Fußnotentheologen – Teil 2

Darum ist uns ein zweifelhafter Papst, ja ein Häretiker oder selbst ein Apostat auf dem Stuhl Petri lieber als gar kein Papst. Jawohl, so ist es, dieser liberale und modernistische „Papst“ in Rom kann machen, was er will, ich bleibe ganz einfach katholisch! Damit die Kirche fortbestehe, halten wir vorsichtshalber einmal einen Irrlehrer für den legitimen Papst, aber wir folgen und gehorchen ihm natürlich nicht, weil wir ihn nämlich erst belehren und bekehren müssen, diesen Verführer und Verwirrer der Herde Jesu Christi, ehe wir ihm wieder folgen können. Denn schließlich haben wir die Tradition, die wir den Römern schon zurückbringen werden, ob sie wollen oder nicht, diese Kirchenzerstörer und Apostaten.

So oder ähnlich sprechen unsere Fußnotentheologen wenigstens in den heißen Phasen ihres Kirchenkampfes gegen das moderne Rom. Sie haben natürlich im Eifer des Gefechts inzwischen vergessen, was einer ihrer Kronzeugen, Billuart, geschrieben hat: „Vor dieser Erklärung ist es nicht erlaubt, ihm den Gehorsam zu verweigern. Weil er solange die Jurisdiktionsgewalt behält, nicht von Rechts wegen, so als ob er noch der Papst sei, sondern in der Tat, weil es Gott so will, wegen dem Allgemeinwohl der Kirche.“

Nun, offensichtlich haben unsere Papstverteidiger ihrem „Papst“ doch schon vor dem Urteil der Kirche den Gehorsam versagt, was doch Billuart ausdrücklich als unmöglich bezeichnet, weil doch dieser Papst die Jurisdiktion noch innehat. Ob da nicht schon gleich zu Beginn der theologischen Auseinandersetzung mit dem Modernismus und dem modernen Rom etwas Entscheidendes übersehen wurde, weshalb man plötzlich gar nicht mehr weiß, was denn ein Papst im Grund und wesentlich ist und immer sein muß? Billuart sieht die Sache ganz anders und ebenfalls der hl. Robert Bellarmin. Dieser urteilt natürlich ganz anders als die Fußnotentheologen, gibt er doch zu bedenken: „Im übrigen wäre das eine sehr elende Lage der Kirche, wenn sie (die hl. Kirche) gezwungen würde, einen offen reißenden Wolf als Hirten anzuerkennen.“ (8)

Lassen wir zu diesem Thema auch noch den bedeutenden Jesuitentheologen Franz Suarez zu Wort kommen, der ebenfalls als einer der Kronzeugen für die absurden Thesen unserer Fußnotentheologen herhalten muß. Dieser betont zunächst: „Wenn er (der Papst) aber hartnäckig gegen eine schon sicher definierte Wahrheit irrt, muß man nicht mehr warten, sondern ihn auf der Stelle aus dem Amt entfernen.“ Wir sehen, anders als die Dominikaner aus Frankreich meint Suarez nicht, ein zweifelhafter Papst könne ruhig über Jahrzehnte weiter im Amt bleiben, sondern er müsse auf der Stelle aus diesem entfernt werden! Für Suarez steht jedoch nach dieser Feststellung noch die Frage im Raum, wie denn konkret, in der Wirklichkeit, wenn es denn wirklich so kommen sollte, der Häretiker aus seinem Amte entfernt werden soll und wie lange das evtl. dauern könne oder würde? Dazu meint Suarez: „Was zwar jedem freisteht als wahrscheinlich anzunehmen, mir jedoch scheint kurz gesagt frömmer und wahrscheinlicher, daß zwar der Papst, als Privatperson, aus Unwissenheit, nicht aber aus Hartnäckigkeit irren kann. Obwohl nämlich Gott bewirken kann, daß ein häretischer Papst der Kirche nicht schadet, so scheint es doch der göttlichen Vorsehung angemessener, daß, weil Gott versprochen hat, der Papst würde bei einer Definition niemals irren, er folglich dafür sorgen würde, daß jener niemals Häretiker sei. Ich füge hinzu, daß dieser Fall (eines häretischen Papstes) in der Kirche noch niemals eintrat und nach Einschätzung der göttlichen Ordnung und Vorsehung auch niemals eintreten kann.“ (9)

Es sei nochmals betont, der Grund für diese Einschätzung ist der ungeheure und unabsehbare Schaden, der unmittelbar und notwendigerweise durch einen Häretiker auf dem Papstthron folgen würde. Es sei zudem daran erinnert, daß Franz Suarez, wenn man ihn denn gelesen hätte, die Fußnotentheologen sehr treffend hätte belehren können, weiß er doch, „daß dieser Fall (eines häretischen Papstes) in der Kirche noch niemals eintrat“, wohingegen diese dreist behaupten: „Es gab in der Geschichte mehrfach Päpste, die zumindest materielle Häretiker waren (Honorius, Liberius, Johannes XXII.)“. Daß Johannes XXII. kein Häretiker war, müßte jeder Theologiestudent wissen, bei den anderen beiden Päpsten wäre nur ein rudimentäres Studium der Kirchengeschichte oder eine Dogmatik notwendig, um zu demselben Wissen zu gelangen. Ganz im Gegensatz zu dem Jesuitentheologen Franz Suarez fehlt den Fußnotentheologen selbst dieses rudimentäre Wissen.

Doch folgen wir dem Text des „Doctor Eximius“, des „herausragenden Lehrers“ noch weiter. Man kann beim Lesen dieser Zeilen nur feststellen, dem großen Theologen Suarez läßt der Gedanke, ein Häretiker könnte wirklich auf dem Papstthron sitzen, einfach keine Ruhe. Er greift diesen nochmals auf und gibt zu bedenken: „Und dieselbe Unannehmlichkeit würde folgen, wenn ein geheimer Häretiker zum Papst gewählt wird, was niemand, soweit ich sehe, leugnet, daß es geschehen könnte; wenn also solches geschehen würde, scheint man es nicht leugnen zu können, daß ein solcher Papst auch mit seiner Häresie (Papst) bleibe. Wie aber immer es in solchen Fällen sei, es ist ganz und gar zu glauben, daß Gott es niemals zulassen wird, daß die Kirche in solche Bedrängnisse geraten würde, wie sie die oben berührten Zweifel unterstellen. Wenn nämlich irgendein solcher Papst anfinge, der Kirche vorzustehen, würde ihn Gott entweder unverzüglich aus unserer Mitte nehmen, oder er würde sicherlich vorsehen, mit welchen Mitteln er ein derartiges Übel in Kürze austilgen könne, wie wir sehen, daß er es schon in weniger dringenden Fällen immer getan hat.“ (10)

Beim Lesen des Textes meint man, wahrnehmen zu können, wie dem Theologen allein schon, wenn er daran denkt, der Atem stockt: „Wie aber immer es in solchen Fällen sei, es ist ganz und gar zu glauben, daß Gott es niemals zulassen wird, daß die Kirche in solche Bedrängnisse geraten würde, wie sie die oben berührten Zweifel unterstellen.“ Im lateinischen Original kommt diese Angst sogar noch etwas stärker zu Ausdruck: Suarez denkt, hofft, ist aufgrund der überaus großen Gefahr für die Kirche überzeugt, dies kann Gott einfach nicht zulassen – und er wird es auch nicht zulassen. So die felsenfeste Überzeugung unseres Theologen aus dem 16./17. Jahrhundert.

Worin aber besteht denn nun eigentlich konkret diese große Gefahr, die durch einen Häretiker auf dem Stuhl Petri für die ganze Kirche unmittelbar und sofort entsteht? Die Antwort darauf gibt ein Text von Kardinal Billot. Die in Frage stehende Textpassage zitieren zwei amerikanische Fußnoten“theologen“ (es handelt sich in der Tat um keine Theologen, sondern um einen Geschäftsmann und einen Anwalt), die meinten, ein geradezu ausuferndes Buch gegen die Sedisvakantisten schreiben zu müssen. Erstaunlicherweise oder auch nicht brechen sie gerade an der Stelle ab, an der es interessant zu werden beginnt. Was aber gibt Billot zu bedenken und was meinen die Herren, ihren Lesen vorenthalten zu müssen?

Nachdem Billot festgestellt hat, „Das öffentliche Anhangen der ganzen Kirche ist immer aus sich ein unfehlbares Zeichen der Legitimität der Person des Papstes“ (11) – diese Stelle zitieren die Amerikaner – weist er auch auf die Folgen hin, die eine Anhänglichkeit an einen falschen Papst unmittelbar und sofort nach sich zieht: „Es wäre nämlich dasselbe, wenn die Kirche einem falschen Papst anhinge, wie wenn sie damit einer falschen Glaubensregel anhinge, da der Papst die lebendige (Glaubens-)Regel ist, der die Kirche im Glauben folgen muß und in der Tat immer folgt, was aus dem Gesagten im Folgenden noch klarer gezeigt werden wird.“ (12) Diese Stelle zitieren die Amerikaner nicht. Dabei nehmen die amerikanischen Fußnotentheologen, die aus dem Dunstkreis der Lefebvristen kommen, gar nicht mehr wahr, in welchen Irrsinn sie geraten, wenn sie den Lesern einreden wollen, man könne ruhig einen Irrlehrer als Papst anerkennen.

Aber alles der Reihe nach. Was die erste Aussage Billots betrifft, also die von den Amerikanern zitierte, so ist festzustellen, es stimmt mit den Tatsachen gar nicht überein, wenn behauptet wird, die Konzils- und Nachkonzilspäpste seien von allen „Katholiken“ als legitime Päpste anerkannt worden, also seien sie auch wirklich Päpste. Denn letztlich gehorcht ihnen niemand, weder die Modernisten, noch die Traditionalisten und natürlich schon gar nicht die wahren Katholiken. Man anerkennt aber den Papst allein durch den Gehorsam, d.h. indem man ihn als nächste Glaubensregel anerkennt. Am wenigsten aber gehorchen ihnen die beiden amerikanischen Fußnotentheologen selbst, denn diese meinen gar, aufgrund der irrigen Lehren über das Papsttum und die Kirche, die sie wohl von den Lefebvristen gelernt haben und die ihren Grund letztlich im Anerkennen eines Häretikers als Papst haben, so weit gehen zu müssen, die nächste Norm des Glaubens mit der entfernten zu vertauschen.

Man ist fast fassungslos, aber es ist wirklich so, für diese zwei Herren ist die nächste Norm des Glaubens die sog. Tradition und die entfernte Norm ist der lehrende Papst. Da wird es auch verständlich, weshalb sie den nachfolgenden Text Billots „übersehen“ haben oder vielleicht auch gar nicht mehr recht verstehen und einordnen konnten, weshalb sie ihn vorsichtshalber ignorierten. Soweit kommt man, sobald man meint, einen Häretiker als seinen „Papst“ anerkennen zu können, man wird selber zum Häretiker. Denn damit wird entweder der Irrglaube des Häretikers notwendigerweise zur eigenen nächsten Norm des Glaubens oder man lehnt ihn als nächste Norm des Glaubens ab und wird somit selber zum Papst.

Weil diese Einsicht in unserer papstlosen Zeit gar so grundlegend und wichtig ist, soll zu diesem Thema wieder einmal der Dogmatiker Heinrich zu Wort kommen. Heinrich legt dar: „Die katholische Glaubensregel also lautet: Alles Dasjenige ist als von Gott in Christus geoffenbarte und durch die Apostel der Kirche übergebene Wahrheit zu glauben, was als solche das kirchliche Lehramt unter dem Beistand Gottes aus Schrift und göttlicher Überlieferung uns zu glauben vorstellt. Die durch Gottes Beistand unfehlbare kirchliche Proposition ist also die nächste und unmittelbare Regel des wahren Glaubens.“

Heinrich fährt fort: „Von dieser wahren katholischen Glaubensregel weicht aber nicht nur der Protestantismus mit seinem Formalprinzip von der sola scriptura ab, sondern ebenso sehr auch der Pseudo-Katholizismus der Jansenisten und der neuesten Häretiker (damit sind die Altkatholiken gemeint), welche zwar die Notwendigkeit der Tradition zur Bezeugung, Erklärung und auch zur Ergänzung der Heiligen Schrift anerkennen, aber die letzte Entscheidung über die Echtheit der Tradition und ihren wahren Sinn nicht dem kirchlichen Lehramt, sondern dem gläubigen Individuum oder der Wissenschaft, oder der, wiederum von der Wissenschaft zu beurteilenden öffentlichen Meinung oder der Geschichte zuschreiben. Durch alle diese Irrlehren, wie sie immer nuanciert sein mögen, wird nicht nur die nächste Glaubensregel, sondern in und mit ihr auch das Fundament der Schrift und Tradition zerstört.“

Weiter: „Hiervon sind wiederum verschieden jene Irrtümer, welche zwar die Autorität des kirchlichen Lehramtes als nächste Regel des Glaubens im Allgemeinen anerkennen, aber in irgendeiner Beziehung bezüglich des Organismus, der Autorität und des Umfanges dieses Lehramtes von der Wahrheit sich entfernen. So namentlich die orientalischen Schismatiker, …, ferner die Gallikaner durch die Leugnung, resp. Beeinträchtigung der höchsten päpstlichen Lehrautorität; überhaupt alle Diejenigen, welche in irgendeiner Weise den vollen Umfang der kirchlichen Lehrautorität und Unfehlbarkeit nicht anerkennen, indem sie z.B. letztere nur für die förmlichen judiciellen Entscheidungen, nicht aber für das allgemeine und ordentliche Magisterium zugeben, oder den Gegenstand der kirchlichen Autorität und Unfehlbarkeit in unberechtigter Weise einschränken.“ (13)

Es ist wohl beim Lesen dieser Zeilen nicht schwer einzusehen, der große Dogmatiker Heinrich hat schon vor bald 150 Jahren die verschiedenen Irrtümer dargelegt, welche heutzutage unter den sog. Traditionalisten grassieren. Dabei ist vor allem eines zu bedenken: „Durch alle diese Irrlehren, wie sie immer nuanciert sei mögen, wird nicht nur die nächste Glaubensregel, sondern in und mit ihr auch das Fundament der Schrift und Tradition zerstört.“