Fußnotentheologen – 1. Teil

von antimodernist2014

Der moderne Mensch der westlichen Welt fällt besonders durch seinen Subjektivismus auf. An sich werden wir Menschen seit der Erbsünde sowieso schon ständig dazu versucht, uns eine Welt nach unserem eigenem Gustus zusammenzureimen, also die Welt nicht so zu sehen, wie sie wirklich ist, sondern so, wie wir sie gerne hätten, dennoch wurde diese Neigung in den letzten Jahrhunderten nochmals vehement dadurch verstärkt, daß man den Menschen ständig einredete, sie wären nicht einfach nur frei, sondern vollkommen frei, weshalb jegliche Bindung sogar schädlich sei und letztlich immer eine Unterdrückung. Seitdem der Mensch auf diese Weise durch eine ganze Reihe von Revolutionen befreit wurde, bemüht er sich ständig um möglichst viel Selbstverwirklichung, ohne überhaupt noch zu wissen, wer er eigentlich im Grund und zu guter Letzt ist und was er somit verwirklichen soll.

Darum ist wohl auch das befremdliche Phänomen entstanden, daß man diesem so überaus freien Wesen Mensch ständig sagen zu müssen glaubt, was er denn nun eigentlich – ganz frei versteht sich! – denken und wollen und tun soll. Eine riesige Meinungsmachindustrie kümmert sich um die freie Meinung des Menschen, und wehe einer meint, etwas anderes als das, was jeder zur Zeit gerade gemäß der Meinungsmacher meinen soll, seinerseits einfach frei meinen und äußern zu können, so wird man ihn sofort am Galgen der politischen Korrektheit aufhängen. Beim genauen Hinsehen ist das eine recht kümmerliche Freiheit – aber wie könnte es auch anders sein, sagt uns doch unser göttlicher Lehrmeister: „Wenn ihr in meiner Lehre verharrt, seid ihr wahrhaft meine Jünger. Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“ (Joh. 8,31f).

Wenn man also wirklich, wahrlich, echt frei sein möchte, kommt es auf dreierlei an: Zunächst gilt es, der Lehre des menschengewordenen Gottessohnes zu glauben. Sobald wir diese Lehre mit göttlichem Glauben für wahr halten, wird sie uns, weil wir sie als die Wahrheit erkennen, denn ER ist die Wahrheit, und als solche aneignen, frei machen.

Gerade dies ist jedoch heutzutage zugegebenermaßen äußerst schwer geworden. Nachdem nämlich das uns von Gott geschenkte kirchliche Lehramt, das uns im Auftrag und mit der Vollmacht Jesu Christi, gestützt auf den ständigen Beistand des Heiligen Geistes, unfehlbar in der Wahrheit befestigen sollte, durch die Zulassung Gottes zum Leeramt entartete – ist doch der Stuhl Petri leer und somit die Kirche Jesu Christi zur Zeit des obersten Hirten und Lehrers beraubt –, sind diejenigen „Theologen“, die dieses Faktum nicht anerkennen wollen, der Versuchung verfallen, dieses Fehlen mit Hilfe unerlaubter Mittel zu ersetzen.

Das gilt übrigens grundsätzlich für all jene, welche die evidente Tatsache des leeren Stuhles Petri nicht anerkennen wollen, aber selbst auch für nicht wenige von denjenigen, die sie anerkennen. Die Versuchung, sich selbst zum Lehramt zu erheben, ist nämlich eminent gefährlich, und es ist zudem eine Versuchung, die in vielen Nuancen den heutigen Theologen bedrängt. Während etwa die einen ihr eigenes Urteil inzwischen ganz gewohnheitsmäßig über ihr angeblich ständig irrendes Lehramt der Kirche erheben, weil sie meinen, sie könnten jederzeit frei über dieses urteilen, empfinden die anderen das Fehlen des unfehlbaren Lehramtes gar nicht mehr als besonderen Mangel und bilden sich ein, auch ganz gut ohne dieses zurecht zu kommen und, man möchte fast sagen, spielend leicht inmitten des allgemeinen Chaos katholisch bleiben zu können.

Dabei ist es immer nur allein das unfehlbare Lehramt, das uns die objektive Wahrheit unseres hl. Glaubens als solche über die Zeit hinweg verbürgen kann und auch verbürgt hat. Nur wenn ein unfehlbarer Lehrer existiert, kann die Wahrheit als solche, ohne subjektive Veränderungen und Verfälschungen im ständigen Auf und Ab der Geschichte bewahrt werden. Nun wissen wir nicht, wie lange diese göttliche Prüfung noch andauern wird, aber wir wissen, wie schwer es ist, in dieser Prüfung selbst nicht in die Irre zu gehen, weswegen selbstverständlich eine entsprechend große Sorgfalt im Umgang mit der göttlichen Wahrheit notwendig erscheint.

Es jedoch schon recht bedrückend, sehen zu müssen, wie in der Tat nicht wenige der Versuchung erliegen und die eigene erkannte „Wahrheit“ einfach apodiktisch zur Wahrheit der Kirche erheben – womit sie aus dem katholischen Glauben eine Ideologie machen. Da in der Tat keine lehramtliche Instanz mehr existiert – das müssen eigentlich alle zugestehen, hat doch das sog. moderne Rom nach Meinung der allermeisten schon seit Jahrzehnten keine unfehlbare Lehre mehr verkündet, jedenfalls interpretiert man so das Leeramt der Modernisten und meint dennoch, es sei im Grunde alles noch beim Alten geblieben –, weil aber tatsächlich jegliche lehramtliche Instanz fehl, fehlt auch jegliche unfehlbare und somit objektivierende Korrektur. Das müßte nun wiederum jeden ernsthaften Katholiken stutzig machen und sofort zum Weiterdenken zwingen. Wer dieses Weiterdenken verweigert, der wird sich notwendigerweise eine neue Lehre über das kirchliche Lehramt konstruieren, die den unleugbaren Tatsachen vermeint irgendwie noch zu entsprechen, sie aber in Wirklichkeit ins Gegenteil verkehrt.

Wie so oft in geistesgeschichtlichen Auseinandersetzungen treffen sich dabei die Extreme plötzlich wieder – hier der Modernismus und der Traditionalismus! Mit einem Mal fordern beide die Freiheit des Urteils gegenüber dem kirchlichen Lehramt, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Motiven. Ein Modernist leugnet die Unfehlbarkeit mehr oder weniger ausdrücklich, für ihn hat der Papst nur noch einen Ehrenprimat inne. Der „Papst“ der Modernisten ist bloß noch der Manager der versöhnten Verschiedenheit, der modernistische Unglaube ist ja seinem Wesen nach inhaltslos und nur noch ein bloßes Gefühl. Darum ist der Modernist von seinem „Glauben“ her gegenüber dem kirchlichen Lehramt letztlich vollkommen frei.

Aber dasselbe gilt für die sog. Traditionalisten. Auch diese haben sich, zunächst eher in der Praxis, angewöhnt, frei über alle Akte des Lehramtes zu urteilen, weil diese doch überwiegend nicht mit unfehlbarer Gewißheit verbindlich seien. Wir haben zwar schon öfter darauf verwiesen, wollen aber dennoch in diesem Zusammenhang nochmals auf diesen Sachverhalt zurückkommen, ist dieser Perspektivenwechsel doch grundlegend und dieses vollkommen verkehrte Glaubensverhalten wurzelhaft in vielen vorhanden.

Die Wahrheit ist: Der Katholik ist nicht frei in seinem Urteil gegenüber dem Lehramt. Diese Aussage gilt nicht nur sporadisch und ab und zu, sondern grundlegend und immer. Die meisten Traditionalisten schränken ihren Glaubensgehorsam inzwischen grundsätzlich auf die feierlichen Akte des unfehlbaren Lehramtes ein und haben ein gewohnheitsmäßiges Mißtrauen gegenüber allem, was von Rom und somit von ihrem „Papst“ kommt. Da sie meinen, der Papst könne und habe und würde jederzeit die Kirche – solange er seine Unfehlbarkeit nicht ausdrücklich und in feierlicher Form in Anspruch nimmt! – in die schwersten Glaubensirrtümer stürzen und zudem selbst die schlimmsten sittlichen Verfehlungen für richtig und erlaubt halten bzw. erklären, müssen sie ihm mit einem ständigen Argwohn begegnen.

Man meint, es müßte jedem Katholiken spontan auffallen, daß so ein Verhalten dem kirchlichen Lehramt gegenüber unmöglich sei. Leider belehren einen die Tatsachen mit dem Gegenteil. Nicht nur, daß dieses Fehlverhalten in keiner Weise mehr eingesehen wird, es wird vielmehr mit Vehemenz verteidigt. Der Grund für die Verweigerung einer Korrektur liegt in dem inzwischen verfestigten Irrtümern über Papst, Lehramt und Kirche. Wer meint, einen Häretiker oder gar einen Apostaten als legitimen Papst der katholischen Kirche anerkennen zu können, kommt in unlösbare Konflikte mit der katholischen Glaubenslehre. Selbstverständlich kann kein Katholik einem Häretiker oder Apostaten einen unbedingten Glaubensgehorsam entgegenbringen, das wäre direkt irrsinnig. Wenn aber gerade dieser Irrlehrer oder Apostat der Papst sein soll, dann ist gerade dieser Glaubensgehorsam gefordert.

Nun sehen zwar diese Traditionalisten noch, daß der Mann in der weißen Soutane in Rom seine ihm von Jesus Christus anvertraute Herde zielsicher in die Hölle führt, weil er Glaube und Sitte systematisch zerstört, sie sehen aber nicht und wollen es unter keinen Umständen wahr haben, daß er das niemals als Papst machen kann. Darum konstruieren sie sich einen ständig irrenden „Papst“ und eine Kirche, die immer voller Irrtümer ist und deren moralischen Grundsätze inzwischen selbst dem natürlichen Sittengesetz widersprechen. Jeder Katholik müßte einsehen, dies ist nicht die Kirche Jesu Christi und kann es auch niemals sein, vielmehr muß es eine Pseudokirche sein, die den Beistand der Heiligen Geistes verloren hat und zum Tummelplatz für die Dämonen wurde. Es ist auffallend, wie sich auch hierin die Modernisten mit den Traditionalisten einig sind. Sowohl die einen wie auch die anderen sprechen ohne Hemmung von den Sünden der Kirche und sogar der sündigen Kirche. Wie auch soll die Kirche über Jahrhunderte hinweg die makellose Braut Jesu Christi sein und bleiben, wenn ihr der Heilige Geist nur alle 100 Jahre einmal bei einem außerordentlichen unfehlbaren Akt des Lehramtes zur Seite steht, sonst aber niemals in Erscheinung tritt und treten darf. Wenn es kein deistisches Kirchenbild ist! Es ist durchaus beachtenswert, daß sich der Dogmatiker Reginald M. Schultes O.P. bereits 1911 in seinem Buch über den Anti-Modernisteneid zu folgender Klarstellung veranlaßt bzw. gezwungen sah: „Von katholischer Seite wird vielfach der dem Papst resp. der Kirche verheißene Beistand des Hl. Geistes als nur in außergewöhnlichen, seltenen Fällen eintretend gedeutet, während er doch ein dauernder, mit dem Amt gegebener ist. Außergewöhnlich sind nur die Formen, in denen sich die Unfehlbarkeit des Papstes zuweilen äußert“ (R.M. Schultes, Was beschwören wir im Antimodernisteneid? Mainz 1911, S. 5).

Nur so kann und muß es sein, wenn die hl. Kirche wirklich eine göttliche Institution ist: Der „Beistand des Hl. Geistes ist ein dauernder, mit dem Amt gegebener“. Jedem Katholiken sollte das doch eigentlich ein außerordentlicher Trost sein. Aber was muß man bei vielen Traditionalisten sehen? Sie freuen sich jedesmal darüber, wenn ihr „Papst“ nicht unfehlbar lehrt, weil sie nämlich dann kein Problem mit dem Lehramt haben – so meinen sie wenigstens, denn solange der Papst nicht unfehlbar lehrt, meinen sie in ihrem Urteil vollkommen frei zu sein. Hierin erweisen sich diese Leute eindeutig als moderne Menschen mit einer modernen Freiheit, die den Anspruch der Autonomie des eigenen Urteils gegenüber jeglicher Autorität erhebt. Es ist schon ein Schauspiel ganz eigener Art, wenn man beobachtet, wie sich schon jedes Traditonalistenkind, das seinen Katechismus entsprechend ideologisiert gelernt hat, fest einbildet, es wüsste letztlich besser als der eigene Papst, was katholisch sei und was nicht. Denn, so hat es schließlich sicherlich tausendmal von den Verantwortlichen gehört: Wir haben die Tradition – worin unlösbar das Urteil eingeschlossen ist: Der Papst dagegen hat sie nicht! Der Papst muß sich ja erst noch bekehren, dann aber, wenn er sich bekehrt hat, ist er natürlich wieder ganz und gar für uns, weil wir ja katholisch sind, er aber zur Zeit noch nicht! Der eine oder andere meint nun womöglich, dies wären nun doch karikierende Worte, was aber leider nicht stimmt. Es ließen sich eine ganze Reihe von Sätzen zitieren, die genau das wieder und wieder sagen. Wir wollen jedoch den Leser damit nun nicht ermüden, oder sollte man besser sagen belästigen.

In der Zeitschrift „Der Katholik“ aus dem Jahre 1870 wird das rechte Verständnis der Unfehlbarkeit unserer hl. Kirche ausführlich dargelegt und gegen damals weit verbreitete Irrtümer verteidigt. („Der Katholik. Zeitschrift für katholische Wissenschaft und kirchliches Leben“ (Mainz, Jg. 50,1870, Bd. I, S. 689 ff und Bd. II S. 38 ff), herausgegeben und redigiert von C.H. Moufang und dem Dogmatiker J. B. Heinrich – zitiert in Kyrie eleison 11(1982) 23 – 28.) In dem Text wird die Möglichkeit eines „Mißbrauchs der kirchlichen Hirten- und Lehrvollmacht durch Kompetenz-Überschreitung“ erwogen, also genau das, was diese Traditionalisten dem Lehramt ständig zutrauen. Wie ist es wirklich? Kann die wahre Kirche Jesu Christi durch ihr legitimes Lehramt in die Irre geführt werden?

„…in Glaubenssachen kann die Kirche ihre Kompetenz nicht überschreiten; sie ist dagegen durch ihre Unfehlbarkeit gesichert. Wollte der Einzelne sich anmaßen, über die Lehrentscheidungen der Kirche zu urteilen, ob die Kirche nicht die Grenzen des depositum fidei überschritten (habe, d.Verf.), so hätte er bereits aufgehört, Katholik zu sein, indem er sein Privaturteil über das Urteil der Kirche setzte.
Da das depositum in der hl. Schrift und der Tradition enthalten ist, so ist die Kirche verpflichtet, ihre Entscheidungen aus diesen beiden Quellen des Glaubens, der hl. Schrift und Überlieferung, zu schöpfen. Daß sie dieses wirklich tut, und niemals eine Glaubensentscheidung erläßt, die nicht in den Quellen des Glaubens und der Überlieferung begründet wäre, dafür bürgt gleichfalls ihre Unfehlbarkeit und kann die autoritative Entscheidung darüber, ob eine Lehre in der Schrift und Tradition begründet sei, nur der Kirche selbst zustehen.
Diese Entscheidung dem Einzelnen anheimstellen, heißt das katholische Autoritätsprinzip zerstören. Ob die Heilige Schrift oder die Tradition und ihre Quellen dem Privaturteil unterworfen werden, ist eines und dasselbe.
Es wäre daher ein die Kirche und den Glauben umstürzendes Prinzip, wenn man die letzte Entscheidung darüber, ob die Lehrentscheidungen der Kirche gültig, weil der Überlieferung gemäß seien, der Wissenschaft zusprechen wollte…“

Seiten: 1 2 3