Diejenige, die weint

Der ungläubige moderne Mensch wird solche Erzählungen als Märchen abtun, der im Glauben erleuchtete Mensch erkennt darin die Wiederherstellung des Paradieses durch die Gnade der Erlösung. Melanie schenkt wie der hl. Franziskus der Natur ihre Unschuld wieder. Aber was ist der Preis dafür? Was ist der Preis für dieses Gnadenwunder? Ein Meer von Leiden! Der hl. Franziskus wird gegen Ende seines Lebens mit den Wundmalen Jesu gezeichnet, also eine himmlische Auszeichnung, die sein Mitleiden mit dem göttlichen Erlöser, jedem, der es sehen will, verdeutlicht – ebenso Melanie.

„Sie sah und fühlte in Gott; sie war gezwungen, durch Gott hindurchzugehen, wenn man so sagen kann, eine dreifache Trennwand aus Licht zu durchdringen und zu dem sensiblen Punkt zu kommen, die für sie ebensowenig unterscheidbar waren wie die armseligen Möbel des Landarbeiters, wenn er, geblendet vom Sonnenlicht, von der Ernte nach Hause kommt. Das ist besonders bemerkenswert, als ihr Beichtvater sie nach Einzelheiten bestimmter Wunderheilungen befragte, und vor allem, als sie über ihre Stigmata sprechen mußte, die sie damals als ausnahmslos für jeden Christen gewöhnlich ansah. ‚Wenn der gute Gott alles macht, was er will, bin ich davon nicht die Ursache‘, sagte sie. Das genügte ihr, für immer“ (Ebd. S. 16). Das ist also das kleine Bauernmädchen, das von den Menschen für dumm und unwissend gehalten wird. Für Gott ist es eine außerordentliche Erwählte, ein Wunder von Heiligkeit, einerseits zwar von einem unscheinbaren Äußeren, unwissend in allem, was die Menschen betrifft, anderseits aber wohlunterrichtet in der Weisheit Gottes. „Die berühmte Erscheinung, für sie alles andere als eine Neuigkeit, war das notwendige, von Gott gewollte Ergebnis des ganzen inneren und zutiefst verborgenen Leben eines kleinen Kindes, das die höchsten Stufen der Mystik überschritten hatte und das man für Dreck am Wege hielt“ (Ebd.).

Je mehr man sich in diese Vorbereitungsjahre vertieft, desto größer wird das Staunen, so daß man mit dem hl. Paulus ausrufen möchte: „O Tiefe des Reichtums und der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unerforschlich sind seine Ratschlüsse, wie unergründlich seine Wege!“ All diese außerordentlichen Gnaden, die das Leben Melanies prägen, sind hingeordnet auf die wunderbare Begegnung mit „Der, die weint“.

Ehe man sich in die Botschaft der weinenden Jungfrau und Gottesmutter von La Salette einlesen und hineindenken kann, muß man sich eingehend über die Botschafterin Gedanken machen: Warum sendet Gott eigentlich Maria zu uns – und warum weint Maria?

Auch hierzu macht sich Léon Bloy einige durchaus sehr bedenkenswerte Gedanken.

„Ein Freund Gottes schrieb mit eines Tages diesen herrlichen Satz:
‚Du schreibst in Die, die weint vom ‚offensichtlichen‘ Scheitern der Erlösung. Und in der Tat, wenn man die Geschichte des christlichen Volkes betrachtet… Nun gut! Nein, die Antwort ist einfach; die Erlösung ist vollständig gelungen dergestalt, daß es Gott und den Menschen ewig genügt. Die Menschheit und die Schöpfung sind gemäß der ganzen Vollkommenheit des göttlichen Willens mit Gott vereinigt worden. Und dieses vollständige und offenkundige Gelingen der Erlösung, das ist die hl. Jungfrau.
Deshalb brauchte Gott Sie. Sein Blut sollte nicht unnütz vergossen werden. Danach konnte alles kommen: Verbrechen, Schismen, Lügen, Unzucht, Abscheulichkeiten — und selbst Unvollkommenheiten und Treulosigkeiten bei den Heiligen. Die Erlösung ist auf den ersten Schlag gelungen, ein für alle Mal. Die hl. Jungfrau antwortet auf alles, gleicht alles aus, hat mehr Gewicht als alles‘“ (Ebd. S. 17f).

Wir wissen, nicht alle Menschen werden gerettet. Wir wissen, es gibt heute viele Menschen, die keinerlei Glauben mehr haben und keinerlei Gebote mehr achten. Für diese Menschen war die Erlösung vergebens, denn sie werden nicht gerettet, sondern verdammt werden, wenn sie ohne Gnade sterben. In einer Andacht zur Todesangst Jesu heißt es: „Leiden ist schwer, so schwer; aber umsonst leiden, das ist furchtbar, das ist unaussprechlich. Diesen Schmerz hast Du, o göttlicher Heiland, im höchsten Maße verkosten wollen. Du siehst in den angstvollen Ölbergstunden die Nutzlosigkeit Deines Opfertodes am Kreuze für viele, viele Menschen voraus. Diese traurige Gewißheit füllt den Kelch Deines Leidens mit Bitterkeit bis zum Rande, sie durchbohrt Dein heiligstes Herz und hätte es gebrochen vor Schmerz, wenn Du nicht durch ein Wunder Deiner göttlichen Allmacht Dein Leben erhalten hättest, um den Kelch der Sühne für unsere Sünden bis zur Neige zu trinken.“

Wer kann die Leiden des göttlichen Herzens Jesu begreifen, die es angesichts der Nutzlosigkeit der Erlösung für so viele Menschen bedrückt? Und wer kann die Leiden des unbefleckten Herzens Mariens begreifen, das vollkommen mit dem ihres Sohnes eins ist? Unser göttlicher Erlöser weint angesichts dieser ungeheuerlichen Undankbarkeit und Kälte der gottlosen Menschen blutige Tränen. Auch Maria weint, weint ununterbrochen in La Salette. „Sie, die alle Geschöpfe selig preisen sollen. Sie weinte, wie nur Sie weinen kann. Sie weint unendliche Tränen über all unsere Verfehlungen — und Sie hat sie uns ja aufgezählt — und weint über jede einzelne. Sie wird also davon getroffen, noch im Schoße ihrer Seligkeit. Der Verstand faßt das nicht. Eine Seligkeit, die ‚leidet‘ und die weint! Ist es möglich, das zu begreifen?“

Kommen wir nochmals zurück zur Andacht über die Todesangst Jesu. Dort heißt es weiter: „Unbeschreiblich ist die Bitterkeit, die Du, o Jesus, empfindest beim Anblick dieser Seelen, für die Dein Leiden und Sterben ewig nutzlos ist. Nur wer die unendliche Liebe Deines Herzens zu erfassen vermöchte, könnte die Größe des Schmerzes ermessen, den Du über den Verlust dieser Dir so teuren Seelen erduldet hast in jener Ölbergsnacht. Dieses traurige Bild ist Dir schier unerträglich. Mit der ganzen Liebe Deines mitleidsvollen Erlöserherzens ringst Du mit der erzürnten göttlichen Gerechtigkeit, um sie zu besänftigen und Gnade für diese unglücklichen Seelen zu erlangen. Doch vergebens! Sie wollen ja nicht, weisen alle Gnaden zurück und ziehen ein Leben kurzer, sündiger Lust der ewigen Seligkeit vor. ‚Umsonst‘, klagst Du daher mit dem Psalmisten, ‚strecke ich meinen Arm aus, um die Seelen an mich zu ziehen; sie widerstehen mir, sie wollen zugrundegehen.‘ Da quillt reichlicher der Blutschweiß aus Deinen Poren hervor, und in Deiner Traurigkeit und Niedergeschlagenheit brichst Du in das immer flehentlichere Bittgebet aus: ‚Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber, doch nicht mein Wille geschehe, sondern der Deine.‘“

Wir wissen zwar, daß Jesus und auch Maria, die doch beide mit Leib und Seele schon im Himmel sind, dort nicht mehr weinen können. Aber dennoch weint Maria in La Salette. Weint sie nur zum Schein? Weint sie nur für uns, obwohl sie doch im Himmel unendlich glücklich ist? Das wäre wohl eine zu einfache Erklärung. Vielleicht ist es vergleichbar mit dem hl. Meßopfer. Unser göttlicher Erlöser erneuert darin Sein Opfer am Kreuz – und es ist ein wahres, vollkommenes Opfer, auch wenn es ein unblutiges Opfer ist, denn Jesus kann nicht mehr leiden und sterben, ist er doch in den verwandelten Opfergaben gegenwärtig wie ER jetzt verklärt im Himmel thront und herrscht. Und dennoch wird unser Herr von vielen hl. Mystikern während dem hl. Meßopfer am Kreuz hängend und für uns leidend gesehen, weil doch im Opfer auch Sein ganzes Sühneleiden gegenwärtig wird. Ähnlich kann man es sich auch bei Maria denken. Wenn sie in La Salette erscheint und fast ununterbrochen weint, dann wird damit ihr furchtbares Leiden während ihres irdischen Lebens gegenwärtig – wirksam gegenwärtig, möchte man und kann man sicherlich ganz zurecht sagen.

Angesichts der weinenden Gottesmutter von La Salette steht man also vor dem Geheimnis des Erlöserleidens und damit der Erlösung selbst – wer könnte daran zweifeln?

„Dein hl. Johannes, zu dem Gott mehr als zu anderen Menschen gesprochen zu haben schien, hat er nicht gesagt, daß es Drei sind, die da Zeugnis geben auf Erden, der Geist, das Wasser und das Blut [Vgl. l Joh. 5,6: Denn drei sind, welche Zeugnis geben im Himmel Der Vater, das Wort und der Heilige Geist, und diese drei sind eins], und daß diese Drei der Trinität entsprechen? Das ist genau sein Text. Ist es nicht so, daß das die drei Sintfluten für die Erlösung unentbehrlich macht. Die alte Sintflut war aus Wasser, die Sintflut aus Blut, die noch nach neunzehn Jahrhunderten nicht endet, und die Sintflut aus Feuer, die von so vielen Vorboten angekündigt, kommen wird.
Das Reich des Vaters, den es reut, die Menschen geschaffen zu haben, das Reich des Sohnes, der mit dieser göttlichen Buße beladen ist, und das allgemeine Reich der Liebe, durch die alles neu werden muß. Ecce nova facio omnia [Siehe, Ich mache alles neu. Apok. 21, 5]. Aber auf welche Weise und um welchen Preis? Du weißt es ohne Zweifel, bist Du doch der ‚Sitz der Weisheit‘, ja die Weisheit selbst, und deshalb weinst Du
“ (Ebd. S. 18).

Unsere himmlische Mutter macht sich die Sorgen ihres göttlichen Sohnes, unseres Erlösers, zu eigen. Vollkommen vereint mit IHM im Leiden geht sie den Kreuzweg. Wie sehr spürt sie dabei die vielen, vielen Sünden der Menschen, die ihrem Sohn dieses unsagbare Leiden verursachen. Aber nochmals: was geschieht, wenn das Leiden in dem Sinne sinnlos wird, daß niemand mehr gerettet werden will? „Die alte Sintflut war aus Wasser, die Sintflut aus Blut, die noch nach neunzehn Jahrhunderten nicht endet, und die Sintflut aus Feuer, die von so vielen Vorboten angekündigt, kommen wird.“ Steht uns etwa die Sintflut aus Feuer unmittelbar bevor?

Léon Bloy gibt zu bedenken:

„Im Jahre 1846, als Du jenes erregte ‚Ich kann den Arm Meines Sohnes nicht länger zurückhalten‘ sprachst, kamst Du, um Deine Not dem einzigen Geschöpf anzuvertrauen, das fähig ist, Dir zuzuhören und Dich zu verstehen, diese demütige Melanie, die von Dir auserwählt wurde, weil sie das niedrigste aller Geschöpfe zu sein schien, und Du vertrautest ihr ein Geheimnis an, das Du nicht mehr länger alleine tragen konntest, Du, die Du ohne irgendwelche Hilfe den Sohn Gottes getragen hast.
Zwölf Jahre später hast Du Dich wieder einer Hirtin geoffenbart, aber ohne ihr Deine großen Tränen zu zeigen, von denen die Christen nichts wissen wollten, und ohne ihr jenes fürchterliche Geheimnis anzuvertrauen, mit dem Du die erste Hirtin beauftragt hattest, es unter die Leute zu bringen und zu verbreiten. Wieviele Male vergeblich! Lourdes, vorausgesehen und von Dir in La Salette angekündigt, war eine noch heroischere Anstrengung, eine Verkleidung Deines Schmerzes, so wie eine Mutter, die den Tod vor Augen hat, sich in Festgewänder hüllt, um ihre Kinder zu beruhigen.
Wieder verstrichen etwas mehr als zwölf Jahre, und es kam jenes furchtbare Jahr, das man das Schreckensjahr nannte. Frankreich, vom Pöbel mit Füßen getreten, rang die Arme. Ein letztes Mal erschienst Du armen Kindern in einer ganz rätselhaften Weise. Du entrolltest seltsame Bilder von Dir selbst, die begleitet waren von einer Schrift aus knappen und nur angedeuteten Worten, die ebensogut ein Übermaß an Drohung wie ein Übermaß an Verzeihung bedeuten können.
Und das war es dann. Man hat seitdem von Dir nichts mehr vernommen. Die christliche Welt, die dieses Schweigen hätte erschrecken sollen, fiel immer tiefer. La Salette ist verachtet, Lourdes zu einer Stätte der Geschäftemacherei geworden und zu einem literarischen Thema, Pontmain zu einem frommen Gesangbuchbildchen. Es ist ganz offensichtlich, daß Du bei Deinem Volk keinen Glauben mehr findest und ihm nicht mehr helfen kannst. Der Augenblick des Untergangs wäre also gekommen“ (Ebd.).

Durch die Botschaft von La Salette wissen wir, wir stehen inzwischen am Ende der Zeiten. All die gewaltigen und beängstigenden Ereignisse, die in der Geheimen Offenbarung des hl. Johannes, wenn auch verschlüsselt, so doch überaus deutlich angekündigt werden, werden vor unseren Augen mehr und mehr Wirklichkeit. Schon vor nunmehr fast 171 Jahren hat unsere himmlische Mutter uns darauf aufmerksam gemacht, das Ende der Zeiten ist angebrochen. Wir stehen inzwischen inmitten dieser größten Prüfungszeit der Heilsgeschichte. Aber, wie wir gehört haben, wollte fast niemand auf die weinende himmlische Mutter hören.

Was aber bleibt uns, die wir die Botschaft Mariens hören wollen, zu tun?

„Maria ist das irdische Paradies, das werde ich niemals oft genug sagen. Aber was ist das, dieses irdische Paradies, und wo ist es? Zu Zeiten des Glaubens gab es Christen, die es suchten. Raimundus Lullus schien daran gedacht zu haben, und man erzählt, daß Christoph Kolumbus nicht zweifelte, es bei den Antillen oder ein wenig weiter entfernt zu treffen. Melanie allein hat das irdische Paradies gefunden, das vor ihr sehr wohl bekannt war, aber ohne genaue Bezeichnung — so wie man einen Schatz findet, der vor der ganzen Welt unter den eigenen Füßen vergraben ist — Melanie hat dieses Paradies erkannt wie als Ergebnis einer wundersamen inneren Erleuchtung.
Das irdische Paradies ist das Leiden, und es gibt kein anderes. In Wahrheit ist der Mensch immer im Paradies aller Lust, und seine Vertreibung ist nur zu offenkundig. Einzig seit dem Ungehorsam sah er sich nackt, er sah die Erde und alles, was auf der Erde ist, nackt, und er hat verstanden, daß das Leiden nichts anderes ist als die reine, nackte Begierde. Ungezählte Heilige hatten diese Vorahnung haben können, aber eben nichts weiter als diese Vorahnung, denn das Zeitalter des Absoluten hatte noch nicht begonnen.
Das irdische Paradies war einem jungen Hirtenmädchen vorbehalten, einem Kind ohne irgendwelche menschliche Gelehrsamkeit, ohne jede andere Bildung als die, die man erlangen kann in der Grundschule der Engel. Es kam ihr nur zu, Verkündigerin und Prophetin des Absoluten Christentums zu sein. Denn das ist ganz und gar ihre Sendung.
Das wundersame Mädchen kann nicht sprechen oder schreiben, ohne die Märtyrer wieder auferstehen zu lassen, die Zeit der Märtyrer, in der man wußte, daß Gott von seinen Geschöpfen niemals zu viel verlangen kann. Es ist, wenn man will, gleichsam die Grenze seiner Allmacht. Gott kann nicht zu viel fordern. Kann er hingegen genug fordern? Die moderne Vielwisserei kann sich an dieser Fragestellung ja mal versuchen. Aber damals glaubte man — sieht man es einmal zurückblickend durch die Berufung Melanies — gemäß dem Evangelium, daß man, wenn man alles gegeben und alles verlassen hat, dennoch ein ‚unnützer Knecht‘ sei“ (Ebd. S. 18f).