Fußnotentheologen – Teil 2

Sobald man die kirchliche Lehre über die nächste Norm des Glaubens richtig erfaßt hat – „Die durch Gottes Beistand unfehlbare kirchliche Proposition ist also die nächste und unmittelbare Regel des wahren Glaubens“ – wird es sofort und unmittelbar klar: Ein häretischer Papst ist ein quadratischer Kreis, eine Unmöglichkeit. Wer meint, diese Unmöglichkeit möglich machen zu können, bezahlt dieses gedankliche Abenteuer mit dem Verlust des übernatürlichen Glaubens. Denn er wird entweder den Papst seiner Unfehlbarkeit entkleiden, wie es die Modernisten tun, oder er wird ihm diese nur noch theoretisch zugestehen, aber in Wirklichkeit die Tradition über das Lehramt stellen, also das eigene Urteil zum Maß aller Dinge erheben, wie in der Geschichte schon geschehen durch die Jansenisten und Altkatholiken, „welche zwar die Notwendigkeit der Tradition zur Bezeugung, Erklärung und auch zur Ergänzung der heiligen Schrift anerkennen, aber die letzte Entscheidung über die Echtheit der Tradition und ihren wahren Sinn nicht dem kirchlichen Lehramt, sondern dem gläubigen Individuum oder der Wissenschaft, oder der, wiederum von der Wissenschaft zu beurteilenden öffentlichen Meinung oder der Geschichte zuschreiben“.

Weil der Mensch nicht immer ganz ehrlich zu sich selbst ist, gibt es noch die Nuance, dem Papst zwar theoretisch die Unfehlbarkeit zuzugestehen, diese aber in der Praxis soweit wie möglich einzuschränken, um den Spielraum der eigenen Urteilsfreiheit möglichst groß zu gestalten. Der Papst ist dann nur alle 100 Jahre einmal unfehlbar, sonst kann ich als Katholik denken und machen, was ich will, wie es „die Gallikaner durch die Leugnung, resp. Beeinträchtigung der höchsten päpstlichen Lehrautorität“ schon vor Jahrhunderten in Frankreich lehrten und „überhaupt alle Diejenigen, welche in irgendeiner Weise den vollen Umfang der kirchlichen Lehrautorität und Unfehlbarkeit nicht anerkennen, indem sie z.B. letztere nur für die förmlichen judiciellen Entscheidungen, nicht aber für das allgemeine und ordentliche Magisterium zugeben, oder den Gegenstand der kirchlichen Autorität und Unfehlbarkeit in unberechtigter Weise einschränken“.

Wie man sieht, gibt es wirklich nichts Neues unter der Sonne. Anders, als es meist gesagt wird, haben sich auch die Konzilsväter auf dem ersten (und einzigen) Vatikanischen Konzil über die Frage eines Häretikers auf dem Stuhl Petri Gedanken gemacht. Immerhin ist diese Frage im Zusammenhang mit der Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramtes von höchster Brisanz: „Oratio r.p.d. Laurentii Gastaldi episcopi Salutiarum…“. Darin heißt es: „Ein Papst kann, wenn ihr so wollt, häretisch sein, aber ein Papst kann in Glaubens- und Sittenfragen keine dogmatische Definition geben, die irrig wäre. Und hier die Begründung: Was ist Häresie? – Einer von der Kirche schon ausdrücklich verurteilten Ansicht folgen. Wenn also ein Papst je einer von der Kirche schon ausdrücklich verurteilten Ansicht, Lehre, Behauptung oder Meinung folgen wollte, so haben wir eine Regel, nach der wir uns vor seinen Worten in Acht nehmen können. Wir werden in diesem Fall die Regel des hl. Paulus auf ihn anwenden (Gal. 1,8): ‚Aber selbst wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch ein anderes Evangelium verkündeten, als wir euch verkündet haben: Er sei verflucht!‘ Entschuldigt, wenn ich folgendes Beispiel gebrauche: Wenn – was ganz ausgeschlossen ist – Papst Pius ein Dekret gegen die dogmatische Definition der Unbefleckten Empfängnis erließe, dann sagten wir: Du fällst in Häresie. Und eine formal erklärte Häresie trennt unmittelbar den Menschen von der Kirche. Der Papst hörte auf, Papst zu sein, er wäre nicht länger Autorität!“ (14)

Auch hier wieder die damals noch selbstverständliche Bemerkung: „was ganz ausgeschlossen ist“! Leider ist es doch anders gekommen, Gott hat die Verfinsterung der Kirche zugelassen, wohl vor allem auch deswegen, weil die Katholiken ihren Papst gar nicht mehr als nächste Norm des Glaubens schätzten, sondern meinten, es sowieso im Grund und fast immer besser zu wissen als dieser.

Das ist wohl auch der entscheidende Grund, weshalb die heutigen Fußnotentheologen die Nöte der alten Theologen bei der Behandlung dieses Themas gar nicht mehr verstehen – und angesichts der atemberaubenden Wirklichkeit eines Häretikers oder gar eines Apostaten auf dem Stuhl Petri meinen, sich mit einem dummen Spruch beruhigen zu können: „In dubio melior est conditio possidentis“ (Im Zweifel verdient der Besitzer den Vorzug). Nein, „Papa dubius, papa nullus“ – ein zweifelhafter Papst ist gar kein Papst, denn die Folgen eines Häretikers auf dem Stuhl Petri sind so weitreichend, daß sie nicht mehr überschaubar sind.

Möge uns das abschließend nochmals der Jesuitentheologe Suarez einschärfen: „Dritte allgemeine Meinung. – Drittens sagte ich: Sobald gegen einen häretischen und unbelehrbaren Papst durch die legitime Jurisdiktion der Kirche ein erklärendes Urteil gefällt wird, hört er auf, Papst zu sein. Das ist die allgemeine Meinung der Lehrer. Sie wird gestützt auf den ersten Brief Clemens‘ I., wo er sagt, Petrus habe gelehrt, daß ein häretischer Papst abgesetzt werden müsse. Der Grund dafür ist aber der, daß es zum allergrößten Schaden für die Kirche sein würde, wenn sie einen solchen Hirten hätte noch sich in so großer Gefahr helfen könnte. Außerdem wäre es gegen die Würde der Kirche, wenn sie einem häretischen Oberhirten untertan bleiben müßte und ihn nicht von sich stoßen könnte. Denn wie der Oberhirte und Priester ist, so pflegt auch das Volk angesehen zu werden. Dasselbe bestätigen die Sachgründe der vorherigen Sätze, jener besonders, daß die Häresie wie ein Krebs heranschleicht, weswegen das Übel, der Häretiker nämlich, soweit möglich zu meiden ist. Umso mehr aber ein häretischer Hirte. Wie aber kann er gemieden werden, wenn er nicht aufhört, Hirte zu sein?“ (15)

Was aber geschieht eigentlich, wenn die Mehrheit dem Häretiker hinterherläuft, weil niemand da war, der ihn als Papst für abgesetzt erklärt hat? Der übernatürliche Glaube wird bei dieser Mehrheit ruiniert und das Wissen um die wahre Kirche Jesu Christi löst sich auf, wie der Dunst im Morgengrauen eines Frühsommertages. Aus den Hirten und Lehrern aber werden dann blinde Blindenführer.

Beenden wir unsere Ausführungen mit einer Vision Anna Katharina Emmerichs, aus der man trotz der Kürze sehr viel mehr Licht und Erkenntnis gewinnen kann, als aus all dem vielen Geschreibsel der Fußnotentheologen aus Frankreich, Deutschland und den USA. „Wie Er in der Zeit des alten Bundes die Verwüstung seiner Stadt und des heiligen Tempels zugelassen hatte, um das Volk für Untreue und Abfall zu züchtigen, so mussten ihm auch jetzt die feindlichen Gewalten zur Zuchtrute und als Schaufel zur Säuberung seiner Tenne dienen. So lange aber dieses Strafgericht und die Gräuel der Verwüstung dauern, so lange hält Gott die Heiligtümer seiner Kirche, wie ehedem auf sein Geheiß die Priester des alten Tempels das heilige Feuer, an sicherer Stätte verborgen, bis sie nach gesühnter Schuld der Kirche neuen Glanz verleihen können. Die Brunnen, in welche jetzt das heilige Feuer aus der Kirche geflüchtet wird, sind die wenigen heiligen Seelen jener Zeit, welche unter den Wassern der Leiden und Trübsale die Schätze zu bergen haben, welche, sonst die Wonne und Zierde der Braut Jesu Christi, nun von Solchen in Staub getreten sind, an welchen sie leuchten, von Jenen preisgegeben und verraten, welche sie behüten und wahren, von Jenen aber geplündert und vergeudet sind, welche sie schirmen und verteidigen sollten“ (Schmöger S. 163).

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(1) Objicit sanctus Bellarminus: Summus pontifex lapsus in haeresim occultam, remanet adhuc Ecclesiae membrum in actu, nam re manet adhuc caput Ecclsiae, ut docent Cajetanus, Soto, Suarez et alii.

(2) Respondetur: Hic casus est omnino anormalis, unde non mirum est quod sequatur aliquid anormale, scil. Papa occulte haereticus non remaneret adhuc Ecelesiae membrum in actu, secundum doctrinam expositam in corpore articuli, sed retineret adhuc jurisdictionem per quam influeret in Ecclesiam eam regendo. Sic retineret rationem capitis erga Ecclesiam, in quam sic adhuc influeret, et non amplius esset membrum Christi, quia non reciperet influxum vitalem fidei a Christo invisibili et primario capite. Sic modo omnino anormali esset quoad jurisdictionem caput Ecclesiae et non esset ejus membrum.

(3) Quia in casu haeresis et non in aliis, ipsa sua haersi, excidit a pontificatu; quomodo enim remaneret caput Ecclesiae qui non est amplius eijus membrum? Unde subjicitur judicio Ecclesiae, non ut deponatur, cum jam seipsum per haeresim deposuerit et pontificatum abjecerit, sed ut declaratur haereticus, sicque innotescat Ecclesiae non esse amplius pontificem; ante quam declarationem non licet ipsi denegare obedientiam; quia eo usque retinet jurisdictionem, non de jure quasi esset adhuc pontifex, sed de facto, Deo ita volente et dispensante propter commune Ecclesiae bonum.

(4) Si nitatur subvertere Ecclesiam in fide, cum tunc sit manifeste haereticus, hoc ipso excidit a pontificatu; et requiritur tantum declaratio Ecclesiae, ut denegetur ipsi obedientia, sicut diximus antea.

(5) Ad 3um respondet Turrecremata loc. cit. Papam simul atque fiat haereticus, desinere esse Papam: ob idem posse tunc errare, quia non est Papa. Ista solutio non est vera, nec tuta. Non enim ob haeresim statim amittit iurisdictionem Papa aut Episcopus, quoque ab Ecclesia reprobetur et damnetur, ut bene dixit Cajetanus opusc. De auctoritate Papae et Concilii c. 19. 20. Et ratio est, primo quia tunc nulla esset firmitas in tota Ecclesia. Quis enim scit, qualis sit Papa intra se, an credit vel non? Rursus videtur indignam, quod tota Ecclesia pendeat a fide cuisdam, qui posset errare in se. (Fr. Toleti in Summam Theologiae S. Thomae Aqu. Enarratio, t II (Rom 1869) in II-II., S. 73)

(6) Omissa ergo hac solutione, contra quam inferius est latius agendum, dico, quod in tali casu unum fiet e duobus: aut non permittetur a Deo talis Pontifex determinare dogma, quod apud se falso tenet; aut Deus mutabit cor ipsius, ut verum dicat. Quod si dicas; unde nos hoc habemus? Dico: ex eo, quod Deus assistit Ecclesiae suae, et capiti huius Ecclesiae; pertinent autem hoc ad assistentiam. Rursus hoc factum modo aliquot in Scripturis legimus. Num. 22. quum Balaam voluisset populo Deo maledicere, primo ab Angelo est impeditus, quum asina locuta est: postea vero Dominus convertit linguam illius ter volentis maledicere in trinam benedictionem. (Ebd. S. 73)

(7) …at non potest vitari papa manens papa; quomodo enim vitabimus caput nostrum? Quomodo recedemus a membro nobis conjuncto? Ratio vero et quidem certissima haec est. Non Christianus non postest ullo modo esse papa, ut Cajetanus fatetur in in eod. lib. cap. 26. et ratio est, quia non potest esse caput id quod non est membrum; et non est membrum Ecclesiae is qui non est Christianus: at haereticus manifestus non est Christianus, ut aperte docet Cyprianus lib. 4.epist. 2. Athanasius ser. 2. cont. Arian. Augustinus lib. de grat. Christ. cap. 20. Hieronymus cont. Lucifer. et alii; haereticus igitur manifestus papa esse non potest.

(8) Adde, quod esset miserrima conditio Ecclesiae, si lupum manifeste grassantem, pro pastore agnoscere cogeretur.

(9) Quod licet multi verisimiliter affirment, mihi tamen breviter et magis pium et probabilius videtur, posse quidem Papam, ut privatam personam, errare ex ignorantia, non tamen ex contumacia. Quamvis enim efficere Deus possit ut haereticus Papa non noceat Ecclesiae, suavior tamen modus divinae providentiae est, ut, quia Deus promisit Papam definientem nunquam erraturum, consequenter provideat ne unquam ille haereticus sit. Adde, quod hactenus in Ecclesia nunquam accidit, censendum ex Dei ordinatione et providentia accidere non posse. (Franz Suarez, Op. omnia XII. Paris 1858, Disp. de fide, spe, caritate, S. 319)

(10) Et idem incommodum sequeretur, si occultus haereticus in Papam eligatur, quod nullus quem viderim negat esse possibile; si ergo tale quid accideret, non videtur dubitandum posse ejusmodi Pontificem cum sua haeresi perseverare. Quidquid vero sit de his casibus, credendum omnino est Deum nunquam permissurum ut Ecclesia ad eas angustias deveniat, quas dubia supra tacta supponunt; nam si talis quispiam Pontifex inciperet Ecclesiam administrare, vel illum Deus confestim de medio tolleret, vel certe provideret qua ratione tantum malum brevi extingueretur, ut in casibus minus urgentibus videmus hactenus semper fecisse. (Ebd.)

(11) …adhaesionem universalis Ecclesiae fore semper ex se sola infallibile signum legitimitatis personae Pontificis. (Ludovico Billot S.J. Thomus Prior, De credibilitate Eccclesiae, et de intima ejus constitutione, Editio Tertia, Prati, Ex Officina Liberraria Giachetti, Flilii et Soc. 1909 Tractatus De Ecclesia Christi, Thesis XXIX, Quaestio XIV., §3, S. 620)

(12) Idem namque foret, Ecclesiam adhaerere pontifici falso, ac si adhaereret falsae fidei regulae, cum Papa sit regula vivens quam Ecclesia in credendo sequi debet et semper de facto sequitur, uti ex dicendis in posterum luculentius adhuc apparebit. (Ebd. S. 620f)

(13) J.B. Heinrich, Dogmatische Theologie, Zweiter Band, Verlag von Franz Kirchheim Mainz 1882, S. 668f)

(14) Papa, si vultis, potest esse haereticus; sed papa non potest proferre definitionem dogmaticam de fide et moribus, quae sit erronea. Et causam affero. Quid est haeresis? Est adhaerere opinioni iam explicite darmatae ab Ecclesia. Si itaque pontifex umquam velit adhaerere opinioni, doctrinae, propositioni, sententiae iam damnatae explicito modo ab Ecclesia, regulam habemus, qua nobis caveamus ab eius verbis. Tunc applicabimus ei regulam sancti Pauli (Gal.1,8): Licet nos, aut angelus de coelo evangelizet vobis praeterquam quod evangelizavimus vobis, anathema sit: excusate me si utar hoc exemplo. Si per impossibile summus Pontifex Pius promulgaret decretum contra definitionem dogmaticam immaculatae Conceptionis, diceremus tunc: in haeresim laberis. Iamvero haeresis explicata, formalis separat (ó) immediate hominem ab Ecclesia: PAPA CESSARET ESSE PAPA; NON ESSET AMPLIUS SUPERIOR‘. Mansi 511 334 BC.

(15) Tertio assertio communis. – Dico tertio: si Papa haereticus et incorrigibilis, cum primum per legitimam Ecclesiae jurisdictionem sententia declaratioria criminis in eum profertur, desinit esse Papa. Est communis Doctorum; colligitur ex Clemente I. epistola prima, ubi ait Petrum docuisse haereticum Papam esse deponendum. Fundamentum autem hoc est, quia gravissimum foret nocumentum Ecclesiae talem habere pastorem, nec posse sibi subvenire in tam gravi periculo; praeterea contra dignitatem Ecclesiae facit subditam manere haeretico Pontifici, neque posse illum a se depellere; nam qualis est princeps et sacerdos, talis solet existimari populus: hoc item confirmant rationes prioris sententiae, illa praecipue, quod haeresis ut cancer serpit, propter quod malum, haeretici, quoad fieri potest, vitandi sunt, multo vero magis pastor haereticus; quomodo autem vitari potest, si pastor esse non desinat?