Kunst – Kitsch – Krempel? II

In der schon erwähnten Eröffnungsrede der Pinakothek in Rom geht Papst Pius XI. auch auf die fragwürdige Seite der modernen Kunst ein: „Solche und so große Kunstwerke (die in der Pinakothek aufgestellt wurden) nötigen uns…, an gewisse andere sogenannte kirchliche Kunstwerke zu denken, die das Heilige nur dadurch zu berühren und darzustellen scheinen, daß sie es bis zur Karikatur und sogar bis zur wirklichen und eigentlichen Schändung verzerren. Dies wird dann verteidigt im Namen des Suchens nach neuen Formen und im Namen der Sachlichkeit. Das Neue stellt aber nur dann einen wahren Fortschritt dar, wenn es zumindest so schön und so gut ist wie das Alte, und allzuoft ist dieses vorgeblich Neue offensichtlich häßlich, wenn nicht auch schamlos-häßlich, und offenbart nur die Unfähigkeit und Ungeduld der Vorbereitung einer allgemeinen Kultur und vor allem die Verachtung geduldiger und gewissenhafter Arbeit, deren Fehlen und Mangel Figuren, oder richtiger, Verzerrungen entstehen läßt, denen die so sehr erstrebte Neuheit abgeht, denn sie gleichen allzusehr den Bildern in den Handschriften des dunkelsten Mittelalters, die zu einer Zeit entstanden, als die klassischen Überlieferungen im Sturm der Barbaren untergingen und noch keine Morgenröte einer Wiedergeburt erschien …“ (Ebd. S. 360f).

Was würde Pius XI. sagen, wenn er heutige „Kunstwerke“ sehen würde, die in den modernen Betongaragen sich finden oder noch schlimmer, eine unserer alten Kirchen verschandeln, was inzwischen fast durchwegs der Fall ist. Da kann man nur feststellen, daß „dieses vorgeblich Neue offensichtlich häßlich“ ist – und zwar durchaus „schamlos-häßlich“, also jedes katholische Herz verletzend!

Damals betonte der Papst noch die strenge Pflicht, die kanonischen Gesetze in der kirchlichen Kunst zu beobachten: „Übrigens haben wir es schon öfters gegenüber Künstlern und Oberhirten ausgesprochen. Unsere Hoffnung, unser heißer Wunsch und unser Wille kann nur sein, daß das kanonische Gesetz, wie es im kanonischen Rechtsbuch klar formuliert und vorgeschrieben ist, befolgt werde: nämlich, daß eine solche Kunst in unseren Kirchen nicht zugelassen und noch viel weniger, daß sie beauftragt werde, Kirchen zu errichten, umzubauen, auszuschmücken“ (Ebd. S. 361).

Es ist traurig genug, wenn der Papst auf eine solche Selbstverständlichkeit überhaupt verweisen muß. Das zeigt nur zu deutlich, wie weit die geistige Verseuchung durch den Modernismus im Klerus schon vorangeschritten war. Nicht nur die Kapläne und Pfarrer, auch die Oberhirten wollten modern sein. Übrigens, was man sich im theologischen Bereich noch nicht traute, das konnte man sich auf künstlerischem Gebiet schon eher leisten. Man darf schließlich den Anschluß an die gesellschaftlichen Entwicklungen nicht ganz verlieren, so das Standartargument der Dummköpfe. Jedenfalls spürt man in den 40er und 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts besonders im Kirchenbau den schon unterschwellig arbeitenden Modernismus heraus.

Papst Pius XI. wies deswegen auch noch darauf hin, daß nur die Kirche das Recht und die Pflicht hat, über die kirchliche Kunst zu wachen: „Unsern Brüdern vom Episkopat obliegt es sowohl kraft göttlichen Auftrages wie auch durch ausdrückliche Bestimmung des kirchlichen Gesetzbuches, Wir sagen, den Bischöfen obliegt es für ihre Diözesen wie Uns für die ganze Kirche, darüber zu wachen, daß die so wichtigen Bestimmungen des Kodex befolgt und beobachtet werden, und daß nichts im angemaßten Namen der Kunst die Heiligkeit der Kirchen und Altäre verletze und die Frömmigkeit der Gläubigen störe“ (Ebd. S. 361).

Es war jedenfalls aufgrund dieses Wächteramts der Bischöfe damals noch nicht möglich, daß die moderne Kunst in der Kirche ganz zum Durchbruch kam. So hatte etwa die österreichische Bischofskonferenz am 22. 11. 1932 die moderne Kunst wie folgt charakterisiert: „Die neuzeitliche Kunstrichtung ist vielfach in hohem Grade revolutionär, bricht oft mit jeder bewährten und gesunden Tradition, anstatt im Anschluß daran eine organische Weiterentwicklung zu versuchen; sie ist vielfach materialistisch, läßt den Stoff über den Geist herrschen, statt die Materie in den Dienst der Idee zu stellen und letztere durch edlen Schmuck und schöne Form lichtvoll und anziehend darzustellen; sie ist in zu weitem Maße und in ungesunder Weise subjektiv und läßt in erster Linie das rein persönliche Empfinden des Künstlers als Maßstab für die künstlerische Schöpfung gelten, während doch die Schönheit ebenso gut wie die Wahrheit und Sittlichkeit an objektive, aus Gott stammende und daher unabänderliche Gesetze gebunden ist; sie ist vielfach profan, da sie in Grundriß, Aufbau, Stil und Linienführung die Grundsätze und Grundformen der profanen Kunst einfachhin und wahllos auf das sakrale Gebiet überträgt, den übernatürlichen und heiligen Charakter der dargestellten Personen und Tatsachen verkennt und die erhebende und verklärende religiöse Weihe vermissen läßt durch ihre Gleichstellung mit Typen des nüchternen, profanen Alltagslebens; sie wird dadurch nicht selten irreligiös, um nicht zu sagen blasphemisch, da sie die heiligsten Personen und Vorgänge in unheiliger Weise verzerrt, die religiösen Gefühle der Kirche und der Gläubigen pietätlos beleidigt und das Heiligtum entweiht“ (Ebd. S. 362).

Wie wir sehen, waren damals die Bischöfe noch zu einem klaren Urteil über die neuen Formen der Kunst fähig, weil sie noch vom katholischen Geist geprägt waren, der allein die übernatürliche Schönheit der Gnade begreift und die entsprechenden Folgerungen für die kirchliche Kunst zu ziehen versteht. Wie sollte da etwas Häßliches in die Kirche eindringen dürfen oder gar etwas Dämonisches den heiligen Raum entweihen? Haben solche kirchlichen „Kunstwerke“ überhaupt noch etwas mit kirchlicher Kunst zu tun, wo sie doch „nicht selten irreligiös, um nicht zu sagen blasphemisch sind, da sie die heiligsten Personen und Vorgänge in unheiliger Weise verzerrt, die religiösen Gefühle der Kirche und der Gläubigen pietätlos beleidigt und das Heiligtum entweiht“?

Wie ist es möglich geworden, solche Blasphemien in den eigenen Kirchen zu dulden? August Doerner betont: „Ohne den Klerus und seine Begünstigung wäre eine solche Entartung der kirchlichen Kunst und die weite Verbreitung dieser ‚modernen Kunstrichtung‘ nicht denkbar und nicht möglich. Hätten sich die Geistlichen alle an die Bestimmungen der Kirche gehalten und würden sie sich an die Weisungen der Kirche halten, die extrem-moderne Kunstrichtung wäre bald verschwunden, da ihr durch die kirchliche Haltung des Klerus jede Betätigungsmöglichkeit entzogen wäre. Die Schuld und die Verantwortung für die Entartungen der Kunst in unseren Kirchen tragen nicht zuletzt die Rectores ecciesiae (die Kirchenrektoren), denn ohne ihren Auftrag und ohne ihre Einwilligung können die Produkte der ‚modernen‘ Kunst in die Kirchen keinen Eingang finden. Die Verantwortung für die Verbreitung der gehaltlosen, ja oft geradezu irreligiösen Andachtsgegenstände, besonders der Andachtsbildchen, tragen nicht zuletzt die Seelsorgspriester, Pfarrer, Kapläne und Ordenspriester, die diese Produkte moderner Kunst kaufen, verteilen und den Gläubigen empfehlen“ (Ebd. S. 363).

Man muß somit auch in Bezug auf die kirchliche Kunst feststellen, was auch für den Glauben gilt: Die Revolution war eine Revolution im Chorrock und Stola, also eine Revolution von oben. Das sog. Volk wurde erst gar nicht befragt, sondern erst einmal umerzogen. Die Antreiber aber waren immer wenige. Es zeigte sich, das sog. einfache Volk hatte das sentire cum ecclesia (das kirchliche Denken, das wesentlich vom Übernatürlichen, Göttlichen her urteilt) noch viel länger gewahrt als die meisten Priester und Bischöfe. Es ist recht interessant, was August Doerner hierzu – „Das Urteil des Volkes über die Entartungen auf dem Gebiete der kirchlichen Kunst“ – anhand von einigen Beispielen zu sagen hat:

„Die kirchliche Kunst hat außer der Verherrlichung Gottes die Aufgabe, das gläubige Volk zu erbauen und zur Andacht anzuregen. Darum ist auch das Urteil des gläubigen Volkes ein Kriterium dafür, ob ein kirchliches Kunstwerk seinen Zweck erfüllt und daher Anspruch darauf machen kann, als kirchliches Kunstwerk zu gelten.
Unter Volk verstehen wir nicht die Halbgebildeten, die schon von vorneherein die moderne Kunst bejahen und anpreisen, schon allein deshalb, weil sie ‚modern‘ ist, sondern unter Volk verstehen wir das einfache, christliche, gut katholische Volk.
Wenn die moderne Kunstrichtung wirklich der Zeitstil wäre, dann müßte er notwendig dem Volke zusagen und gefallen. Wie aber steht es damit in Wirklichkeit? Das gläubige Volk, das erfahrungsgemäß oft mehr religiöses Empfinden besitzt als viele sogenannte Gebildete, lehnt die ‚modernen Kunstwerke‘ als unreligiös und als Entartungen ab. Hierzu einige Beispiele:
In Süddeutschland besuchte ein Bischof mit zwei sachverständigen Laien eine ‚modern‘ ausgestattete Pfarrkirche. In der Kirche kniete ein altes Mütterchen. Der Bischof fragte die Greisin: ‚Wie gefällt Ihnen denn die Kirche?‘ — ‚Der Herr Pastor sagt, sie sei schön.‘ — ‚Wie gefällt Ihnen denn die Kirche?‘, fragte der Bischof weiter. ‚Uns Leut gefällt sie nicht.‘ — Dem religiösen Volksempfinden entsprach diese Kirche also nicht, auch wenn der Herr Pfarrer sagte, sie sei schön.
Anderswo war in einer Filialkirche ein ganz ‚moderner‘ Kreuzweg, den eine Künstlerin gemalt hatte, angebracht worden. Die eckigen und steifen Figuren waren nichtssagend, ohne jedes Leben, ohne jede religiöse Weihe. Eine einfache Frau aus dem Volke, die die Kirche besuchte, wurde durch diesen Kreuzweg so abgestoßen, daß sie zu ihrem Manne sagte: ‚Komm, laß uns gehen, das sind ja die reinsten Götzenbilder!‘
In einer Stadt des Westens war ein moderner Kirchenbau aufgeführt worden. Männer aus dem Volke gaben ihrer Auffassung über diese moderne Kirche mit folgenden Worten Ausdruck: ‚Die ganze Woche gehen wir in die Fabrik, und nun sollen wir auch noch am Sonntag in die Fabrik gehen.‘
In einer andern Pfarrkirche war über dem aus rohen Steinen erbauten, ganz modernen Altar ein übergroßer Kruzifixus angebracht worden. Die Darstellung desselben war so verzerrt und unnatürlich, daß es Kirchenbesuchern beim Anblick dieses Altarkreuzes übel geworden ist und sie die Kirche verlassen mußten.
Ein ähnliches Beispiel erwähnt Kardinal Massimi … im Jahre 1939:
‚Der Christus, den man in neuerer Zeit in einer römischen Kirche (Christo Re) gemalt hat, dieser antipathische Riese, war für das gläubige Volk eine schmerzliche Überraschung. Und wir Priester sollten jedenfalls in unserer Seele ein anderes Christusbild malen.‘
Es ist unglaublich, was von Seiten mancher moderner Seelsorger dem gläubigen Volke nicht alles zugemutet wird. Vor ‚offensichtlich häßlichen‘ Verzerrungen und ‚Karikaturen des Heiligsten‘, die das gesunde Empfinden des Volkes ablehnt, sollen die Gläubigen beten. An ‚irreligiösen‘ Kunstwerken soll es sich erbauen und vor ihnen seine Andacht erglühen lassen. Es soll sein Heim schmücken mit religiösen Andachtsgegenständen, die seinem religiösen Empfinden zuwider sind. Und selbst beim Kinde wird schon der gesunde religiöse Sinn durch manche geradezu blasphemische Andachtsbildchen verbogen und verbildet.
Die der extrem-modernen Kunst huldigenden Seelsorger sind sich wohl kaum bewußt, welches Unheil sie anrichten durch die Förderung und Propagierung der extrem-modernen Kunst, wieviel gesunde Volksfrömmigkeit sie vernichten, wieviel gläubigen Sinn sie zerschlagen, wie oft und wie tief sie das religiöse Empfinden des katholischen Volkes verletzen. Man kann es dem Volke nicht verübeln, wenn es sich in solch ‚profanen‘ und nüchternen, jeder religiösen Weihe baren Kirchen nicht heimisch fühlt, wenn es vor solch verzerrten Bildern und Kreuzwegen nicht gerne betet, und doch soll die Kirche das ‚Haus des Gebetes‘ sein.
Die Linzer Quartalschrift brachte folgendes Beispiel dafür, wie die moderne Kunst die Gläubigen vom Gebet und vom Besuch der Kirchen abhält:
‚Wenn eine Zeitung von einer Kapelle (Kriegerehrung in Straelen) in der Pracht der neuen Kunst sagt: — vor dem Umbau sah man dort immer fromme Beter, jetzt keinen mehr! und die Bitte beifügt, ob man die Kapelle nicht wieder zu einer Gebetsstätte machen könnte — so ist das wahr und ehrfurchtsvoll gesagt‘“ (Ebd. S. 363ff).

Eine erschütternde Beispielsammlung, welche nach der Revolution des 2. Vatikanums beliebig fortgeführt werden könnte, denn die bilderstürmerischen Skandale sind seither unüberschaubar geworden. Diese Beispiele zeugen letztlich von einer vollkommenen Verirrung des Geistes bei den Verantwortlichen. Blickt man heute auf den Greuel der Verwüstung an heiliger Stätte, so muß man sich bestürzt fragen: Wie ist es möglich, daß ein Priester, der täglich sein Brevier betet und das hl. Meßopfer zelebriert, nichts mehr dabei empfindet, wenn er den ihm anvertrauten Seelen so etwas zumutet. „Vor ‚offensichtlich häßlichen‘ Verzerrungen und ‚Karikaturen des Heiligsten‘, die das gesunde Empfinden des Volkes ablehnt, sollen die Gläubigen beten. An ‚irreligiösen‘ Kunstwerken soll es sich erbauen und vor ihnen seine Andacht erglühen lassen. Es soll sein Heim schmücken mit religiösen Andachtsgegenständen, die seinem religiösen Empfinden zuwider sind. Und selbst beim Kinde wird schon der gesunde religiöse Sinn durch manche geradezu blasphemische Andachtsbildchen verbogen und verbildet.“