Fußnotentheologen – 1. Teil

Die Behauptung, „daß der hl. Georg identisch sei mit Georg von Cappadocien, diesem betrügerischen Schweinehändler und Gegner des hl. Athanasius“, ist nun wirklich recht abenteuerlich, ja geradezu absurd, was jedoch einen französischen Schriftsteller der Aufklärung und einen Schüler des Kirchenhassers Voltaire nicht hindert, sie aufzustellen. Der Grund für eine solchermaßen absurde Behauptung liegt offen auf der Hand, sie möchte die Heiligen der Kirche lächerlich machen. Und dazu war den Kirchenhassern immer schon jedes Mittel recht. Damit der Betrug nicht ganz so leicht ins Auge fällt und jeder Dummkopf ihn als solchen entlarven kann, dient die Fußnote, die sagt: Es gibt ein Buch, in dem das, wenn auch nicht sicher, so doch mit außerordentlicher Wahrscheinlichkeit behauptet wird. Um welches Buch es sich dabei handelt erklärt uns wiederum Belloc.

„Diese Fußnote verwässert also sofort die Behauptung im Text und gibt sich gleichzeitig den Anschein großer Gelehrtheit und Gründlichkeit. Die größte Überraschung aber ist es, wenn man erfährt, daß die zitierte Autorität mit dem klingenden Titel ‚Longueruana‘ ein alter Schmöker und ein Schundbuch ist, das allerhand abenteuerliche Tratschgeschichten, ohne den geringsten Anspruch auf irgendeine historische Richtigkeit zu erheben, erzählt und von einem sonst ganz obskuren Franzosen des 18. Jahrhunderts zusammengestellt worden ist; das ist nun die Quelle, aus der Gibbon seine Weisheit über den hl. Georg schöpft. Ich habe mich — wahrscheinlich als erster und sicherlich als letzter meiner Generation — der Mühe unterzogen, das Buch ausfindig zu machen und nachzuschlagen“ (Ebd. S. 180).

Wenn allein auf der Frankfurter Buchmesse jährlich etwa 400 000 Bücher gezeigt werden, kann man sich ausmalen, wie viele Schundbücher darunter sein müssen. Man kann wohl ohne Übertreibung für fast jede noch so absurde Meinung ein Buch finden, das diese vertritt und verteidigt. Noch unübersehbarer wird das Ganze heutzutage durch das Internet. Eine ganze Flutwelle von Informationen kommt einem da entgegen, der man, wenn man ehrlich zu sich wäre, gar nicht gewachsen sein kann! Man muß schon ein überdurchschnittliches Wissen zu einem Thema haben, um aus der Fülle der Möglichkeiten das Rechte herausgreifen zu können. So konnte auch Gibbon zu einer Zeit, als die Bücherzahl noch bei weitem überschaubarer was als heute, einen Autor finden, der die absurde These vertrat, daß „der hl. Georg identisch sei mit Georg von Cappadocien, diesem betrügerischen Schweinehändler und Gegner des hl. Athanasius“. Daß der phantastische Schreiber mit seinen Geschichten keinerlei Anspruch auf geschichtliche Wahrheit beanspruchte, störte Herrn Gibbon nicht, es ging ihm ja nicht darum, wahre Geschichte zu schreiben, sondern darum, die Heiligen der Kirche in ein möglichst schlechtes Licht zu stellen – und dazu ist ihm jedes noch so absurde Argument willkommen. Daran hat sich natürlich bis heute nichts geändert.

Damit haben wir freilich unser Thema immer noch nicht ausgeschöpft. Fußnoten eröffnen einen ungeahnt weiten Horizont der Täuschung, wie uns Belloc überaus gekonnt zeigt: „Der verstorbene Historiker Andrew Lang pflegte zu sagen, daß der Autor, der unter dem Pseudonym Anatole France schreibt, die Sammlung der Fußnoten zu seinem Buch über die hl. Jeanne d’Arc in Akkord vergeben haben müsse. Die Idee eröffnet interessante Ausblicke. Ein Mann mit einem Namen als Autor könnte sich einfach hinsetzen und eine historische Arbeit über ein Thema schreiben, von dem er gerade noch eine blasse Idee hat. Das Manuskript übergibt er dann einem armen Teufel, der für ihn schwitzend in der Bibliothek des British Museum die Bezugsstellen und Belege für jede Behauptung oder Feststellung, die dem Autor beliebte, heraussucht; mit einiger Mühe wird dies gelingen, denn man kann für alles, was man nur will, eine Belegstelle finden. Jedenfalls hat Andrew Lang in dem Falle des Buches über Jeanne d’Arc genau nachgewiesen, daß der Autor die Werke, auf die er sich beruft, niemals gelesen hat, obwohl er sie haufenweise zitierte“ (Ebd. S. 183f).

Bekanntlich ist ja Zeit Geld und wer hat schon genügend Zeit, wenn ihm das Geld fehlt? Wie sollte ein armer Gelehrter so viele Bücher lesen können, daß er selbst vor seinen Fachkollegen Anerkennung findet? Nun, wenn er die Bücher schon nicht lesen kann, dann kann er sie doch wenigstens in einer sehr gelehrten Fußnote erwähnen – und damit den Eindruck erwecken, er hätte dieses Werk natürlich, wenn er es schon zitiert, auch gelesen. Heutzutage, im Zeitalter des Internet, ist es noch viel leichter geworden, nicht vorhandene Gelehrtheit zu Schau zu stellen. Es ist damit aber „leider“ auch viel leichter geworden, solche Plagiate nachzuweisen. Dem einen oder anderen kommen bei diesem Thema womöglich gewisse Doktorarbeiten in den Sinn, wobei man sich doch auch die Frage stellen könnte, warum man immer nur gewisse Leute überprüft, andere offensichtlich ungeschoren davonkommen läßt? Das Ganze könnte man natürlich noch weiterspinnen und sich vorstellen, daß ein entsprechend bemittelter Doktorand einen sog. Ghostwriter engagiert, der für ihn die hauptsächliche Arbeit macht. Er selbst braucht dann nur noch kurz drüber gehen und somit alles zu seine Arbeit zu machen, womit die Doktorarbeit fertig wäre.

Hiermit – mit dieser sehr weitreichenden Möglichkeit des Abschreibens von anderen – sind wir auch schon bei unserm nächsten Fall angekommen. Da unser Autor diesen schon unübertrefflich zu Papier gebracht hat, wollen wir ihn darüber auch in einem Stück berichten lassen:

„Das bringt mich nun zu einem weiteren Unfug, der mit Fußnoten betrieben wird; es ist die verbreitete Gewohnheit, die Fußnoten anderer Bücher einfach abzuschreiben. Als Student in Oxford tat ich es selbst, und die Universität hat mich dazu verführt; heute noch bitte ich Gott und die Menschheit um Vergebung dafür. Es ist ein sehr weit verbreiteter Brauch, und ein klein wenig Findigkeit genügt, um die Spuren zu verwischen. Ein sehr gelehrter und weiser Mann erzählte mir einmal folgende amüsante Geschichte.
Er arbeitete an einem wirtschaftsgeschichtlichen Thema und fand in allen Werken, die er dazu benötigte, immer wieder Hinweise auf ein Buch aus dem Ende des XVII. Jahrhunderts, das einen ökonomischen Essay über die Frage, an der er arbeitete, enthielt. Ein Buch nach dem anderen nahm immer wieder Bezug auf diesen Essay und die darin enthaltene Theorie; meinem Gewährsmann, der, wie ich schon sagte, ein hervorragender Fachmann auf diesem Gebiete war und überdies (was bei hervorragenden Fachleuten gar nicht immer der Fall ist) über ein beträchtliches Allgemeinwissen verfügte, kam die Sache verdächtig vor. Er konnte nicht glauben, daß ein Buch aus dieser Zeit wirklich gesagt haben sollte, was in den Zitaten immer wieder behauptet wird.
Endlich versuchte er, sich dieses Buch, dessen Zitierung ihn überall verfolgte, selbst anzusehen und fand, daß nur zwei Exemplare davon auffindbar seien. Das eine war in einer öffentlichen Bibliothek und das andere in einer Privatbibliothek. Die öffentliche Bibliothek war in einer entfernten Provinzstadt, aber die private war leichter zu erreichen. Er schrieb also dem Besitzer einen höflichen Brief und bat, in das Buch Einsicht nehmen zu dürfen. Er erhielt pünktlich eine liebenswürdige Antwort mit der Mitteilung, daß die Bibliothek leider einem Brande zum Opfer gefallen und das Buch vernichtet sei. So blieb ihm nichts übrig, als sich zu der Reise zu entschließen, und in dieser öffentlichen Bibliothek machte er schließlich eine sehr interessante Entdeckung. 1. Daß das Büchlein, das er dort fand, noch nie benutzt worden war, weil es gar nicht aufgeschnitten war, und 2., daß die überall angegebenen Zitate aus dem Buch kaum irgend einen Bezug oder Zusammenhang mit dem Inhalt des Buches hatten. Daraufhin unternahm er mit unendlichem Fleiß und größter Mühe genaue textkritische Untersuchungen und konnte schließlich einwandfrei feststellen, daß seit dem Jahre 1738 kein Mensch mehr die fragliche Stelle mit eigenen Augen gesehen haben kann. Seit dieser Zeit ist die Stelle erst verfälscht und sodann in der gefälschten Form abgeschrieben und immer wieder abgeschrieben worden“ (Ebd. S. 184ff).

Der Autor dieser Zeilen durfte in seinem Leben bisher zwei sehr gelehrte, inzwischen leider verstorbene Männer kennen lernen, welche genau aus diesem Grund alle für ihre eigene Arbeit evtl. in Frage kommenden Fußnoten auf ihre Richtigkeit hin überprüften. Solche Sorgfalt dürfte freilich die große Ausnahme sein, weshalb man bei Fußnoten allein deswegen schon immer sehr vorsichtig sein sollte. Man könnte es in geringfügiger Abwandlung eines gängigen Spruchs über Statistiken so ausdrücken: „Traue niemals einer Fußnote, die du nicht selbst aufs Genaueste überprüft hast.“

Nun wird sich der Leser womöglich schon gefragt haben, was denn eigentlich aus den Fußnoten werden soll, wenn sie solchermaßen mißbraucht werden? Soll man nicht lieber ganz auf sie verzichten, oder gibt es noch andere Möglichkeiten der Lösung? Unser Kritiker der Fußnoten, Hilaire Belloc, macht seine Gedanken abschließend folgenden Vorschlag:

„Natürlich wird man jetzt an mich die Frage richten, die jeder Reformator zu gewärtigen hat: Was wollen Sie also an die Stelle der braven kleinen Fußnote treten lassen, wenn Sie sie umbringen wollen? Wie kann man wissen, ob der Historiker die Wahrheit sagt, wenn er keinerlei Belege für seine Behauptungen erbringen kann? Es ist ja zuzugeben, daß die Fußnoten eine lesbare Geschichtsschreibung heute unmöglich machen. Es ist auch richtig, daß mit Fußnoten arger Unfug getrieben wird, so daß sie beinahe nutzlos geworden sind. Aber irgendeine Garantie für die Authentizität der Behauptungen muß doch gegeben werden. Wie ist eine solche zu erlangen?
Ich würde darauf folgendes antworten: Man setze die Fußnoten in kleinstem Drucke an das Ende des Buches, und der Autor eines Buches möge sich, soweit dies irgend geht, damit begnügen, lieber einzelne typische Belege zu geben, anstatt ganzer Listen. Lassen wir doch die Autoren die Geschichte so schreiben, wie sie geschrieben werden soll — mit eingehenden Detailschilderungen, lebendig und plastisch — zur Freude der Leser und nicht der Fachkritiker. Der Autor kann hier oder dort einen Abschnitt herausheben und im Anhange den Ansprüchen der Kritik Rechnung tragen und dieser in sein Quellenmaterial Einblick gewähren. Er soll aber seine genauen Aufzeichnungen für sich behalten und ruhig die Kritik herausfordern. Nie wird er sich vor dem Groll und dem Ärger aller jener schützen können, die selbst nicht klar, gar nicht zu reden von lebendig, schreiben können und die nie imstande waren, die Vergangenheit durch ihre Schilderung zu neuem Leben zu erwecken; aber er wird sicher sein vor ihrer zerstörenden Kritik“ (Ebd. S. 187f).

Irgendwie ist es beeindruckend und beängstigend zugleich, sehen zu müssen, mit welchen Tricks sich oftmals die Gelehrten behelfen, wenn es um die Verteidigung ihrer eigenen Meinung geht. So ist etwa Ernst Haeckel bedenkenlos soweit gegangen, sein „biogenetisches Grundgesetz“ – „Die Ontogenese (Individualentwicklung) ist eine Rekapitulation der Phylogenese (Stammesentwicklung)“ – das noch heute in den Lehr- und Schulbücher im Fach Biologie zu finden ist, einfach durch gefälschte Bilderreihen zu beweisen, die eine solche Entwicklungsreihe darstellen sollen. Der Lektor an der St. Georges Hospital Medical School in London, Michael Richardson, erkannte bei der näheren Untersuchung der Bilder viele Fehler und Mängel, so daß er zu dem Schluß kam: „Das ist einer der schlimmsten Fälle von Betrug in der Wissenschaft.“

Und wirklich, Haeckel hat absichtlich die Bilder gefälscht, um seiner Theorie nachzuhelfen. Nach Richardson soll Haeckel die Fotos der Embryonen in der früheren Embryonalentwicklung vertauscht, zugleich auch geschnitten und hinzugefügt haben. „Haeckel nahm den menschlichen Embryo, kopierte ihn und gab vor, dass Salamander, Schwein und andere (Wirbeltiere) in dem gleichen Stadium der Entwicklung auch gleich aussehen, das ist falsch. Außerdem vergrößerte er beim menschlichen Embryo den Kopf, die Augen verkleinerte er, die Länge des Hinterleibes wurde mehr als verdoppelt und mehr als die Hälfte der lebenswichtigen Organe ließ er weg oder veränderte sie vollkommen.“ Im Laufe der Jahre wurden immer wieder Fotos, die diese Fälschung bestätigen, von vielen Wissenschaftlern veröffentlicht. Haeckels „biogenetisches Grundgesetz“ ist ein Schulbeispiel für eine ideologisierte Wissenschaft, die nicht nur Fußnoten fälscht, sondern Forschungsergebnisse und ganze Gesetze.

Er ist auch ein Beispiel dafür, wie wohlwollend solche Fälschungen interpretiert werden, wenn sie nur der vorgegebenen Ideologie entsprechen. Heute sind die Wahnvorstellungen Haeckels lange widerlegt. Einer der führenden Forscher auf dem Gebiet der Embryonalentwicklung war Erich Blechschmidt. Dieser war von 1942 – 1973 Direktor des Anatomischen Instituts der Universität Göttingen. Dort hat er die nach ihm benannte Humanembryologische Dokumentationssammlung aufgebaut und mit ihr die Humanembryologie morphologisch begründet. Basierend auf dieser Sammlung mehrerer hunderttausend Schnitte menschlicher Embryos kam er zu dem Schluß, daß sich die menschliche Embryonalentwicklung von der tierischen schon vom allerersten Moment an grundlegend unterscheidet, so daß von einer „Rekapitulation“ im Sinne Haeckels niemals die Rede sein könne. Blechschmidt bewies: Der Mensch ist von allem Anfang an Mensch und unterscheidet sich grundlegend vom Tier.

L.F.C. Mees faßt die Sachlage so zusammen: „Heute wissen wir, daß das sogenannte Biogenetische Grundgesetz eines der ernstesten Irrtümer des vorigen Jahrhunderts in der Biologie war. Dieses Grundgesetz ist falsch. Das steht unumstößlich fest. Es ist auch nicht ein bißchen oder in irgendeiner anderen Weise richtig; es besitzt in keiner Weise auch nur die geringste Gültigkeit“ (L.F.C. Mees: Tiere sind, was Menschen haben, J. Ch. Mellinger Verlag, Stuttgart 1987). Daß es dennoch in allen Schulbüchern erwähnt und von den Schülern gelernt werden muß, zeigt, wie hartnäckig solche Fälschungen sind, wenn sie nur in den ideologischen Kram einer Gesellschaft passen. Sieht man, wie Geschichtsforscher und Biologen und Wissenschaftler aller Fachgebiete – wie man leicht zeigen könnte – gerne auch einmal schummeln, wenn es um ihre eigenen Ideen geht oder auch um den eigenen Erfolg, so wundert es einen nicht mehr, daß diese Untugend auch vor den Theologen keinen Halt macht.

Wie wollen in der Folge nur auf einige Fälle im Rahmen der sog. Traditionalisten aufmerksam machen, wohl wissend, daß es genügend Beispiele auch bei den Modernisten zu finden gäbe. Hilaire Belloc sprach von „verschiedenen Formen und Gestalten der Lüge“, wobei er damit keine Aussage über die moralische Verantwortlichkeit machen wollen. Der Mensch belügt sich ja bekanntlich sehr gerne selbst, ohne daß er es bemerkt. Damit ist natürlich nicht grundsätzlich ausgeschlossen, daß es sich auch um einen bewußten Betrug handeln könnte – siehe Ernst Haeckel.