Fußnotentheologen – 1. Teil

Wir haben diese Stelle schon einmal dem Leser zur Kenntnis gebracht, da sie aber den Sachverhalt so klar und unmißverständlich darlegt, kann man sie nicht oft genug überdenken. Die Kirche kann im Rahmen ihrer ordentlichen Lehrverkündigung niemals ihre Kompetenz überschreiten, d.h. sie kann niemals Irrtümer zur Lehre der Kirche machen, weil sie „dagegen durch ihre Unfehlbarkeit gesichert“ ist. Es ist evident: Das glauben heute weder die Modernisten noch die meisten Traditionalisten, wodurch allein sich schon zeigt, daß sie den eigentlichen Sinn der Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramtes gar nicht mehr begreifen. Wer nämlich meint, gegen das unfehlbare Lehramt der Kirche auf die Tradition (das depositum, die Glaubenszeugnisse der Vergangenheit) zurückgreifen zu können, ja ständig zu müssen, weil er Angst davor hat, dem Lehramt voll zu vertrauen, obwohl ihm nicht nur der sporadische, sondern der ständige Beistand des Heiligen Geistes zugesichert worden ist, der hat gar keinen übernatürlichen Glauben mehr, erhebt er doch sein eigenes, privates und ständig irrtumsfähiges Urteil über das unfehlbare Urteil des Lehramtes: „Diese Entscheidung dem Einzelnen anheimstellen, heißt das katholische Autoritätsprinzip zerstören.“

Wenn aber das katholische Autoritätsprinzip einmal zerstört ist, dann regiert die Willkür und der Glaube wird zur Ideologie. Die Autoren des Artikel in „Der Katholik“, stellten damals ganz unmißverständlich fest: „Es wäre daher ein die Kirche und den Glauben umstürzendes Prinzip, wenn man die letzte Entscheidung darüber, ob die Lehrentscheidungen der Kirche gültig, weil der Überlieferung gemäß seien, der Wissenschaft zusprechen wollte…“ Heutzutage müßte man wohl noch ergänzend hinzufügen: der Wissenschaft oder irgendeiner religiösen Gemeinschaft zusprechen wollte. Denn das ist die Versuchung, der so viele unterliegen: Sie schaffen sich im Gegensatz zum sog. modernistischen Rom ein Ersatzlehramt, indem sie nämlich einer Person oder einer Gemeinschaft die Fähigkeit zuschreiben, den katholischen Glauben inmitten der vielen Irrtümer richtig (eigentlich müßte man sagen unfehlbar!) zu verteidigen.

In der Folge werden sodann Sondermeinungen der Gemeinschaft gleichsam dogmatisiert und diese vorgegebene „Wahrheiten“ gemeinschaftlich verteidigt. Je länger das dauert, desto größer werden die Wahrnehmungsstörungen der einzelnen Mitglieder. Keiner sieht mehr über den Tellerrand der eigenen Ideologie hinaus, und wenn man nur etwas genauer hinschaut, erkennt man sofort, es geht gar nicht mehr um die göttliche Wahrheit, die uns allein von der Kirche unfehlbar vorgelegt werden kann, es geht um die eigene „Wahrheit“, die stillschweigend und gleichsam apriori mit dem katholischen Glauben gleichgesetzt und entsprechend rigoros verteidigt werden muß. Diese blinden Blindenführer werfen sodann jedem Verteidiger der göttlichen Wahrheit blinden Eifer vor, den sie täglich selbst öffentlich zur Schau stellen. Die Folgen sind natürlich besonders weitreichend und schwerwiegend, wie wir noch sehen werden. Aber wenden wir uns vorerst einem anderen Thema zu.

Der 1870 in Frankreich geborene und 1953 in England verstorbene Hilaire Belloc war gleich seinem Freund Chesterton ein nicht zu überhörender Außenseiter, der mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln gegen den geistlosen Materialismus, die Tyrannei der Schlagworte, die Demagogie und den Fortschrittsglauben kämpfte. In seinem Buch „Gespräch mit einem Engel“ macht er eine seiner etwas launigen Bemerkungen „Über Fußnoten“. Einleitend stellt er fest: „Es ist überaus anregend, die verschiedenen Formen und Gestalten der Lüge zu beobachten; eine solche Betrachtung gewährt uns nämlich einerseits Einblick in die schöpferische Erfindungsgabe der Menschen und bietet uns andererseits den unterhaltsamen Anblick der Gefoppten. Eine der milderen Arten der Lüge, die mir immer ganz besonderen Spaß bereitet hat, ist die Verwendung von Fußnoten in modernen Geschichtswerken“ (Hilaire Belloc, Gespräch mit einem Engel, Herold, Wien 1954, S. 177).

Wenige Menschen sind ganz und gar ehrlich, wenn es um ihre eigene Person geht, ihr Ansehen, ihr berufliches Fortkommen, ihren Erfolg. Da besitzt der Mensch nur allzu oft eine schöpferische Erfindungsgabe, um dem Ganzen etwas vorwärts zu helfen. Das gilt natürlich auch im wissenschaftlichen Bereich. Es geht im Namen der Wissenschaft nicht immer um die Wahrheit. Das zeigt sich etwa bei der Verwendung von Fußnoten in wissenschaftlichen Werken. Dem will Belloc in seinem Essay nachspüren.

„Die ganze Geschichte mit den Fußnoten hat sicher in der allerbesten Absicht angefangen. Die erste, bescheidene, kleine Fußnote diente lediglich der Unterstützung eines im Texte ins Treffen geführten Argumentes. Der Autor wollte irgendeine Behauptung, die außerordentlich oder befremdend erschien, ohne den Zusammenhang seiner Darlegungen zu unterbrechen, unterstützen und belegen; in der Absicht, den Leser zu überzeugen, gibt er in der Fußnote die Quelle oder die Belegstelle an, die seine Behauptung beweisen oder glaubhaft machen soll; er sagt gleichsam zum Leser: ‚Wenn Du mir nicht vertraust, schlage dieses oder jenes Werk nach, das mir als Autorität gilt.‘ Das war ganz unschuldig und ganz in Ordnung“ (Ebd.).

Jeder, der selber mit wissenschaftlichen Texten zu tun hatte oder hat oder womöglich selbst solche verfaßt hat oder noch verfaßt, weiß, ganz ohne Fußnoten kommt man nur in populärwissenschaftlichen Aufsätzen aus. In fachwissenschaftlichen Beiträgen sind Fußnoten eine Pflicht. Sie erweitern etwa die Möglichkeiten des Nachlesens für diejenigen, die sich in das Thema vertiefen wollen, sie schließen einen Gedanken ab, wofür in der eigenen Arbeit kein Platz mehr ist, sie verweisen auf grundlegende Literatur, die es zum Thema gibt, usw. Wie wir sehen ist das zunächst „ganz unschuldig und ganz in Ordnung“. Zunächst, aber wie geht es weiter?

„Dann aber kam die Schlange zum Vorschein, oder besser die ganze Schlangenbrut.
Der erste bedeutende Autor, der — soweit ich feststellen kann — eine recht ansehnliche Schlange einführte, war Gibbon [Gibbon Edward, Historiker, 1737 – 1794, sein berühmtes Buch, auf das hier Bezug genommen wird, ist „The Decline und Fall of the Roman Empire“]. Er verwendete zwar die Fußnote noch korrekt als gelegentliche Unterstützung irgendeiner fragwürdigen Behauptung; aber er bringt doch auch eine neue Note in die ganze Sache. Ich bin nicht ganz sicher, ob er dabei wirklich der erste ist. Ich möchte es beinahe bezweifeln, denn Gibbon war kein selbständiger Denker, sondern ein Nachbeter der zeitgenössischen französischen Schriftsteller der Aufklärung und ein Schüler Voltaires. Jedenfalls aber ist Gibbons Buch das erste bedeutende Werk, in dem die Anfänge der Mißbräuche und Fälschungsmanöver bei der Verwendung von Fußnoten festzustellen sind, und gerade die ersten sind die weitaus schlimmsten; niemand hat von diesen Methoden so ausgezeichneten Gebrauch gemacht wie Gibbon; er war auch darin genial, wie in vielen anderen Dingen. Es handelt sich um die Verwendung der Fußnote, um den einfachen Mann, den gewöhnlichen Leser zu täuschen und zu beeinflussen. Gibbon macht hiervon ausgiebigsten Gebrauch“ (Ebd. S. 177f).

In Zeiten, in denen ein Buch noch etwas relativ seltenes war, hatte dieses auch noch eine herausragende Stellung. Was man gelesen hatte, beeindruckte mehr als das, was man einfach hört. Man kann das heute wohl vergleichen mit dem Fernsehen. „Das habe ich im Fernsehen gesehen“, bedeutet bei vielen Menschen mehr als „Das habe ich selbst gesehen“. Die suggestive Macht der Medien kann man schwerlich überschätzen. Auch ein Buch besitzt diese suggestive Macht, vor allem natürlich ein wissenschaftliches Buch von einem Wissenschaftler ersten Ranges. Aber auch eines von einem weniger bekannten Mann übt schon diese Wirkung aus: Der einfache Mann, der gewöhnliche Leser, der Nichtfachmann läßt sich leicht beeindrucken und darum leicht beeinflussen und täuschen. Der einfache Leser urteilt ganz unbedacht so: „Der ist ein Fachmann, der muß es wissen.“ Mit diesem Vorschuß an Vertrauen läßt sich, wie man sich gut vorstellen kann, leicht Schindluder treiben. Überlassen wir dazu Belloc wieder das Wort.

„Seine Lieblingsmethode ist es, zunächst im Text eine falsche Behauptung aufzustellen und diese sodann in einer Fußnote in solcher Weise zu erläutern, daß er zwar gegen den Fachmann gedeckt erscheint, der Unwissende aber hinters Licht geführt wird. Er behauptet zum Beispiel im Texte in ganz bestimmter Form irgendeinen Sachverhalt — obgleich er selbst genau weiß, daß dies falsch ist, und daß jeder Nachweis dafür, wenn überhaupt erhältlich, höchst zweifelhaft wäre. Dann setzt er zu dieser Behauptung eine Fußnote, die einer Einschränkung seiner Feststellung im Texte gleichkommt, so daß ein Kritiker, der die Materie kennt, zugeben muß, daß auch Gibbon sie kennt. Es ist geradeso, wie wenn ich schriebe: ‚Im Jahre 1914 sind die Russen in Nordengland gelandet und durch England marschiert, um an der französischen Front eingesetzt zu werden‘, und dann eine Fußnote setzte: ‚Siehe aber spätere Kritiken dieses Berichtes von dem zwar sehr genauen, aber fanatischen X. Y.‘“ (Ebd. S. 178f).

Ein Sprichwort sagt: „Es gibt nichts, was es nicht gibt“, womit eine Alltagserfahrung zum Ausdruck kommt, die einen öfter selbst überrascht. Manche Erlebnisse erscheinen so ungewöhnlich, daß man meint, sie gar nicht glauben zu können, wenn man sie nicht selbst erlebt hätte. Solche Erfahrungen machen sich auch manche Schriftsteller zunutze, sie wagen den Sprung ins Seltsame, Phantastische, Unglaubliche, das sie aber als Tatsache behaupten. So gibt es etwa inzwischen eine ganze Flut von Büchern über Außerirdische, die schon auf unserem Planet Erde gewesen sein sollen. Ein Autor könnte hierbei etwa als Fußnote auf die Werke von Jules Verne verweisen und würde damit sicherlich immer noch als sehr gelehrt gelten. Damit sind wir aber auch schon bei der zweiten Möglichkeit, mit Fußnoten in die Irre zu führen.

„An anderer Stelle führt Gibbon den einfachen Leser wieder durch Hinweise auf Belegstellen hinters Licht, die höchst gelehrt aussehen, tatsächlich aber völlig nichtssagend sind; der schlichte Leser sagt sich angesichts dieser Fußnoten: Ich kann natürlich nicht alle diese alten Bücher nachlesen, aber der gelehrte Mann, der das Buch schrieb, hat sie sicher alle gelesen.
Ein glänzendes Beispiel für die Kniffe, die Gibbon anwendet, ist seine berüchtigte Falschmeldung, die er über den hl. Georg in Umlauf setzte. Es ist, weiß Gott, wenig genug über diesen Heiligen bekannt, als daß auch noch falsche Berichte über ihn verbreitet werden müßten. Man findet die Stelle im dreiundzwanzigsten Kapitel seines Buches, in dem er die geradezu absurde Behauptung aufstellt, daß der hl. Georg identisch sei mit Georg von Cappadocien, diesem betrügerischen Schweinehändler und Gegner des hl. Athanasius.
Dieses geradezu klassische Beispiel für einen Fußnotenbetrug verdient festgehalten zu werden. Im Text heißt es wörtlich: ‚Der berüchtigte Georg von Cappadocien ist in den berühmten hl. Georg von England umgewandelt worden.‘ Die Fußnote hierzu lautet: ‚Diese Umwandlung wird nicht als absolut sicher behauptet, aber als außerordentlich wahrscheinlich. Siehe Longueruana, Band L, Seite 194.‘“ (Ebd. S. 179f).