseren Glauben vor den gröbsten Irrtümern zu bewahren. Allein bei „größeren“ Irrtümern oder besonders wichtigen Lehren nähme der Papst seine Unfehlbarkeit in Anspruch, um sodann „ex cathedra“ den Streit zu entscheiden.

Diese reservierte Haltung gegenüber dem kirchlichen Lehramt ist letztlich schon eine Folge der modernistischen Irrlehre und ein Ausfluß eines bloß naturalistischen Denkens. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts gingen die Modernisten dazu über, zwar noch nicht die Unfehlbarkeit als solche zu bestreiten, aber umso mehr ihre Häufigkeit. Eine unfehlbare Entscheidung wäre, so sagten die Modernisten, letztlich äußerst selten – und sie sagten auch: in allen anderen Akten des Lehramtes aber kann der Papst fehlen, also sich irren und die Kirche in Irrtum führen, weshalb wir in diesen ihm natürlich keinen Glaubensgehorsam schuldig sind. Diese Haltung hat sich in der Folge der nachkonziliaren Wirren auch bei den meisten Traditionalisten durchgesetzt, die sich der Einsicht der papstlosen Zeit verschlossen. Einer dieser Priester schreibt doch tatsächlich in seinem sog. „Katholischen Katechismus zu kirchlichen Krise“: „Eine solche Dogmatisierung eines Glaubenssatzes kommt nicht allzu häufig vor, und viele Päpste haben von dieser Vollmacht gar keinen Gebrauch gemacht. In unserem Jahrhundert hat es nur eine einzige Dogmatisierung gegeben, nämlich jene der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel durch Papst Pius XII. am 1. November 1950.“

Wir haben hier eine schon recht kuriose Auffassung von Unfehlbarkeit vor uns, die letztlich ihre modernistische Herkunft nicht verleugnen kann, auch wenn sie von einem sog. Traditionalisten stammt. Denn so kann man nur über die von Jesus Christus gestiftete Kirche reden, wenn einem das übernatürliche Wesen und die Heiligkeit derselben vollkommen aus dem Blick geraten ist, wenn man sich mit anderen Worten vom modernistischen Naturalismus hat anstecken lassen. Der große Dogmatiker Scheeben war da natürlich ganz anderer Meinung als die Modernisten: „Das Allerwichtigste ist die Unfehlbarkeit der öffentlichen Lehre selbst, so daß, wenn diese Lehre auch nur einen Tag und in einem Punkte irrig wäre, damit die Kirche zugrunde ginge und alle von ihr gelehrten Wahrheiten ihre Kraft verlieren würden. Im übrigen ist nur notwendig, daß die öffentliche Lehre zu jeder Zeit wenigstens die fundamentalsten Wahrheiten ausdrücklich vorlege, und keine zum ewigen Depositum der Offenbarung gehörige Wahrheit jemals so abhanden komme, daß sie auch nicht im habituellen Besitze der Kirche verbliebe“ (Dogmatik a. a. O. nn. 192 und 312).

Also durchaus nicht nur alle 100 Jahre muß Gott Seine Kirche vor dem Irrtum bewahren, sondern jeden Tag, denn „wenn diese Lehre auch nur einen Tag und in einem Punkte irrig wäre, ginge damit die Kirche zugrunde … und alle von ihr gelehrten Wahrheiten würden ihre Kraft verlieren“. Genauso ist es geschehen in der Menschenmachwerkskirche. Alle von ihr gelehrten Wahrheiten haben ihre Kraft verloren, weil sie inmitten der vielen Irrtümer gar nicht als Wahrheiten wirken können, sondern immer nur als eine Meinung neben anderen erscheinen. Darum kann ein Bergoglio jetzt auch noch die letzten Wahrheitstrümmer in aller Seelenruhe beseitigen, weil fast niemand mehr zwischen Wahrheit und Irrtum unterscheiden kann. Und die sog. Konservativen, welche die eine oder andere Wahrheit vor dem Zugriff Bergoglios noch zu retten suchen, übersehen dabei das Entscheidende, die diesem Versuch zugrunde legende Einsicht ist die der papstlosen Zeit. Wer meint, er müsse die Wahrheit gegen seinen Papst schützen, der hat den Boden des katholischen Denkens verlassen und befindet sich im Treibsand irgendeiner modernistischen Irrlehre.

Prof. Bartz führt in dem Abschnitt „Die innere Unfehlbarkeit der kirchlichen Verkündigung“ noch einen weiteren erhellenden Gedanken aus Scheebens Schrift „Das ökumenische Concil vom Jahre 1869“ zu dem Thema an: „Die Glaubensverkündigung will übernatürliche, göttliche Gewißheit wecken. Das kann sie nur unter der Voraussetzung, daß sich ihre Authentie (Echtheit) auf das donum infallibilitatis (=das Charisma der Unfehlbarkeit) stützt. Ebenso muß die zweckgebotene, unsere vorbehaltlose Unterwerfung unter den Supremat (=Oberhoheit) Gottes einschließende Autorität der Verkündigung durch Unfehlbarkeit garantiert werden. Wäre der Lehrapostolat durch Irrtum und Fehlentscheidung bedroht, so würde seine Sendung nicht nur vereitelt, vielmehr sogar in ihr Gegenteil verkehrt werden. Denn in diesem Fall trüge die äußere, von Gott verliehene Authentie (Echtheitsgarantie) notwendig in stärkstem Maße dazu bei, die Unwahrheit zu verbreiten, und die äußere Autorität, mit der Gott die Lehrorgane ausgestattet hat, würde zur Quelle geistigen Götzendienstes.“

Letztere Bezeichnung ist wohl am besten geeignet, das zu beschreiben, was in der Menschenmachwerkskirche inzwischen täglich geschieht: geistiger Götzendienst. Die Menschenmachwerkskirche buhlt mit der ganzen Welt. Es darf einen nun wirklich nicht wundern, wenn dieser geistige Götzendienst sich allmählich zum wahren Götzendienst wandelt. Letztlich war das Satans wahres Meisterstück: durch die Eroberung des Stuhles Petri trug die immer noch vermeintlich „von Gott verliehene Authentie (Echtheitsgarantie) notwendig in stärkstem Maße dazu bei, die Unwahrheit zu verbreiten“. Die allermeisten Katholiken liefen nach dem sog. 2. Vatikanum immer noch brav wie Schafe, die zur Schlachtbank geführt werden, ihren vermeintlichen Hirten hinterher, obwohl sie schon lange hätten erkennen können und müssen, daß diese Hirten Wölfe waren. Eine Flut von Irrlehren im Namen Roms ergoß sich über die ahnungslosen Katholiken und hat fast alle mit sich fortgerissen.

Lassen wir uns die gewonnenen Erkenntnisse von M. J. Scheeben nochmals zusammenfassend darlegen: Gemäß der Lehre des Vatikanums „ist der Glaube wesentlich eine Betätigung der Abhängigkeit und Unterwürfigkeit von Seiten des geschaffenen Geistes gegenüber Gott als dem höchsten Herrn und König aller Geister, die sich um ihn als ihren Mittelpunkt sammeln, von ihm durch seine absolute Autorität sich bestimmen, leiten und regeln lassen und dadurch in die vollste Einheit und Übereinstimmung mit ihm und unter sich gebracht werden sollen“ (Denz. 1789). Negativ ausgedrückt haben wir es also bei dem Glauben weder mit einem autonomen (unabhängigen) und subjektiven Akt zu tun, durch den ein Mensch in aller Unabhängigkeit und nach eigenem Ermessen das geoffenbarte Gotteswort zur Grundlage seiner Lebensführung macht, noch mit einer rein persönlichen und privaten Angelegenheit. Vielmehr weiß sich der Glaubende sowohl als Untertan einer transzendenten Macht, der Autorität Gottes, wie als Glied einer Weltgemeinschaft, der Kirche, in der alle Christgläubigen vereint und verbunden sein müssen, weil Gott der beherrschende Mittelpunkt aller denkenden Wesen ist.

„Die Autorität Gottes ist die letzte und höchste Regel des Glaubens, und durch sie wird daher auch innerlich und wesentlich die Einheit des allgemeinen Glaubens bedingt und bestimmt (ein Gott – ein Glaube).“ Gott ist aber auch für den Gläubigen ein „Deus absconditus“ (ein verborgener Gott). Darum kann er seine universale Herrschaft über den menschlichen Geist nicht in eigener Person ausüben. Anderseits soll sein Reich in dieser Welt sichtbare Gestalt annehmen in der Gesamtheit des Glaubensvolkes. Das macht es notwendig, daß er auf Erden Stellvertreter beruft und sie mit seiner Lehrgewalt und Lehrvollmacht ausstattet, damit sie in seiner Autorität und Kraft „jeden Verstand in die Unterwürfigkeit Christi gefangennehmen“ (2 Kor. 10, 5) und zu jeder Zeit und für jedermann das Gesetz und die Richtschnur des Glaubens gewährleisten und geltend machen. Durch diese Unterwerfung unter das eine und allgemeine Glaubensgesetz werden die Gläubigen zu der sichtbaren Glaubensgemeinschaft der Weltkirche um die Träger der Lehrhoheit zusammengeschlossen.

Füglich darf man jetzt den Begriff der Glaubensregel enger fassen und sagen: „Die in der Stellvertretung Gottes verkörperte Lehrautorität Gottes ist es, was wahrhaft und eigentlich die katholische, d. h. allgemein gültige und bindende Glaubensregel ausmacht.“ Die Aufgabe der lehrenden Kirche kann sich daher nicht darauf beschränken, das bei ihr deponierte Offenbarungsgut zu erhalten, zu vermitteln und zu bezeugen und es so in seiner Objektivität und Lebendigkeit den Menschen zur Kenntnis zu bringen, damit sie es sich im Glauben zu eigen machen. Sinn und Würde der göttlichen Selbsterschließung verlangen vielmehr, daß das Wort Gottes „in der Kirche so geltend gemacht werde, daß alle Glieder derselben zum gehorsamen, einträchtigen und gemeinschaftlichen Festhalten seines Inhaltes in dessen ganzer Reinheit, Fülle und Kraft verpflichtet und angehalten werden, daß es folglich als öffentliches soziales Gesetz oder Regel des Glaubens und Denkens vorgeschrieben und durchgeführt werde und die ganze kirchliche Gemeinschaft beherrsche und durchherrsche“ (Vgl. Das ökumenische Concil vom Jahre 1869 III, 233 f und Dogmatik a. a. O. n. 397).

Wir wollen diese Einsicht abschließend noch anhand eines bei den Traditionalisten weit verbreiteten Irrtums vertiefen. Wie schon erwähnt, meinen viele Traditionalisten, sie würden die Tradition der Kirche verteidigen, weil sie sich an das halten, was die Kirche immer gelehrt hat. Dabei ist aber das, „was die Kirche immer gelehrt hat“, nicht das, was ihr derzeitiges vermeintliches Lehramt lehrt. Sie rechtfertigen diesen Spagat oft damit, daß sie sich einreden, der Papst sei ein Liberaler, er spreche darum manchmal als Modernist und manchmal als Katholik. Wenn seine Verlautbarungen mit der Tradition übereinstimmen, dann nehmen wir sie an, wenn nicht, dann weisen wir sie zurück. Hier stellt sich aber die entscheidende Frage: Mit welcher Tradition vergleichen diese Traditionalisten die Lehre ihres liberalen Papstes? Und die zweite Frage: Wem glauben sie denn dann eigentlich? Die Antwort auf die erste Frage ist: Sie vergleichen die Lehre ihres Papstes mit ihrer Tradition, von der sie sich fälschlich einbilden, diese sei identisch mit der Tradition der katholischen Kirche. Die Antwort auf die zweite Frage ist: Sie glauben weder Gott noch dem von Gott eingesetzten Lehramt, weil sie ihre eigenes, persönliches Urteil über diese stellen.

Wir wollen nun aus dem „Lehrbuch der Fundamental-Theologie oder Apologetik“ von Franz Hettinger, Herder’sche Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau, 1888, einige Abschnitte wiedergeben über die „Kriterien für die Erkenntnis der echten Überlieferung“. Denn darum geht es in unserem Fall: Wer sagt mir als Katholik, was wahre bzw. was falsche Tradition ist?

Unter I. heißt es: „Das oberste und allgemeine Urteil, ob eine echte Tradition über einen Gegenstand des Glaubens oder der kirchlichen Sitte vorliegt, sowie über den Inhalt derselben, kommt dem kirchlichen Lehramt in seinen verschiedenen Bestätigungsformen zu, bei welchem dieselbe hinterlegt ist und von welchem sie unter dem Beistand des Heiligen Geistes unfehlbar bewahrt wird“ (S. 708). Es ist also unmöglich, einem als legitim anerkannten Papst gegenüber sich auf die Tradition zu berufen, weil er der eigentliche von Gott beauftragte und mit dem Beistand des Heiligen Geistes unfehlbare Interpret derselben ist. Damit ist jede, gegen das kirchliche Lehramt eingeforderte Tradition selbstverständlich eine falsche Tradition. Manche Traditionalisten meinen nun, dieser Konsequenz ausweichen zu können, indem sie sagen: Auch der Papst sei ja an die Tradition gebunden. Wir schauen also auf die gesamtkirchliche Tradition und halten diese dem Papst als Korrektur vor.

Dazu wiederum unser Lehrbuch: „So bildet allerdings auch der gemeinsame Glaube der Gesamtkirche ein Kriterium der echten Tradition, aber nur in Abhängigkeit und Einheit mit dem kirchlichen Lehramt, nicht in selbständiger Weise“ (ebd.). Wie wir sehen, geht auch diese Ausrede daneben. Immer ist das unfehlbare Lehramt die letzte Instanz und auch die allein den Glauben sichernde Instanz. Ein Glaube neben oder gegen dieses Lehramt ist schlechthin unmöglich, darum gibt es auch keine echte Tradition neben oder gegen das Lehramt der Kirche.

Oder mit dem Worten unseres Lehrbuches: „So ist die Verkündigung und Erhaltung der geoffenbarten Wahrheit nach dem Plan Gottes und der tatsächlichen Institution der christlichen Kirche gebaut auf das lebendige, mündliche, authentische Lehramt, das der Herr an seiner Statt in seiner Kirche gewollt und eingesetzt hat, daß es bleibe bis zum Ende. Die lebendige Glaubensregel mit allen vorhin bezeichneten Bedingungen und Attributen ist die wesentliche Form der Verkündigung und Erhaltung des Glaubens. Sie schließt die spätere und außerwesentliche, zufällige Form der Verkündigung durch das geschriebene Wort nicht aus, wird aber durch dieses, das wie ein dem ursprünglichen Modus von außen her Zukommendes erscheint, nicht aufgehoben, noch in seiner Bedeutung alteriert (verändert). Das schriftliche Wort steht von Anfang an im Dienste des mündlichen, zur Erläuterung und Ergänzung desselben für die bereits im Glauben Stehenden“ (S. 646).

Also nochmals die entscheidende Einsicht: Jegliche schriftliche Tradition (welche immer nur entfernte Glaubensregel sein kann) ist nur dann wahre Tradition, wenn sie im Sinne der lebendigen und nächsten Glaubensregel des kirchlichen Lehramtes verstanden wird. Hier einen Widerspruch zu konstruieren, würde bedeuten – nochmals unser Lehrbuch: „Die heiligen Väter erkennen in dem authentischen Lehramt der Kirche die unmittelbare Glaubensregel für alle Glieder derselben, während dessen Verwerfung den gemeinsamen Charakter aller Häresien bildet.“

Abschließend noch eine zusammenfassende Bemerkung aus unserem Lehrbuch: „Nach Natur und Beschaffenheit der Quelle, aus denen die Tradition fließt (also die schriftliche Tradition, die in den Büchern niedergeschrieben wurde), ist die endgültige Entscheidung über ihren Inhalt durch das kirchliche Lehramt in einem gewissen Sinne noch mehr ein Bedürfnis, als für den Sinn der (Heiligen) Schrift; darum ist es wohl war, die Heilige Schrift ist durch die Tradition zu erklären, aber die Tradition selbst bedarf einer Erklärung, da bis zur Häresie des Protestantismus alle Häresien und nach jenem der Jansenismus sich auf eine falsche oder falsch gedeutete Tradition stützten“ (S. 709).

Man nennt somit all die Leute, welche das kirchliche Lehramt mir ihrer Tradition belehren wollen, zurecht Traditionalisten, man könnte sie aber genauso gut Häretiker, Irrlehrer nennen, denn Katholiken sind sie sicher keine mehr.