Das deutsche Kirchenlied

von antimodernist2014

1. Gerne wird Dr. Martin Luther als Begründer der deutschen Sprache gefeiert, als erster deutscher Bibelübersetzer wie auch als Erfinder des deutschen Kirchenliedes. Daß all das ein Mythos ist, wird von ernsthaften Forschern heute kaum noch bestritten. Allerdings hat er es verstanden, die deutsche Sprache (bzw. die damalige chursächsische Kanzleisprache) in ganz eigener Weise seinen Zwecken dienstbar zu machen und mit ihrer Hilfe durch seine Bibelübersetzung und seine Kirchenlieder seinen „neuen Glauben“ geschickt auszubreiten.

2. In einem Artikel mit dem Titel „Ein neues Lied. Singen als Motor der Reformation“ schreibt Andreas Hilger, Luther habe im Jahr 1523 „an Georg Spalatin, den Privatsekretär und Bibliothekar seines Landesherren Friedrich II. von Sachsen“ geschrieben, „er wolle ‚nach dem Beispiel der Propheten und der alten Väter der Kirche deutsche Psalmen‘ schaffen, um ‚das Wort Gottes auch durch den Gesang unter den Leuten‘ zu halten“. „Verbunden mit dieser Mitteilung war die Einladung zur Teilnahme an einem solchen Projekt – ein Aufruf an geistige wie geistliche Verbündete, die sich für die Verbreitung des neuen Glaubens wie für die Vereinheitlichung der hochdeutschen Sprache einsetzen sollten.“

Bis „zu Luthers Zeiten“ sei der geistliche Gesang „lediglich den Priestern und dem Chor vorbehalten geblieben“, so unser Autor. „Das Basler Konzil hatte 1435 darüber hinaus verboten, im Gottesdienst Lieder in der Muttersprache zu singen. Diese Regel wirkte als weiteres Ausschlussverfahren, da die Gemeinde nun meist nicht einmal verstand, was sie mit ‚Halleluja‘ und ‚Amen‘ bekräftigen durfte – oder mit jenen kurzen deutschen Einwürfen, die ihren Namen – die Leisen – dem abschließenden ‚Kyrieleis‘ verdankten.“ Weiter: „Wenn Luther diesem exklusiven Gesetz nun ein demokratischeres Verständnis des Singens entgegensetzt, dann geht er in bewährter Manier hinter die von späteren Kirchenvätern gesetzten Regeln auf deren biblischen Grund zurück“, denn, wie Luther selber „in seiner Vorrede zum Wittenberger Chorgesangbuch 1524“ geschrieben habe: „Dass geistliche Lieder zu singen gut und Gott wohlgefällig ist, denke ich, sei keinem Christen verborgen, da doch jedem nicht nur das Beispiel der Propheten und Könige im Alten Testament (die mit Singen und Klingen, mit Dichten und allerlei Saitenspiel Gott gelobt haben) vertraut ist, sondern auch dieser Brauch selbst, besonders im Psalmengesang, der ganzen Christenheit von Anfang an bekannt ist.“

„Dass ‚Christus unser Lob und Gesang sei‘, ist in seiner Vereinnahmung der Leser also auch eine Abgrenzung von der Konvention, der er an gleichem Ort zudem mit Verweis auf Moses und Paulus entgegentritt. In dieser biblischen Ahnengalerie von Gesetz und Gnade sah sich der Autor, als er sich ans Werk machte, um die Liturgie der Messe dem veränderten Verständnis der Sakramente sowie der mündigeren Rolle der Gemeinde anzupassen – und zugleich neue Lieder für die neue Zeit zu schreiben und zu sammeln.“ Zugleich zeigt sich damit Luther selber als Ahn einer späteren „Reform“, als man ebenfalls daran ging, „die Liturgie der Messe dem veränderten Verständnis der Sakramente sowie der mündigeren Rolle der Gemeinde anzupassen – und zugleich neue Lieder für die neue Zeit zu schreiben und zu sammeln“.

3. Damit haben wir Grund genug, uns einen katholischen Blick auf das deutsche Kirchenlied zu gönnen, und wir schlagen wie immer unser gutes und bewährtes „Kirchenlexikon“ von Wetzer und Welte auf. In Band 7 finden wir den entsprechenden Artikel, und er beginnt nach gut katholischer Weise mit einer Definition. Deutsches Kirchenlied, heißt es dort, sei der „Inbegriff solcher geistlicher Gesänge in deutscher Sprache, welche geeignet sind, von der Gemeinde bei gottesdienstlichen Anlässen gesungen zu werden und für diesen Zweck von der kirchlichen Obrigkeit stillschweigend oder ausdrücklich gebilligt sind“ (Sp. 600). Das katholische Verständnis war halt nie „demokratisch“, sondern legte immer viel Wert auf die „kirchliche Obrigkeit“. Denn diese ist von Christus eingesetzt und vertritt Seine Stelle, kann uns also sagen, was wirklich christlich ist.

Doch weiter: „Das einzelne Lied ist entweder die Übersetzung eines in der offiziellen Sprache schon vorhandenen Kirchenliedes (Hymnus und Sequenz), welcher dann die alte Gesangsweise des gregorianischen Chorals, bisweilen auch eine neuerfundene Melodie unterlegt wird, oder das Kirchenlied ist eine neue, freie Dichtung mit eigener Melodie“ (ebd.). Diese Art von Gesang existierte bereits im Mittelalter. Das Lexikon berichtet: „In dem universalen Charakter der katholischen Kirche liegt es begründet, daß bei der Ausübung der Liturgie im Abendlande Eine Sprache, die lateinische, als Kultussprache herrschend wurde.“ „Katholisch“ bedeutet ja nichts anderes als „universal“. Die Kirche ist Eine für alle Völker, alle Länder, alle Menschen, alle Zeiten. Darum hat sie eine einheitliche Kirchensprache, und zwar die ihres Hauptes und ihrer Mutter, der römischen Kirche.

Wir hören weiter: „Da das Verständnis dieser Sprache den romanischen Völkern nahe liegt, so war bei diesen der Gemeinde die Möglichkeit geboten, am öffentlichen Kirchengesange sich zu beteiligen. Aus diesem Grunde entwickelte sich bei diesen Völkern weniger ein kirchlicher Volksgesang in der Landessprache.“ Man höre und staune: Das Volk hat sich „am öffentlichen Kirchengesange“ beteiligt! Und wir dachten, der geistliche Gesang sei bis „zu Luthers Zeiten“ „lediglich den Priestern und dem Chor vorbehalten geblieben“. „Die Glaubensboten, welche in Deutschland das Evangelium verkündigten, führten mit der römischen Liturgie auch den gregorianischen Choralgesang ein. Das Volk, welches durch Belehrung in den Geist der Liturgie eingeführt wurde, verhielt sich anfangs mehr zuhörend, während die Sänger, welche den lateinischen Choralgesang vorzutragen hatten, manche Schwierigkeiten überwinden mußten.“ Das Lexikon zitiert den berühmten Satz des Diakon Johannes, welcher berichtet: „Die widerspenstigen Stimmen der Deutschen brachten nur Töne hervor, welche dem Gepolter eines von der Höhe herunterrollenden Lastwagens ähnlich waren“ (Vita S. Gregorii c. 6). Man kann sich vorstellen, wie „erbaulich“ ein solcher Gesang geklungen haben mag.

„Allmählich lernten jedoch die Deutschen den lateinischen Gesang, und nachdem sie die Elemente christlichen Glaubens und christlicher Sitte in sich aufgenommen und mit ihrem ganzen Gemüte erfaßt hatten, fühlten sie den unwiderstehlichen Drang in sich, das, was sie im tiefsten Grunde des Herzens empfunden, im Gesange zum lebendigen, seelenvollen Ausdruck gelangen zu lassen“ (a.a.O. Sp. 601). Alles andere wäre wohl auch unnormal. „Karl der Große, der diesem Bedürfnisse des Volkes Rechnung tragen wollte, verordnete durch ein Capitular vom Jahre 789, daß das Volk die Doxologie Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto etc. singen und der Priester mit dem Volke in das Sanctus der Engel einstimmen solle. Ludwig II. wies im Jahre 856 dem Volke den Responsoriengesang zu.“ Das war schon recht „demokratisch“!

„Ob diese Verordnungen befolgt worden sind, ist nicht zu ermitteln“, fährt das „Kirchenlexikon“ fort, „wohl wissen wir, daß die beiden Worte ‚Kyrie eleis‘ es waren, welche in Ermangelung von Liedern in der Muttersprache vom Volke dazu benutzt wurden, seine religiösen Gefühle im Gesange kund zu geben. Auf den Silben dieser beiden Worte wurden lange ‚Jubilationen‘ gesungen, ähnlich wie auf dem Alleluja nach dem Graduale.“ Auf ähnliche Weise sind übrigens die Sequenzen entstanden, die im Mittelalter sehr zahlreich waren und die wir teilweise heute noch in der Liturgie finden (z.B. ‚Stabat Mater‘ oder ‚Dies irae‘). „Nicht nur beim Gottesdienste (z.B. nach der Predigt) und bei Prozessionen, sondern auch außerhalb der Kirche, bei allen möglichen Veranlassungen bediente man sich dieses Rufes. Vielfach artete er jedoch in einen unverständlichen Jubel aus, so daß die Statuten von Salzburg vorschreiben mußten: ‚Das Volk soll lernen Kyrie eleison singen und zwar nicht so ungeschlacht wie bisher, sondern besser.‘“ Vermutlich war dieser Gesang allzu sehr dem Jodeln ähnlich geraten, zumal in den Alpenländern.

3. Aus diesen Jubellauten entwickelten sich nun kirchliche Gesänge. „Nach der Mitte des 9. Jahrhunderts kam man auf den Gedanken, diesen volkstümlich gewordenen Kyrieleis-Melodien deutsche Texte unterzulegen, ähnlich wie Notker es mit seinen Sequenzen machte. Auf diese Weise entstanden die ersten deutschen Kirchengesänge, welche man, weil am Schlusse der Strophen das ‚Kyrieleis‘ beibehalten wurde, Leisen nannte.“ Das war jedenfalls lange vor Luther. „Das Kirchenlied gelangte zu dieser Zeit zu einer so bedeutenden Entwicklung, daß der Propst Gerhoch von Reichersberg (gest. 1169) schreiben konnte: ‚Das ganze Volk jubelt das Lob des Heilandes auch in Liedern der Volkssprache; am meisten ist dies unter den Deutschen der Fall, deren Sprache zu wohltönenden Liedern besonders geeignet ist‘“ (a.a.O. Sp. 602).

„Als im 13. Jahrhundert die deutsche Poesie in schönster Blüte prangte, und das Rittertum sich zum Träger einer besonderen Art von Gesängen, der ‚Minnelieder‘, gemacht hatte, entstanden auch mancherlei innig empfundene religiöse Poesien, namentlich Marienlieder, gingen aber ebenso wie die späteren Lieder der Meistersinger nur vereinzelt in den kirchlichen Gebrauch über. Auf den strophischen Bau des Kirchenliedes sind jedoch diese dichterischen Erzeugnisse nicht ohne Einfluß geblieben“ (ebd.). „Die Erweiterung der Liturgie durch neue Feste (Dreifaltigkeit, Fronleichnam), ferner das im 14. Jahrhundert immer mehr in Schwung kommende religiöse Schauspiel (Weihnachts-, Oster- und Passionsspiele, Marienklage) beförderten den geistlichen Volksgesang in der Muttersprache. Zwar war bei diesen Aufführungen anfangs die lateinische Sprache die herrschende, aber bald wurden dem Volke zuliebe deutsche Lieder eingeschaltet. Neue Bereicherungen erhielt das Kirchenlied aus den Übersetzungen lateinischer Hymnen, wie sie der Mönch von Salzburg im 14. Jahrhundert anfertigte…“ (a.a.O. Sp. 602 f) „Oft wurde in diesen Übersetzungen der lateinische Text neben den deutschen gesetzt … oder das Latein wurde mit Deutsch untermischt“ (a.a.O. Sp. 603), wie dies etwa bei „In dulci jubilo“ geschah, das wir heute noch kennen und singen.

„Im 15. Jahrhundert war die Erfindung der Buchdruckerkunst der Vervielfältigung und Verbreitung der Kirchenlieder sehr günstig, noch günstiger zu Anfang des 16. Jahrhunderts die Erfindung des Notendruckes mit beweglichen Typen. Viele Kirchenlieder erschienen jetzt im Druck auf einzelnen Blättern (…), sodann in Gebetbüchern (…), als Anhang zu Agenden und Plenarien, in weltlichen Liederbüchern und besonderen Sammlungen“ (a.a.O. Sp. 603 f). Das war die Situation, die Luther vorfand und sich zunutze machte.

4. Allerdings war der „lateinische gregorianische Choralgesang … während des ganzen Mittelalters auch in Deutschland der einzige liturgische Gesang der katholischen Kirche“ (Sp. 604). „Auf den Provinzial- und Diözesansynoden ist nur von diesem die Rede. Die Bischöfe wachten mit großer Sorgfalt über die Reinerhaltung desselben und suchten alles Fremdartige und Neue von ihm fernzuhalten. Die Synode von Eichstätt (1446) verbietet, im Hochamte die lateinischen Gesänge abzukürzen und Lieder in der Volkssprache einzuschieben. Das Baseler Konzil rügt in der 21. Sitzung (1435) den Mißbrauch, daß während des feierlichen Hochamtes Lieder in der Volkssprache gesungen würden. Ebenso wird untersagt, die vom Priester angestimmten lateinischen Gesänge nicht ganz auszusingen oder gar auszulassen. Eine Synode zu Schwerin (1492) bestimmt ebenfalls, daß alle lateinischen Meßgesänge den Beschlüssen der heiligen Canones gemäß von Anfang bis zu Ende ausgesungen werden sollen, ohne daß etwas ausgelassen, gekürzt oder beschnitten werde, und ohne daß die im Chor anwesenden Geistlichen ein anderes Responsorium oder ein Lied in der Volkssprache anstatt der genannten Gesänge sängen bzw. von der Orgel allein spielen ließen. Ähnlich lauten die Beschlüsse der Synode von Basel 1503 und Köln 1536“ (a.a.O. Sp. 604 f). Das ist das „exklusive Gesetz“ und „Ausschlussverfahren“, von welchem Hilger oben sprach. Dem hatte ja nach seiner Meinung Luther „ein demokratischeres Verständnis des Singens entgegensetzt“, indem er das Volk im Gottesdienst nicht zuletzt dank seiner deutschen Lieder mitsingen ließ.

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