Vergessenes Dogma

von antimodernist2014

1. Unsere papstlose Zeit bringt es mit sich, daß die Gläubigen schutzlos Irrlehren gegenüberstehen, bisweilen solchen, die eigentlich schon lange als geklärt und abgetan gelten sollten. Der Ausfall der Autoritäten hat sie verunsichert, sie trauen im Grunde nur noch ihrem eigenen Urteil, und so fallen sie auf manche Irrtümer herein, vor allem, wenn diese ihnen recht „streng katholisch“ erscheinen. Der Modernismus hat alles aufgeweicht, darum sucht man wieder nach Konturen, und je schärfer die Konturen, desto „katholischer“.

2. Ein solcher Irrtum, welcher derzeit bevorzugt in „Sedisvakantisten“-Kreisen fröhlich Urständ feiert, ist der der „Feeneyiten“. Er geht zurück auf Leonard Feeney (1897 bis 1978), einen amerikanischen Priester und Jesuiten. „Sein Lebenswerk war die Verteidigung des Dogmas vom exklusiven Heilsanspruch der Kirche, was seit Cyprian von Karthago mit der Formel extra Ecclesiam nulla salus zum Ausdruck gebracht wird; dies führte zur zeitweiligen Exkommunikation“, faßt „Wikipedia“ zusammen. „Feeney war lange Zeit, auch wegen seines literarischen Werks, einer der bekanntesten katholischen Priester der USA.“

Wir folgen weiter dem „Online“-Lexikon, um näheres zu erfahren. Demnach trat Feeney 1914 in den Jesuiten-Orden ein und empfing 1928 die Priesterweihe. „Schnell wurde er ein bekannter Autor, der z.B. das in der damaligen Zeit unter Katholiken in den USA weitverbreitete Buch ‚Fish on Fridays‘ schrieb, und Feuilletonredakteur der amerikanischen jesuitischen Zeitschrift ‚America‘. In den dreißiger Jahren war er einer der bekanntesten und beliebtesten katholischen Priester der USA, so äußerte z.B. Bischof Fulton Sheen er würde sich in seiner Radiosendung nur durch Pater Feeney vertreten lassen.“ 1942 nahm sein Leben eine entscheidende Wendung, denn er wurde „mit Erlaubnis seiner Ordensoberen der spirituelle Begleiter des Saint Benedict Center, eines katholischen Studentenzentrums an der Universität Harvard, das zwei Jahre zuvor von Catherine Goddard Clarke gegründet worden war“. „Während es sich anfangs um eine Nebentätigkeit handelte, wurde daraus schon 1945, wiederum mit Erlaubnis seiner Oberen, eine Vollzeitaufgabe. In der relativ kurzen Zeit, in der Pater Feeney das Zentrum regulär leitete, konvertierten mehrere hundert Harvard-Studenten und -Lehrer durch ihn zum Katholizismus. Bekanntestes Mitglied des Saint Benedict Center war damals Avery Dulles, später Kardinal.“

Zweifellos war Father Feeney ein seeleneifriger Priester und ausgezeichneter Seelsorger. Früh erkannte er auch einen „Verfall des Katholizismus“, besonders in Amerika, der „auf ein ‚vergessenes Dogma‘ zurückzuführen sei, das zu finden er sich zur Aufgabe machte“. „Zwei Jahre später, im Juli 1947 schließlich verkündete er, das ‚vergessene Dogma‘ gefunden zu haben, das Dogma Extra ecclesiam nulla salus (‚außerhalb der Kirche kein Heil‘). Dabei legte er eine äußerst rigoristische Auslegung dieses Dogmas vor und lehrte, dass jeder, der nicht getauftes Mitglied der Römisch-Katholischen Kirche sei, zur Höllenstrafe verurteilt sei. Auch die von vielen Heiligen gelehrten Konzepte der Begierdetaufe und Bluttaufe lehnte er ab, betonte aber, dass dies nur seine persönliche Meinung sei.“ Wie bei so vielen Irrtümern liegt auch hier am Grund eine tiefe Wahrheit. Tatsächlich haben Liberalismus, Modernismus und Ökumenismus das Dogma von der Heilsnotwendigkeit der Kirche verdrängt und in Vergessenheit geraten lassen. Feeney überzog freilich in der Auslegung dieses Dogmas, und, wie bei so vielen anderen Irrlehrern, nahm er das, was er zwar „nur seine persönliche Meinung“ nannte, dann doch für mehr als das eigentliche Dogma.

Seine Oberen hatten ihn vom Saint Benedict Center abgezogen, nachdem er dort Jünger seiner Lehre um sich geschart hatte, und nach Massachusetts versetzt. „Nur kurz danach überzeugten ihn jedoch extra angereiste Mitglieder des Saint Benedict Center zurückzukehren. Nach seiner Rückkehr gründete er die Mancipia Immaculati Cordis Mariae (Slaves of the Immaculate Heart of Mary / Sklaven des unbefleckten Herzens Mariens), die er als ‚meinen Orden‘ bezeichnete, der zur Verteidigung und Verbreitung des von ihm ‚wiederentdeckten Dogmas‘ dienen sollte. Gleichzeitig legte er selbst den jesuitischen Ordenskürzel SJ ab und ersetzte ihn durch MICM. Der Orden hatte jedoch keinerlei kirchenrechtliche Form, und viele Mitglieder, vormals Mitglieder des Saint Benedict Center, waren verheiratet und hatten Kinder, was klar gegen kanonisches Recht verstößt. Man entschied sich zum gemeinsamen Aufziehen der Kinder, was die Mancipia eher in die Nähe einer Sekte als eines Katholischen Ordens rückte.“

Soweit nimmt alles den typischen Verlauf, auch in der weiteren Folge: „Da Pater Feeney auch weiterhin allen Anweisungen seiner Oberen ungehorsam war, wurde ihm am 31. Dezember 1948 die Beichterlaubnis entzogen, am 18. April 1949 wurde er suspendiert und allen Katholiken wurde verboten an Aktivitäten des Saint Benedict Center teilzunehmen. Nachdem er bereits am 10. Oktober 1949 aus dem Jesuitenorden ausgeschlossen worden war, weigerte sich Leonard Feeney in der Folgezeit mehrfach seiner Vorladung vor das Heilige Offizium in Rom Folge zu leisten und schrieb sogar einen Brief an Papst Pius XII., in dem er dieses der Häresie anklagte. Schließlich wurde er am 13. Februar 1953 wegen seiner fortgesetzten Weigerung vor dem Heiligen Offizium zu erscheinen, von ebendiesem mit Zustimmung des Papstes exkommuniziert. Die meisten Mitglieder der Mancipia folgten ihm jedoch auch nach diesem Schritt weiterhin. 1957 verkauften Pater Feeney und seine Anhänger alle Häuser in Cambridge und zogen auf das Land nach Still River, wo sie, ehemalige Harvardstudenten, ein landwirtschaftlich geprägtes Leben anfingen.“

Erst der „Liebeskirche“ des „II. Vatikanums“ war es vorbehalten, die verfahrene Situation zu entwirren. 1972 wurde die Exkommunikation Pater Feeneys aufgehoben, „ohne dass er einer seiner Lehren abschwören musste“. In der Menschenmachwerkskirche ist eben Platz für alle Irrtümer. „Zusammen mit ihm begann ein Teil des Saint Benedict Center eine kanonische Struktur anzunehmen und ist heute eine anerkannte benediktinische Abtei.“ Der heutige Stand ist dieser: „Während ein Teil des Saint Benedict Center sich schon 1974 um eine kanonische Struktur bemühte, 1987 zum benediktinischen Priorat und 1993 zur Abtei erhoben wurde, widersetzte sich ein anderer Teil diesem Vorgehen, da sie die nachkonziliare Liturgiereform ablehnten. Von diesen wurde wiederum ein Teil nach dem päpstlichen Motu Proprio Ecclesia Dei regularisiert, so dass es heute auf diözesaner Ebene tatsächlich einen anerkannten Orden namens Mancipia Immaculati Cordis Mariae gibt. Ein anderer Teil wiederum lebt in anderen Diözesen ohne Anerkennung, allerdings auch ohne Zensuren von kirchlicher Seite. Alle drei Gruppierungen halten nach wie vor an der rigoristischen Auslegung des Extra Ecclesiam Nulla Salus fest. Insbesondere die ersten beiden Gruppen gelten, wenn man die Situation in den 50er und 60er Jahren bedenkt, als Beispiele gelungener Reintegration sektiererischer Tendenzen in die Kirche.“ Ein beachtenswertes Vorbild für die derzeitigen Bemühungen um Integration der „Piusbruderschaft“, ohne Frage. „Ansonsten ist das Wirken Pater Feeneys, dessen Exkommunikation aufgrund seiner Bekanntheit für großes Aufsehen gesorgt hatte, außerhalb von traditionalistischen Kreisen in Amerika, wo die Anhänger der Theologie Feeneys oft für hitzige Diskussionen sorgen, größtenteils in Vergessenheit geraten.“

3. Soweit „Wikipedia“. Leider sind die „Feeneyiten“ nicht nur in Amerika nicht ausgestorben, sondern finden neuerdings auch in Europa, namentlich in „sedisvakantistischen“ Kreisen, fruchtbaren Boden. Wie wir schon angedeutet haben: Gerade die Aufweichung des Dogmas von der Heilsnotwendigkeit der Taufe und der Zugehörigkeit zur katholischen Kirche durch den Liberalismus, Modernismus und Ökumenismus verleitet dazu, gewissermaßen als „agere contra“ auf der anderen Seite das Dogma zu schärfen und ungebührlich zuzuspitzen. Die These Leonard Feeneys, daß keiner gerettet werden könne, der nicht die Wassertaufe empfangen habe und in äußerlicher Zugehörigkeit zur römisch-katholischen Kirche gestorben sei, erscheint da sehr verlockend.

Doch wie sieht die katholische Lehre wirklich aus? Im Katechismus des heiligen Pius X. lesen wir: „Ist die Taufe notwendig, um sich zu retten? – Die Taufe ist unbedingt notwendig, um sich zu retten, denn der Herr hat ausdrücklich gesagt: ‚Wenn jemand nicht wiedergeboren wird aus dem Wasser und dem Heiligen Geist, so kann er in das Reich Gottes nicht eingehen‘ (Joh 3,5)“ (Frage 566). Die nächste Frage lautet: „Kann man den Mangel der Taufe irgendwie ersetzen?“ Die Antwort: „Den Mangel der Taufe kann das Martyrium ersetzen, das Bluttaufe heißt, oder ein Akt der vollkommenen Liebe zu Gott oder der Reue, verbunden mit dem wenigstens eingeschlossenen Verlangen nach der Taufe; dies heißt Begierdetaufe.“

In Nr. 169 wird gefragt: „Kann sich jemand außerhalb der katholischen, apostolischen, römischen Kirche retten?“, und geantwortet: „Nein, außerhalb der katholischen, apostolischen, römischen Kirche kann sich niemand retten, wie sich auch niemand außerhalb der Arche Noahs, die ein Vorbild dieser Kirche war, vor der Sintflut retten konnte.“ Jedoch auf die Frage: „Könnte aber jemand, der sich ohne seine Schuld außerhalb der Kirche befindet, gerettet werden?“ hören wir die Antwort: „Wer sich ohne seine Schuld, das heißt im guten Glauben, außerhalb der Kirche befindet und die Taufe empfangen oder unausgesprochen wenigstens das Verlangen darnach hat, wer außerdem aufrichtig die Wahrheit sucht und den Willen Gottes erfüllt, so gut er kann, der ist, wenn auch getrennt vom Leib der Kirche, dennoch mit ihrer Seele vereinigt und daher auf dem Wege des Heils.“

4. Damit ist, so sollte man meinen, die katholische Lehre über diesen Punkt klar und ausreichend dargelegt. In der heutigen Verwirrung jedoch gibt es Gläubige, die selbst am heiligen Pius X. zweifeln oder doch den Verdacht haben, sein Katechismus sei gefälscht worden (zumal die Version, aus der wir zitiert haben, von der „Piusbruderschaft“ herausgegeben worden ist). Darum wollen wir noch zwei weitere, zuverlässige Zeugen der – wahren – katholischen Tradition hören. In Wetzer und Welte‘s Kirchenlexikon (2. Auflage, Freiburg 1899) schlagen wir nach unter dem Stichwort „Taufe“. Über die Notwendigkeit der Taufe heißt es dort: „Nach der Promulgation des Evangeliums ist die Taufe in re oder in voto [tatsächlich oder dem Verlangen nach] zur Seligkeit notwendig necessitate medii [als notwendiges Mittel] (Trid. Sess. VI, c. 4, Denz. 678). Für diejenigen also, welche ein opus operantis [selbständiges Werk] nicht vollziehen und ein votum sacramenti [Verlangen nach dem Sakrament] nicht erwecken können [z.B. kleine Kinder vor dem Vernunftgebrauch], ist der wirkliche Empfang der Taufe das unerläßliche Mittel, um zur rechtfertigenden Gnade zu gelangen. Das positive Gebot ferner (necessitas praecepti), welches in der necessitas medii schon enthalten und im Taufbefehl ausgesprochen ist, verpflichtet diejenigen, welche, des Vernunftgebrauches fähig, dieses Gebot zu erfüllen im Stande sind“ (Bd. 11, Sp. 1271). Das scheint uns ausreichend streng. Wer ohne Vernunftgebrauch ist, gelangt ohne Wassertaufe nicht in den Stand der heiligmachenden Gnade, und wer den Vernunftgebrauch hat, ist verpflichtet, die Wassertaufe zu empfangen, sofern er dazu imstande ist. „Von diesem Gebote entbindet deshalb weder das bevorstehende Martyrium, noch die durch vollkommene Liebe oder Reue schon erlangte Gnade der Rechtfertigung, sondern nur die Unmöglichkeit“ (ebd.).

Das Lexikon fährt fort: „Die absolute Notwendigkeit der Taufe ist ausgesprochen in den Worten des Herrn Joh. 3,5 und wird in der Tradition von Anfang an auf das Klarste bezeugt und besonders im Kampfe gegen die Pelagianer auf das Nachdrücklichste betont. Der hl. Augustinus bezeichnet die Behauptung, die ohne die Taufe sterbenden Kinder könnten die Nachlassung der Erbsünde und das Leben in Christus erhalten, als gegen die apostolische Überlieferung und gegen den katholischen Glauben. Die Ansicht des Vinc. Victor, der die Erbsünde zugab, aber doch den ungetauften Kindern das Himmelreich zusprach, hielt er für tadelnswerter selbst als die Lehre der Pelagianer, welche trotz der Leugnung der Erbsünde die Notwendigkeit der Taufe ‚für das Himmelreich‘ nicht zu leugnen wagten“ (a.a.O. Sp. 1271 f). Was hätte der heilige Augustinus zu einem Ratzinger gesagt, der als „Papst“ der Menschenmachwerkskirche des „II. Vatikanums“ den „limbus puerorum“ leugnete, jenen „Vorhölle“ genannten Ort, an welchen die Kinder gelangen, die vor Erlangung des Vernunftgebrauchs ungetauft sterben?

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