Die Starwissenschaftler

Mit diesen Worten beschreibt Galilei die eigentliche Wende, die seine neuen Erklärungen der kosmischen Phänomene bewirkt haben. Es geht also im Grunde gar nicht zunächst und zuerst um die Frage, ob die Erde oder die Sonne im Mittelpunkt unseres Planetensystems steht, es geht um eine Welterklärung mit Hilfe mathematischer Be- und Verrechnung der Wirklichkeit. In seinem Buch „Die Moderne und Platon“ stellt Arbogast Schmitt dazu fest:

„Die praktische Effizienz dieser neuen Mathematik überdeckte für Jahrhunderte ihre Begründungsdefizite und ihre unausdrücklichen, aber höchst spekulativen Basisannahmen: Denn wenn alle Realitätsbereiche durch, ja, nur durch diese Mathematik wissenschaftlich zugänglich werden, dann ist mit dieser Überzeugung vorausgesetzt:
1., daß in der Berechnung rein quantitativer Verhältnisse die Realität tatsächlich erfaßt werden kann, und
2., daß die Welt mathematisch berechenbar ist, d.h., daß sie immanent mathematisch strukturiert und von dieser Strukturiertheit vollständig und durchgängig geprägt ist.
Diese Annahmen enthalten (wenn auch nicht intendiert) erheblich mehr Metaphysik als die platonische Ideenlehre. Denn Platon behauptet zwar, Begriffe wie Einheit, Identität, Gleichheit, Linie, Kreis, Fläche, Dreieck, Würfel seien nicht nur subjektive Denkprodukte, sondern hätten eine einsehbare Realität, er behauptet aber nicht (wie z.B. Galilei), diese konkrete empirische Welt sei wie eine Art Uhrwerk eine exakte Verkörperung dieser intelligiblen Realitäten, so daß man diese Körper gleichsam nur aufschneiden müsse, um ihren immanenten Regelmechanismus zu entdecken“ (Arbogast Schmitt, Die Moderne und Platon, Verlag J.B. Metzler, Stuttgart · Weimar 2003, S. 238f).

Diese Worte treffen nun wirklich des Pudels Kern: Die Annahmen Galileis „enthalten (wenn auch nicht intendiert) erheblich mehr Metaphysik als die platonische Ideenlehre“. Das ist die wichtigste Einsicht, wenn man sich mit den Werken Galileis beschäftigt. Das Verheerende dabei ist aber, daß diese Metaphysik nicht nur nicht beabsichtigt war, sondern daß die fehlende metaphysische Begründung überhaupt nicht mehr wahrgenommen wurde – „Die praktische Effizienz dieser neuen Mathematik überdeckte für Jahrhunderte ihre Begründungsdefizite“. Jahrhundertelang erklärt man die Welt, ohne sich Rechenschaft darüber zu geben, welchen Erklärungswert diese Erklärung im Grunde, gemessen an der Wirklichkeit, hat – denn das heißt Metaphysik. Letztlich ist das bis heute so, denn die Bemühungen, die Begründungsdefizite zu beseitigen, werden nur von wenigen gesehen, weshalb die neu bzw. wiedergewonnenen Erkenntnisse weiterhin von den meisten ignoriert werden!

Wir können hier nur andeuten, welche metaphysischen Defizite sich hinter der Aussage Galileis, das Buch der Natur sei in der Sprache der Mathematik geschrieben, verbergen.
Wenn diese Annahme stimmen würde, so würde daraus, wie wir schon gehört haben, folgen, „daß in der Berechnung rein quantitativer Verhältnisse die Realität tatsächlich erfaßt werden kann“, und daraus würde wiederum folgen, daß es in der Wirklichkeit nur, allein, ausschließlich quantitative Unterschiede gibt und keine qualitativen. Alle qualitativen Unterschiede wären immer nur ein Produkt unseres Denkens, hätten also keinerlei Grund in der Wirklichkeit. Das würde aber bedeuten, im Grunde besteht die ganze Welt aus ununterscheidbaren Materiehaufen, wohingegen die Zuordnung von Wesenheiten zu den einzelnen Dingen nur im Kopf des Menschen existieren – sie sind also bloße Erfindungen unseres Menschengeistes.

Aber nicht nur die Interpretation der Wirklichkeit, auch die Mathematik hat sich durch Galileis Annahme geändert. Arbogast Schmitt erklärt dazu: „Die ,neue‘ Mathematik, wie sie vor allem von Stevin, Vieta und Descartes entwickelt wird, entsteht bereits im Gefolge der erkenntnistheoretischen Einebnung des der Sache nach und des für uns Früheren. In einer mustergültigen Untersuchung hat Jakob Klein schon 1936 aufgewiesen, daß in der ,neuen‘ Mathematik der Begriff der Monas (als Erkenntnisprinzip der Zahl) in einen Zahlbegriff verwandelt wird, für den Zahl nichts als symbolische Repräsentation von Zählhandlungen ist. Zahl wird, in der auch von Stevin, Vieta und Descartes noch verwendeten scholastischen Terminologie aus einer ,intentio prima‘, einer inhaltlich bestimmten Erkenntnisbedingung, zu einem Produkt einer ,operatio intellectus‘, einer Denkhandlung. Im Begriff der Zahl wird ihre methodische Konstitution in symbolischer Weise vergegenständlicht. Es gehört zu den Konsequenzen dieses neuen symbolisch repräsentativen Zahlbegriffs, daß die Allgemeinheit der Mathematik nicht mehr in ihrer Kriterienfunktion für die Beurteilung von Bestimmtheit gesucht wird, sondern in ihrer allgemeinen Anwendbarkeit: mathesis universalis wird zu einem allgemeinen, d.h. auf möglichst alles anwendbaren, normalen Rechenkalkül“ (Ebd. S. 238).

Hinter dem denkerischen Ansatz Galileis steht eine Verwechslung. Aus lauter Begeisterung darüber, daß sich die Bewegungen im Weltall so gut berechnen lassen, hat er ganz aus den Augen verloren, was denn nun eigentlich dadurch geschieht, wenn er nicht nur die Bewegung der Kometen oder Planeten etwa berechnet, also ihre Bahnen mathematisch bestimmt, sondern zudem behauptet, dadurch würde die ganze Wirklichkeit rechnerisch erfaßt.

Wie sich also zeigen läßt, war die Durchtrennung des Gordischen Knotens, durch den die peripatetische Philosophie mit der Theologie verbunden war, die Tat eines zumindest halbblinden Gelehrten, der sich einbildete, besser sehen zu können als alle anderen. Wie Arbogast Schmitt betont, hatte Platon, einer der Meister der peripatetischen Philosophie, noch gewußt: „Das einsehbar Wirkliche ist im Bezug auf die empirische ,Realität‘ vielmehr etwas nur Mögliches, es sind Vorgaben für mögliche Prozesse, die mehr oder weniger von diesen Vorgaben bestimmt sein können. Es gibt nach platonischer Lehre keine konkreten Einheiten, die exakt und nur zwei sind, keine exakten Relationen oder Proportionen unter konkreten Einheiten, es gibt keine Punkte, Geraden, Ebenen, keine rechten Winkel, keine Dreiecke mit der Innenwinkelsumme von 180 Grad, keine platonischen Körper usw. Die euphorische Überbewertung der ,Wirklichkeit‘, als sei sie ganz und gar von Regel und Gesetz durchdrungen und daher – prinzipiell – ohne Rest mathematisch berechen- und rational erklärbar, könnte Platon nicht teilen. Er denkt unter diesem Aspekt erheblich moderner“ (Ebd. S. 239).

Die Wirklichkeit, das wirklich existierende Ding ist niemals eine Ver-wirklich-ung eines einzigen bestimmten, rational einsehbaren Sachverhaltes, sondern es ist immer eine Verwirklichung von mehreren Sachverhalten, die man in der Erkenntnis erfassen und unterscheiden muß. Die sog. platonischen Ideen „sind Vorgaben für mögliche Prozesse, die mehr oder weniger von diesen Vorgaben bestimmt sein können“. Wenn man darum meint, man könnte die Wirklichkeit einfach berechnen, so berechnen, daß kein Rest des nicht Verrechneten zurückbleibt, dann ist das eine „euphorische Überbewertung der ,Wirklichkeit‘“, oder man könne auch sagen, eine äußerst kurzsichtige und naive Fehlbewertung der „Wirklichkeit“ als solcher. Wirklichkeit hier in Anführungszeichen gesetzt, weil doch gerade das in Frage steht: Kann ich die gesamte Wirklichkeit durch mathematische Berechnungen überhaupt adäquat erfassen? Läßt sich die ganze Wirklichkeit restlos quantifizieren, also einfach als Kombination von Materie erfassen? Ist das, was man mathematisch-quantitativ erfaßt, nicht vielmehr nur ein Aspekt von Wirklichkeit – und zwar ein untergeordneter, nachgeordneter Aspekt?

Damit das noch etwas besser faßbar wird, lassen wir uns das Ganze von Arbogast Schmitt nochmals in einem Beispiel erklären: „Aristoteles dagegen wird nicht müde zu betonen, daß man ,sein‘ in mehrfacher Bedeutung gebraucht, und daß es dabei vor allem darauf ankomme, ob man vom Sein dessen spricht, das selbst etwas Bestimmtes ist, oder ob ,(dies oder jenes-)sein‘ nur einen Aspekt an etwas bezeichnet, das von sich her etwas anderes ist. Das ,Sein‘ des Kreises ist von sich her durch die Identität der Abstände vom Mittelpunkt bestimmt. Das ,Sein‘ eines kreisrunden Kreidestrichs hat nicht von sich her diese Bestimmtheit, sondern ist nur Kreis, sofern Kreissein ein Aspekt an ihm ist. Von diesem konkreten, ,wirklichen‘ Kreis gilt daher nicht: ,Er ist entweder Kreis oder nicht Kreis‘, denn er ist in vieler Hinsicht etwas anderes als Kreis und selbst sein Kreissein ist, je genauer man mit dem Mikroskop prüft, desto anschaulicher erkennbar, etwas Unbestimmtes“ (Ebd. S. 249f).

Im alltäglichen Leben werden die Begriffe meist ungenau gebraucht. Wenn der Lehrer einen Kreis an die Tafel malt, dann sagen die Schüler, wenn sie der Lehrer danach fragt, was das ist: „Das ist ein Kreis.“ Die Antwort ist richtig, aber ungenau, nicht vollständig. Genau, vollständig müßte der Schüler antworten: Das ist eine mit Kreide an die Tafel gemalte Linie, die eine Kreisform hat. Denn der „Kreis“ an der Tafel ist ja nicht nur und allein Kreis, er ist auch Kreide, Fläche, usw. D.h. aber: Das Kreis-sein ist nicht ideal verwirklicht, weil das in dieser materiellen Welt gar nicht möglich ist. Sobald eine „Idee“ wie das Kreissein – das gedanklich erfaßt wird als eine Linie, die immer den gleichen Abstand von ein und demselben Mittelpunkt hat – in die Wirklichkeit tritt, also in unserer materiellen Welt verwirklicht wird, kommen andere, von der Materie kommende Elemente hinzu notwendigerweise hinzu.

Folgen wir hierzu weiter den Gedanken von Arbogast Schmitt:

„Für Platon und Aristoteles haben diese Möglichkeiten ihre ,Existenz‘ darin, daß sie aus dem obersten Unterscheidungskriterium des Denkens, dem Kriterium, daß alles, was gedacht wird, immer etwas Bestimmtes, von anderem Unterscheidbares sein muß, abgeleitet werden können, wie ich oben in den Grundzügen zu skizzieren versucht habe: Was etwas ist, ist immer auch ein Eines, Identisches, Verschiedenes, ein Ganzes aus Teilen usw., es ist diskrete oder kontinuierliche Einheit, und, wenn kontinuierlich, gerade oder kreisförmig usw. Daß alle Teile eines Selben sich zu einem Selben in derselben Weise verhalten können, ist nichts als eine als etwas Bestimmtes unterscheidbare und daher denkbare Möglichkeit. Realisiert im Verhältnis einer Linie zu einem Punkt und als Qualität an einem wahrnehmbaren Körper ergibt sich daraus ein als Einzelding oder einzelne Vorstellung vorhandener Kreis.
Wenn verstanden werden soll, wie z.B. ein konkreter Kreis, etwa ein Rad entstehen kann, müssen nach Aristoteles folgende zu unterscheidende Bedingungen gegeben sein: Es muß den erkennbaren Sachverhalt ,Kreis‘ geben, durch den die Möglichkeiten, die bedingen, daß etwas Kreis sein kann, gegeben sind. Es muß das Material, in dem er realisiert werden soll, vorhanden sein, und es muß jemand oder etwas dieses Material im Sinn der vom Begriff ,Kreis‘ vorgegebenen Bedingungen (einförmige Linie, gleiche Abstände usw.) formen. Nur diese letztere Ursache, die Aristoteles Wirkursache (griech. aitia poietike; lat. causa efficiens) nennt, kann auch ,der Zufall‘ sein (bzw. genauer: das, was die Zusammensetzung herstellt, kann zu dem, was zusammengesetzt wird, in einem nicht-notwendigen Verhältnis stehen), der Gesamtprozeß dagegen nicht, denn er kann nur stattfinden, wenn die beiden anderen Ursachen: die Sache ,Kreis‘ und das Material schon da sind“ (Ebd. S. 476f).

Ein konkretes Einzelding ist immer etwas Bestimmtes. Nur als solches ist es übrigens auch erkennbar, was man nicht oft genug sagen kann. Bestimmungen sind geistig einsehbare Sachverhalte – man könnte aber auch sagen: Realitäten, Wirklichkeiten – „Was etwas ist, ist immer auch ein Eines, Identisches, Verschiedenes, ein Ganzes aus Teilen usw., es ist diskrete oder kontinuierliche Einheit, und, wenn kontinuierlich, gerade oder kreisförmig usw.“ Aufgrund der Fehlinterpretierung des Denkens in der Moderne wird das rationale Denken beinahe verachtet, so als würde es den Weg zur wahren, echten Wirklichkeit versperren. Man spricht etwa von emotionaler Intelligenz, was eigentlich ein Widerspruch in sich ist, was aber fast niemandem mehr auffällt. Wer das irrationale Gefühl zu einer Erkenntnisquelle macht, der macht damit das ganze Denken irrational, d.h. er zerstört es von Grund auf.

Die menschliche Intelligenz zeichnet sich dadurch aus, daß sie die Einzeldinge auf ihre unterscheidbaren Sachverhalte hin versteht. Das aber ist ein geistiges Erfassen dessen, was in der Materie verwirklicht ist. Man versteht das, was ein „Rad“ ist, nur, wenn man erfaßt, was Kreissein heißt. Denn die Folge für das Rad – das einen Kreis bildet – ist, daß es ruhig läuft, weil nämlich jeder Punkt der Oberfläche den gleichen Abstand zum Mittelpunkt hat, weshalb die Achse eines Wagens beim Fahren auf der Straße immer im selben Abstand zur Straße bleibt. Würde man ein Rad anstatt in der Form des Kreises in der eines Quadrats konstruieren, dann wäre die Fahrt mit einem Wagen eine recht holprige Angelegenheit.

Vertiefen wir diesen Gedanken noch ein wenig anhand eines Beispiels:

„Bei der Entstehung eines Diamanten z.B. kann das Vorhandensein bestimmter Druckverhältnisse, die nötig sind, damit er zustande kommt, an einem bestimmten Ort, zu einem bestimmten Zeitpunkt usw., durchaus zufällig sein. Damit aus diesen ,zufälligen‘ Vorgängen ein Diamant wird, dürfen diese Prozesse aber nicht beliebig irgendwo und irgendwann enden, sondern nur, wenn ein bestimmter Sachverhalt eingetreten ist, also wenn das Material des Diamanten, die Kohlenstoffatome, eine bestimmte Struktur gebildet haben, die sich etwa als ein Würfel aus vier Würfeln darstellen läßt, in deren Mitte sich je ein Kohlenstoffatom befindet, das durch eine sog. kovalente Bindung (gemäß Wikipedia: (auch Atombindung, Elektronenpaarbindung oder homöopolare Bindung) ist eine Form der chemischen Bindungen und als solche für den festen Zusammenhalt von Atomen in molekular aufgebauten chemischen Verbindungen verantwortlich.) mit jeweils vier anderen Kohlenstoffatomen an vier Ecken des Würfels verbunden ist. Erst so ergibt sich eine dreidimensionale Struktur, die nach allen Seiten gleich stabil ist. Würden die ,zufälligen‘ Prozesse, die vor der Entstehung von Diamanten ablaufen, an anderer Stelle, d.h. bei der Erreichung der Bildung anderer Gestaltmöglichkeiten, enden, entstünden auch keine Diamanten, sondern entweder diffuse Gebilde oder bestimmte andere Gebilde, wenn nämlich der Prozeßzustand mit einer bestimmten Gestaltmöglichkeit identisch oder weitgehend identisch ist. Sind die Kohlenstoffatome z.B. in einem zweidimensionalen Maschenwerk in Form von hexagonalen Flächen verbunden, die relativ frei gegeneinander beweglich sind, entsteht ein Stoff wie Graphit, der dann genau die Eigenschaften hat, die das Material, die die Kohlenstoffatome in dieser Gestaltverbindung haben: etwa daß ein solcher Stoff weich und schmierig ist“ (Ebd. S. 477).

Das Beispiel mit dem Kohlenstoffatom zeigt, wie vielfältig die Gestaltungmöglichkeiten von Materie – hier als kleinster „Bauteil“ das Atom – sein können. Aber es zeigt sich auch, daß ein bestimmtes Atom immer nur bestimmte Gestaltungsmöglichkeiten hat. Die an sich – also dem Begriff nach – vollkommen unbestimmte Materie (in der Sprache der Scholastik materia prima genannt) existiert als solche nicht, sondern nur im Hinblick auf die Form. Dabei ist es schon merkwürdig zu nennen, daß die Scholastiker aufgrund der neueren Erkenntnisse der Atomphysik meinten, diesen Begriff aufgeben zu müssen bzw. zu können, obwohl ja gerade diese neuen Erkenntnisse für die materia prima sprechen, löst sich doch die Materie durch die Zertrümmerung der Atomkerne immer mehr auf – d.h. es werden immer neue Teilchen entdeckt, so daß man gar nicht mehr so recht weiß, woraus denn eigentlich die Materie besteht. Einen Philosophen von der alten Schule sollte gerade dieses Ergebnis nicht überraschen, sondern ihn dazu ermuntern, besser zu verstehen, was denn die „alte“ Philosophie über das zu sagen weiß, was Materie im Grunde und eigentlich ist. Man könnte es volkstümlich so ausdrücken: Materie verflüchtigt sich bei der Zertrümmerung ihrer Teile notwendigerweise ins Unbestimmte, weil sie als Materie vollkommen unbestimmt ist. Auf diese Weise ließe sich zeigen, wie brauchbar die echte Philosophie auch heute noch ist, worauf auch Arbogast Schmitt verweist: „Im Unterschied zu einem verbreiteten Vorurteil widerlegen die Ergebnisse der modernen Naturwissenschaften, der Physik, Chemie und Biologie die platonisch-aristotelische Unterscheidung von Sache / Form (eidos, idea) und Materie nicht, sondern bestätigen sie und machen ihren Sinn verständlich. Gerade, Kreis, Pyramide, Würfel, Kugel entstehen als Sachmöglichkeiten überhaupt nicht. Das, was entsteht, ist eine bestimmte, den exakten Bedingungen von Würfel oder Kugel (usw.) mehr oder weniger nahekommende Formung eines Materials, das dadurch an den Eigenschaften dieser Sachmöglichkeiten partizipiert“ (Ebd. S. 477).

Wir hoffen, ein wenig verständlich gemacht zu haben, daß die neue Weltdeutung des Galileo Galilei nicht einfach nur eine Änderung des Standpunktes von der Erde zu Sonne war, sondern viel mehr eine Neuinterpretation der ganzen Weltwirklichkeit auf der Grundlage der Materie allein. Wie folgenschwer diese neue Sicht für das Weltverständnis ist, kann man wohl kaum überschätzen. Die Geschichte zeigt zur Genüge: Sie war für den wahren Glauben verheerend. Wenn man feststellen muß, wie wenig Katholiken diese Gefahr überhaupt nur gesehen haben, so ist das ein auffallendes Indiz dafür, daß das katholische Denken z.T. schon seit Jahrhunderten verloren gegangen ist.

Einer der wenigen, die auf die Folgen der Neuinterpretierung der Welt durch Galilei eingegangen sind, war Eugen Mederlet OFM, der in seinem Buch „Die Hochzeit des Lammes“, feststellt: „Dann aber hat Galilei doch die wirkliche Weltordnung durchbrochen. Das damalige Angstgefühl der Kirche hatte einen tiefen seelischen Grund. Mit Galilei beginnt sich das rein naturwissenschaftliche Weltbild an Stelle des sakramentalen zu setzen. Denn im sakramentalen Weltbild ist die Erde der mystische Mittelpunkt der ganzen Schöpfung. Nazareth, Bethlehem, Golgotha und das heilige Grab sind die Orte des Einbruches Gottes in die Schöpfung, nicht nur für uns Menschen, sondern für das Leben der ganzen Welt. Denn ‚er trägt das All durch sein mächtiges Wort‘“ (Hebr 1,3)“ (Eugen Mederlet OFM, Die Hochzeit des Lammes, Christiana-Verlag Stein am Rhein 1983, S. 94).

Dem kann man nur voll und ganz zustimmen.