Päpstliche Lehrautorität

von antimodernist2014

Mgr. Joseph Clifford Fenton (6. Jan. 1906 bis 7. Juli 1969) war Priester der Diözese Springfield in Massachusetts, USA. Er lehrte als Professor für Fundamentaltheologie an der Katholischen Universität von Amerika und war von 1943 bis 1963 Herausgeber der „American Ecclesiastical Review“. Er war Peritus von Kardinal Alfredo Ottaviani auf dem „II. Vatikanischen Konzil“ und galt als einer der letzten aufrechten Antimodernisten.

Die Lehrautorität päpstlicher Enzykliken

In der „American Ecclesiastical Review“ erschien im August und September 1949 ein sehr interessanter zweiteiliger Artikel von Msgr. Joseph Clifford Fenton über die Lehrautorität päpstlicher Enzykliken: „The Doctrinal Authority of Papal Encyclicals“. Er sagt, daß seit Beginn des Pontifikats von Leo XIII. im Jahr 1878 mehr als hundertfünfzig Enzykliken von den Päpsten erlassen worden sind, im Schnitt eine in weniger als einem halben Jahr, welche großen Einfluß auf die katholische Lehre und das katholische Leben gewonnen haben. Diese Dokumente wurden allgemein anerkannt als das häufigste Mittel, das ordentliche Lehramt des Heiligen Vaters gegenüber der ihm anvertrauten Herde zu üben. Dennoch finde man über die päpstlichen Enzykliken und deren Lehrautorität kaum etwas in den theologischen Lehrbüchern, jedenfalls keine gründlichen Untersuchungen. Einige der Bücher beschäftigten sich gar nicht damit, andere sprächen in bezug auf die Enzykliken pauschal von „nicht-unfehlbaren“ päpstlichen Stellungnahmen, eine dritte Gruppe, die sich der Sache mit mehr wissenschaftlicher Kompetenz nähere, würde zwar diesen Dokumenten bescheinigen, einige unfehlbare Lehren zu enthalten, ohne freilich genauer zu explizieren, nach welchen Kriterien wir das ordentliche Lehramt des Papstes in den Enzykliken erkennen.

Die Theologen seien sich jedoch einig, daß alle Katholiken im Gewissen streng verpflichtet seien, der in diesen Schreiben enthaltenen Lehre wahre religiöse innere Zustimmung zu leisten. Ihre gemeinsame Lehre gehe dahin, diese innere Zustimmung, welche einer großen Anzahl von in päpstlichen Enzykliken enthaltenen Lehren zu leisten ist, als verschieden und geringer als den Akt des göttlichen katholischen Glaubens und den zumeist als „fides ecclesiastica“ eingestuften Glaubensaktes einzustufen. Die meisten Theologen hielten dafür, daß in den Enzykliken der Papst nicht mit höchster Autorität spreche, unbeschadet dessen, daß darin durchaus auch unfehlbare Entscheidungen oder andere unfehlbare Aussagen enthalten sein können. Dennoch hielten sie alle daran fest, daß der Heilige Vater auch auf dieser Stufe seines ordentlichen Lehramtes das Recht hat, eine definitive und unerschütterliche innere Zustimmung aller Katholiken zu dieser Lehre zu fordern, und in der Tat sei diese auch gefordert worden.

Da in letzter Zeit, so Mgr. Fenton, die Autorität päpstlicher Enzykliken bestritten werde und behauptet werde, man schulde ihnen keine Zustimmung, da man nicht wisse, ob sie überhaupt vom Papst kämen, und da sie keine absolute Garantie der Unfehlbarkeit hätten, hält er es für seine Pflicht, die Lehre der Theologen zu diesem Gegenstand kurz zusammenzufassen. Bei einer erstaunlich großen Anzahl von Theologen werde die Frage der Enzykliken im Traktat über die Unfehlbarkeit recht stiefmütterlich behandelt. Diese begnügten sich meist damit, die Definition des Vatikanums über die Unfehlbarkeit des Papstes zu untersuchen und zu beweisen. Sie vermittelten insgesamt den Eindruck, daß sie nur jene Wahrheiten für unfehlbar definiert hielten, welche der Heilige Vater „solemni judicio“, mit feierlichem Urteil vorlegt, unter Beiseitesetzung jener Wahrheiten, die er „ordinario et universali magisterio“, durch sein ordentliches und allgemeines Lehramt vorträgt. Zu diesen Theologen sind zu rechnen u.a. Bischof Michael d‘Herbigny und der Priester Sylvester Berry.

Eine andere sehr beachtliche Gruppe von Theologen zählen die päpstlichen Enzykliken, wenigstens im allgemeinen, ausdrücklich zu den nicht-unfehlbaren Dokumenten. Zu diesen Autoren gehören u.a. Mgr. Caesar Manzoni und P. Reginald Schultes. Auch P. Mangenot vertrete diese These in seinem im übrigen ausgezeichneten Artikel im „Dictionnaire de théologie catholique (DTC)“, ebenso P. Thomas Pegues in seinem vielzitierten Artikel in der „Revue thomiste“, und andere angesehen Autoren. P. Hermann Dieckmann stelle die Lehre in den päpstlichen Enzykliken mit jener der römischen Kongregationen gleich.

Selbst jene Theologen, welche den päpstlichen Enzykliken nicht den Status der Unfehlbarkeit zumessen, lehrten dennoch, daß die Gläubigen im Gewissen gebunden seien, diesen Schreiben nicht nur respektvolles Schweigen, sondern definitive und aufrichtige innere religiöse Zustimmung zu leisten. Zu diesem Zweck wendeten viele von ihnen wie P. De Groot auf die Enzykliken das an, was der ausgezeichnete Theologe Palmieri über die katholische Haltung gegenüber der nicht-unfehlbaren Lehre der Kirche herausgearbeitet hat. Pegues macht diese Anwendung ebenfalls in seinem Artikel in der „Revue thomiste“ und schreibt: „Daraus folgt, daß die Autorität von Enzykliken ganz und gar nicht dieselbe ist wie die feierlicher Definitionen im eigentlichen Sinn. Die Definition verlangt Zustimmung ohne Rückhalt und verpflichtet zu einem formellen Glaubensakt. Im Fall päpstlicher Enzykliken ist es anders.“

Pegues erläutert weiter: „Diese Autorität (päpstlicher Enzykliken) ist zweifellos groß. Sie ist in gewissem Sinn hoheitlich. Es ist die Lehre des obersten Hirten und Lehrers der Kirche. Daher haben die Gläubigen die strikte Pflicht, diese Lehre mit grenzenlosem Respekt entgegenzunehmen. Man darf sich nicht damit begnügen, ihr nur nicht offen und in mehr oder weniger skandalöser Weise zu widersprechen. Eine innere geistige Zustimmung ist gefordert. Sie muß angenommen werden als das amtlich autorisierte Lehramt in der Kirche.“

Andererseits: „Dennoch ist diese Zustimmung letztlich nicht dieselbe, wie sie bei einem formalen Glaubensakt verlangt wird. Streng genommen ist es möglich, daß diese Lehre (die in einer Enzyklika vorgelegt wird) einem Irrtum unterliegt. Es gibt tausend Gründe zu glauben, daß es nicht so ist. Das war wahrscheinlich auch nie der Fall, und es ist normalerweise sicher, daß es nie sein wird, aber absolut gesprochen könnte es sein, weil Gott hier nicht die Garantie leistet wie Er sie der Lehre leistet, wenn sie als Definition formuliert wird“ (Pegues S. 531 f). Einige Theologen bezeichnen diese Zustimmung daher als „interpretative condicionatus“, also mit einer stillschweigenden Bedingung wie „solange die Kirche es nicht anders entscheidet oder diese Entscheidung sich als irrig erweist“.

Mgr. Manzoni listet die Enzykliken unter den Dokumenten mit nicht-unfehlbarem Charakter auf. Er behauptet, daß die Definition, von welcher das Vatikanische Konzil bei seiner Aufstellung der Lehre von der päpstlichen Unfehlbarkeit spricht, nur in der Ausübung des feierlichen Lehramtes in Abgrenzung zum ordentlichen Lehramt zu finden ist. Für die bindende Kraft dieser Dokumente greift er auf eine Lehre zurück, die Kardinal Franzelin ein seinem „Tractatus de divina traditione et scriptura“ aufgestellt hat. Nach Franzelin kann der Papst alle Katholiken zur Zustimmung zu einer vorgelegten Lehre verpflichten aus zwei Gründen. Zunächst kann er beabsichtigen, die Lehre unfehlbar als wahr und „de fide“ vorzulegen. Dann kann er beabsichtigen, allein die Gewißheit der katholischen Lehre sicherzustellen. Das Lehramt der Kirche sei von Gott so ausgestattet, daß die erste Art des Lehrens die unfehlbare Wahrheit verbürgt, die zweite Art die unfehlbare Sicherheit.

Indem die Kirche die Fülle ihrer Lehrgewalt übt, sprechen wir von „auctoritas infallibilitatis“, sofern sie nicht definieren will, sondern nur jene Schritte ergreifen, welche zur Sicherstellung des Glaubens notwendig sind, sprechen wir von der „auctoritas providentiae doctrinalis“. Dieser „auctoritas providentiae doctrinalis“ schulden die Gläubigen den Gehorsam respektvollen Schweigens und innerer geistiger Zustimmung, gemäß welcher die vorgelegte Lehre nicht als unfehlbar wahr, sondern als sicher angenommen wird, als garantiert von der Autorität, welche den göttlichen Auftrag hat, den christlichen Glauben zu bewahren.

Beide Darlegungen, die von Franzelin und Palmieri, seien hervorragend, schreibt Fenton, und könnten gewinnbringend auf gewisse Äußerungen der römischen Kongregationen angewendet werden sowie auf viele Lehrgegenstände der Enzykliken. Freilich wäre es verfehlt zu meinen, man könne sie einfach auf die gesamte Lehre anwenden, welche in diesen päpstlichen Dokumenten dargelegt wird. Übrigens haben weder Franzelin noch Palmieri eine solche explizite Anwendung ihrer Theorien unternommen.

Einige der einflußreichsten modernen Theologen lehren ausdrücklich, daß manches, was in den päpstlichen Enzykliken enthalten ist, zur unfehlbaren Lehre der Kirche gehört. Tanquerey und De Guibert sagen, daß einiges, was in den päpstlichen Enzykliken gelehrt wird, unfehlbar wahr ist, da es vom Heiligen Vater in seinem unfehlbaren ordentlichen Lehramt vorgetragen wird. Die Kardinäle Billot und Lepicier lehren, daß viele der in den Enzykliken enthaltenen Aussagen als unfehlbar wahr angenommen werden müssen. Hervé, Yelle, Blanch, Herrmann, Scheeben und Saiz Ruiz zeigen sich überzeugt, daß die Enzykliken nicht einfach als nicht-unfehlbare Dokumente angesehen werden können. Wilhelm-Scannell, Michelitsch, Van Noort, Pesch und Calcagno kommen auf andere Weise zu derselben Schlußfolgerung und warnen ihre Leser, nicht alles, was in den Enzykliken enthalten sei, als unfehlbar anzusehen.

Das Vatikanische Konzil und das ordentliche Lehramt des Heiligen Vaters

Bei all den auseinandergehenden Ansichten sind sich doch alle Theologen einig, daß alle Katholiken im Gewissen verpflichtet sind, den Lehren des Heiligen Vaters eine innere religiöse Zustimmung zu erteilen, selbst wenn sie nicht mit dem Charisma der Unfehlbarkeit vorgetragen werden. Der Grund dafür ist die Autorität des obersten Hirten selber. Der Pflicht des Heiligen Vaters, die Herde Christi zu weiden, entspricht auf der anderen Seite die Verpflichtung ihrer Glieder, seinen Anweisungen zu folgen, in der Lehre wie in der Disziplin. Gott hat dafür dem Heiligen Vater eine Unfehlbarkeit verliehen, welche von dem Charisma der Unfehlbarkeit in der Lehre verschieden ist. Er hat die Kirche so errichtet und geordnet, daß jene, welche den Anleitungen folgen, welche dem gesamten Reich Gottes auf Erden gegeben werden, niemals in die Lage geraten können, sich durch ihren Gehorsam selber zu ruinieren. Unser Herr weilt in Seiner Kirche in der Weise, daß jene, welche den disziplinären und lehrmäßigen Anweisungen dieser Gesellschaft folgen, niemals Gott mißfällig werden können durch ihr Anhangen an die Lehren und Befehle, welche der universalen streitenden Kirche erteilt werden. Es gibt somit keinen triftigen Grund, die Lehrautorität des Stellvertreters Christi auf Erden zurückzuweisen, selbst in seinen nicht-unfehlbaren Lehren.

Das Vatikanische Konzil bestand in seinem berühmten Nachwort der Konstitution „Dei Filius“ in energischer Weise auf der Pflicht der Katholiken, alle Arten der päpstlichen Lehre anzunehmen einschließlich der Enzykliken: „In Erfüllung der Schuldigkeit Unserer höchsten Hirtenpflicht beschwören Wir deshalb um der Liebe Christi willen alle Christgläubigen, vor allem aber die, welche Vorsteher sind oder ein Lehramt bekleiden, und befehlen ihnen kraft der Autorität ebendieses unseres Gottes und Erlösers, Eifer und Mühe aufzuwenden, damit diese Irrtümer von der heiligen Kirche abgehalten und aus ihr entfernt sowie das Licht des reinsten Glaubens ausgebreitet werde. Da es aber nicht genügt, der häretischen Verkehrtheit aus dem Wege zu gehen, wenn nicht auch diejenigen Irrtümer sorgsam gemieden werden, die sich ihr mehr oder weniger nähern, erinnern Wir alle an die Pflicht, auch die Konstitutionen und Dekrete zu beachten, in denen solche verkehrten Auffassungen, die an dieser Stelle nicht ausdrücklich aufgezählt werden, von diesem Heiligen Stuhl geächtet und verboten wurden“ (DH 3044, 3045).

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