Fußnotentheologen – Teil 2

von antimodernist2014

Wenn der Wunsch zum Vater des Gedankens wird

Es ist schon wieder einige Jahre her, da fiel einem Priester ein Büchlein aus Traditionalistenkreisen in die Hand, worin die Behauptung zu lesen war, „auch Garrigou-Lagrange, einer der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts“ schließe sich der Meinung an, nach der ein „offenkundig häretischer Papst die Jurisdiktion“ behalten würde, „bis er von der Kirche als offenkundig häretisch erklärt wird“. Als Belegstelle wird in dem Text angegeben: „De Verbo Incarnato, p. 232“. Spontan hatte der Priester seine Zweifel an dieser Behauptung, konnte aber nichts Genaueres darüber erfahren, da ihm das angegebene Buch gerade nicht zur Hand war. Einige Wochen später kam er bei einem Gespräch mit einem anderen Priester auf diesen Text zu sprechen. Dieser hatte das angegebene Buch in seinem Bücherschrank stehen und war ebenfalls schon über die Behauptung aus dem Büchlein gestolpert. Als er nun die angegebene Seite aufschlug, war er nicht wenig überrascht zu lesen: „Es entgegnet aber der hl. Bellarmin: Der in die geheime Häresie gefallene Papst bleibt noch aktives Glied der Kirche, weil er nämlich weiterhin tatsächlich das Haupt der Kirche bleibt, wie Cajetan, Soto, Cano, Suarez u.a. lehren.“ (1)

An der angegebenen Stelle wird also nicht vom „gewöhnlichen“ Häretiker gesprochen, sondern vom Sonderfall des geheimen Häretikers, also eines Mannes, der weder in Wort noch Schrift jemals seine Irrlehren kundgetan hat, weshalb natürlich auch niemand darum wissen kann, daß er ein Häretiker ist. All das verschweigt aber der Autor seinen Lesern und suggeriert durch seine Fußnotenangabe: Garrigou-Lagrange würde von einem im gewöhnlichen Sinne häretischen Papst sprechen. Hätte der Schreiber die Stelle selber gelesen – was offensichtlich nicht der Fall ist, er hat sie vielmehr einfach so bei den Dominikanern von Avrillé abgeschrieben – dann hätte er gleich im nächsten Satz folgendes lesen können: „Dieser Fall ist vollkommen unnormal, weshalb auch etwas vollkommen Unnormales daraus folgt, daß nämlich ein Papst als geheimer Häretiker nicht länger tätiges Glied der Kirche wäre, wie es im Hauptteil des Artikels dargelegt wird, aber dennoch weiterhin die Jurisdiktion behielte, durch die er die Kirche beeinflußt, indem er sie regiert. So behielte er seine Funktion als Haupt gegenüber der Kirche, auf welche er auf diese Weise weiterhin seinen Einfluß ausübt, und wäre nicht länger ein Glied Christi, weil er den lebendigen Einfluß des Glaubens von Christus, dem unsichtbaren und ersten Haupt, nicht empfängt. Auf diese völlig unnormale Weise wäre er bezüglich der Jurisdiktion Haupt der Kirche, ohne deren Glied zu sein.“ (2)

Der in Frage stehende Fall ist also wirklich die Ausnahme von der Ausnahme, so könnte man es wohl am Treffendsten formulieren, und „vollkommen unnormal – omnino anormalis“! Diesen Fall machen sodann unsere Fußnotentheologen ganz einfach zur Regel, womit sie dem „bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts“ die absurde Meinung unterschieben, jedweder Häretiker könnte so einfach weiterhin Papst bleiben. Natürlich sagen alle großen Theologen das genaue Gegenteil – und deswegen natürlich „auch Garrigou-Lagrange, einer der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts“!

Dabei ist Garrigou-Lagrange in seinem Urteil über einen geheimen Häretiker sogar noch strenger als der hl. Robert Bellarmin, gehört dieser doch für ihn gar nicht mehr zur Kirche. Daher ergibt sich für ihn überhaupt erst das große Problem – diese völlig abnormale Situation! – wie denn ein geheimer Häretiker überhaupt noch das Haupt der Kirche sein könne. Bei offenkundiger Häresie existiert dieses Problem für ihn und viele anderen Theologen gar nicht, wie wir noch genauer sehen werden.

Die Theologen und Kanonisten haben nämlich zu allen Zeiten gesehen, daß ein Papst von niemandem zu richten ist, also auch von niemandem abgesetzt werden kann, außer in zwei Fällen. In dem Werk von F. Kober „Die Deposition und Degradation nach den Grundsätzen des kirchlichen Rechts historisch-dogmatisch dargestellt“, Tübingen 1867, kann man dazu zusammenfassend lesen: „Wenn wir die Häresie und das Schisma als die zwei Fälle bezeichneten, welche von der Regel, daß der Papst nicht abgesetzt werden könne, eine Ausnahme begründen, so ist der letztere Ausdruck doch nur im uneigentlichen Sinne zu verstehen, denn weder bei dem einen noch bei dem andern Verbrechen wird der Papst abgesetzt. Wenn der Inhaber des hl. Stuhles in Häresie verfallen sollte, so hat er sich selbst aus der Mitgliedschaft der Kirche ausgeschlossen, kann also auch nicht mehr ihr Oberhaupt sein. Der Ausspruch des Konzils, daß der Häretiker sein Amt verwirkt habe, ist keine Deposition, sondern nur die Erklärung, der Tatbestand der Häresie liege vor, der Papst habe sich selbst aus der Kirche ausgeschlossen und seiner erhabenen Würde beraubt. Ganz in derselben Weise verhält es sich beim Schisma.“

Weil ein Fußnotentheologe einfach alles abschreibt, was ihn in den eigenen Kram paßt, so hat auch unser Fußnotentheologe offensichtlich einfach nur von den dominikanischen Kollegen aus Frankreich abgeschrieben, weshalb er natürlich auch in keiner Weise auf die Idee kommt, es könnte bei der abgeschriebenen Behauptung etwas falsch sein. Dementsprechend schrieb er nicht nur den Hinweis auf Garrigou-Lagrange, sondern auch gleich fleißig den Verweis auf Billuart mit ab, wobei hier die Quellenangabe für diese Stelle in seinem Werk De fide, die in der ersten Ausgabe noch ohne Anführungszeichen stand, dann aber mit solchen versehen worden ist, offensichtlich nicht nur eine irrige Ansicht suggeriert, sondern vollkommen falsch ist. Unser Abschreiber hat sich natürlich nicht die Mühe gemacht, die Stelle selbst nachzuprüfen, sonst hätte er nämlich merken müssen, daß es die angegebene Stelle gar nicht gibt – Zitat und Quellenangabe sind falsch (vgl. Pseudo-Theologie)! Damit haben wir ein Schulbeispiel dafür, wenn sich ein Fußnotentheologe auf einen anderen Fußnotentheologen verläßt, dann ist Hopfen und Malz verloren. Und wer sich wissentlich auf einen Fußnotentheologen verläßt, der ist von allen guten Geistern verlassen und befindet sich schwuppdiwupp inmitten eines ganzen Gestrüpps von Unsinnigkeiten. Wir wollen versuchen, in dieses Gestrüpp von Unsinnigkeiten, das in der deutschen Zusammenfassung der Arbeit aus Frankreich beinahe undurchdringlich dicht wird, etwas Ordnung und Klarheit zu bringen.

Als Ausgangspunkt soll uns eine Stelle aus dem Werk Billuarts De fide dienen, das auch die Fußnotentheologen aus Frankreich meinen, reichlich zitieren zu können, ohne es aber richtig und im Zusammenhang gelesen zu haben. Es ist also auch da schon zu befürchten, daß auch sie wiederum von anderen Fußnotentheologen abgeschrieben haben. Billuart schreibt: „Da er (der Papst) im Falle der Häresie, und nicht in anderen, mit seiner Häresie sein Papstamt verliert: Wie könnte er denn das Haupt der Kirche bleiben, wenn er weiter nicht deren Glied ist? Deswegen ist er dem Urteil der Kirche unterworfen, nicht damit er abgesetzt wird, da er sich selbst durch die Häresie abgesetzt und das Papstamt zurückgewiesen hat, sondern damit er als Häretiker erklärt würde und so der Kirche bekannt werde, daß er nicht weiter Papst sei. Vor dieser Erklärung ist es nicht erlaubt, ihm den Gehorsam zu verweigern, weil er solange die Jurisdiktionsgewalt behält, nicht von Rechts wegen, so als ob er noch der Papst sei, sondern in der Tat, weil es Gott so will, wegen des Allgemeinwohls der Kirche“ (3) (Summa Sti. Thomae, F.C.R. Billuart, t. V. Paris 1904, de fide, S. 221).

Zunächst ist einmal festzuhalten, daß Billuart wie alle großen Theologen ganz einfach feststellt, daß ein Papst, der Häretiker ist, sein Amt verloren hat, weil ein Häretiker nicht mehr zur katholischen Kirche gehört, denn: “Wie könnte er … das Haupt der Kirche bleiben, wenn er weiter nicht deren Glied ist?“ Die eigentliche, uns heute beschäftigende Schwierigkeit ergibt sich daraus, daß Billuart sodann hinzufügt: „Deswegen ist er dem Urteil der Kirche unterworfen, nicht damit er abgesetzt wird, da er sich selbst durch die Häresie abgesetzt und das Papstamt zurückgewiesen hat, sondern damit er als Häretiker erklärt würde und so der Kirche bekannt werde, daß er nicht weiter Papst sei. Vor dieser Erklärung ist es nicht erlaubt, ihm den Gehorsam zu verweigern…“ An einer anderen Stelle nuanciert Billuart seine Aussage ein klein wenig: „Wenn er soweit geht, die Kirche im Glauben zu verändern, dann ist er offen häretisch, womit er von seinem Amt abfällt; es bedarf dann nur noch des Urteils der Kirche, um ihm den Gehorsam zu verweigern, wie wir vorher sagten“ (Ebd. S. 225). (4)

Die beachtenswerte Nuance in der Formulierung: „…es bedarf dann nur noch des Urteils der Kirche“ ist das Wort „nur“. Dieses „nur“ hört sich so einfach an, ist es aber, wie wir heute wissen und täglich leidvoll erfahren, leider nicht. Es ist nämlich leider ganz anders gekommen als Billuart und auch die anderen großen Theologen es sich haben vorstellen können: der „Papst“ war zwar ein Häretiker, aber das Urteil der Kirche ist ausgefallen. Diesem Gedanken wollen wir in der Folge noch weiter nachgehen, weil er gar so viel Verwirrung stiftet, wie uns die Fußnotentheologen aus Frankreich, Deutschland und den USA zur Genüge beweisen.

Lassen wir dazu zunächst einen nicht so bekannten Theologen aus dem 16. Jahrhundert zu Wort kommen, der sehr gut den damaligen Stand der theologischen Diskussion betreffs unserer Frage wiedergibt. Francisco Toledo (Franciscus Toletus) S.J. schreibt in seinem Werk, In Summam Theologiae S. Thomae Aqu. Enarratio, das im Jahr 1869 in Rom herausgegeben wurde (Francisci Toleti In Summam theologiae S. Thomae Aquinatis enarratio, ex autographo in Bibliotheca Collegii Romani Asservato nunc primum edidit Iosephus Paria. Romae, Typis S. Congregationis de Propaganda Fide, 1869-70): „Drittens antwortet Turrecremata an der zitierten Stelle, wenn der Papst ein Häretiker wird, hört er sofort auf, Papst zu sein, weshalb er jetzt auch irren kann, weil er kein Papst (mehr) ist. Diese Lösung ist nicht wahr und sicher. Denn wegen einer Häresie verliert der Papst oder ein Bischof nicht sofort die Jurisdiktion und ebenso (muß) er von der Kirche zurückgewiesen und verdammt werden, wie Cajetan in seinem Werk De auctoritate Papae et Concilii c. 19. 20. gut sagt. Der Grund dafür ist, weil sodann erstens in der ganzen Kirche keine Festigkeit (mehr) wäre. Denn wer weiß, wie es im Papst innen aussieht, ob er glaubt oder nicht? Außerdem scheint es unwürdig zu sein, daß die Kirche von jemandem abhängt, der selber irren kann.“ (5)

Die Gedankenführung unseres Theologen ist recht interessant, zeigt sie uns doch die entscheidende Schwierigkeit recht gut auf, die entsteht, wenn man die Lösung so nimmt, wie sie hier gegeben wird. Zunächst gibt Toletus die Meinung Cajetans (und anderer) wieder, die sagen, daß ein Papst, sobald er in Häresie fällt, zwar sofort sein Amt verliert, aber nicht sogleich seine Jurisdiktion (d.i. seine Rechtsgewalt über die Kirche). Der Grund, der von allen diesen Theologen genannt wird, ist das „bonum commune“ der Kirche, das Allgemeinwohl der Kirche. Denn würde der Häretiker sofort Amt und Jurisdiktion verlieren – so meinen diese Theologen – würde die Kirche in einen Zustand der Rechtlosigkeit fallen, die Folge davon wäre ein Chaos, ein vollkommenes rechtliches Durcheinander in der Kirche.

Toletus meint, daß dann „in der ganzen Kirche keine Festigkeit (mehr) wäre“ – und er fragt: „Denn wer weiß, wie es im Papst innen aussieht, ob er glaubt oder nicht?“ Nun, diese Frage ist etwas verräterisch, weil sie nämlich vom Thema ablenkt, bzw. zu einer ganz anderen, neuen Fragestellung führt. Die Antwort auf diese rhetorische Frage lautet natürlich: Niemand. Aber diese Antwort gilt nicht nur für einen Papst, sondern ganz allgemein: Was der Mensch denkt, das weiß kein Mensch, bzw. das weiß Gott allein! Deswegen urteilt auch die Kirche nicht über die innersten und geheimsten Gedanken der Menschen, sondern nur über die Äußerungen dieser Gedanken. Es erscheint nun etwas merkwürdig, daß unser Theologe diese Frage in diesem Zusammenhang stellt, denn es gilt sicherlich auch: Jedermann weiß, daß ein Häretiker nicht mehr den wahren Glauben besitzt, sondern einem Irrglauben anhängt und somit nicht mehr Glied der Kirche ist.

Toletus gleitet also unbemerkt zur oben schon angesprochenen Frage des geheimen Häretikers ab, vom normalen Fall zum absolut abnormalen, wie uns Garrigou-Lagrange schon darlegte. Der Jesuitentheologe fügt noch einen weiteren Grund an, der aber doch ebenfalls etwas seltsam anmutet: „Zudem scheint es unwürdig zu sein, daß die Kirche von jemandem abhängt, der selber irren kann.“ Das ist sicherlich wahr, aber wäre dann die einzig richtige Schlußfolgerung nicht die: Ein Häretiker kann ganz sicher nicht mehr Papst sein und auch keine Jurisdiktion über die Kirche haben, weil er offensichtlich im Glauben irrt? Der Glaube ist aber das Fundament jeglicher Jurisdiktion in der Kirche. Die notwendige Schlußfolgerung daraus wäre wiederum die: Gott darf den Papst erst gar nicht in Häresie fallen lassen!

Seiten: 1 2 3 4