Päpstliche Lehrautorität

Das Konzil spricht von einer Pflicht, einer moralischen Verpflichtung, die im Gewissen bindet. Alle Gläubigen sind im Gewissen verpflichtet, diesen päpstlichen Dokumenten eine dauernde Zustimmung zu geben, welche jene Irrtümer beschreiben und verurteilen, welche mehr oder weniger eng mit der „häretischen Verkehrtheit“ verknüpft sind. Das Vatikanische Konzil spricht von dieser Verpflichtung als von etwas, das zur Integrität des Glaubens selber gehört. Es warnt die Gläubigen ausdrücklich, daß es „nicht genügt, der häretischen Verkehrtheit aus dem Wege zu gehen, wenn nicht auch diejenigen Irrtümer sorgsam gemieden werden, die sich ihr mehr oder weniger nähern“. Vacant und Scheeben schließen auch die Äußerungen der römischen Kongregationen in diese „Dekrete“ ein, welche die Christen anzunehmen verpflichtet sind. Diese sind fraglos nicht-unfehlbar und haben eine geringere Autorität als jene Dokumente, welche direkt aus der Autorität des Heiligen Vaters herstammen. Wenn auch diese nach Aussage des Konzils als Stimme der „ecclesia docens“ von allen Gläubigen „zu beachten“ sind, dann umso mehr die päpstlichen Enzykliken.

Die innere Zustimmung, welche die Gläubigen dieser Art von kirchlicher Lehre zu geben verpflichtet sind, wird als „religiöse Zustimmung“ beschrieben. Sie ist wahrhaft religiös aufgrund ihres Objektes und ihres Motivs. In seinem Brief „Tuas libenter“ vom 21. Dezember 1863 schreibt Papst Pius IX. an den Erzbischof von München von der Zustimmung, welche dem ordentlichen Lehramt der Kirche gebührt, wo es in nicht-unfehlbarer Weise spricht. Nachdem er daran erinnert hat, daß das Dogma selber sowohl vom ordentlichen Lehramt der Kirche als auch durch feierliches Urteil verkündet werden kann, schreibt der Papst: „Da es sich aber um jene Unterwerfung handelt, zu der all jene Katholiken dem Gewissen nach verpflichtet sind, die sich den Geisteswissenschaften widmen, um mit ihren Schriften der Kirche neuen Nutzen zu bringen, so müssen die Männer ebendieser Versammlung anerkennen, daß es für katholische Gelehrte nicht genügt, die vorher genannten Lehrsätze der Kirche anzunehmen und zu achten, sondern daß es auch nötig ist, sich sowohl den Entscheidungen zu unterwerfen, die als zur Lehre gehörig von den Päpstlichen Kongregationen vorgelegt werden, als auch den Lehrkapiteln, die in gemeinsamer und beständiger Übereinstimmung der Katholiken als theologische Wahrheiten und derart sichere Schlußfolgerungen festgehalten werden, daß Meinungen, die diesen Lehrkapiteln entgegengesetzt sind, zwar nicht häretisch genannt werden können, jedoch eine andere theologische Zensur verdienen“ (DH 2880).

Der Papst weist also darauf hin, daß alles theologische Forschen in der Kirche stets unter Leitung ihres obersten Lehramtes stattfinden muß. Wer meint, sich dem entziehen zu können unter dem Vorwand, es handle sich um Bereiche, welche nicht durch das Charisma der Unfehlbarkeit gedeckt seien, verläßt den sicheren Grund der kirchlichen Lehre und begibt sich außerhalb der gemeinsamen theologischen Forschung und Arbeit.

Zwar kann die Kirche ihre Sicht über das eine oder andere Detail in ihrer nicht-unfehlbaren Lehre ändern. Die Natur der „auctoritas providentiae doctrinalis“ in der Kirche ist jedoch von solcher Art, daß sich die „Fehlbarkeit“ auf Fragen relativ kleiner Details und spezieller Anwendungen beschränkt. Die Gesamtheit der Lehre über Rechten und Pflichten der Arbeiter, über Kirche und Staat oder viele andere Gegenstände, welche in einer Serie päpstlicher Schreiben an die gesamte streitende Kirche ausführlich abgehandelt und normativ vorgegeben wurden, kann nicht radikal oder vollständig irrig sein. Die unfehlbare Sicherheit, derer sich nach dem Willen Jesu Christi Seine Jünger in der Kirche erfreuen sollen, ist unvereinbar mit einer solchen Möglichkeit.

Ein Beispiel wird angegeben, welche Wirkung auf die Lehre ein päpstliches Dokument haben kann. In seiner Enzyklika „Mystici Corporis“ bezeichnet Pius XII. die ordentliche Jurisdiktionsgewalt der Bischöfe als „ihnen unmittelbar vom Obersten Pontifex mitgeteilt“. Mgr. Alfredo Ottaviani nennt daraufhin diese Lehre eine „sententia, hucusque considerata probabilior, immo communis, nunc autem ut omnino certa habenda ex verbis Summi Pontificis Pii XII.“, eine bislang als wahrscheinlicher oder allgemein angesehene Lehre, die nun aber für ganz sicher zu halten ist aufgrund der Worte des Obersten Pontifex Pius XII.

Ein gerüttelt Maß von Verwirrung und Minimismus in bezug auf die Lehrautorität päpstlicher Enzykliken rührt wohl von einem Mißverständnis über das ordentliche und allgemeine Lehramt des Heiligen Vaters. Seit der Zeit des Vatikanischen Konzils gab es eine unglückliche Neigung bei einigen Autoren, sich einzubilden, die Definition des Konzils über die päpstliche Unfehlbarkeit gelte nur für die feierlichen und außerordentlichen Äußerungen des obersten Pontifex im Unterschied zu dem, was man seine ordentliche Verkündigung nennt. Einige vertraten die unzutreffende Ansicht, der Heilige Vater spreche nur unfehlbar, wenn er feierlich ein Dogma definiert. Analysiert man jedoch die Definition des Konzils, besonders wenn man sie im Licht des historischen Hintergrunds betrachtet, so zeigt sich, daß die Kirche keine solche Beschränkung in ihrer Lehre zu diesem Thema beabsichtigte.

Das Konzil definierte die Unfehlbarkeit des Papstes wie folgt: „… lehren Wir … und entscheiden, … daß es ein von Gott geoffenbartes Dogma ist: Wenn der Römische Bischof ‚ex cathedra‘ spricht, das heißt, wenn er in Ausübung seines Amtes als Hirte und Lehrer aller Christen kraft seiner höchsten Apostolischen Autorität entscheidet, daß eine Glaubens- oder Sittenlehre von der gesamten Kirche festzuhalten ist, dann besitzt er mittels des ihm im seligen Petrus verheißenen göttlichen Beistands jene Unfehlbarkeit, mit der der göttliche Erlöser seine Kirche bei der Definition der Glaubens- und Sittenlehre ausgestattet sehen wollte; und daher sind solche Definitionen des Römischen Bischofs aus sich, nicht aber aufgrund der Zustimmung der Kirche unabänderlich“ (DH 3073, 3074).

Hier wird als Glaubensdogma verkündet, daß der Papst unfehlbar lehrt, wenn er „ex cathedra“ in Dingen des Glaubens oder der Moral entscheidet. Damit ist die päpstliche Unfehlbarkeit nicht auf dogmatische Definitionen im strikten Sinn begrenzt. Das Konzil formulierte bewußt so, daß eine solche Beschränkung ausgeschlossen ist. Während der Sitzungen der „Deputatio pro rebus ad fidem pertinentibus“ des Konzils schlug Kardinal Bilio eine Formel vor, welche vom Bischof Conrad Martin von Paderborn vorgelegt worden war, in welcher es hieß, der Heilige Vater übe seine Unfehlbarkeit, wenn er definiere „quid in rebus fidei et morum ab universa Ecclesia fide divina tenendum“, was in Dingen des Glaubens und der Sitten von der ganzen Kirche mit göttlichem Glauben festzuhalten ist. Der heftige Widerstand von Erzbischof Henry Edward Manning und von Bischof Ignatius Senestrey verhinderte letztlich die Approbation dieser Formulierung. Die Worte, welche schließlich gewählt wurden und in der Konstitution „Pastor aeternus“ benutzt werden, gehen im wesentlichen auf einen Vorschlag von Kardinal Cullen zurück, und waren bewußt so formuliert, daß sie die in der Formulierung von Martin und Bilio gelegene Beschränkung ausschlossen.

Es wäre ein großer Fehler zu meinen, daß entsprechend der Lehre des Vatikanischen Konzils der Heilige Vater nur dann unfehlbar spricht, wenn er feierlich ein Dogma des göttlichen Glaubens verkündet oder feierlich eine Lehre als häretisch verurteilt. Die Tatsache, daß Enzykliken keine feierlichen Definitionen beinhalten wie das Dogma der Unbefleckten Empfängnis oder feierliche Verurteilungen von Häresien wie in der Konstitution „Cum occasione“ von Papst Innozenz X., bedeutet nicht, daß in diesen Dokumenten nicht auch im strikten Sinn unfehlbare päpstliche Lehre enthalten sein kann.

Das Vatikanische Konzil kam nie dazu, die Lehre über das Objekt der kirchlichen Unfehlbarkeit genauer ins Auge zu fassen und zu vertiefen. Da es dies aber noch vorhatte, vermied es, die Lehre über das Objekt der Unfehlbarkeit in die Konstitution „Pastor aeternus“ einfließen zu lassen. Darum sagt das Konzil nicht ausdrücklich, daß der Heilige Vater unfehlbar sprechen kann, wenn er eine Lehre definiert, welche so eng mit der formell geoffenbarten Wahrheit verbunden ist, daß diese formelle Offenbarung ohne sie nicht adäquat und genau von einem lebenden und unfehlbaren Lehrer vorgelegt werden kann. Die wohlüberlegte Ausschließung andererseits einer Formel, welche nur behauptet hätte, daß der Heilige Vater unfehlbar ist, wenn er eine Wahrheit definiert, die mit göttlichem Glauben festzuhalten ist, zeigt mit Evidenz, daß die lehrende Kirche den obersten Hirten kraft seines Amtes für bevollmächtigt hält, unfehlbare Entscheidungen zu geben über Sachverhalte, welche die heilige Theologie als sekundäre Objekte des kirchlichen Lehramts bezeichnet.

Der theologische Traktat „De ecclesia Christi“ ist sehr ausführlich über dieses sekundäre Objekt des unfehlbaren kirchlichen Lehramtes. Die „ecclesia docens“ kann unfehlbar lehren über jene Gegenstände, welche mit dem Glaubensdepositum so eng verbunden sind, daß eine irrige Auffassung darüber zu einer falschen Lehre über das primäre Objekt des unfehlbaren kirchlichen Lehramts führen würde. Es ist zumindest theologisch gewiß, daß die Kirche unfehlbar lehren kann über theologische Schlußfolgerungen und über jene Wahrheiten der philosophischen Ordnung, die als „praeambula fidei“ dienen, über dogmatische Tatsachen, die Approbation kirchlicher Orden und die Kanonisierung von Heiligen.

Nichts im Vatikanischen Konzil weist darauf hin, daß der gesamte Inhalt der in Enzykliken enthaltenen Lehren schlicht als nicht-unfehlbar beiseite gesetzt werden kann. Im Gegenteil scheint klar, daß insbesondere dann, wenn eine ganze Reihe dieser Dokumente über ein spezielles Thema handeln und wenn jüngere Schreiben das wiederholen und unterstreichen, was in vorhergehenden Enzykliken bereits gelehrt wurde, wenigstens einiges der in dieser Weise der gesamten Kirche vorgelegten Lehre als vom ordentlichen und universalen Lehramt der Kirche unfehlbar gelehrt gelten muß. Solche Aussagen aber verlangen mehr als die übliche innere Zustimmung, welche dem authentischen, aber nicht-unfehlbaren Lehramt der Kirche zu leisten ist, nämlich das, was man in der Theologie „fides ecclesiastica“, kirchlichen Glauben nennt.

Das Konzil sagt, der Papst spreche „ex cathedra“ in Angelegenheiten des Glaubens oder der Moral, „wenn er in Ausübung seines Amtes als Hirte und Lehrer aller Christen kraft seiner höchsten Apostolischen Autorität entscheidet, daß eine Glaubens- oder Sittenlehre von der gesamten Kirche festzuhalten ist“. Nichts in dieser Beschreibung schließt aus, einige Aussagen des ordentlichen Lehramts des Heiligen Vaters und insbesondere in Enzykliken als unfehlbar anzuerkennen. Es ist evident, daß in diesen Enzykliken, welche an alle Bischöfe der katholischen Kirche in der ganzen Welt gerichtet sind, der Heilige Vater sein Amt als Hirte und Lehrer aller Christen ausübt. Dasselbe ist der Fall, wenn er zwar eine Aussage direkt an eine bestimmte Person oder einen Teil der Kirche richtet, damit aber letztlich auf die Gesamtkirche zielt, um dieser als Norm zu dienen. Alle doktrinellen Enzykliken erfüllen diese Bedingung, wie es zugleich sicher ist, daß sie Angelegenheiten des Glaubens und der Sitten behandeln.

Es gibt keinen Grund anzunehmen, daß die Gattung der Enzyklika in irgendeiner Weise die Möglichkeit einer eigentlichen päpstlichen Definition ausschließt, in welcher der oberste Hirte in seiner höchsten apostolischen Autorität eine Lehre des Glaubens oder der Moral als von der ganzen Kirche festzuhalten definiert. Eine Definition ist eine letztgültige und unwiderrufliche Lehrentscheidung. Die „ecclesia docens“ legt diese Entscheidung vor und will, daß fortan niemand mehr dieser widerspricht. Eine definierte Lehre kann nicht legitim in Frage gestellt werden, nachdem die Definition einmal gegeben ist.