Die Starwissenschaftler

von antimodernist2014

1. Galileo Galilei

Sobald irgendwo das Thema Kirche und (Natur-)Wissenschaft angesprochen wird, wird sicherlich der Name Galilei fallen und sofort auf den „Fall Galilei“ verwiesen werden. Die mehr oder weniger offene Behauptung, die sich hinter dieser Erwähnung Galileis verbirgt, ist, die Kirche sei ganz besonders im finsteren Mittelalter, aber im Grunde immer schon wissenschaftsfeindlich gewesen, weil ihr allezeit daran lag, die Leute dumm zu halten, weshalb sie diese von einem Wissen, das ihr gefährlich werde könnte, versuchte, soweit wie möglich abzuhalten. Dieses Märchen hatte man in Laufe der letzten zwei Jahrhunderte von kirchenfeindlicher Seite so oft wiederholt, daß es auch die meisten Katholiken zu glauben begannen. Man kann darum mit Recht von einem Galileitrauma sprechen.

Walter Brandmüller erwähnt in seinem Buch über den Fall Galilei, wie das 2. Vatikanum sich aufgrund dieses Traumas dazu bewogen sah, in der sog. Konstitution „Gaudium et spes“ zu schreiben: „Deshalb sind gewisse Geisteshaltungen, die einst auch unter Christen wegen eines unzulänglichen Verständnisses für die legitime Autonomie der Wissenschaft vorkamen, zu bedauern.“ Man beachte den, dieser Versammlung „würdigen“, genügend vieldeutigen und den Irrtum fördernden Ausdruck „legitime Autonomie der Wissenschaft“. Brandmüller kommentiert die Aussage folgendermaßen: „Der Text war während seiner Entstehung heftig diskutiert worden. Dabei waren sowohl die Hinweise, man müsse den ‚Fall Galilei‘ doch in seinem historischen Kontext sehen, ebenso wenig beachtet worden wie die Empfehlung, sich dazu gar nicht zu äußern. Zwei Konzilsväter, die diesen letzteren Rat gegeben hatten, waren der Meinung gewesen, daß durch dergleichen Ausführungen nur ein Minderwertigkeitskomplex der Kirche gegenüber der Wissenschaft offenbar werde. Was in der Tat aus diesen Sätzen des Konzils sichtbar geworden ist, ist das Trauma, das der ‚Fall Galilei‘ auch in der Kirche hinterlassen hat. Dem entspricht seither eine neue Art von bemühter Apologetik, die nun freilich nicht mehr in der Verteidigung der einstmals Verantwortlichen besteht, sondern das Ansehen der Kirche von heute dadurch zu retten sucht, daß man die Kirche von damals anklagt und sich von ihr distanziert“ (Walter Brandmüller, Galilei und die Kirche, MM Verlag, Aachen 1994, S. 38f).

Wie wir wissen, hat sich diese Art der Vergangenheitsbewältigung in der sog. Konzilskirche in den letzten Jahrzehnten durchgesetzt. Die vor der ganzen Welt zelebrierten Vergebungsbitten eines Karol Wojtyla alias Johannes Paul II. für die vielen „Sünden“ der Kirche in der Vergangenheit dürften den meisten noch in lebhafter Erinnerung sein – so ist wenigstens zu hoffen. Das Trauma aber und der Minderwertigkeitskomplex wurden damit freilich nicht beseitigt, vielmehr zeigen diese kindischen Zeremonien und Gesten, die Feinde der Kirche haben ihr Ziel weitgehend erreicht, denn die Katholiken haben sich aus der geistesgeschichtlichen Auseinandersetzung mit der atheistischen (Natur-)Wissenschaft verabschiedet. In der Folge des Galilei-Traumas haben sich auch die katholischen Forscher angewöhnt, autonom, d.h. gottlos zu forschen, wobei sie sich im Ernst einbildeten und einbilden, das sei die einzige Art und Weise, richtig und vorurteilslos (Natur-)Wissenschaft zu betreiben. Die Theologen haben sich ihrerseits auf ein Beschwichtigungsritual eingeschworen, das sich folgendermaßen anhört: Solange jeder in seinem Fachgebiet bleibt und keine grenzüberschreitenden Aussagen tätigt, gibt es auch keine Wissenskonflikte, denn der Naturwissenschaftler weiß nur über Naturwissenschaft Bescheid, wohingegen der Theologe nur im Bereich der Theologie richtige Aussagen machen kann.

Oberflächlich betrachtet hört sich das vielleicht ganz nett an, tiefer betrachtet ist es höchstens eine Halbwahrheit und erinnert doch sehr an die im 13. Jahrhundert diskutierte und verurteilte Lehre von der doppelten Wahrheit. Hat denn nun wirklich, hat denn tatsächlich die Naturwissenschaft und die Theologie jeweils ihre eigenen Wissensgebiete und ihre eigene Wahrheit, so daß es keinerlei Überschneidungen gibt und keine Wissenskonflikte geben kann? Gibt es nicht völlig legitime „Grenzüberschreitungen“, weil nämlich die Grenze gar nicht eindeutig zu ziehen, sondern z.T. wenigstens fließend ist? Wir werden später darauf nochmals zurückkommen.

Doch wenden wir uns kurz der doppelten Wahrheit zu. Im 13. Jahrhundert wurde auf der Universität in Paris heftig darüber diskutiert, wie man in der rechten Weise Theologie und Philosophie studieren sollte – also Glaubenswissenschaft und Vernunftwissenschaft, wie man es nennen könnte. Da waren nun solche, die „sagen, dies sei philosophisch gesehen wahr, nicht aber im katholischen Glauben, als ob es zwei gegensätzliche Wahrheiten gäbe“. In Folge dieser Auseinandersetzung gab der Pariser Bischof Stephan Tempier am 7. März 1277 eine Liste mit 219 verurteilten Sätzen der mit dem katholischen Glauben nicht zu vereinbarenden Aristotelesinterpretationen heraus. In der Festausgabe für Ludwig Hödl „Welt-Wissen und Gottes-Glaube in der Geschichte und Gegenwart“ erklärt der Autor: „Der Syllabus von 1277 geht im Prolog von einer umfassenden und unaufgebbaren Einheit philosophisch-theologischen Denkens aus, wenn er feststellt, daß da einige so reden, als wäre das, was in der philosophischen Lehre wahr sei, theologisch falsch. Ferner geht der Syllabus von einem Zusammenhang der philosophischen und theologischen Argumentation aus, der bei aller Unterschiedlichkeit der Beweisgänge, Überlegungen und Aussagen um der einen und unteilbaren Wahrheit willen gewahrt werden muß“ (Ludwig Hödl, Welt-Wissen und Gottes-Glaube in der Geschichte und Gegenwart, EOS Verlag, Erzabtei St. Ottilien 1990, S. 46). Es ist leicht einsehbar: Der eine Gott und Schöpfer aller Dinge, die eine Wahrheit, durch welche man sowohl den Schöpfer als auch die Schöpfung richtig versteht und deutet, fordern eine Zusammenarbeit aller Wissenschaften. Nur wenn dieser Zusammenhang gesehen und gewollt wird, ist es auch möglich, „bei aller Unterschiedlichkeit der Beweisgänge, Überlegungen und Aussagen um der einen und unteilbaren Wahrheit willen“ eines Sinnes zu sein und zu bleiben.

Kommen wir nun zurück zu Galilei und seinem Fall. Wir dürfen nicht vergessen, Galilei war damals ein Starwissenschaftler. Als er am 29. März 1611 in Rom eintraf, war die ganze Gesellschaft begierig, den berühmten Erforscher des Sternenhimmels zu sehen und zu hören. „Eine nicht endenwollende Reihe von Einladungen, Empfängen, Gesprächen hub an, in deren Verlauf Galilei mit den Spitzen der römischen Gesellschaft zusammenkam. Und immer wieder versammelte man sich um das Fernrohr, suchte, fand, bewunderte Jupitermonde und Sonnenflecken und Milchstraße, so etwa in den Gärten des Quirinalspalastes, wohin Kardinal Bandini eine illustre Schar weltlicher und geistlicher Gäste eingeladen hatte. Den Höhepunkt bildete indes eine Audienz bei Paul V., der, obzwar er wegen seiner von der Entwicklung des Gnadenstreits verursachten theologischen Sorgen derzeit wenig Interesse für das gestirnte Firmament zeigte, dennoch aber den Gelehrten aus Florenz mit Zeichen außerordentlicher Hochschätzung ehrte. Entgegen allem Protokoll ließ er es nicht zu, daß Galilei gebeugten Knies mit ihm sprach“, so Walter Brandmüller in seinem Buch „Galilei und die Kirche“.

„Von noch größerer Bedeutung war indes, daß das Collegio Romano am 13. Mai zu Ehren Galileis eine wissenschaftliche Akademie abhielt, in deren Verlauf P. van Maelcote vor vielen und hohen Gästen eine Laudatio auf Galilei hielt, den er ihn als ‚hochberühmten und meistbeglückten Sternenforscher‘ feierte. Er bestätigte seine Entdeckungen, um dann der neuesten Ergebnisse – Sichelgestalt der Venus und Saturn – zu gedenken. Er las den Brief Galileis an Clavius über die ovale Form des Saturn wörtlich vor und damit auch Galileis Behauptung, daß die Entdeckung der Venusphasen das heliozentrische System als das einzig richtige beweise. Dabei bemerkte der Redner, er begnüge sich damit, die Tatsachen vorzutragen, daraus die Folgerungen zu ziehen, sei Sache seiner Zuhörer. Der Triumph Galileis war vollständig, so vollständig, daß Kardinal Del Monte am 31. Mai 1611 dem Großherzog von Toscana schrieb: ‚… lebten wir noch in den Zeiten der alten römischen Republik, ich glaube sicher, man hätte ihm zur Anerkennung seiner Leistung eine Statue auf dem Kapitol errichtet‘“ (Walter Brandmüller, Galilei und die Kirche, MM Verlag, Aachen 1994, S. 58f).

Galilei genoß es nicht nur, im Rampenlicht zu stehen, er war zudem recht eingebildet auf seine Pionierleistungen in der Wissenschaft. Hinzu kam noch, er liebte die Polemik, d.h., er liebte es, seine Gegner zu verspotten, was ihm natürlich nicht nur Freunde machte.

Obwohl die Arbeiten Galileis zum sog. heliozentrischen Weltbild damals solches Aufsehen erregten, waren seine Ansichten dennoch nicht neu. Daß nicht die Erde, sondern die Sonne im Mittelpunkt unseres Planetensystems stand, wurde vielmehr lebhaft diskutiert. Doch wurde diese Ansicht von den Gelehrten immer nur als Hypothese, also als eine bloße Denkmöglichkeit vertreten, weil nämlich die letztgültigen Beweise noch fehlten. Niemand gibt eine allgemein verbreitete, über Jahrhunderte geltende und der Alltagserfahrung entsprechende Ansicht ohne sichere Gegenbeweise auf. Als etwa die Jesuitenastronomen der römischen Universität mit Galilei aufgrund der Phasen des Venus erkannten, daß wenigstens ein Planet um die Sonne kreiste, womit das ptolemäische Weltbild in Frage stand, waren sie bezeichnenderweise in ihren Schlußfolgerungen viel vorsichtiger als dieser: „man wandte sich erst einmal Tycho Brahe zu und nahm hinsichtlich des Kopernikus eine vermittelnde Stellung ein. Galilei selbst machte hingegen aus seiner kopernikanischen Überzeugung kein Hehl. Wenngleich er auch in keiner seiner Schriften dieser Jahre sich ausdrücklich dazu bekannte, so ließ er doch keine Gelegenheit verstreichen, im Gespräch für Kopernikus zu werben. Dabei gab er sich wohl kaum Rechenschaft darüber, daß er sich zu der allgemein herrschenden Überzeugung vom Feststehen der Erde in Widerspruch begab und jeden, der diese auch wissenschaftlich verteidigte, provozierte“ (Walter Brandmüller, Galilei und die Kirche, MM Verlag, Aachen 1994, S. 59).

Was das Verständnis der damaligen Auseinandersetzung für uns moderne Menschen erschwert, ist, daß wir den innigen Zusammenhang zwischen naturwissenschaftlicher Forschung und Glauben nicht mehr verstehen. Wir haben uns schon so sehr daran gewöhnt, daß beide Bereiche nichts miteinander zu tun haben sollen, daß uns die Einmischung der Kirche in solche Fragen befremdet. Den damals lebenden Menschen war es noch selbstverständlich, daß eine neue wissenschaftliche Erkenntnis niemals mit dem göttlichen Glauben in Widerspruch stehen kann. Von daher läßt sich auch leicht begreifen, daß die Frage des Weltbildes nicht beliebig beantwortbar ist, denn diese Frage hat doch auf jeden Fall unmittelbar mit dem Glauben zu tun – nämlich mit dem Schöpfungsglauben!

In dem Buch von Pietro Redondi „Galilei der Ketzer“ wird zu zeigen versucht, die ursprüngliche Anklage gegen Galilei habe nicht dem heliozentrischen Weltbild gegolten, sondern diese richtete sich gegen seinen Atomismus. Mit Atomismus meint man eine Welterklärung allein und ausschließlich aus den Atomen, also aus der Materie. Auch wenn Galilei die Bedeutung und die geistesgeschichtlich weitreichenden Folgen dieser Lehre wohl kaum überschaut hat, so kann man doch rückblickend sagen, daß dieses Urteil das Entscheidende der damaligen Auseinandersetzung trifft. Es geht zunächst nicht um die Frage, ob sich die Erde um die Sonne dreht oder umgekehrt, es geht um das rechte philosophische Weltverständnis, es geht darum, ob zuerst der Geist oder die Materie ist, wobei hier „zuerst“ nicht zeitlich gemeint ist, sondern philosophisch, womit nach dem letzten Grund des Seins gefragt wird.

Die Anklage soll von den Jesuiten eingereicht worden sein, denen man durchaus einen solchen Weitblick zutrauen kann, auch wenn der Autor ihnen eher persönliche Gründe unterschieben möchte. Die von Galilei aufgeworfenen philosophischen Fragen waren damals überaus aktuell, weil die aufgrund des Protestantismus notwendige Verteidigung des Wunders der hl. Wandlung während des hl. Meßopfers sich auf Begriffe der aristotelischen Philosophie stützte. Bei der Beschreibung dieses Wunders sprach man und spricht man auch heute noch von „Wesensverwandlung“ – Transsubstantiation. Die Substanz von Brot und Wein wird in das Fleisch und Blut Christi verwandelt, wohingegen die Gestalten, die Akzidenzien bestehen bleiben. Nun leugnet der Atomismus aber die Substanz, denn wenn alle Dinge nur aus Atomen zusammengesetzt sind, dann ist die Substanz nur ein bloßes Gedankending und keine Wirklichkeit mehr. Wenn es aber gar keine Substanz gibt, was geschieht dann bei der hl. Wandlung? Hinzu kommt noch, daß auch die Gestalt, die sinnlich wahrnehmbare Seite des konkreten Dinges anders zu interpretieren ist, wenn es keine Substanzen gibt.

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