Vergessenes Dogma

Nach unserem Kirchenlexikon kann die Wassertaufe jedoch ersetzt werden „1. in Bezug auf den hauptsächlichsten Effekt, die Zuwendung der heiligmachenden Gnade, durch die Begierdetaufe (baptisma flaminis), d.h. durch den Akt der vollkommenen Liebe oder Reue und das in diesen Akten eingeschlossene votum sacramenti [Verlangen nach dem Sakrament]“ (a.a.O. Sp. 1273). Wir finden diese Begierdetaufe bereits in der Schrift des Pseudo-Cyprian De rebaptismate und beim heiligen Ambrosius. „Das Recht und die Kraft derselben ist vom Tridentinum anerkannt, indem die Lehrsätze, welche die Notwendigkeit der Sakramente und der Taufe aussprechen, stets die Begierde nach denselben als Ersatzmittel einschließen“ (ebd.). Das Konzil von Trient bestimmt in Sessio VI can. 4, daß die Rechtfertigung des Menschen als Übergang von jenem Stand der Erbsünde, in welchem der Mensch als Kind Adams zur Welt kommt, zum Stand der Gnade als Adoptivkind Gottes „post Evangelium promulgatum sine lavacro regenerationis aut eius voto fieri non potest“, nach Promulgation des Evangeliums ohne das Bad der Wiedergeburt, die Taufe, oder das Verlangen danach (aut eius voto) nicht geschehen kann (Dz. 796). Ebenso definiert der can. 4 der Sessio VII: „Wer sagt, die Sakramente des Neuen Bundes seien nicht zum Heil notwendig, sondern überflüssig, und die Menschen erlangten ohne sie oder den Wunsch nach ihnen [aut eorum voto] allein durch den Glauben von Gott die Gnade der Rechtfertigung – auch wenn sie nicht alle für jeden notwendig sind –: der sei mit dem Anathema belegt“ (Dz. 847; DS 1604). „Wenn einzelne Väter warnen, sich mit der Begierde nach der Taufe zu begnügen, so wollen sie die Taufpflicht betonen und den Aufschub der Taufe, der aus Bequemlichkeit oder sonst einem Grunde geschah, bekämpfen“, ergänzt das Kirchenlexikon (a.a.O.).

Außer durch die Begierdetaufe kann die Wassertaufe durch die Bluttaufe ersetzt werden. „2. Nach allen ihren Wirkungen, die Einprägung des Charakters ausgenommen, kann die Wassertaufe ersetzt werden durch die Bluttaufe (baptisma sanguninis), d.h. durch den Martertod“ (ebd.). Dafür zeugt das ganze christliche Altertum, von den Vätern u.a. Tertullian, Cyprian, Cyrill von Jerusalem und der heilige Augustinus. „Zum Beweise dienen Matth. 10,39. Luk. 9,24. Joh. 12,25. Die theologische Begründung gibt der hl. Thomas (S.th. 3, q. 66, a. 11 et 12)“ (ebd.). Es gehört schon etwas dazu, eine so klar bezeugte katholische Lehre zu bestreiten.

5. Trotzdem ziehen wir noch eine Dogmatik heran, und zwar die von J.B. Heinrich, fortgeführt durch Dr. Constantin Gutberlet, Bd. 9, Mainz 1901. Dort heißt es über die Notwendigkeit der Taufe: „Ist also die Taufe notwendig necessitate medii, so sind alle Menschen zu ihrem Empfange verpflichtet, kein Mensch kann ohne sie zur Seligkeit gelangen, auch diejenigen nicht, welche die Taufe nicht kennen oder sie nicht empfangen können. Diese Notwendigkeit erstreckt sich also auch auf die unmündigen Kinder, welche noch nicht zum Gebrauch der Vernunft gelangt sind“ (S. 342).

Weiter unten jedoch heißt es: „Wenn, wie wir gezeigt haben, die Wassertaufe von Christus als durchaus notwendiges Mittel zum Heil eingesetzt ist, so kann zwar der Mensch sie nicht umgehen: Gott selbst aber ist an diese seine Einrichtung nicht so gebunden, daß er außer diesem Mittel nicht auch auf anderen Wegen dem Menschen das Heil ermöglichen könnte. Seine universale Kausalität und absolute Unabhängigkeit in der Spendung der Gnaden ist nicht auf die Taufe, nicht einmal auf die Kirche eingeengt, sondern greift weit über dieselbe hinaus. Die Wirkungen des Leidens Christi brauchen nicht schlechthin durch die Sakramente vermittelt zu werden, es kann jemand auch durch eigene Tätigkeit auf den Empfang der Gnade sich vorbereiten, er kann durch heldenmütigen Tod für Christus mit dem Leiden Christi sich innigst einigen und so dessen Früchte genießen: es kann neben der Wassertaufe auch die Begierde- und Bluttaufe Geltung haben“ (S. 345 f). Die Dogmatik stützt sich dabei auf den heiligen Thomas von Aquin, der in seiner Summa (III q. 66 a. 11) schreibt: „Die Wassertaufe hat ihre Wirksamkeit vom Leiden Christi, welchem die Person durch die Taufe vereinigt wird, und außerdem als erste Ursache vom Heiligen Geist. Wenn auch die Wirkung von der ersten Ursache abhängt, so übersteigt doch die Ursache die Wirkung und hängt von ihr nicht ab. Und darum kann jemand außer der Wassertaufe die Wirkung des Sakramentes aus dem Leiden Christi erlangen, indem er sich dem leidenden Christus zuliebe mit diesem vereinigt.“

„Freilich können diese Mittel nur als außerordentliche Ersatzmittel für das regelrechte Gnadenmittel dienen“, betont die Dogmatik. „Damit der Wassertaufe ihre Bedeutung und Notwendigkeit gewahrt bleibe, muß jeder, der auf andere Weise die Rechtfertigung erlangen will, irgend welche Intention haben, die Taufe, wenn er kann, wirklich zu empfangen. Denn nur wenn er nicht in der Möglichkeit sich befindet, die Taufe wirklich zu empfangen, kann er von dem wirklichen Empfang entbunden sein; er muß also den ausdrücklichen oder doch einschließlichen Willen haben, das Sakrament, wenn er kann, wirklich zu empfangen. Das ist das votum sacramenti, welches das Konzil von Trient für die Erlangung der Rechtfertigung bei der Taufe wie bei der Buße verlangt … Begierde- und Bluttaufe heißen also nur uneigentlich Taufe, darum nämlich weil sie Wirkungen der Taufe haben, und zwar nur durch die innigste Beziehung zur Wassertaufe als deren Ersatz“ (a.a.O. S. 346).

Ferner gilt: „Begierde- und Bluttaufe sind nicht nur bloße Ersatzmittel für die sakramentale Taufe, sondern auch unvollkommene Ersatzmittel: sie mögen in Bezug auf Gnade der Wassertaufe gleichkommen, sie unter Umständen sogar übertreffen, aber sie können dieselbe nicht ersetzen in Bezug auf den Charakter und alles, was damit zusammenhängt; insbesondere verleihen sie keinen Anspruch auf den Empfang weiterer Sakramente“ (a.a.O. S. 346 f). Ja, es ist sogar so, daß ohne Wassertaufe der Empfang weiterer Sakramente gar nicht möglich und gültig wäre.

„Daß durch die Begierdetaufe die Rechtfertigung und das Heil erlangt werden kann, bedarf keines Beweises“, erläutert die Dogmatik, „man braucht bloß den Begriff derselben darzulegen. Man versteht darunter eine solche Disposition, durch welche nach der Natur der Sache und nach der Offenbarung die Rechtfertigung ipso facto erfolgt. Wer seine Sünden aus vollkommener Liebe Gottes bereut, der wird damit unfehlbar und mit einer gewissen inneren Notwendigkeit gerechtfertigt; denn die vollkommene Liebe bildet einen inneren Gegensatz zur Sünde“ (a.a.O. S. 347). Beispiele dafür finden wir nicht nur im Alten, sondern auch im Neuen Testament, so etwa die heilige Maria Magdalena und den Hauptmann Cornelius. Hinzu kommt freilich nach der Promulgation der Taufe, daß „niemand mehr ohne votum sacramenti gerechtfertigt wird“. „Dieses votum ist aber eigentlich schon in der Liebe enthalten: denn wer Gott über alles liebt, ist auch bereit, alles zu tun, was er zum Heile angeordnet hat. Wenn er also auch gar nichts von Taufe und Kirche wüßte, könnte ein Mensch mit vollkommener Liebe doch das erforderliche votum haben und also gerechtfertigt werden. Nun besteht aber gerade die Begierdetaufe in einer vollkommenen Liebe Gottes, in vollkommener Reue über die Sünden und dem Willen, wenn möglich die Taufe zu empfangen. Also kann und muß die Begierdetaufe die Rechtfertigung und das Heil erwirken“ (ebd.).

Als Traditionszeugen werden angeführt der heilige Ambrosius und der heilige Gregor von Nazianz. Der heilige Augustinus hat unter dem Eindruck des Pelagianismus in seinen „Retractationes“ seine „wohl überlegte“ Annahme vom Wert der Begierdetaufe aufgegeben. Dabei tut diese, „wie wir sahen, der Notwendigkeit der Wassertaufe nicht den mindesten Eintrag, oder man müßte dasselbe auch von der Bluttaufe sagen, zumal es sich bei dem reumütigen Schächer, auf den Augustin mit dem hl. Cyprian sich beruft, nicht um eine Bluttaufe, sondern lediglich um eine Begierdetaufe handeln kann. Denn derselbe vergoß sein Blut nicht für Christus, nicht zum Bekenntnis des Glaubens, sondern für sein Verbrechen. Wenn er also doch sofort ins Paradies gelangte, so hat dies nu sein starker Glaube und seine lebendige Reue bewirkt“ (a.a.O. S. 348).

Für das Lehramt wird Papst Innozenz III. genannt. Dieser „betrachtet die Gültigkeit der Begierdetaufe als eine selbstverständliche Sache, wenn er einem Juden, der sich selbst getauft, die Seligkeit zuspricht wegen seines Glaubens und dann ebenso einem Priester der ohne die Taufe die Weihe empfangen und so gestorben ist“ (a.a.O. S. 349). Außerdem erkennt auch, wie wir gesehen haben, das Konzil von Trient „die Begierdetaufe an, wenn es zur Rechtfertigung die entsprechende Vorbereitung mit dem votum oder propositum für hinreichend erklärt“ (ebd.).

„Mit der Geltung der Begierdetaufe ist die der Bluttaufe bereits nachgewiesen: reicht die Begierdetaufe zum Heile hin, dann a fortiori die Bluttaufe. Diese hat denn auch nie Bedenken im christlichen Altertum gefunden: seit den ersten Zeiten des Christentums ward ihr Wert anerkannt, so allgemein und zuversichtlich, daß, wie wir hörten, der hl. Ambrosius durch sie die Begierdetaufe zu rechtfertigen unternahm“ (ebd.). Die Bluttaufe steht jedoch über der Begierdetaufe: „Doch würden wir den hohen und wesentlichen Vorzug der Bluttaufe vor der Begierdetaufe mißkennen, wenn wir ihren Wert nur in eine vollkommene Tugendübung setzen wollten. Die Bluttaufe hat ihre spezifischen Eigenschaften, sie ist vor allem ein Zeugnis für die Wahrheit des Glaubens. Das ist ein entscheidender Grund für eine Wirksamkeit des Martyriums, die der des opus operatum der Sakramente nahe kommt, während die Begierdetaufe lediglich ex opere operantis wirkt. Die unmittelbare Aufnahme in den Himmel, also die Nachlassung auch aller zeitlichen Strafen, kann zwar die Begierdetaufe mit dem Martyrium und der Wassertaufe gemein haben, aber dies nicht immer und nur ex opere operantis: wenn nämlich der Katechumene eine so außerordentliche Liebe besitzt, daß sie auch zum unmittelbaren Eingang in die Seligkeit befähigt. Meist wird die Liebe der Begierdetaufe, wenn auch vollkommen, doch nicht so stark sein, um an diese ungewöhnliche Wirkung heranzureichen“ (a.a.O. S. 350).

Zwar steht die Bluttaufe „in Bezug auf die Wirksamkeit ex opere operato der Wassertaufe einigermaßen nach“, doch sind „einige Wirkungen jener viel vortrefflicher als die der Wassertaufe und um so mehr als die der Begierdetaufe“ (a.a.O. S. 354). „Freilich den Charakter kann nur die sakramentale Taufe verleihen. Aber desselben bedarf der Martyrer auch gar nicht. Denn im jenseitigen Leben bekommt er in der aureola martyrum eine weit höhere Auszeichnung, als ihm der allen Christen gemeinsame Taufcharakter verleihen könnte“ (ebd.). Weiter: „Aber auch die Gnade der Bluttaufe ist stärker als die der Wassertaufe. Deren Maß hängt nämlich ab von der mehr oder weniger innigen Vereinigung mit dem Leiden Christi, der moralischen Ursache der Gnadenspendung, und von dem Walten des Heiligen Geistes, dem Spender der Gnaden. Nun stellt aber die Bluttaufe eine innigere Verbindung mit Christus dar als die Wassertaufe. Der Ritus der letzteren wird von Gott als Akt Christi angesehen, er stellt in der dreimaligen Untertauchung das Leiden Christi dar: aber das Martyrium ist eine reale persönliche Nachbildung des Kreuzestodes Christi. Der Heilige Geist wirkt in der Taufe durch eine verborgene Kraft, am energischsten aber in der flammenden Liebe des Martyrers“ (ebd.). All diese lichtvollen und herrlichen Ausführungen gehen in der irrigen Auslegung eines Feeney völlig verloren.

6. Kehren wir zum Schluß noch einmal zurück zu unserem Kirchenlexikon. „Extra ecclesiam nulla salus, hat der hl. Cyprian zum Schibboleth der katholischen Kirche erhoben und im Ketzertaufstreite sogar gegen Papst Stephanus einseitig aufgefaßt“, lesen wir dort im Artikel „Kirche“ (Bd. 7 Sp. 491). „Der hl. Augustinus verteidigte diesen Satz mit Nachdruck gegen die Donatisten. Gegen diese hat auch eine numidische Synode den Satz aufgestellt: ‚Wer von dieser katholischen Kirche getrennt ist, wird, so löblich er leben mag, schon durch das Verbrechen allein, daß er von der Kirche geschieden ist, nicht das Leben haben, sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm.‘ Ebenso lehrt das athanasianische Glaubensbekenntnis: ‚Wer immer selig werden will, der muß vor allem den katholischen Glauben festhalten. Wer diesen nicht ganz und unversehrt bewahrt, der wird ohne Zweifel in Ewigkeit verloren gehen.“

Weiter: „Pius IX. hat in seiner ersten Enzyklika (9. Nov. 1846) sowie in einer spätern (9. Dez. 1854; vgl. Syll. Prop. 15-18) diese Wahrheit gegenüber dem modernen Indifferentismus nachdrücklich hervorgehoben“ (a.a.O. Sp. 492). Es bedurfte nicht erst eines Leonard Feeney, um hundert Jahre später diese Gefahr zu entdecken. „Zugleich aber warnt der Heilige Vater vor der vorwitzigen Frage über das Los derjenigen, welche der katholischen Kirche nicht angehören, denn die Menschen dürften nicht die geheimen Ratschlüsse und Urteile erforschen wollen. Jedenfalls sei aber für sicher anzunehmen, daß diejenigen, welche die wahre Religion nicht kennen, vor Gott mit keiner Schuld behaftet werden, wenn die Unkenntnis unüberwindlich sei. Dies galt von jeher als Grundsatz der katholischen Kirche. Stets hat sie zwischen den hartnäckig Widerstrebenden und den schuldlos Irrenden unterschieden; jene müssen dem Urteil des Herrn verfallen, weil sie die Kirche nicht hören; diese aber dürfen bei redlichem Streben nach Wahrheit und Tugend auf die Barmherzigkeit Gottes vertrauen, welcher will, daß alle Menschen selig werden, und keinem, der tut, was an ihm liegt, die Gnade verweigert. Doch ist nicht zu übersehen, daß solchen viele Gnadenmittel und äußere Anregungen, welche in der Gemeinschaft des kirchlichen Lebens gegeben sind, entgehen“ (ebd.).

7. So sieht die katholische Lehre aus. Es mag uns eine Warnung sein, daß ein Pater Feeney und seine Anhänger trotz des noch vorhandenen und tätigen Lehramts in dieser Frage auf solche Abwege gerieten. Umso mehr müssen wir uns bemühen, in der heutigen papstlosen Zeit dem kirchlichen Geist und ihrer Lehre treu zu bleiben und weder nach links noch nach rechts davon abzuweichen.