Päpstliche Lehrautorität

Der Papst ist für die unfehlbare Definition einer Lehre nicht an feierliche Formen gebunden, wie es etwa die Definition der Unbefleckten Empfängnis war in „Ineffabilis Deus“ oder die Entscheidung über die anglikanischen Weihen in „Apostolicae curae“. Wenn der Papst beispielsweise eine Frage ein für allemal entscheidet, über die lange diskutiert wurde, handelt es sich ebenfalls klar um eine Definition, die von allen Katholiken ein für allemal festzuhalten ist. Ein Beispiel dafür ist der Brief „Testem benevolentiae“ Leos XIII., den Kardinal Richard, Erzbischof von Paris, für eine Definition im strengen Sinn des Wortes ansah. Dasselbe ist der Fall, wenn ein und dieselbe Lehre in einer ganzen Reihe päpstlicher Enzykliken wiederholt wird, wie beispielsweise bei den päpstlichen Aussagen über Kirche und Staat.

Wenn der Papst eine Lehre lediglich als sicher oder wahrscheinlich vorlegt, ist es klar, daß er nicht die Fülle seiner Apostolischen Gewalt gebrauchen will. Wenn er andererseits seinen Kindern sagt, daß eine definierte Lehre unwiderruflich von allen festzuhalten ist, oder wenn er eine Lehre förmlich und definitiv mit einer dogmatischen Zensur belegt, also nicht nur einer disziplinarischen, dann ist klar, daß er die Fülle seiner apostolischen Autorität in Anspruch nimmt.

Man darf nicht aus dem Auge verlieren, daß gemäß dem Vatikanischen Konzil die unfehlbare Autorität des Heiligen Vaters in Lehren des Glaubens und der Moral exakt dieselbe Ausdehnung hat wie die der Kirche selber. Die Kirche kann unfehlbar durch feierliches Urteil lehren oder durch ihr ordentliches und allgemeines Lehramt. Das feierliche Urteil des heiligen Vaters bei der Definition eines Dogmas ist ebenso gültig und unfehlbar wie das feierliche Urteil eines ökumenischen Konzils. So ist das ordentliche Lehramt des heiligen Vaters, wenn er eine Wahrheit des Glaubens oder der Moral als von der ganzen Kirche auf Erden unwiderruflich festzuhalten erklärt, ebenso gültig und unfehlbar wie die Lehre der gesamten „ecclesia docens“ über denselben Gegenstand.

Es ist sehr wahrscheinlich, daß viele Lehren des obersten Hirten in den Enzykliken unfehlbare Aussagen sind und die Zustimmung der „fides ecclesiastica“ erheischen. Absolut sicher ist, daß alle in diesen Dokumenten enthaltenen Lehren wenigstens eine innere religiöse Zustimmung verlangen. Es gibt jedoch eine Tendenz in der Haltung gegenüber den Enzykliken, die dogmatische Übel hervorbringt und zu einem praktischen Ignorieren von deren Lehren führen kann. Gemäß dieser Haltung ist es das Geschäft der Theologen, zwei Elemente im Inhalt der verschiedenen Enzykliken zu unterscheiden: ein Element, in welchem sich die genuin katholische Lehre niederschlägt, welche selbstverständlich alle Katholiken zu allen Zeiten anzunehmen verpflichtet sind, und ein anderes Element mit zeitgemäßen Anwendungen, welche vernachlässigt werden können.

Diese oberflächlich anziehend erscheinende Haltung kann die wahre katholische Mentalität von Grund auf zerstören. Diejenigen, welche diese Mentalität angenommen haben, meinen, daß sie den Inhalt von Enzykliken so analysieren können, daß sie Aussagen, welche Katholiken verpflichtend übernehmen müssen, von denen unterscheiden, die nur unbedeutendes Gewicht haben. Damit würden sie als Theologen dem katholischen Volk sagen, sie sollten die katholischen Prinzipien übernehmen und mit dem Rest tun, was sie wollten. Damit läge die Lehrautorität tatsächlich beim jeweiligen Theologen. Der Heilige Vater macht in seiner Enzyklika eine Reihe von Aussagen. Abgesehen von denen, die er selber als Meinungen deklariert, sind alle diese Aussagen die des Heiligen Vaters. Wenn jemand nun diese Dokumente einer Analyse unterzieht, um das Element der katholischen Tradition von anderen Teilen des Inhalts zu unterscheiden, muß er eine andere Norm bemühen als die Autorität des Heiligen Vaters selbst.

Hinter den Aussagen in der Enzyklika steht die Autorität des Heiligen Vaters. Wenn ein Privattheologe darangeht, diese Aussagen zu analysieren, um ein katholisches Prinzip zu finden, auf welchem die päpstlichen Aussagen basieren, und irgendeine eventuelle Methode, gemäß welcher der oberste Pontifex dieses katholische Prinzip in seiner Verkündigung anwendet, dann ist die einzige effektive Lehrautorität die des Privattheologen selber. Bei dieser Art des Vorgehens würde man vom katholischen Volk erwarten, von der Enzyklika soviel anzunehmen, als der Theologe für die eigentliche katholische Lehre ausgibt. „Die katholische Lehre wäre als solche erkennbar, nicht aufgrund der Aussage des Heiligen Vaters in der Enzyklika, sondern aufgrund ihres Enthaltenseins in anderen Monumenten der christlichen Lehre.“

„Es ist schwer vorherzusagen, wo ein solcher Prozeß enden würde. Diejenigen, die diesen Kurs einschlagen, würden notgedrungen dahin gelangen, alle Lehraussagen der Päpste nach Art der Lehre von Privattheologen zu betrachten. Die Schreiben früherer Päpste sind zweifellos nicht weniger autoritativ als die jüngerer Päpste. Wenn jemand die Enzykliken von Papst Leo XIII. demontiert, gibt es keinen Grund, warum nicht die Dokumente eines Gelasius oder Leo I. ebenso behandelt werden sollten. Wenn die Aussagen von Pius IX. nicht so gelten, wie sie dastehen, ist es schwer einzusehen, wie die eines anderen römischen Pontifex von mehr Autorität sein sollen.“

Natürlich ist es Aufgabe der Theologen und ihr Vorrecht, die Lehre der päpstlichen Enzykliken dem Volk näherzubringen. „Es ist ihre Pflicht und ihr Privileg, diese Dokumente zu studieren, um zu einem Verständnis dessen zu gelangen, was der Heilige Vater gegenwärtig lehrt, und dann zu helfen, die Lehre dem Volk zu übermitteln. Jedoch bleibt der Heilige Vater die Lehrautorität, nicht der Privattheologe. Der Theologe hat den Inhalt der päpstlichen Lehre herauszuarbeiten, nicht diese Lehre jener Art von Kritik zu unterziehen, die er zurecht auf die Schreiben eines anderen Privattheologen anwenden würde.“

Wenn wir das Werk eines anderen Privattheologen auswerten, ist es vollkommen in Ordnung darzulegen, was darin authentische katholische Lehre ist oder wenigstens darauf basiert, und was einfach nur Ideen ausdrückt, die zu der Zeit kursierten, als das Buch geschrieben wurde. Die Aussagen der römischen Päpste, wenn sie als autorisierte Lehrer der katholischen Kirche handeln, sind definitiv nicht Gegenstand solcher Untersuchungen.

Unglücklicherweise ist die Tendenz, die Funktion des Privattheologen in der Lehrtätigkeit der Kirche falsch zu interpretieren, nicht neu in der englischen katholischen Literatur. Kardinal Newman hat in seinem „Letter to the Duke of Norfolk“ (sicherlich das am wenigsten wertvolle seiner veröffentlichten Werke) die bizarre These vertreten, daß die letzte Entscheidung darüber, was in einer authentischen kirchlichen Äußerung wirklich verurteilt wurde, Aufgabe der Privattheologen sei und nicht desjenigen Organs der „ecclesia docens“, welches die Verurteilung ausgesprochen hat. Gemäß dieser Theorie könnten die Gläubigen herausfinden, was das Dokument tatsächlich meint, nicht aus den Aussagen des Dokumentes selber, sondern anhand der Spekulationen der Theologen.

Würden wir so bei der Interpretation päpstlicher Enzykliken vorgehen, würden wir wenigstens in praktischer Hinsicht diesen Dokumenten jede wahre Autorität absprechen. Unsere Zustimmung würde von der Interpretation der Theologen abhängen, nicht vom Dokument selber. Diese Tendenz, die Äußerungen der „ecclesia docens“ und besonders jene in päpstlichen Enzykliken als Aussagen zu werten, welche für das christliche Volk interpretiert werden müssen anstatt ihm erklärt und dargelegt zu werden, ist von großem Schaden für die Kirche. „Es ist und bleibt Aufgabe der katholischen Theologen, gläubig den Lehren der Enzykliken anzuhangen und alles in ihrer Macht stehende zu tun, um diese Wahrheiten getreu und wirksam den Gliedern des Mystischen Leibes Christi zu vermitteln.“