Die Starwissenschaftler

Während die Jesuiten noch diesen Zusammenhang erkannten, ging es Galilei zunächst nur um sein Ansehen. Dabei war Galilei offensichtlich ein unruhiger, ziemlich eingebildeter, leicht reizbarer und zudem gerne spottender Zeitgenosse. In ein Buch seines Gegners, des Jesuiten Grassi, machte Galilei eine Reihe von Randnotizen, wie etwa: „Du Stück Esel, Büffel, gemeiner Faulenzer, Dummkopf, elender Fälscher, gemeiner Kerl, Lügner, dummes Vieh, vernagelter Kopf, etc.“ Daraus ersieht man leicht die Art der Wertschätzung, die Galilei seinen Gegnern angedeihen ließ. Wenn es um seine eigenen Ideen ging, hatte Galilei offensichtlich keinen Rückwärtsgang.

Obwohl nun schon sein Buch „Saggiatore“ für einige Unruhe gesorgt hatte und ein Manuskript zum selben Thema, das er seinen Freunden in Rom zusandte, von diesen nicht veröffentlicht worden war, da Galilei damit gegen das Indexdekret von 1616 verstoßen hätte, drängte dieser weiter darauf, Kopernikus zum Durchbruch zu verhelfen. Er beschäftigte sich mit einem neuen Werk, das die Weltsysteme behandeln sollte, sein „Dialogo“. In diesem Zwiegespräch ließ Galilei in vier Tages-Gesprächsrunden fiktive Personen auftreten, die er seine oder die Argumente seiner Gegner vortragen ließ. Zwei der fiktiven Personen tragen Namen inzwischen verstorbener Freunde aus der Zeit seines Aufenthalts in Padua, Salviati und Sagredo. Ersterer war ein jung verstorbener, äußerst begabter Schüler Galileis, diesem legt er seine eigene Meinung in den Mund. Sagredo übernimmt die Aufgabe des intelligenten Fragers, der durch seine klugen und verständnisvollen Einwände den Dialog vorantreibt. Die generischen Argumente übernimmt der beschränkte Simplicio. Sein Name ist bewußt doppeldeutig gewählt, denn einerseits hieß ein berühmter Kommentator des Aristoteles so, anderseits klingt darin an, daß dieser Mann offensichtlich ein „Simpel“ ist, wie es ja auch in unserer Sprache heißt. Dabei war Galilei so unklug, von diesem Simpel ein Argument vortragen zu lassen, das Papst Urban VIII. gerne benützte – worüber sich Galilei nunmehr öffentlich lustig machte!

Für uns ist wiederum nur das in dem Buch interessant, was unser Thema betrifft. Folgen wir hierzu wiederum Pietro Redondi: „Auch im Dialog griff er zunächst die aristotelische Philosophie und das von ihr angenommene Prinzip einer Trennung von Substanz und Akzidentien an. Galilei war sich sehr wohl bewußt, daß er auf diese Weise Schwierigkeiten haben würde, der drohenden ‘eucharistischen Prüfung’ zu entgehen – die ja über ihm schwebte wie ein Damoklesschwert, seit Pater Grassi die häretischen Konsequenzen der neuen Philosophie im Saggiatore angezeigt hatte. Aber Galilei hatte in dieser heiklen Frage Vorsichtsmaßnahmen ergriffen und, wie wir bereits wissen, die Autorisierung zu diesem Thema von Pater Riccardi erbeten; von ihm hatte er eine beruhigende Auskunft und die Zusicherung auf Unterstützung erhalten. Ein mündliches Versprechen, mehr nicht: Soweit bekannt, hat Pater Riccardi nichts zu Papier gebracht. Galilei wagte es. Er wagte es unter Einhaltung der Vorsichtsmaßregel, sich nur ‘in den Begriffen der Naturwissenschaft’ zu bewegen, ohne je das Wort Eucharistie auszusprechen. In dieser Hinsicht, und auch das ist uns bekannt, war Pater Riccardi ganz formell gewesen. So entwickelte auch der Dialog atomistische Ideen ausschließlich in der Naturphilosophie und sicherte sich zudem durch den ausdrücklichen Hinweis ab, es handle sich nicht um eucharistische Theologie“ (Ebd. S. 237).

Die Geister waren erhitzt, und die Auseinandersetzung um das wahre Weltbild war außerdem eng mit Glaubensfragen verbunden, weil in der Eucharistielehre jene Begriffe verwendet wurden, die Galilei angreifen wollte. Unter diesen erschwerenden Umständen bildete sich Galilei dennoch ein, er könne sich allein dadurch aus der Affäre ziehen, daß er betonte, er würde sich nur „in den Begriffen der Naturwissenschaft“ bewegen, was in der Tat unmöglich war, wie Redondi anmerkt: „Gleich zu Beginn des Dialogs, am leidenschaftlich erregten ersten Tag, an dem die Homogenität von Himmel und Erde verteidigt wird, kritisierte Galilei die aristotelische Vorstellung von der Erzeugung der Substanz. Es war keine Kleinigkeit, ‚Über Entstehen und Vergehen‘ von Aristoteles anzugreifen: Es hieß, die gesamte aristotelische Kultur in Frage zu stellen, und Galilei tat das mit großem Nachdruck, indem er dem Simplicio den entscheidenden Ausspruch in den Mund legte: ‘Diese philosophische Methode führt zur Untergrabung aller Naturphilosophie, zur Verwirrung und Erschütterung von Himmel, Erde und Weltall. Ich glaube’, so schließt wenigstens Simplicio, ‘die Zuverlässigkeit der Grundlagen der peripatetischen (d.h. einer auf der Lehre des Aristoteles beruhenden) Philosophie läßt die Besorgnis nicht aufkommen, daß nach deren Sturz ein neuer Aufbau der Wissenschaft möglich sei’“ (Ebd.).

Nüchtern gesehen war dies damals ein äußerst gewagter, wenn nicht sogar wahnsinniger Vorstoß. Wer meint, einfach die philosophischen Grundlagen einer ganzen Kultur in Frage stellen zu können, ohne sich dadurch selbst in Frage zu stellen, der hat letztlich schon erhebliche Wahrnehmungsstörungen. Galilei unterschätzte wohl aufgrund seiner Arroganz vollkommen die dazu notwendige, herculanisch zu nennende geistige Arbeit. Um einen völlig neuen Aufbau der Wissenschaft zu schaffen, welcher der Wahrheit entspricht und nicht in irgendwelche Illusionen abgleitet, braucht es schon mehr als einen Galilei. Und wenn man ehrlich ist, ist dies selbst bis heute nicht gelungen! Wie sollte man auch auf der Grundlage eines atheistischen Materialismus die Welt erklären können, welche der Dreifaltige Gott als Bild Seines geheimnisvollen göttlichen Wesens aus nichts erschaffen hat?

Auch Redondi gibt zu bedenken: „Wir wissen in der Tat, daß diese Fundamente auf festem Grund standen, daß sie eingebettet waren in Gewißheiten, die unzerstörbarer waren als die Gewißheiten der Naturwissenschaft. Das kümmerte Galilei nicht. Man meinte, den Saggiatore zu lesen: die philosophische Beweisführung entnimmt man den Büchern mit mathematischen Beweisen, nicht den Büchern über aristotelische Logik. Aristoteles war ein ‘ein großer Logiker, ohne genügende Fertigkeit in der Anwendung der Logik zu besitzen’. Und von der Kritik an Aristoteles‘ Idee von der Unzerstörbarkeit des Himmels ging Galilei zur Kritik am Allerheiligsten des Aristotelismus über – an der Theorie des Lebens auf der Erde aufgrund des Entstehens und Vergehens durch gegensätzliche Elemente: ‘Überdies habe ich niemals – ich spreche nur von Dingen, die innerhalb des Bereichs der Natur liegen – eine Umwandlung von Substanzen ineinander begreifen können, vermöge welcher ein Stoff derartig verwandelt wird, daß er notwendig als völlig vernichtet zu gelten habe, ohne irgendeine Spur seines früheren Wesens zu hinterlassen, und daß ein völlig verschiedener Körper aus ihm hervorgegangen sein sollte’. Nachdem Galilei, der offensichtlich glaubte, daß aus ‘nichts nichts entstehen kann’, die aristotelischen Vorstellungen vom substantiellen Vergehen als Zerstörung und Vernichtung kritisiert hatte, ließ er wiederum Salviati ausführen, es sei nicht unmöglich, daß die natürliche Veränderung ‘durch die bloße Veränderung in der Anordnung der Teile geschieht, ohne daß etwas vernichtet oder etwas Neues erzeugt würde; solche Verwandlungen sind ja etwas ganz Alltägliches’“ (Ebd. S. 237f).

Der große Galilei weiß offensichtlich nicht genau, was er sagt. Er spricht über die Umwandlung von Substanzen und meint mit der Bemerkung – „ich spreche nur von Dingen, die innerhalb des Bereichs der Natur liegen“ – sich aus der Verantwortung ziehen zu können, so als gehörte die Substanz des Brotes, welche in der hl. Messe in den Leib Christi verwandelt wird, nicht auch zunächst und zuerst zu denjenigen Dingen, die innerhalb des Bereichs der Natur liegen. Die Wahrheit aber ist, wer den Substanzbegriff auflöst, der löst letztlich die Wirklichkeit als Schöpfung auf. Leider ist es gerade diese Einsicht, die bis heute nur von wenigen gewonnen wurde. Es ist doch ohne Zweifel so: Konkret existierende Dinge sind als Geschöpfe Wirklichkeiten, denen eine von Gott bei der Schöpfung gegebene Bestimmtheit zueigen ist – in der philosophischen Sprache „Form“ genannt – und denen nur infolge dieser Bestimmtheit auch ein Selbststand (also das Substanz-sein) zukommen kann. Bei gewöhnlichen Veränderungen der Dinge bleibt dieser Selbststand (Substanz) erhalten und gleich, es ändern sich nur die äußeren Erscheinungen (Akzidenzien).

Bei wesentlichen Änderungen dagegen ist das anders. Die Veränderung ist eine qualitative, es ändert sich nicht nur die äußere Erscheinung, sondern der Selbststand, die Substanz. Galilei denkt hier anders, er übernahm den Standpunkt des Nominalisten Ockham. Redondi führt aus: „Er verwarf die Möglichkeit eines natürlichen Vergehens durch Zerstörung (der Substanz) und brachte demgegenüber die Hypothese einer Bewegung von Materieteilchen auf. Genau wie Ockham sah auch Galilei ganz offenkundig die körperliche Substanz und die Quantität als identisch an: eine Quantität geformter Materie. Und wie Ockham negierte Galilei die Scholastik und zog sich auf einen Atomismus im Stile Demokrits zurück. Es war genau wie im Saggiatore: Auch der Dialog begann mit der philosophisch-mystischen Idee einer ‘Beschäftigung mit dem großen Buche der Natur […], dem Erzeugnis eines allmächtigen Künstlers’“ (Ebd. S. 238).

Mit letzterer Aussage täuscht sich Galilei gewaltig, denn wie will Galilei noch einen allmächtigen Künstler ausmachen, wenn seine Welt allein aus Atomen besteht und aus diesen alles erklärt werden kann? Wie wir schon angedeutet haben, werden die nachfolgenden Generationen Galileis die entsprechenden, aus dem Atomismus notwendig folgenden Schlußfolgerungen ziehen und Gott nicht nur zum Zuschauer bei der Entstehung der Welt degradieren, wie es Galilei macht, um ihn schließlich ganz aus dem System auszuscheiden, in dem ER letztlich nur ein Störenfried war.

Redondi merkt noch an: „Aus Vorsicht, oder weil es seine theologischen Ratgeber empfohlen hatten, hatte Galilei im Dialog nicht von Atomen gesprochen. Aber er hatte es sich nicht nehmen lassen, die aristotelische Physik vom Gesichtspunkt der Bewegung von Materieteilchen aus anzugreifen, die ihm als Erklärungsprinzip für Transformationsvorgänge in der Natur galt. Die vorsorgliche Präzisierung, es sei von ‘natürlichen Begriffen’ und nicht von der Eucharistie die Rede, offenbart, daß Galilei sich des Risikos bewußt ist, das er eingeht, wenn er in materialistischen Termini die substantiellen Transmutationen, also die Transsubstantiation oder etwas Ähnliches, erklärt. Aber trotz aller dialektischen Finesse Galileis war das kein besonders guter Kniff. Auch die Akzidentien der Eucharistie vergehen, sie verändern sich gemäß ‘natürlichen Begriffen’. Die scholastische Unterscheidung zwischen Substanz und Akzidentien diente dazu, eine rationale Begründung für die Aussöhnung zwischen Transsubstantiation und Naturphilosophie zu finden. Hätte man dagegen auf dem Standpunkt beharrt, die natürlichen Veränderungen seien durch Bewegungen von Materie verursacht, dann wäre diese Aussöhnung nichtig gewesen“ (Ebd. S. 239).

Auch Redondi sieht also ein, daß es doch nicht gleichgültig sein kann, wie man die Wirklichkeit erklärt, wenn diese rechte Wirklichkeitserklärung einem ständig anhand eines Wunders vor Augen geführt wird, weil die Eigenart dieses Wunders in den Begriffen jener Philosophie erklärt wird, die über Jahrhunderte von der Kirche anerkannt wurde und die doch auch die Sache der Wahrheit gemäß beschreiben müssen. Aber leider nimmt Redondi seine eigene Einsicht letztlich gar nicht ernst, wenn er abschließend meint, sagen zu können: „Dieses Risiko mußte Galilei eingehen, denn um eine neue, kontemplative Allianz zwischen Vernunft und Glauben herstellen zu können, mußte er notwendig dort ansetzen und den Knoten durchschlagen, der bisher die peripatetische Philosophie mit der Theologie verband“ (Ebd.). Wie soll bitteschön eine „kontemplative Allianz zwischen Vernunft und Glauben“ aussehen? Worin soll eine solche „kontemplative Allianz“ genau und auf den Punkt gebracht bestehen, die auf dem Zerschlagen der Einheit von „peripatetische(r) Philosophie mit der Theologie“ fußt? Was bleibt von der einen Wahrheit übrig, wenn man meint, man könnte diese Einheit zwischen peripatetischer Philosophie und der Theologie einfach wie einen Gordischen Knoten auseinanderhauen? Was übrig bleibt, ist nichts anderes als der Irrtum von den zwei Wahrheiten, wie wir ihn eingangs dargelegt haben.

Lassen wir lieber solch pseudomystische Spekulationen und kommen wir noch einmal zurück zu unserem zentralen Thema. Galilei hatte geschrieben: „Die Philosophie steht in dem gewaltigen Buch geschrieben, das immerzu vor unseren Augen aufgeschlagen daliegt (ich sage das Universum), aber man kann es nicht verstehen, wenn man nicht zuvor seine Sprache zu verstehen lernt und die Buchstaben erkennt, in denen es abgefaßt ist. Es ist geschrieben in der Sprache der Mathematik, und die Buchstaben sind Dreiecke, Kreise und andere geometrische Figuren“ (Ebd. S. 347).