Die Starwissenschaftler

Die Gegner Galileis haben einen seiner Texte angeführt, der diese Ansichten ganz klar dokumentiert: „Daher sage ich, daß ich wohl die Notwendigkeit fühle, kaum daß ich eine Materie oder eine körperliche Substanz konzipiere, sie mir so vorzustellen, daß sie diese oder jene Gestalt besitzt, daß sie im Verhältnis zu anderen groß oder klein ist, daß sie sich an einem bestimmten Ort befindet, zu dieser oder jener Zeit, daß sie sich bewegt oder ruhig steht, daß sie einen anderen Körper berührt oder nicht, daß sie eines, wenige oder viele ist, und unter gar keinen Umständen kann ich mir vorstellen, sie aus diesen Bedingungen herauszulösen; ob sie aber weiß oder rot, bitter oder süß, tönend oder stumm, von angenehmem oder unangenehmem Geruch sei, das verleitet mich doch nicht dazu, anzunehmen, sie sei zwangsläufig von diesen Bedingungen begleitet: Nein, hätten die Sinne das nicht wahrgenommen, dann wäre die Rede oder die Vorstellung vielleicht niemals darauf gekommen. Daher denke ich, daß dieser Geschmack, diese Gerüche, diese Farben usw., soweit es den Gegenstand betrifft, dem sie scheinbar innewohnen, nichts weiter sind als reine Namen, während sie ihren eigentlichen Sitz im wahrnehmenden Körper haben; nimmt man nämlich das wahrnehmende Lebewesen fort, dann verschwinden auch all diese Qualitäten“ (aus: Piedro Redondi, Galilei – der Ketzer, C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München 1989, S. 346).

Es kann hier nur angedeutet werden, welche erkenntnistheoretischen Folgen das Gesagte hat. Achtet man allein auf die Ausdrucksweise Galileis – „Daher sage ich, daß ich wohl die Notwendigkeit fühle, kaum daß ich eine Materie oder eine körperliche Substanz konzipiere, sie mir so vorzustellen, daß sie diese oder jene Gestalt besitzt…“ – so wird man hellhörig, nimmt man dazu noch seine Ansicht, die spezifischen Leistungen der Sinneserkenntnisse seien nur subjektive Eindrücke, subjektive Vorstellungen und deren Unterscheidungsleistungen seien „soweit es den Gegenstand betrifft, dem sie scheinbar innewohnen, nichts weiter … als reine Namen“, dann wird das nominalistische Fundament, auf dem diese Aussagen stehen, klar und außerdem ist der Weg zur Philosophie Kants frei.

Ein Text aus Kants „Kritik der reinen Vernunft“ soll das zeigen: „Die Möglichkeit der Gegenstände der Sinne ist ein Verhältnis derselben zu unserm Denken, worin etwas (nämlich die empirische Form) a priori gedacht werden kann, dasjenige aber, was die Materie ausmacht, die Realität in der Erscheinung (was der Empfindung entspricht), gegeben sein muß, ohne welche es auch gar nicht gedacht und mithin seine Möglichkeit nicht vorgestellt werden könnte. Nun kann ein Gegenstand der Sinne nur durchgängig bestimmt werden, wenn er mit allen Prädikaten der Erscheinung verglichen und durch dieselbe bejahend oder verneinend vorgestellt wird. Weil aber darin dasjenige, was das Ding selbst (in der Erscheinung) ausmacht, nämlich das Reale, gegeben sein muß (…), dasjenige aber, worin das Reale aller Erscheinungen gegeben ist, die einige allbefassende Erfahrung ist: so muß die Materie zur Möglichkeit aller Gegenstände, als in einem Inbegriff gegeben, vorausgesetzt werden, auf dessen Einschränkung allein alle Möglichkeit empirischer Gegenstände, ihr Unterschied voneinander und ihre durchgängige Bestimmung, beruhen kann. Nun können uns in der Tat keine andere Gegenstände als die der Sinne, und nirgend als in dem Kontext einer möglichen Erfahrung gegeben werden, folglich ist nichts für uns ein Gegenstand, wenn es nicht den Inbegriff aller empirischen Realität als Bedingung seiner Möglichkeit voraussetzt“ (Kant, KrV B 609f. [Sperrung, hier nicht-kursiv, von Kant, Fettdruck von uns]; aus: Arbogast Schmitt, Die Moderne und Platon, Verlag J.B. Metzler, Stuttgart · Weimar 2003, S. 177).

Was bei Galilei erst angedeutet wird, ist bei Kant inzwischen ausgefaltet. In der Philosophie Kants ist die metaphysische Grundlage bei der Wirklichkeitserklärung weggebrochen. Die Materie ist zur Möglichkeit aller Gegenstände geworden, die als Inbegriff der Dinge vorausgesetzt werden muß. D.h. allein aus der Materie läßt sich die ganze Welt erklären, über die Materie hinaus gibt es keine Erklärungsmöglichkeit und -notwendigkeit mehr. Kant wird daraus die Schlußfolgerung ziehen, daß die ganze Welt aus einem Urnebel entstanden sein muß. In der Online-Enzyklika Wikipedia ist dazu angemerkt: „Die Hypothese solch eines Urnebels wurde erstmals 1734 von Emanuel Swedenborg aufgestellt sowie im Jahr 1755 von Immanuel Kant in seinem Werk Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels vorgestellt. Kant nahm an, dass sich in diesem Nebel durch die Wechselwirkung seiner Teilchen mit der Zeit ein anfangs schon etwas vorherrschender Umlaufsinn durchgesetzt hat und der Urnebel daher immer ausgeprägter und abgeflachter rotierte. Im Jahr 1796 stellte Pierre-Simon Laplace unabhängig davon ein relativ ähnliches Modell vor. Es erschien im letzten Band seines fünfbändigen Werkes Exposition du systeme du monde (Darstellung des Weltsystems) und ist heute unter der Bezeichnung Nebularhypothese bekannt. Laplace ging jedoch von einer bereits vorhandenen Sonne aus, deren erhitzte Atmosphäre aus analogen Gründen linsenförmige Gestalt annahm. Im Zuge der Abkühlung und entsprechenden Verdichtung der Gashülle überwog in ihrem äußersten Bereich mit der Zeit die Zentrifugalkraft und es lösten sich nacheinander mehrere Gasringe ab, die sich des Weiteren zu den Planeten verdichtet haben. Die Kosmogonie von Kant und die Nebularhypothese von Laplace werden oft vereinfacht zusammenfassend als Kant-Laplace-Theorie bezeichnet.“

Es zeigt sich also mit aller Klarheit, eine Frage der Kosmologie, also der richtigen Welterklärung, kann niemals nur ausschließlich eine Frage der Physik sein, sie ist immer auch eine Frage der Philosophie – und für den Katholiken zudem der Theologie! Das sahen die damaligen Gegner Galileis viel besser als seine späteren Verteidiger. Pietro Redondi erwähnt in seinem Buch eine Schrift, verfaßt unter dem Pseudonym Lotario Sarsi, in der dieser Sachverhalt thematisiert wird. „Sarsi wird dann lauter, wenn es um Naturphilosophie und um Fragen nach der physikalischen Natur der Kometen geht; das entspricht dem Abschnitt des Saggiatore, in dem die Philosophie von Cardano und Telesio verteidigt wird. Entschieden hatte Galilei das Ansehen dieser beiden ‚verehrungswürdigen Väter der Naturphilosophie‘ in Schutz genommen und Sarsis theologisches Mißtrauen gegen ihre Ideen als ‚abartiges Denken‘, Heuchelei und Unmoralität abgetan. Er hatte also atheistische, materialistische und von der Kirche offiziell verurteilte Autoren ‚verehrungswürdig‘ genannt, und nun antwortete Sarsi demjenigen, der ihm Lehren in christlicher Moral erteilen wollte, ‚sehr viel freier als das erste Mal‘: Was wäre das für eine Frömmigkeit, Galileo, diejenigen zu verteidigen, deren Philosophie von vielen Seiten verurteilt wurde als wenig übereinstimmend mit der katholischen Lehre und eher unter ewigem Schweigen begraben werden sollte. Menschliche und teuflische Lehren über die Macht des weltlichen Wissens – um es mit Tertullian zu sagen – für begierige Ohren, das hat Gott Wahnsinn genannt und auserwählt als weltlichen Irrsinn, um eben die Philosophie selbst durcheinanderzuschütteln: nämlich Argumente eines weltlichen Wissens, das die Gottesfurcht, die Natur und die göttliche Vorsehung interpretiert. Wer Cardano und Telesio loben will, der soll das tun. Ich ziehe eine religiösere Art des Lobes vor“ (Ebd. S. 197).

Eigentlich müßte man heute – 400 Jahre nach Galilei – zu der Einsicht kommen, daß die Einwände dieser Zeitgenossen gar nicht so verfehlt waren, sondern im Grunde des Pudels Kern trafen. Leider gelingt gerade das dem Autor des Buches nicht, d.h. er erkennt nicht die Brisanz und Aktualität des Themas, wie wir noch zeigen werden. Aber immerhin weist er auf diese, die Gemüter damals bewegenden Fragen hin und zeigt, daß die Anklage wegen des heliozentrischen Weltbildes ein Stellvertretungsprozeß gewesen ist, weil die Verflechtung des angeschnittenen Themas von Substanz und Akzidenzien mit der Eucharistielehre so eng war, daß man sie nicht einfach übersehen und übergehen konnte. Walter Brandmüller nennt zwar in seinem Buch „Galilei und die Kirche“ die These Redondis eine abenteuerliche Annahme, wobei seine Einwände jedoch recht dünn und nicht überzeugend sind. Er scheint übersehen zu haben, daß sich Redondi in seiner Argumentation durchaus nicht allein auf das von Brandmüller erwähnte Schriftstück aus dem Hl. Offizium stützt, sondern zudem eine Reihe anderer Dokumente beibringen kann, die seine Annahme untermauern. Für unsere Darlegungen ist der Anklagepunkt beim Prozeß Galileis sowieso nebensächlich, denn von der Sache her gesehen hat Redondi auf jeden Fall Recht. Die Frage des heliozentrischen Weltbildes ist gegenüber der Frage nach einer atomistischen Philosophie oder gar eines Irrtums in der Lehre über das allerheiligste Altarsakrament völlig zweitrangig und darüber hinaus von einer ganz anderen Qualität.

Hören wir hierzu nochmals die Ausführungen Redondis:

„Sarsi wendet gegen jene dunklen Ausflüchten und Rechtfertigungen ein, wenn man schon die Frage der Erdbewegung nicht frei interpretieren dürfe – ein im Grunde für den Glauben zweitrangiges Problem – , dann sei die Möglichkeit einer heterodoxen Interpretation des eucharistischen Dogmas noch viel weniger gestattet, denn hier handelt es sich um eine ungleich wichtigere Glaubensfrage als bei der Bewegung der Erde. Pater Grassi hatte vollkommen recht, auf diesem Punkt zu insistieren: das eucharistische Dogma bildete die Grundlage und das wesentliche Postulat des katholischen Glaubens.
Niemand konnte diesen Unterschied besser ermessen als derjenige, der Gelegenheit gehabt hatte, die Vorstellungen Bellarmins kennenzulernen.
Man konnte Katholik und Anhänger des Kopernikus sein, aber man war kein Katholik, wenn man nicht das eucharistische Dogma anerkannte.
Im Anschluß daran werden eine Reihe von Fragen logischer und physikalischer Art aufgeworfen. Sie beziehen sich auf die Unrichtigkeit der atomistischen Konzeption der Wärme und auf Galileis Anspruch, eine neue Auslegung für den Satz des Aristoteles zu liefern, daß die Bewegung die Ursache der Wärme sei.
Sarsi entlarvt die Behauptung im Ansatz, der Saggiatore habe nur in bezug auf die Wärme von Atomismus gesprochen. Die zweideutige und vorsichtige Terminologie des Saggiatore darf uns nicht täuschen, sagt Sarsi, denn der Atomismus des Demokrit, zu dem sich Galilei hier bekennt, gilt für alle Phänomene der sinnlichen Wahrnehmung und nicht nur für die Wärme. Gestehen wir zu, daß die sinnlich wahrnehmbaren Qualitäten durch die Form der Atome der verschiedenen natürlichen Elemente erzeugt werden, dann, so kommentiert Sarsi, wird es undenkbar, daß eine Substanz auch nach gründlicher Zerkleinerung gleichbleibend geformte Atome behält und die ihr eigenen Charakteristika in Geschmack, Geruch und Farbe beibehält“ (Ebd. S. 199f).

In Rom gab es also durchaus Fachleute, denen die Theorien Galileis Kopfzerbrechen bereiteten, weil ihre Folgen in der Philosophie und Theologie gar nicht so harmlos waren wie es zunächst den Anschein haben mochte. Mit der Übernahme eines philosophischen Atomismus wird die ganze Welterklärung grundlegend verändert – wie wir übrigens heute leicht und auf allen Wissensgebieten feststellen können, was auch im zweiten Teil dieser Arbeit noch eigens gezeigt werden wird, wenn wir über Stephen Hawking sprechen werden. Leider wurde und wird diese Tatsache nur von den wenigsten wahrgenommen. Der Grund dafür dürfte wohl sein, daß dem modernen Menschen die Fähigkeit, Philosophie noch ernst zu nehmen, verloren gegangen ist. Für den modernen Menschen sind philosophische Gedanken bloße Gedankenspielereien, deren wirklichkeitserklärenden Anspruch man völlig übersieht. Der Wahrheitsgehalt eines solchen, immerhin welterklärenden Gedankensystems interessiert letztlich niemanden mehr, weil schon lange inmitten des überall herrschenden Relativismus fast niemand mehr an die Wahrheit glaubt.

Was geschieht aber nun wirklich, wenn man das „alte“ Weltbild über Bord wirft und meint, die ganze Welt allein aus den Atomen, d.h. aus der Materie erklären zu können? Die weitreichende Folge dieses Systemwechsels versteht man bezeichnenderweise nur mit Hilfe der „alten“ Philosophie. Die wahre, von der Kirche über Jahrhunderte gepflegte Philosophie erklärt, daß die Materie für sich und aus sich allein nicht bestimmt ist. Sie ist und bleibt in sich betrachtet immer beliebig, veränderungsfähig, endlos kombinierbar. Sobald man deswegen meint, man könne bei der Erklärung der Welt sich allein auf die Materie stützen, behauptet man, es könne aus völlig Unbestimmten einfachhin Bestimmtes werden – ohne daß zum Unbestimmten eine konkrete Bestimmung hinzukommen müsse. Sind also die konkreten Dinge allein aus der Materie erklärbar, so sind sie immer nur ausschließlich Zufallsprodukte der Materie. Ihre „Bestimmtheit“ ist nämlich allein aufgrund der rein natürlichen Wechselwirkungen der in sich völlig unbestimmten Materie entstanden. D.h. aber: Das konkrete Ding hat in Wirklichkeit gar keine Bestimmtheit, diese hat nämlich kein eigenes, kein konkret existierendes Sein, so daß wir sagen müssen, wir ordnen allein durch unser Denken den Dingen eine Bestimmtheit, nämlich ihr Eigensein zu.

In der Philosophie spricht man vom Wesen eines Dinges. In Wirklichkeit sind diese Wesen nach diesem Denksystem nur Namen, die wir Menschen aufgrund unseres Denkens den Dingen geben. Anders ausgedrückt: In dieser allein aus Atomen gewordenen Welt gibt es keinen Plan, kein Ziel, keinen Sinn, weil es nämlich in dieser allein aus der Materie konstruierten Welt gar keinen Geist mehr als Wirklichkeit gibt, einen Geist, der in dieser Welt sein könnte und auch müßte. Wir wissen noch, so ist zu hoffen, Plan und Ziel und Sinn sind geistige Wirklichkeiten. Woher aber sollten diese mit einem Mal kommen, wenn die Welt allein aus der Materie, aus Zufall und Notwendigkeit, aber ohne Plan und Ziel und Sinn geworden sein soll und alles, die gesamte Wirklichkeit, aus ihr allein erklärt werden kann? Wenn es so wäre, wie die Atomisten sagen und denken, dann wäre das, was wir „Geist“ nennen, immer nur ein bloßes Gedankending, ein bloßes Hirngespinst? Einem gläubigen Christen, so meint man, sollte doch sofort klar werden, daß mit einer derartigen Welterklärung der Schöpfer aus seiner Schöpfung eliminiert, ausgeschlossen wird. Eine atomistische Welterklärung ist notwendigerweise eine atheistische Welterklärung, eine Welterklärung ohne Gott, weil ohne Geist.