Fußnotentheologen – Teil 2

Da jedoch die Möglichkeit eines Papstes, der in Häresie fällt, von allen Theologen angenommen wird, muß Toletus seine Zuflucht zu einer anderen Lösung des Problems nehmen: Er glaubt oder besser gesagt hofft, daß Gott – sobald ein Häretiker auf dem Stuhl Petri sitzt – wunderbar eingreifen wird. Heute wissen wir, daß das zwar ein schöner und frommer, aber leider ein falscher Gedanke war. Gott hat nicht wunderbar eingegriffen, als der Stuhl Petri von einem Häretiker widerrechtlich eingenommen wurde – bis heute nicht.

Es ist hier angebracht, auf einen wesentlichen Unterschied zwischen den katholischen Theologen aus dem 16. Jahrhundert und den heutigen Fußnotentheologen hinzuweisen. Während Toletus noch klar erkennt, daß Gott verpflichtet ist, einen Irrtum der Kirche zu verhindern, meinen die Fußnotentheologen, daß man ohne weiteres auch einen Häretiker auf dem Stuhl Petri anerkennen müsse, solange er nicht durch eine entsprechende Autorität für abgesetzt erklärt worden ist. Die Fußnotentheologen aus Frankreich und Deutschland meinen wirklich allen Ernstes, in diesem Fall den Rechtsgrundsatz anwenden zu können: „In dubio melior est conditio possidentis“ (Im Zweifel verdient der Besitzer den Vorzug), und reden ihren Anhängern ein, man sei „auf jeden Fall verpflichtet, an der Gültigkeit der nachkonziliaren Päpste festzuhalten“. Wir werden später noch zeigen, wie glaubenszerstörend diese Meinung ist.

Zunächst sei aber daran erinnert, daß die Fußnotentheologen offensichtlich selbst gar keinen Zweifel daran haben, daß ihre „Päpste“ Häretiker sind – in dem Text selbst heißt es etwa: „Dies (die Sakrilegien während des sog. interreligiösen Religionstreffens in Assisi) sind keine bedeutungslosen Details, sondern Offenbarungen einer Geisteshaltung, einer den katholischen Glauben zerstörenden Ideologie.“ Und: „Mit den genannten Päpsten ist aber der Glaube an die Gottheit Christi erschüttert worden, das Festhalten an seinem alleinigen Vertretungsanspruch, an seinem Königtum in der ganzen Gesellschaft.“ Oder auch noch: „Wenn jetzt Papst Franziskus eingefleischte liberale Kirchenmänner begünstigt, die in der Praxis die Lehre Christi von der Unauflöslichkeit der Ehe unterlaufen, so können wir nur den Kopf schütteln und den Herrn um Erleuchtung des Heiligen Vaters anflehen. Die bisherigen zwei Jahre Pontifikat haben unsagbare Verwirrung in der Kirche gestiftet“ (Hervorhebungen von uns).

Auch wenn in diesen Zitaten das Wort „Häresie“ peinlichst vermieden wird, so handelt es sich der Sache nach eindeutig um Häresie, bzw. sogar um Apostasie! – also nochmals: trotz der Erkenntnis dieses Sachverhalts der Häresie, ja Apostasie der römischen Usurpatoren meinen die Fußnotentheologen aus Frankreich und Deutschland, man müsse an diesen zweifelhaften „Päpsten“ unbedingt festhalten. Man wird unwillkürlich an einen anderen schweren Irrtum dieser Leute erinnert: Man müsse sich auch mit zweifelhaften Sakramenten zufrieden geben.

Nun, es gibt tatsächlich einen Rechtsgrundsatz darüber, wie man zweifelhafte Päpste beurteilen müsse, dieser heißt: „Papa dubius, papa nullus“ – ein zweifelhafter Papst ist gar kein Papst. Wenn auch dieser Grundsatz in neuerer Zeit von manchen Kanonisten angezweifelt wurde, so meint doch Dr. Paul Hinschius in seinem Buch „System des katholischen Kirchenrechts“, Band I, all diejenigen, die solches meinen, setzen „sich über geltendes Recht einfach hinweg“. Es ist wohl auch jedem Katholiken leicht und unmittelbar einsehbar, daß ein Zweifel bezüglich der Legitimität eines Papstes unbedingt so schnell wie möglich beseitigt werden muß, wenn daraus kein unabsehbarer Schaden für die ganze Kirche entstehen soll.

Während also der Theologe des 16. Jahrhunderts das durchaus noch wußte, wie wir am Beispiel Toledos gesehen haben, ist den Fußnotentheologen des 21. Jahrhunderts diese Einsicht im Eifer des Gefechts entglitten – und Hopfen und Malz verloren. Nachdem nämlich der deutsche Fußnotentheologe, wie oben angeführt, die Skandale (= Häresie und Apostasie!) seiner Konzils“päpste“ eifrig aufgezählt und sich darüber moralisch gebührend entrüstet hat, fährt er fort: „Hier und da werden Stimmen laut, die behaupten, der päpstliche Stuhl sei vakant; Franziskus sei nur ein Schein-Papst. Einige gehen so weit zu sagen, schon seit dem Tode Pius‘ XII. habe es keinen rechtmäßigen Papst mehr gegeben.“

Ohne daß es die Anhänger der Fußnotentheologen wahrgenommen hätten, hat sich mit der Ablehnung der sog. Sedisvakanz am Glauben dieser Leute etwas Grundlegendes geändert. Während die echten Theologen den Fall eines häretischen Papstes aufgrund der Furchtbarkeit desselben letztlich für unmöglich gehalten haben, weshalb sie diesen für eine zwar denkbare, aber aufgrund der gütigen Waltung der göttlichen Vorsehung nie eintretende Theorie hielten, nehmen die heutigen Fußnotentheologen zwar das Faktum der derzeitigen Häresien ihrer Konzils- und Nachkonzils“päpste“ wahr, meinen jedoch unbegreiflicherweise, dieses Faktum habe keinerlei weitere Folgen für die Kirche!

Wie anders die früheren Theologen dachten, soll nochmals anhand der Erwägungen des Jesuiten Franciscus Toletus aufgezeigt werden. Wir haben schon gehört, wie er aufgrund der Gefahr für die Kirche meinte, Gott würde sogar durch ein Wunder verhindern, ein häretischer Papst könnte etwas Irriges der Kirche als Glaubenssatz vorlegen. Diesen Gedanken führt er sogar noch weiter: „Diese Lösung (der Frage) verlassend, gegen die unten noch weiter zu handeln ist, sage ich, daß in solch einem Fall (eines häretischen Papstes) eins von zweien geschehen würde: entweder würde es Gott nicht zulassen, daß von diesem Hirten eine Lehre festgelegt würde, die er selbst fälschlich glaubt; oder Gott würde sein Herz verändern, daß er Wahres sagt. Wenn du nun fragst, woher hast du das? So antworte ich: Aus dem, daß Gott seiner Kirche beisteht und deren Haupt beisteht; das (oben Gesagte, bzw. Behauptete) aber gehört zum (göttlichen) Beistand dazu. Zudem lesen wir in der Hl. Schrift diese Tatsache. In Num. 22, als nämlich Balaam das Volk Gottes verfluchen wollte, wurde er zuerst von einem Engel daran gehindert, als dieser durch den Esel zu ihm sprach. Später aber änderte Gott seine Rede, da er dreimal fluchen wollte, mußte er dreimal segnen.“ (6)

Für Toletus ist eines sicher, weil es für den Wesensbestand der makellosen Braut Jesu Christi, der heiligen katholischen Kirche, absolut notwendig ist: Auch wenn ein Häretiker auf dem Stuhl Petri sitzen würde, müßte Gott verhindern, daß er die Kirche in den Irrtum führt! An der Argumentation Toledos fällt aber eines auf: Wenn Gott schon wunderbar eingreifen soll und muß, dann wäre es doch eigentlich viel naheliegender, wenn er gleich verhindern würde, daß ein Häretiker auf den Stuhl Petri erhoben wird, oder ein Papst zum Häretiker würde.

Dennoch ist der Glaubensernst des Jesuiten von dem der Fußnotentheologen aus Frankreich und Deutschland und den USA durch Welten getrennt. Diese meinen allen Ernstes einwenden zu können: „Die Sedisvakantisten berufen sich gerne auf den hl. Robert Bellarmin, der die Ansicht vertritt, dass ein Papst bei formeller und offenkundiger Häresie ipso facto (durch die Tat selbst) sein Amt verliere. Bellarmin fügt indes hinzu, diese Annahme habe seines Erachtens weniger Wahrscheinlichkeit als der Standpunkt, dass der Papst erst gar nicht in Häresie fallen könne.“

Ein studierter Mann sollte eigentlich fähig sein, zwischen einer Frage, die die Möglichkeit der praktischen Verwirklichung betrifft, und einer Frage bezüglich der theologischen Möglichkeit eines Sachverhalts unterscheiden zu können. Daß der hl. Robert Bellarmin es für wahrscheinlicher hält, daß ein Papst erst gar nicht in die Häresie fallen könne, widerspricht in keiner Weise dem anderen Faktum, daß er nämlich als allein richtige Meinung diese ansieht: „…ein offenbar ketzerischer Papst höre von selbst auf, Papst und Haupt der Kirche zu sein, sowie er von selbst aufhört, Christ und Glied des kirchlichen Leibes zu sein; darum könne er von der Kirche gerichtet und bestraft werden. Dies ist die Ansicht aller alten Väter, welche lehren, offenbare Ketzer verlören alsbald alle Jurisdiktion“. Trotz dieses klaren und eindeutigen theologischen Urteils meint aber unser Fußnotentheologe, den Schluß ziehen zu können: „Für Bellarmin sind diese Ansichten nicht mehr als Hypothesen, die mehr oder weniger Wahrscheinlichkeit beanspruchen können (De Romano pontifice, Buch II, 30. Kapitel).“

Eine theologisch sichere Meinung ist keine Hypothese, sondern eine theologisch sichere Meinung, das sollte eigentlich jeder katholische Theologe klar und sicher unterscheiden können. Ein katholischer Theologe ja, ein Fußnotentheologe offensichtlich nein. Mit seinem Hinweis auf die Quelle meint der Fußnotentheologe seine Leser wieder einmal beeindrucken zu können, geht er doch davon aus, daß diese niemals den hl. Robert Bellarmin gelesen haben, wie übrigens wiederum zu befürchten ist, er auch nicht. Wer nämlich den Text des hl. Kirchenlehrers im Zusammenhang liest, wird sicherlich einen ganz anderen Eindruck gewinnen, als den hier hypothetisch suggerierten.

Zum Beweis ein kurzer Auszug aus dem Text: „Aber ein Papst kann, solange er Papst bleibt, nicht vermieden werden. Denn wie sollen wir unser Haupt vermeiden? Wie sollen wir von einem mit uns verbundenen Gliede lassen? Der Vernunftgrund, und zwar von der zuverlässigsten Art, ist der: Ein Nicht-Christ kann auf keine Weise Papst sein, wie Cajetanus (Eod.lib., cap. 26) einräumt. Der Grund davon ist der, weil das, was nicht Glied ist, auch nicht Haupt sein kann. Und derjenige ist kein Glied der Kirche, welcher nicht Christ ist. Aber ein offenbarer Ketzer ist kein Christ, wie Cyprianus (Lib 4, cap. 2), Athanasius (Serm. 2 contra Arianos), Augustinus (Lib. de gratia Christi, cap. 2o), Hieronymus (Contra Luciferianos) und andere deutlich lehren. Ein offenbarer Ketzer kann also nicht Papst sein.“ (7)

Jeder wird wohl zugeben müssen, das hört sich so gar nicht nach Hypothese im Sinne des Fußnotentheologen an. Klarer kann man eine Lehre wohl kaum noch darlegen. Die Herren Dominikaner aus Frankreich und ihre Abschreiber aus Deutschland irritiert das jedoch in keiner Weise. Sie meinen dagegen – und nun wird es allmählich wirklich absurd: „Dieser Rechtsgrundsatz verpflichtet umso mehr, je schwerwiegender die Folgen aus der entgegengesetzten Position sind oder wären. Da es aber beim päpstlichen Primat um die ganze Kirche geht – also die überhaupt schwerwiegendste Folge, die man sich vorstellen kann – kann man die Sedisvakanzannahme nur auf absolut gesicherte Tatsachen bauen, niemals auf Thesen, und wären sie von den besten Theologen aufgestellt.“ Spontan möchte man fragen: Was soll der Unsinn? Damit wir aber auch alles recht verstehen – man möge verzeihen, wenn wir etwas satirisch werden, aber anders als in einer Satire kann man diesen Unsinn nicht mehr kommentieren:

Es ist also für jeden Katholiken verpflichtend, einen Häretiker, ja Apostaten als seinen Papst anzuerkennen, weil nämlich die Folgen der gegenteiligen Annahme überaus schwerwiegend wären. Ja nicht nur schwerwiegend wären die Folgen dieser gegenteiligen Annahme – die nach allen großen Theologen die einzig richtige ist, denn wie der hl. Robert Bellarmin feststellt: „Ein offenbarer Ketzer kann also nicht Papst sein“ –, sondern die schwerwiegendste überhaupt! Und weil es so ist, weil eine Kirche ohne Papst das Schlimmste ist, was ein Fußnotentheologe sich vorstellen kann – was aber schon weit über 200 mal, nämlich zumindest jedesmal nach dem Tod eines Papstes unübersehbare und unleugbare Tatsache war – darum müssen wir einen Mann, den wir zwar als Häretiker, ja Apostaten entlarvt haben, dennoch als unseren Papst anerkennen, weil nämlich nur „absolut gesicherte Tatsachen“ uns berechtigen würden, ihn als Nichtpapst anzusehen.

Darum sind wir der felsenfesten Überzeugung, für die eine Annahme, die von allen Theologen als die einzig richtige angesehen wird, können nur „absolut gesicherte Tatsachen“ zur Geltung gebracht werden, wohingegen für die andere Annahme, daß nämlich ein als Häretiker oder gar als Apostat erkannter Mann, dennoch legitimer Papst bleibt, was zwar zu völlig irrsinnigen und glaubenszerstörenden Schlußfolgerungen führt, weswegen die früheren Theologen der Überzeugung waren, eher würde Gott eingreifen, als dies zuzulassen, für diese absurde Meinung genügt uns durchaus ein „beständiger Zweifel“, denn „In dubio melior est conditio possidentis“ (Im Zweifel verdient der Besitzer den Vorzug). Es geht nämlich in dieser Frage nicht um Nebensächliches, es geht um den Primat des Papstes, es geht um die ganze Kirche.