Diejenige, die weint

Léon Bloy wurde als zweiter von sieben Söhnen am 12. Juli 1846 in Périgueux in der Gemeinde Unserer Lieben Frau von Sanilhac geboren. Er empfand es sein ganzes Leben lang als eine besondere Auszeichnung, im Jahr der Erscheinung von La Salette geboren zu sein. Sein Vater war ein kleiner südfranzösischer Staatsbeamter, der wenig Verständnis für die geistigen und künstlerischen Interessen seines Sohnes hatte. Seine Mutter war spanischer Herkunft. Sie brachte mehr Verständnis für diesen Sohn auf, der von klein auf ein Kind der Tränen war. Der junge Léon litt unter einer großen Schwermut, die ihn in der Schule zum Außenseiter werden ließ, weshalb es oft heftige Auseinandersetzungen unter anderen Klassenkameraden gab.

Auf vielen Umwegen wird Léon Bloy schließlich Schriftsteller. In Paris lernt er den großen Barbey d’Aurevilly kennen, dessen Nachbar er ist. Der Dichter findet Gefallen an dem jungen Mann – Bloy ist 23 Jahre alt – und macht ihn zu seinem Sekretär. Zudem hilft ihm der Dichter, seinen christlichen Glauben wieder zu finden.

Es gab nur wenige Zeitgenossen, die die Eindringlichkeit der Botschaft von La Salette so verstanden wie er und deshalb auch den Ernst des Ultimatums der weinenden Jungfrau und Gottesmutter. Er selbst ist dem Ruf Mariens gefolgt. Viermal hat er die Wallfahrt nach La Salette unternommen. Schon damals zeigte sich der Ungehorsam gegen die Botschaft, wie er selbst feststellt: „Der Gehorsam gegenüber der Mutter Gottes, die heute vor 60 Jahren eigens kam, um ihren Willen zu bekunden, war das einzige Mittel, dessen man sich nicht bediente.“

Worauf Léon Bloy sein ganzes Leben lang aufmerksam machte, waren die Verleumdungen der Seherkinder, besonders Melanies. Der letzte Grund für all die Feinseligkeiten den Seherkindern gegenüber war der Unglaube. Die Botschaft von La Salette ist kein Zuckerschlecken, sondern die Beschreibung einer unvorstellbaren Tragödie, die sich am Ende der Zeiten ereignen wird, weil die Menschen Gott und Seine Gebote vollkommen vergessen. Bloy zieht selbst gegen Ende seines Lebens Bilanz: „Sechzig Jahre sind verflossen. Man ist irdischer, gottloser, ungehorsamer geworden und ‚hündischer‘: Aber scheint es nicht, daß dieser unfaßbare Mißerfolg, dieses ungeheure und zugleich anbetungswürdige Scheitern der Herrin des Paradieses nach nichts aussieht, wenn man an den unverzeihlichen Hohn denkt, der an die Stelle des Gehorsams trat?“

Es ist doch erschreckend und zugleich entlarvend: Die himmlische Mutter weint und ihre Kinder beschweren sich darüber, daß sie gar so ernste, ja drohende Worte spricht. Die Mutter Gottes hatte gebeten: „Ich richte an die Erde einen dringenden Appell; ich rufe die wahren Jünger des lebendigen Gottes auf, der da herrscht in den Himmeln. Ich rufe die wahren Nachfolger des menschgewordenen Christus auf, des einzigen und wahrhaften Erlösers der Menschheit, ich rufe meine Kinder, meine wahrhaft frommen, die sich mir ergeben haben, damit ich sie zu meinem göttlichen Sohne führe, ich rufe jene, die ich gleichsam auf meinen Armen trage, jene, die in meinem Geist leben; schließlich rufe ich die Apostel der Endzeit, die treuen Jünger Jesu Christi, die in Geringschätzung der Welt und ihrer selbst leben, in Armut und Demut, m der Verachtung und im Stillschweigen, in Gebet und in der Kasteiung, in der Keuschheit und in der Vereinigung mit Gott, im Leiden und unerkannt von der Welt. Es ist die Zeit, daß sie sich zu erkennen geben und Licht auf der Erde verbreiten. Kommt her und erweist euch als meine geliebten Kinder. Ich bin mit euch und in euch, sofern der Glaube euer Licht ist, das euch erleuchtet in diesen Schreckenstagen“ (Gouin, Paul: „Melanie, die Hirtin von La Salette“, Stein am Rhein 1982, S 79).

Aber leider findet sich die Bereitschaft zu Buße und Umkehr nur noch selten in den Herzen der Katholiken. Die Botschaft von La Salette findet deswegen vielfach nur noch taube Ohren und wird weitgehend einfach ignoriert werden, so daß sich die angekündeten Strafgerichte Schlag auf Schlag erfüllen werden: Der Krieg 1870, der 1. Weltkrieg und der 2.Weltkrieg. Was dabei ganz besonders schmerzlich ist, ist das Verhalten des Klerus. In seinem Tagebuch notiert Léon Bloy am 25. Dezember 1914: „Die allgemeine Unwissenheit über La Salette ist ein ungeheures Verbrechen des Episkopats. Vom ersten Tag an haben die Bischöfe diese Offenbarung im Keim erstickt, so gut sie konnten. Alle möglichen Mittel wurden zu diesem Werk der Ungerechtigkeit angewandt, das, glauben Sie mir, auf schreckliche Weise bestraft wird. Nachdem ich die Aufgabe übernommen hatte, dies zu enthüllen, konnte ich mich selbstverständlich nicht an jene wenden, die seine ausführenden Organe waren. Wenn ich geglaubt hatte, am Imprimatur [bischöfliche Druckerlaubnis] nicht vorbeigehen zu können — und ich hätte es niemals auch nur von einem Bischof erhalten —, dann wäre mein Buch niemals erschienen und die hl Jungfrau ohne Zeugnis geblieben“ (An der Schwelle der Apokalypse, Tagebuch von Léon Bloy 1913-1915, in Journal de Léon Bloy, Vol. IV, Pans 1963, S. 128).

Das Mitleiden mit der weinenden Gottesmutter von La Salette ermutigte den Dichter, sein Buch über die Erscheinung trotz der vielen Widerstände doch noch zu vollenden. Es heißt so ergreifend einfach und treffend: „Die, die weint“ („Celle qui pleure“). In seinem Tagebuch ist am 30. Juli 1910 notiert: „Ich muß ein Buch über Melanie, die Hirtin von la Salette schreiben. Zu diesem mich ängstigenden Unterfangen samt seiner außerordentlichen Schwierigkeit habe ich mich verpflichtet. In Wahrheit besitze ich nur das Dokument, das mir Abbe C., der eine gewisse Zeit lang geistlicher Leiter der Heiligen war, überließ, eben ihre Lebensgeschichte, die sie auf förmliche Anordnung dieses Klerikers selbst niederschrieb. Mein Buch kann nur ein Kommentar dieses im strengen Sinne historisch ungenügenden Dokuments sein. Ich hätte Melanie überall hin nachreisen müssen, nach England, nach Italien und Frankreich, und das habe ich nicht oder fast nicht. Ich hätte Forschungsreisen unternehmen und relativ beachtliche Summen investieren müssen, ich hätte vielleicht auch Mittel gebraucht, um Leute zu beruhigen. Ich bin außerordentlich behindert. An allem wird es mir von der ersten Zeile an fehlen, ausgenommen jenes einzigartige, in der Tat prächtige Dokument, das über die Kindheit von Melanie aber nicht hinausgeht“ (Der Pilger des Absoluten, a a O, S. 189).

Zudem schrieb er ein Vorwort zu dem Buch, in dem die Jugenderinnerungen Melanies veröffentlicht wurden. Aus diesem Vorwort soll nun einiges angeführt werden, da die Ausführungen Bloys uns einen tiefen Einblick in das Leben dieser außerordentlich begnadeten Seherin gewähren und zudem eine Verteidigung gegen die zahlreichen Verleumdungen sind. Der eine oder andere wird wohl schon in einem Buch über Behauptungen gestolpert sein wie etwa der, Melanie sei ihr ganzes Leben lang unstet gewesen, ein unruhiger Geist, der es in keinem Kloster ausgehalten hat und den Oberen immer nur Sorgen bereitet hat, usw. In dem Buch von Paul Gouin, „Melanie, die Hirtin von La Salette“, Stein am Rhein 1982, wird man eines besseren belehrt. Dieses Buch sei auch allen empfohlen, die etwas mehr über die Seherin von La Salette erfahren wollen.

Aber nun zurück zu den Erwägungen Léon Bloys. Einleitend meint er:

„Von den Christen, die das Wunder von La Salette nicht ablehnen, kann keiner behaupten, daß die beiden Seherkinder etwas anderes sein konnten als schwache Werkzeuge, ohne sich der absoluten Lächerlichkeit preiszugeben.
Man hält es allgemein für ausgemacht, daß die beiden im Jahre 1846 zwei plumpe, ungeschliffene Bauernkinder waren, die, wenn schon nicht schwachsinnig, so doch ebendeshalb auserwählt wurden, damit sie umso besser die Glaubwürdigkeit einer übernatürlichen Offenbarung vor Augen führten.
Darüber hinaus gestand man Maximin im äußersten Notfall einen blassen Schimmer von Intelligenz zu, ihm, der sein Geheimnis nicht veröffentlichte und deshalb in der Folgezeit als weitaus weniger lästig empfunden wurde als seine Gefährtin. Die Geschichtsschreiberin der Anfangsjahre der Wallfahrt, Mlle. des Brulais, stellt ihn als kleinen Burschen mit außerordentlicher Lebhaftigkeit dar, der manchmal, außerhalb seiner eigentlichen Aufgabe als Berichterstatter, reichlich lustige Einfälle hat. Aber nichts, rein gar nichts billigt man Melanie zu.
Sie sei ‚eine arme Unschuldige, ein Trotzkopf, eigensinnig‘, unfähig, auch nur irgend etwas von den oft sehr außergewöhnlichen Antworten zu begreifen, die ihr von oben eingegeben werden. So hat sich jene Mlle. des Brulais über sie ausgelassen, gewiß ein fähiger Kopf, aber eben eine Lehrerin wie aus dem Bilderbuch, hundertfach unfähig, das Geheimnis dieser unerhörten Berufung zu erahnen.
65 Jahre später ist die ruhmreiche Melanie, nach ihrem Tod im Jahre 1904, verachteter denn je zuvor. Als der Vorwurf des Schwachsinns nicht mehr zu halten war, hieß es: Anmaßung, Herumtreiberei, verbrecherische Auflehnung,… unsittlicher Lebenswandel. Priester, ja selbst Bischöfe, die ihre erkalteten Herzen dieser wundersamen Jungfrau hätten empfehlen sollen, haben sich im Gegenteil gegen sie zusammengerottet, einige bis zur tödlichen Raserei, um so die einzigartige Wichtigkeit und unvergleichliche Vorherbestimmung ihres Opfers kundzutun. Man findet sogar Geistliche, angeblich ehrenwerte, die allein der Name Melanies aus dem Gleichgewicht bringt und zum Zorne reizt. Beinahe ist man versucht zu fragen, ob sich die Zahl dieser Irren nicht vermehrt hat“ (Wir zitieren jeweils nach der Zeitschrift Einsicht, 26. Jahrgang Nummer 3, September 1996/6; hier S. 11f).

Ganz im Gegensatz zu diesem Bild der Seherin in der Öffentlichkeit stand die Wirklichkeit. In den nur auf ausdrücklichen Befehl des Beichtvaters niedergeschriebenen Kindheits- und Jugenderinnerungen begegnet uns ein von frühester Kindheit an hochbegnadetes Mädchen, das sich dieser Gnaden in keiner Weise bewußt war, weil sie dachte, alle hätten solche Erfahrungen, Einsichten und himmlische Hilfen.

Die Berichte Melanies, die sie erst im Alter von 69 Jahren niederschrieb, sind im Grunde eine Anleitung, die Wege der göttlichen Vorsehung zu betrachten und zu bewundern. Kaum war sie geboren, wurde sie schon von ihrer Mutter gehaßt. „Dieser sonderbare, übersteigerte und gespensterhafte Haß, den die Erzählerin aus Gehorsam gezwungenermaßen wiedergibt und ihn gleichzeitig entschuldigt, diese plötzliche und völlige Ablehnung eines Wunschkindes vor seiner Geburt war selbst eine Art Wunder, das nur durch eine unfaßbare Vorausahnung, die diese Mutter von der übernatürlichen Bestimmung ihrer Tochter gehabt hatte, erklärt werden kann“ (Ebd. S. 14).

Melanie wurde wie auch die hl. Bernadette von Gott auf ihre Begegnung mit der Königin des Himmels vorbereitet. Aber bei Melanie ist diese Vorbereitung eine noch härtere Schule. Bernadette gehörte zur ärmsten Familie von Lourdes, aber immerhin hatte sie noch eine Familie, sie hatte Eltern und Geschwister, die sie liebte. Melanie wurde von ihrer Mutter vor die Türe gesetzt und lebte oft mehrere Tage oder sogar Wochen im Wald.

„Man kann nichts Erschütternderes lesen als den Schrei dieser Verlassenen von drei Jahren, der ihr kleiner himmlischer Bruder, der plötzlich aufgetaucht war, eine Mama versprach. — ‚Eine Mama!‘, rief sie weinend, ,ich habe doch eine Mama!‘ Ihre Mutter hatte sie zuvor, wie so oft in der Folge, vor die Türe gesetzt, mitten in der Nacht, in strömendem Regen! …
Ich wiederhole, sie war drei Jahre alt und konnte kaum laufen. Sie übte laufen lernen in einem Wald und verbrachte dort Tage und Nächte, ganze Wochen, genährt nur von dem, was ihr ihr wunderbarer Bruder brachte, ohne daß jemand sie sehen oder wahrnehmen konnte, da sie unsichtbar und unberührbar war, und in Wohnstätten gebracht, von denen der hl. Paulus nicht zu sprechen wagte.
Als sie wieder ins Elternhaus zurückkam, bezog sie von ihrer Mutter fürchterliche Prügel; ihre Mutter wollte nicht, daß sie ihren Brüdern eine Schwester sei; von ihnen verlangte die Mutter, daß sie sie nur als Stumme, als Wolfskind und Wilde beschimpften, und sie warf sie oftmals gleich aus dem Haus, sobald die Abwesenheit des Vaters das erlaubte. Es bedurfte eines Wunders, daß dieses Mädchen nicht starb“ (Ebd.).

Gott hat mit Wohlgefallen auf dieses kleine Kind herabgesehen, worin uns das unergründliche Geheimnis der göttlichen Erwählung greifbar wird. Denn es gab damals sicherlich viele Kinder in der ganzen Welt, die in einer ähnlichen Lage waren, aber nur Melanie wurde in einer solch außergewöhnlichen Weise von Gott geführt. Ihr kleiner himmlischer Bruder wurde ihr Beschützer und Lehrer. Er half dem kleinen Mädchen nicht nur, sich in dieser irdischen Welt zurecht zu finden und zu überleben, er half ihr auch, die himmlische Welt zu verstehen und aus der Gnade zu leben. Wenn man diese Aufzeichnungen liest, meint man wirklich, wie auch Léon Bloy bemerkt, man würde die Fioretti des hl. Franz von Assisi lesen. Hierzu ein bezauberndes Beispiel.

„… Manchmal, besonders wenn der Schnee die Gipfel der Berge bedeckte, suchten die Wölfe, Füchse und Hasen zu fressen. Also verteilte ich mein Brot unter ihnen, und diese wilden Tiere waren zufrieden; dann erzählte ich ihnen vom Guten Gott; verehrter, lieber Pater, ich kann mich schwer erinnern, was ich ihnen sagte; ich weiß, daß sie mich mehrfach beschämten durch ihren Gehorsam, mich, einen Wurm, von dem sie nichts erwarteten. Ich erzählte diesen Tieren ihre Schöpfung durch das allmächtige Wort des ewigen Gottes, wie mich mein lieber Bruder unterrichtet hatte, und ich ermunterte sie, überall ihre Nahrung zu suchen, ohne den Menschen Nachteile zu verursachen, die ja ihre Herren und Könige sind, weil sie nach dem Bilde Gottes erschaffen sind durch die Kräfte ihrer Seele, und weil sie die Abbilder Jesu Christi sind durch ihre Körper usw. usw.
An erster Stelle kam alle Tage ein Wolf, und ich unterrichtete ihn, so gut ich konnte. Das gefiel mir unterdessen nicht sonderlich, weil der Wolf nicht wie ein Mensch sein Interesse oder Desinteresse zeigen kann. Er diente mir in einer Art und Weise, daß ich manchmal am liebsten laut herausgerufen und alle Menschen der Erden eingeladen hätte, den göttlichen Heiland Jesus zu loben, zu heben und zu verherrlichen, der uns unendlich geliebt hat und sein Leben gegeben hat, um uns zu retten.
Bald vermehrte sich die Anzahl der Wölfe, der Füchse und Hasen; kleine Gemsen und ein Schwarm Vögel kamen jeden Tag, und mangels Menschen, zu denen man vom Guten Gott sprechen konnte, predigte das Wolfskind ihnen; abschließend sang man das Lied ‚Goûtez, âmes ferventes…‘ Alle gaben Anzeichen großer Andacht und neigten bei den heiligsten Namen JESU und MARIAE das Haupt.
Die Wölfe kamen zu bestimmter Stunde; die Füchse ebenso wie die Hasen, Gemsen und Vögel. (Eine Schlange kam auch, wurde aber wieder vertrieben.) Nach der Ankunft nahm jedes der Tiere die ihm zugewiesene Stelle ein und lauschte. Nachdem sie den Schluß gehört hatten, der ungefähr lautete ‚Sit nomen Domini benedictum!‘ [Der Name des Herrn sei gepriesen!], spielten sie verrückt. Vor allem die Füchse spielten ihren Wolfsbrüdern Streiche; sie bissen sie in die Ohren und in den Schwanz; den Hasen gaben sie Tapser mit ihren Pfoten und ließen sie rumkugeln, die kleinen Gemsen zogen sie an ihren Stummelschwänzchen nach hinten, usw. Als ich ihnen befahl, sich zurückzuziehen, verschwanden alle…“ (Ebd. S. 14f).