Kunst – Kitsch – Krempel?

Hans Sedlmayr erklärt es uns: „Übrigens wird Schlegels Einsicht bestätigt durch Wladimir Ssolowjow, der einen ganz ähnlichen dialektischen Umschlag gesehen hat. ‚Wo nun an diese Dreieinigkeit des Guten, Wahren und Schönen nicht mehr geglaubt wird, da wird die ewige Schönheit zur alten Schönheit erklärt, und auf ihren Ruinen wird das Banner der neuen Schönheit aufgepflanzt — nämlich das Banner des Ästhetizismus. Zwischen der alten und der neuen Schönheit besteht der Unterschied, daß die erstere in engem und natürlichem Bündnis mit dem Guten und Wahren lebte, die zweite aber ein solches Bündnis nicht nur für überflüssig, sondern direkt unpassend und unerwünscht fand. Am interessantesten ist aber: Zuerst wird erklärt, die Schönheit sei frei vom Gegensatz zwischen Gut und Böse, zwischen Wahrheit und Lüge, sie stehe höher als der Dualismus und sei gleichgültig ihm gegenüber; zum Schluss aber erweist es sich plötzlich, daß diese Freiheit und Schönheit, so wie ihre angebliche göttliche Unparteilichkeit gegenüber beiden Seiten unmerklich in eine gewisse Feindseligkeit gegen eine Seite (und zwar gegen die rechte: das Wahre und das Gute) und in einen gewissen, unüberwindlichen Hang, der einer Art Krankheit gleicht, zur anderen Seite (zur linken: dem Bösen und der Lüge) übergegangen sei, in einen gewissen Pythismus, Dämonismus, Satanismus und die übrigen neuen Schönheiten, die im Grunde ebenso alt sind wie der Teufel und seine Großmutter‘ (Wladimir Ssolowjow, Deutsche Gesamtausgabe Bd. VII (1953), S. 397.)“ (Ebd. S. 60).

Am Ende der Revolution der Moderne steht das „Ihr werdet sein wie Gott“, also die Auflehnung Luzifers gegen Gott und daraus folgend der Satanismus. Die Loslösung von allen Bindungen hat zum Ziel die schrankenlose Allmacht des vermeintlich autonomen Künstlers. Es ist schon eigenartig, daß die meisten Zeitgenossen nicht mehr sehen und verstehen wollen, daß dieses Ziel niemals erreichbar ist, weil es selbstverständlich nicht in der vollkommenen Autonomie endet, die ein bloßes Wahngebilde ist, sondern im Wahnsinn.

Diese Art des Wahnsinns aber ist ein Wesenszug des Dämonischen. Der Teufel bemüht sich mit aller Macht, den Menschen ins Irrationale abzudrängen, damit er ihn umso leichter manipulieren und verführen kann. Weil das Dämonische inzwischen das Vorherrschende in der Welt ist, ist es nun noch notwendig, uns mit dem diabolischen Bild zu beschäftigen. Auch hierzu wollen wir uns auf die Ausführungen von Hans Sedlmayr stützen, die das Wesentliche klar darlegen.

Das diabolische Bild

Es ist sicherlich auffallend, daß in einer Zeit, in der man die Existenz des Teufels leugnet, die Kunst so voller teuflischer Fratzen ist wie nie zuvor. Wenn man die Kunst hierin als Prophetin ernst nimmt, so kann man die Leugnung der Existenz des Teufels nicht gar so ernst gemeint sein, manifestiert er sich doch in so vielfältiger Weise und in so vielen Bereichen unseres Lebens. Es ist nun zu fragen, was ein Bild genau zu einem diabolischen Bild macht?

Unser Autor greift in seinen Ausführungen auf Gedanken Franz von Baaders zurück: „In der bildenden Kunst ist die religiöse Epoche derselben nicht diejenige, welche nur religiöse Gegenstände bildet, so wie jene Philosophie nicht religiös ist, welche über Religion und Gott irreligiös und gottlos räsoniert — sondern diejenige, in welcher der Künstler, seines hohen Berufs als sprechendes und bildendes Gottesbild eingedenk, alle Gegenstände religiös behandelt und gleich einem Orpheus das höhere Licht und die Glut seines Gemüts auf jene verbreitet. Die zweite Epoche (als die erste Stufe der irreligiösen) ist die naturservile, wo der Künstler zum bloßen Kopisten der taubstummen Natur sich herabsetzt. Die dritte endlich ist die egoistische oder hoffärtige, wo er, von Gott und der Natur verlassen, über beide Herr geworden zu sein wähnt, in der Tat aber nur als ein unheimliches Gespenst unter den Gräbern und Reliquien der Natur sich herumtreibt. So gibt es denn auch eine dreifache Weise, nach welcher Menschen Poesie und Bildnerei [ … ] betreiben. Die einen nämlich als bloßen Zeitvertreib oder, wenn sie schon vorgeben, zu ihrer Bildung und Erbauung, doch nur zu ihrer Ergötzlichkeit, gleichviel, ob sie zu dieser Absicht in die Kirche, ins Theater“ — und, fügen wir hinzu, in die Ausstellung — „gehen. Die anderen (wenigen) im oben angedeuteten ernsten, wahrhaft religiösen Sinn, nämlich um — ohne Geburtswehen — das Brautkleid der himmlischen Sophia ihrerseits auszuwirken. Wieder andere (und gleichfalls wenige), um den schwarzen Schleier der Hekate auszuwirken. Denn nicht die bloß frivole Poesie und Bildnerei steht der religiösen direkt entgegen, sondern eine wahrhaft infernale oder dämonische“ (Hans Sedlmayr, Kunst und Wahrheit, Rowohlt Hamburg 1959, S. 136f).

Eine echte religiöse Kunst setzt immer einen echten lebendigen Glauben voraus. Nur wer die Welt Gottes im Glauben erfaßt hat und in dieser Welt soweit möglich heimisch geworden ist, kann auch eine gültige Darstellung des unsichtbaren Reiches Gottes geben. Die wahre religiöse Kunst muß vom Heiligen durchdrungen sein, damit sie auch das Heilige heilig darstellen kann. Geht der Blick auf Gott verloren, so bleibt zunächst nur der Blick auf die Natur als Natur. Damit ist aber die Natur schon wesentlich entzaubert, denn der Künstler setzt sich so zum bloßen Kopisten der taubstummen Natur herab. Die Natur verliert durch die Leugnung des Schöpfers ihren eigenartigen Glanz, der von Gott kündet, jenen Glanz, der es im Grunde ist, der den Künstler herausfordert. Verliert der Künstler mit Gott auch noch die Natur aus dem Blick, weil er egoistisch oder hoffärtig über Gott und Natur meint Herr geworden zu sein meint, so schleicht er nur noch als ein unheimliches Gespenst unter den Gräbern und Reliquien der Natur herum. In dem Maße, wie er für sich willentlich den Himmel verschlossen hat, öffnet sich unter seinen Füßen die Hölle – ob er das will oder nicht.

Werfen wir mit Hans Sedlmayr noch einen tieferen Blick auf diese unheimliche Art von Kunst. „Eigentlich, das heißt im strengeren Wortsinn, diabolisch müßte eine bildende Kunst heißen, die im Bilde ontologisch unwahre (unadäquate) Darstellungen Gottes, der Engel, der Menschen, der Welt bildlich bejaht, das heißt, sie mit solchen künstlerischen Zügen gestaltet, die den Betrachter auffordern, das unwahre Bild anzunehmen, in sich einzulassen (ja, geradezu einzuverleiben) und seinen ‚assent‘ dazuzugeben. Diese Definition entspräche dem doppelten Wortsinn des Wortes diaboles, diabolisch. Denn ein solches Bild ist objektiv, bezogen auf das Sein, Verkehrung der Seinsordnung, Lüge — wie denn der diaboles (der Durcheinanderwerfer) ‚Vater der Lüge‘ ist. Und es ist subjektiv, bezogen auf den Betrachter (und auf den Urheber, der zum Instrument der Diabolie wurde), Verführung — wie denn der diabolos ‚Verführer von Anbeginn‘ ist“ (Ebd. S. 137).

Eine Kunst, die sich losgelöst hat vom Guten und Wahren und sich dafür dem reinen Ästhetizismus hingibt, ist für jegliche Art von Manipulation offen, denn sie hat keinen rationalen Unterscheidungsgrund mehr. Sie ist darum auch nicht einfach formlos und abstrakt, wie man sich einbildet, vielmehr wird sie diabolisch, weil sie in sich ontologisch unwahr ist und somit bestens geeignet „im Bilde ontologisch unwahre (unadäquate) Darstellungen Gottes, der Engel, der Menschen, der Welt bildlich“ zu bejahen, ja sinnlich an- und aufreizend darzustellen, also dazu zu verführen, dem Diabolischen zuzustimmen. Diese Kunst dient letztlich dem Teufel zur Nachäffung der Sakramentale der Kirche. Der Teufel macht mir ihr seine Welt präsent.

Hierzu macht Hans Sedlmayr eine durchaus erwähnenswerte Nebenbemerkung: „Es muß auffallen, wie wenig reale Wirkkraft gerade die modernistische Kunstkritik den Bildern zutraut — oder ihnen zuzutrauen vorgibt; wir halten sie, die Bilder, in dieser Hinsicht für bedeutender und nehmen sie ernster als ihre eigenen Apologeten!“ Eine dämonische Kunst ist durchaus nicht harmlos. Immerhin bringt sie dem Menschen den Teufel nahe und es ist gefährlich, den Teufel zu nahe zu kommen. So gesehen ist es kaum zu glauben, wie wenig ernst man den Teufel heutzutage noch nimmt, wie wenig man ihm und seiner Kunst zutraut. Überall sehen wir eine völlige Verharmlosung des Okkulten, das sich unter dem Gewand des Esoterischen wie eine Flut sich über das ehemals christliche Abendland ergießt. Das ist nur deshalb so einfach möglich, weil dem Teufel durch die modernen Medien Wirkmöglichkeiten zur Verfügung stehen, von denen er früher nur träumen konnte. Dabei hat der Teufel viele Gesichter. Hans Sedlmayr gibt zu bedenken: „Diese Definition dürfte einerseits zu eng, anderseits zu weit sein, denn man darf von vornherein vermuten, daß das Diabolische in überaus mannigfaltigen Verhüllungen wirkt; auch dürfte sich das diabolische Bild nicht scharf gegen das ironische abgrenzen lassen“ (Ebd. S. 137f).

Natürlich gibt es in der modernen Kunst auch Grenzbereiche, die nicht direkt diabolisch sind. Aber dennoch bleibt in allem die Zielrichtung die Errichtung des Reiches des Antichristen. Insofern hat die moderne Kunst sicherlich eine wichtige Aufgabe für diesen, sie gewöhnt den modernen Menschen zunächst an das Formlose, dann an das Skurrile, Widersinnige, dann an das Häßliche und schließlich an das Diabolische.

Hans Sedlmayr gibt zu bedenken: „Daß es solche ‚hekateische‘ Bilder mindestens der Absicht nach gibt, kann man nicht mehr bestreiten, seit jene Kunstrichtung, die sich nicht ohne Ironie ‚Surrealismus‘ nennt, sich zu ihnen ausdrücklich bekannt hat: ‚Nous vivons avec le monstre.‘ Die modernistische Kunstkritik möchte das freilich nicht wahrhaben. ‚Die moderne Flachheit in der Doctrin des Bösen, welche gründlich über die Tiefe, d.h. die Geistigkeit der Bosheit (mysterium iniquitatis) weggeht, kann nur letzterer selbst zustatten kommen, denn dem Geist der Finsternis kann nichts erwünschter sein, als daß man über ihn in der Finsternis oder stupide bleibt.‘ ‚Eine Theorie der Lüge und des Dämonischen‘ — ich füge hinzu: auch und gerade in seinen bildlichen Manifestationen — scheint mir gerade das Erste zu sein, mit dem wir den Glauben an die Wahrheit (das Leben in und außer uns) zu befestigen und gleichsam zu verschanzen anheben müssen. Um sie zu gewinnen, ist es günstig, ‚das Böse aus dem Zustand der Verhüllung und Verteilung heraustreten zu lassen, damit es sich sammeln und unverhüllten Hauptes zeigen kann, um es unverhüllt fassen zu können‘. Gerade das aber ist in der neuesten Geschichte geschehen“ (Ebd. S. 138).

Wer die Häßlichkeit des Teufels nicht mehr als hassenswert und als Ausdruck der abgrundtiefen Bosheit begreift, dem wird auch das Geheimnis der Schönheit verborgen bleiben. „Die moderne Flachheit in der Doctrin des Bösen“ beweist die geistige Verblendung, die sich hinter dieser Doktrin verbirgt. Eine solche Verblendung kann nur dem Bösen „selbst zustatten kommen, denn dem Geist der Finsternis kann nichts erwünschter sein, als daß man über ihn in der Finsternis oder stupide bleibt“. Darum wäre eine Erhellung dieses Sachverhalts überaus notwendig gewesen, wie unser Autor schon vor über einem halben Jahrhundert schrieb: „‚Eine Theorie der Lüge und des Dämonischen‘ — ich füge hinzu: auch und gerade in seinen bildlichen Manifestationen — scheint mir gerade das Erste zu sein, mit dem wir den Glauben an die Wahrheit (das Leben in und außer uns) zu befestigen und gleichsam zu verschanzen anheben müssen.“

Diese Arbeit ist aber nicht geleistet worden oder wenn sie noch geleistet wurde, wurde sie von der Masse nicht mehr wahrgenommen. Darum erlag die Masse den Versuchungen Teufel immer mehr. Die Fähigkeit, die Geister zu unterscheiden, war nicht mehr vorhanden. Durch den Ästhetizismus der modernen Kunst hatte man sich so an die Lüge gewöhnt, daß man sie für Wahrheit hielt, obwohl man an keine Wahrheit mehr glaubte. Man muß schon sagen, alles spielte dem Vater der Lüge in die Hände.

Abschließend sei noch eine Unterscheidung angeführt, die es bezüglich des diabolischen Bildes zu machen gilt: „Das diabolische Bild ist etwas anderes als das häßliche. Wenn — am Beispiel des Teufelsbildes — das häßliche Bild jenes ist, welches ‚die Häßlichkeit des Teufels schlecht widergibt‘, so ist das diabolische jenes, welches ‚die Häßlichkeit des Teufels als schön darstellt‘ oder geradezu: ‚die Schönheit des Teufels darstellen will‘ —, das also dem Teufel Schönheit anlügt (nicht etwa nur einzelne Züge diabolischer Schönheit), das lügend die Schönheit des Teufels behauptet, indem es ihm erborgten Glanz echter Schönheit verführerisch leiht“ (Ebd. S. 138).

Ein häßliches Bild hat für den Betrachter noch etwas Abstoßendes, weil dieser im Häßlichen noch das Hassenswerte erkennt und es aufgrund dessen ablehnt. Das diabolische Bild geht weiter, es lügt dem Teufel Schönheit an. Damit wird der Teufel faszinierend, er erhält eine verführerische Gestalt. Unter dem „erborgten Glanz echter Schönheit“ tritt der Teufel dem modernen Menschen entgegen und reißt diesen, völlig unfähig, Wahres von Falschem zu unterscheiden, mit sich hinab in sein Reich der Hölle.

Wie wir eingangs sagten, hat die Kunst etwas Prophetisches an sich. Man hätte erwarten müssen, daß dieses Prophetische von den Zeitgenossen auch noch wahrgenommen würde, bringt doch die Kunst ihre Prophezeiungen zur Darstellung, sie mach sie direkt anschaubar. Nun ist man ganz sprachlos, wenn man feststellt, daß fast niemand die offensichtliche Botschaft verstand – wo man doch eigentlich nur hätte hinschauen müssen. Der moderne Mensch scheint nicht einmal mehr dazu fähig zu sein, einfach hinzuschauen. Anstatt das zu tun, einfach hinzuschauen, zieht er es vor, sich etwa in einem Katalog über eine moderne Kunstaustellung die Kunstwerke künstlich und möglichst umständlich oder auch unverständlich erklären zu lassen, damit er sich daraufhin einbilden kann, er verstehe etwas von moderner Kunst, obwohl er nicht einmal fähig ist, diese einfach anzuschauen. Wenn das kein Wahnsinn ist!