Diejenige, die weint

Das ist es, was uns Maria sagen möchte: Nur derjenige wird siegen, der bereit ist, den vollen Einsatz zu bringen, denn Gott fordert alles. Gerade daran krankt der moderne Mensch, der immer nur berechnend geben möchte – auch Gott, er will nicht mehr wahr haben: „Das irdische Paradies ist das Leiden, und es gibt kein anderes.“ Die meisten Seelen sind nicht mehr leidensfähig, weil sie keinen Sinn mehr im Opfer sehen, sondern sich nur noch vergnügen wollen. Aber ohne Leiden kann man niemals Gott ganz gehören. Es gibt keinen anderen Weg zurück zum Paradies als den Kreuzweg. „Die Zeitgenossen des hl. Irenäus oder des hl. Laurentius, die Jesus Christus durch ihr Heiligkeitsstreben gleich wurden, hatten sogar das Begehren nach Qualen. Und die einfache Frömmigkeit bestand darin, in Stücke geschnitten zu werden. Diese frühen Christen wußten nichts davon, daß es gute Reiche gebe und daß man zur Glorie gelangen kann, ohne den Weg durch Schmerzen gegangen zu sein. O bona Crux, diu desiderata; sollicite amata… [Gutes Kreuz, lange ersehnt heiß geliebt! Römisches Brevier, Sechste Lesung aus der Matutin am Fest des hl Andreas, 30. November], das sagte der hl. Andreas auf dem Weg zur Hinrichtungsstätte, und das war ein ganz gewöhnlicher Ausspruch. Ein guter Familienvater las seinen Kindern etwas von der Folterbank, von siedendem Öl, geschmolzenem Blei und von wilden Tieren vor; das war ein sehr beneidetes Erbe“ (Ebd. S. 20).

Von solchem Opfermut und solcher Opferfreude sind wir doch meistens himmelweit entfernt. Es fehlt uns die tiefere, gnadengewirkte Einsicht in die verwandelnde Kraft des Leidens, die uns am Beispiel der Schmerzensmutter vor Augen steht. Dieses Meer des Leidens Mariens mündet am Ostermorgen in ein Meer unvorstellbarer Glückseligkeit. Das ist das Geheimnis aller Heiligen! Sie werden im Leiden nicht traurig, sondern im Gegenteil immer mutiger und hingabefreudiger. So war es natürlich auch bei Melanie, wie Léon Bloy ausführt: „Ich glaube, daß der wirkliche Name Melanies MAGNIFICAT ist. Alles, was sie tut, was sie sagt, in ihrer Kindheit oder in ihrem Alter, hat den Anschein einer Paraphrase des Lobgesanges der Unbefleckten: ‚Hochpreiset ihre Seele die Größe des Herrn‘…“ (Ebd. S. 21).

Man muß gestehen, ein faszinierender und zugleich kühner Gedanke, der übrigens an Elisabeth von Dijon erinnert. In einem Brief an Kanonikus A., schrieb sie Januar 1906: „Ich will Ihnen etwas ganz Vertrauliches mitteilen. Meine Sehnsucht ist: das Lob Seiner Herrlichkeit zu sein. Ich habe das beim hl. Paulus gelesen, und mein Bräutigam ließ mich wissen, daß das schon hier in der Verbannung meine Berufung sei, noch ehe ich in die Stadt der Heiligen komme, um das Sanctus zu singen. Doch verlangt das eine große Treue, denn um ein ,Lob der Herrlichkeit‘ zu sein, muß man tot sein für alles, was nicht Er ist, um nur unter Seiner Berührung zu schwingen; und die armselige Elisabeth macht ihrem Meister noch manche Dummheit. Aber wie ein zärtlicher Vater verzeiht Er ihr; sein göttlicher Blick läutert sie. Wie der hl. Paulus trachtet sie, das zu vergessen, was hinter ihr liegt, um sich auf das zu stürzen, was vor ihr liegt“ (P. Michael Philipon O.P., Die geistliche Lehre Schwester Elisabeths von der Heiligsten Dreifaltigkeit, Verlag Herder, Wien 1951, S. 110).

Gleichbedeutend könnte man auch formulieren: Meine Sehnsucht ist es, ein ständiges „Magnifikat“ zu singen. Auch dafür „muß man tot sein für alles, was nicht Er ist, um nur unter Seiner Berührung zu schwingen“. Jeder wird sofort einsehen, daß dies ohne große und beständige Opfer, also ohne Leiden unmöglich ist. Wenn wir es aber wagen, wird uns Gott wie ein zärtlicher Vater immer wieder alle Unvollkommenheiten verzeihen, wenn nur unsere Absicht rein ist und bleibt. Auch Léon Bloy ist sich bewußt: „Ich weiß, daß es Leute geben wird, die es für gewagt halten, die Worte der neuen Eva in einem anderen Mund zu finden als in dem Ihrigen. Dennoch ist es das, was die Kirche tut, wenn sie alle Gläubigen einlädt, die Vesper zu singen. Wir sind so sehr Glieder Jesu Christi, ja selbst Götter nach den Worten des Psalmisten, ausdrücklich und mit göttlicher Vollmacht unterstrichen im Evangelium, daß es keine heilige Zustimmung unter denen gibt, die im strengen Sinne anwendbar sind auf die Gottheit, daß es nicht ratsam und heilbringend ist, sie mit Liebe zurückzuholen und sie dabei auf sich selbst zu beziehen. Das ist das ganze Geheimnis der katholischen Liturgie. In einem wieviel stärkeren Maße gehört die heilige Sprache zu einigen außerordentlich privilegierten Wesen so wie Melanie, die getrennt sind — man weiß nicht bis zu welchem Punkt — von den anderen menschlichen Geschöpfen aufgrund ihrer prophetischen und apostolischen Berufung!“ (Einsicht S. 21).

Die hl. Liturgie, das Gebet der hl. Kirche nimmt uns hinein in den himmlischen Gottesdienst und macht uns fähig, das Magnifikat im Geiste Mariens zu singen. Natürlich werden wir ein ganzes Leben lang in diesem Geiste wachsen müssen, damit unser Leben ein beständiges Magnifikat wird. Dabei ist gerade das Gebet dasjenige Mittel, das uns als Glieder Jesu Christi das übernatürliche Leben in unserer Seele Tag für Tag gestalten läßt. Das gilt ganz besonders für Melanie: „Es gibt kein Wort im Magnificat, das nicht genauestens auf diese Hirtin passen würde wie ein Kleidungsstück, das ihr auf Maß geschneidert ist. Man muß lesen, was sie selbst geschrieben hat, ich sage nicht, um es zu verstehen, sondern um in das absolut unaussprechliche Geheimnis der Durchdringung dieser unbekannten, kaum existierenden Bettlerin einzudringen in der blendenden Mutter des Sohnes Gottes. An dieser Stelle ist es schwierig, sie zu unterscheiden, zu wissen, wer spricht und wer schweigt, wer weint und wer die Tränen beobachtet, wer droht und wer bittet. Sie betrachtete sich nur als wirbelndes Schmerzenslicht.“

Die Seherin von La Salette wird eins mit dem, was sie sieht – oder besser gesagt, mit der, die sie sieht. Der Himmel hat dieses Mädchen auserwählt, weil es allein fähig war zu dieser außerordentlichen Seelensymbiose. Melanie hat sich die Botschaft ihrer himmlischen Mutter ganz zu eigen und nach dem Willen Gottes zur ihrer Lebensaufgabe gemacht. Deswegen wird sie sich niemals durch noch so viele Intrigen, Verfolgungen und Verleumdungen mundtot machen lassen. Immer wird sie zu ihrer himmlischen Sendung stehen.

Es ist einfach wahr, was Léon Bloy verspricht:

„Bewunderndes Staunen ist denen verheißen, die in Kenntnis des Geheimnisses von Melanie den erhalten gebliebenen Bericht der Jahre ihrer Kindheit lesen wollen.
Dazu ist jedoch große Einfalt des Herzens erforderlich. Es hat niemals ein Geschöpf gegeben, das einfacher war als Melanie. Ecce ancilla… [Siehe, ich bin die Magd… Lc 1, 38)]. Sie ist einfach wie Maria in Nazareth, wenn ein solcher Vergleich erlaubt ist. Sie atmet Gott und die Mutter Gottes mit der Naivität einer der unbeschreiblich reinen und anmutigen Pflanzungen des Paradieses, von dem sie selbst die Gärtnerin gewesen zu sein scheint. Sie lebt auf der Erde, als ob nicht dort wäre, und ihre so oft außerordentliche Hellsichtigkeit irdischer Dinge ist Folge ihrer Schau der ewigen. In weit höherem Sinne mit prophetischer Gabe begabt, gibt es für sie weder Abfolge noch Verkettung von Vorstellungen. Begriffe von Raum und Zeit sind für sie unnütz. Sie braucht nicht zu verstehen. Sie weiß mit eingegossenem Wissen, ursprünglich, wie bei Adam und Eva vor ihrer Sünde.
Es ist wahr, daß sie, wie jeder von uns, unter dem Gesetz der Erbsünde steht, aber mit dem Effekt einer außerordentlichen Umkehr, fällt sie seit dem ersten Tage in die Höhe…
Um in ihr die Hände und Füße Adams zu heilen, hat Gott diese seit ihrer frühesten Kindheit durchbohrt; damit keine anderen Geschöpfe sich in ihrem Herz einniste, hat Gott ihr die Lanze des Kalvarienberges eingepflanzt; um ihren Kopf zu bewahren, bedeckte er ihr Haupt mit der schrecklichen Krone des Prätoriums. Schon bevor sie sprechen konnte, vermochte sie die Menschen nur durch das Blut Jesu Christi hindurch erblicken.
So war das bis zu ihrem letzten Tage. Sie lebte so sehr in der Nähe Gottes, und die Mutter Gottes hatte ihr einen Platz ganz in der Nähe ihres Thrones geschenkt, sie war von uns allen so weit entfernt, daß es ihr nicht möglich war, uns emporzuheben; es wäre höchste Pflichtverletzung in ihren Augen, gerade die Nicht-Liebe erhöhen zu sollen.
Unfähig anders zu existieren als im Absoluten, einquartiert und verschanzt in der Absolutheit des Absoluten, was hätte sie auch verstehen können von der Kasuistik der Frömmigkeit der Modernen? Was hätte für sie eine Stufenleiter des Guten oder des Bösen bedeuten können? Sie betrachtete alle Menschen, ob Christen oder nicht, wie sie abgeflacht wie Regenwürmer kriechen, und wie Gottes Gebote mißachtet werden. Sie beobachtete vor allem die Priester — und mit welch fürchterlicher Genauigkeit:
,Ich verstand‘, sagte sie, ‚das im Klerus die Reinheit der Gesinnung die Wächterin der Reinheit des Leibes ist, daß es keine Keuschheit des Leibes gibt in Abwesenheit einer andauernden Reinheit des Geistes, und daß der Geist und die Sinne ihre Reinheit nicht bewahren, wenn sie nicht mit Jesus Christus GEKREUZIGT sind‘ — ‚Hilfe mir, meine gefallenen Diener zu unterstützen‘, sagte ihr Jesus nach einer Schreckensvision.
Das für sie enorme Leiden, das geistige Elend und das Ungenügen der Klerus zu kennen, liegt auf dem Grund all dessen, was sie denkt, all dessen, was sie sagt, all dessen, was sie schreibt. Ein inneres Schluchzen ohne Unterbrechung. Man lese die Seiten in ‚Das gute Jahr‘, wo sie mit so viel Freude beschreibt, daß ihre Lehrer sie aus Mangel an Nahrung sterben ließen, indem sie ihr nie etwas zu essen gaben: ‚Es ist Gottes Wille, daß ich zur Sühne leide, vor Hunger oder Durst, für den Luxus und der Liebe zum Reichtum einer großen Zahl von Angehörigen des Klerus‘“ (Ebd. S. 23f).

Der Heldenmut der Heiligen spornt unsere Herzen zu neuem Eifer an. Werden wir also nicht müde in dieser trostlosen Zeit, lassen wir uns von der Aussichtslosigkeit der Situation nicht die Hoffnung rauben, daß Gott dennoch über allen irdischen Geschehnissen steht. Unser göttlicher Erlöser wird uns zwar das Leiden nicht ersparen (können), aber ER wird uns dafür mit Seiner Liebe alles hundertfach vergelten, was wir für IHN wagen.

Ertragen wir vor allem die sich steigernde Einsamkeit mit Geduld, denn:

„Heutzutage gibt es keine Leidenden mehr — außer vielleicht einige zerstreute armen Seelen, die von der Welt ausgespien sind, die nur noch das Martyrium erwarten; ein bedeutungslose Herde von evangelischen und einfachen Seelen, auf die der Schatten des hl. Petrus gefallen ist und die die gegenwärtige Kirche der Katakomben darstellen.
Für sie hat Melanie geschrieben, und für sie allein seien diese demütigen Seiten der Hirtin veröffentlicht, die die Masse verschmähen wird.
‚Ich will nicht mehr in die Schule gehen, weil dort zu viel Lärm gemacht wird. Ich habe Angst, daß meine Seele das hört‘, sagte dieses Kind, das der Schöpfer aller Welten unendlich über seinen Donner gesetzt hat“ (Ebd. S. 24).