Das deutsche Kirchenlied

Doch lesen wir weiter: „Neben diesem liturgischen Gesange kam aber auch das deutsche Lied in der Kirche selbst zur Geltung, nicht bloß bei den dramatischen Aufführungen, welche an den höchsten Festtagen innerhalb der Kirche stattfanden, sondern auch während des Gottesdienstes, und zwar in Verbindung mit den Sequenzen nach dem Graduale, dann beim Liede vor und nach der Predigt; selbstverständlich außerhalb der Kirche bei den Prozessionen und Bittfahrten“ (Sp. 605). Die Augsburger Synoden von 1567 und 1610 bestimmen: „Die alten katholischen Lieder in der Volkssprache, besonders diejenigen, welche unsere Vorfahren an größeren Festen gesungen haben, gestatten wir dem Volke und billigen es, daß sie in den Kirchen und bei Prozessionen gesungen werden“ (ebd.).

Das Kirchenlexikon stellt fest: „Luther fand also das deutsche Kirchenlied vor und ist nicht, wie irrtümlich angenommen wird, der Schöpfer oder Vater desselben“ (ebd.), was er übrigens selber auch nie behauptet hat. „Luther erhob nur den vor seiner Zeit mehr geduldeten außerliturgischen deutschen Kirchengesang allmählich zum liturgischen Gesang der lutherischen Gemeinden, ohne jedoch den lateinischen Gesang ganz abzuschaffen. Auch benutzte er das deutsche Kirchenlied als Mittel zur Verbreitung seiner Lehre. Die Augsburger Confession bemerkt in Bezug auf den letztern Punkt, es sei eine merkliche Änderung, daß an etlichen Orten deutsche Gesänge neben dem lateinischen Gesange in der Messe gesungen wurden, um damit das Volk zu lehren und zu üben“ (ebd.). Wie Hilger es ausdrückte, Luther hat sich ans Werk gemacht, „um die Liturgie der Messe dem veränderten Verständnis der Sakramente sowie der mündigeren Rolle der Gemeinde anzupassen – und zugleich neue Lieder für die neue Zeit zu schreiben und zu sammeln“.

5. Wie ging es nach der „Reformation“ mit dem katholischen Kirchenlied weiter? „Im Jahre 1524 erschienen zuerst protestantische Gesangbücher, und seitdem folgten neue rasch von Jahr zu Jahr. Bei der großen Sangeslust der damaligen Zeit kamen solche auch in die Hände vieler Katholiken, welche sich in die neue Lehre hineinsangen, ohne es zu wissen“ (ebd.). Das protestantische Kirchenlied hat viel dazu beigetragen, protestantisches Gedankengut in die katholische Kirche hineinzutragen. Die „Einheitslieder“ waren Vorläufer der Ökumenismus. „Deshalb sann man katholischerseits auf Gegenmittel; man sammelte alte und neue Lieder und setzte den lutherischen Gesangbüchern katholische zur Seite. Das erste katholische Gesangbuch erschien im Jahr 1537 und ist herausgegeben von dem Stiftspropste Michael Vehe in Halle“ (ebd.).

Vom Schlag der „Reformation“ konnte sich das Kirchenlied allerdings nicht mehr erholen. „Die Pflege der deutschen Sprache und Reimkunst, welche durch die schlesische Dichterschule ins Leben gerufen wurde, blieb nicht ohne Einfluß auf die Gestaltung des Kirchenliedes. Zwar behielten nach Corners Zeit die meisten Gesangbücher bis in das 18. Jahrhundert hinein einen Kern von alten Liedern bei, zu diesen gesellten sich aber mehr und mehr neue Lieder. Je zahlreicher diese wurden, desto weniger Platz gönnte man den alten Lieder. Friedrich von Spee publizierte in seiner ‚Trutznachtigall‘ und auch im ‚Güldenen Tugendbuch‘ 1649 eine Anzahl herrlicher Lieder, die aber mehr den Charakter subjektiver Empfindung als gemeinschaftlicher Erbauung tragen. Ähnlich verhält es sich mit den Liedern der ‚Heiligen Seelenlust‘ von Angelus Silesius, 1657“ (Sp. 607). Der Protestantismus hatte schon seine Spuren hinterlassen in der mehr subjektiven „devotio moderna“.

„Die Melodien des alten Kirchenliedes lehnten sich in ihrem Bau an den gregorianischen Choral an, aber schon in Corners großem Gesangbuche, 1631, und noch mehr in dessen ‚Geistlicher Nachtigall‘, 1649, macht sich eine Wendung durch Aufnahme von Melodien, ‚die etwas frisch und weltlich lauten‘, bemerkbar. Die Melodien zu den geistlichen Hirtenliedern des Angelus Silesius, 1657, von Georgius Josephus, werden in der Vorrede als ‚ausbündig schön‘ bezeichnet und die in den ‚Harpffen Davids‘, 1659, als ‚anziehend und angenehm‘. Je mehr man den Choralstil aufgab, desto mehr näherten sich die Melodien der galanten Schreibweise der figurierten Musik bzw. der Arie. Das Mainzer Gesangbuch, 1661, Brauns Echo, 1675, und das Münster‘sche Gesangbuch, 1677, weisen schon verbesserte Melodien und Texte auf“ (Sp. 608).

„Im 18. Jahrhundert erlebten noch viele ältere Gesangbücher veränderte und vermehrte Auflagen. … Sie enthalten das Beste, was in diesem Jahrhundert an Liedern hervorgebracht worden ist. … Um die Mitte des 18. Jahrhunderts trat plötzlich an verschiedenen Orten der vollständige Bruch mit der Tradition ein. Infolge der Richtung, welche die schlesische Dichterschule in der Poesie eingeschlagen hatte, erlitten die Kirchenlieder eine bedeutende Veränderung nach Sprache und Inhalt. Viele alte Lieder, als im Texte anstößig oder schlecht gereimt, wurden abgeschafft und neue an deren Stelle gesetzt“ (Sp. 609).

„An Gesangbüchern ist von jetzt ab kein Mangel, aber die meisten haben fade Texte und seichte Melodien. Kein Wunder! War doch längst die Instrumentalmusik, auf den neuen Tonarten Dur und Moll fußend, in die Kirche eingezogen und mit ihr die Form der Arien und des Menuetts. Wenn Messen im glänzenden Opernstil aufgeführt wurden, um so durch äußeren Prunk die innere Glaubenslosigkeit zu maskieren, wie konnte es da um den deutschen Kirchengesang anders stehen, namentlich als auch noch der Josephinismus mit dem Streben nach einer deutschen Nationalkirche seinen Einfluß geltend machte“ (Sp. 611).

6. „Als nach den Befreiungskriegen das Glaubensleben neu erwachte, machte sich unter dem Einflusse der romantischen Dichterschule auch auf dem Gebiete des katholischen Kirchenliedes eine Reaktion geltend. Man suchte zunächst das alte Erbe, die schönen, längst verklungenen Lieder der Vorzeit wieder auf. Auf katholischer Seite stand an der Spitze Clemens Brentano. Wie er durch seine, in Gemeinschaft mit Achim von Arnim herausgegebene Sammlung älterer (weltlicher und geistlicher) Volkslieder, genannt ‚Des Knaben Wunderhorn‘, das allgemeine Interesse für das alte Volkslied wieder wachzurufen suchte, so dichtete er auch selbst im alten Geiste seine geistlichen Lieder. Sie sind ‚kein modernes, christlich geschminktes Geklimper‘, sondern der vollendete Ausdruck eines tief religiösen Gemütes in echt lyrischer Sprachweise. Ihm schließen sich an Joseph Freiherr von Eichendorff, Guido Görres, Eduard von Schenk, Fürstbischof Melchior von Diepenbrock, Wilhelm Smets“ und viele andere (Sp. 612). „‚Im Allgemeinen‘, sagt Lindemann, ‚erscheint die neuere geistliche Dichtung noch zu subjektiv, nicht selten auch zu kraus und formlos, als daß sie den Weg zum echten Kirchenliede finden könnte‘“ (ebd.).

„Das Bestreben der neueren Zeit [Ende des 19. Jahrhunderts, als das Kirchenlexikon geschrieben wurde] geht überhaupt dahin, die alten kräftigen, an den lateinischen Choral sich anlehnenden Lieder unserer Vorfahren, welche den Glaubensinhalt mit einer so unbeschreiblichen Fülle und Kraft ausdrücken und die Seele so tief bewegen, wieder hervorzuholen. … Sowohl in Bezug auf den Text als auch die Melodie und Harmonie knüpft man an die Tradition wieder an und baut auf dem alten Fundamente weiter auf“ (Sp. 612 f). Parallel dazu verliefen die Bemühungen um Wiederherstellung des Gregorianischen Chorals, wobei sich die Benediktiner von Solesmes besonders hervortaten. In Deutschland war es der „Cäcilianismus“, benannt nach der heiligen Cäcilia, der Patronin der Kirchenmusik, welcher sich um die Restauration der Kirchenmusik bemühte. 1868 wurde in Bamberg der Allgemeine Cäcilien-Verband für Deutschland gegründet, der 1870 von Papst Pius IX. approbiert wurde. „Wikipedia“: „1870 erhielt er die Approbation durch Papst Pius IX. In dem Breve Multum ad movendos animos vom 16. Dezember 1870 ist nicht nur der Name des Verbandes festgelegt – Associatio sub titulo Sanctae Caeciliae pro universis Germanicae linguis Terris (‚Allgemeiner Cäcilien-Verband für die Länder der deutschen Sprache‘) –, sondern auch seine internationale Zusammensetzung und seine kirchenrechtliche Stellung. Diese päpstliche Approbation wurde durch die Bestellung von Kardinalprotektoren ergänzt, die eine Aufsichts- und Vermittlerfunktion zwischen Verband und dem Heilgen Stuhl einnahmen.“

Am Fest der heiligen Cäcilia, dem 22. November 1903, veröffentlichte der heilige Papst Pius X. sein „Gesetzbuch der Kirchenmusik“, das Motu proprio „Tra le Sollecitudini“. Darin stellt der heilige Papst folgenden Grundsatz auf: „Die Kirchenmusik muss in höchstem Maße die besonderen Eigenschaften der Liturgie besitzen, nämlich die Heiligkeit und die Güte der Form; daraus erwächst von selbst ein weiteres Merkmal, die Allgemeinheit. Diese Eigenschaften finden sich in höchstem Maße im Gregorianischen Choral, besitzt in vorzüglichem Maße auch die klassische Polyphonie. Eine Kirchenkomposition ist um so heiliger und liturgischer, je mehr sie sich in Verlauf, Eingebung und Geschmack der gregorianischen Melodik nähert; und sie ist umso weniger des Gotteshauses würdig, als sie sich von diesem höchsten Vorbild entfernt.“ Er fordert die Wiederherstellung des Gregorianischen Chorals, insbesondere seine Wiedereinführung in den Kirchen und Basiliken und „beim Volk“. Kirchenkomponisten sollen sich den Gregoriansichen Choral als Muster und Vorbild nehmen, als „ungeeignet empfand der Papst den italienischen Opernstil jener Zeit und einen weltlich modernen Stil“ (Wikipedia). „Er verband nun die Elemente der Kirchenmusik an die Anforderungen der Liturgie, die Kirchensprache sei lateinisch und deshalb verbiete sich im Gottesdienst der Gesang in der Volkssprache“ (ebd.).

7. Leider gerieten all diese positiven Ansätze und Wegweisungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereits wieder auf Abwege, als die „Liturgische Bewegung“ sich ihrer annahm, allerdings mehr im Sinne Luthers mit seinem „veränderten Verständnis der Sakramente sowie der mündigeren Rolle der Gemeinde“, und sie schließlich zu den falschen „Reformen“ des „II. Vatikanums“ führte. Doch das soll hier nicht unser Thema sein, wenden wir uns vielmehr noch einmal der „liturgischen Stellung des katholischen deutschen Kirchenlieds nach der Reformation“ zu, wie das „Kirchenlexikon“ sie uns darstellt. „Infolge der Reformation nahm auf katholischer Seite das deutsche Kirchenlied einen großartigen Aufschwung“, heißt es dort (Sp. 613), „den immer zahlreicher erscheinenden protestantischen Gesangbüchern wurden katholische zur Seite gestellt. Die liturgische Stellung des alten gregorianischen Kirchengesangs wurde aber dadurch nicht alteriert. Die katholische Kirche Deutschlands hielt auch nach der Reformation am hergebrachten lateinischen Choralgesang fest; dieser blieb der offizielle liturgische Kirchengesang“ (ebd.). An dieser Tradition hat sich also nie etwas geändert, weshalb sie auch als unveränderlich anzusehen ist.

„Dagegen wurde das deutsche Kirchenlied in einzelnen Diözesen (z.B. Mainz, Münster) in einem größeren Umfange, als es bisher üblich gewesen war, zum Hauptgottesdienste zugelassen, jedoch ohne Beeinträchtigung des lateinischen Choralgesanges. Beim Offertorium, nach der Wandlung und während der Spendung der Kommunion ließ sich ein deutsches Lied einschieben, ohne daß vom lateinischen Gesang etwas wegfiel. Wenn einzelne Bischöfe es gestatteten, anstatt des lateinischen Chorals deutsche Lieder zu singen, so geschah das notgedrungen mit Rücksicht auf den Mangel an Sängern, namentlich auf dem Lande; andererseits mag es eine Konzession gewesen sein für Gegenden mit gemischter Konfession, um denen, die zur katholischen Kirche zurückkehren wollten und ‚zuvor des verführerischen Singens gewohnt gewesen‘, den Rücktritt nicht zu erschweren. Nahm so das deutsche Kirchenlied im liturgischen Gottesdienste, für welchen die Kirche den lateinischen Choral vorgeschrieben hat, nur eine exzeptionelle Stellung ein, so konnte es sich desto freier und selbständiger entfalten im außerliturgischen Gottesdienste, im Leseamte, bei der Predigt und Christenlehre, bei Bruderschaftsandachten, Prozessionen und allen kirchlichen Übungen, die nicht streng zur Liturgie gehören“ (ebd.).