Die Starwissenschaftler II

von antimodernist2014

Der Starwissenschaftler dürfte ein typisches Phänomen der Neuzeit sein. Den ersten seiner Zunft, den heute zum Mythos überhöhten Galileo Galilei, haben wir bereits in einem früheren Beitrag behandelt. Er gilt als Typus der klaren, wissenschaftlichen Vernunft, die sich dem finsteren Aberglauben der Religion gegenüber erhebt. Einem seiner modernen Nachfolger wollen wir uns heute zuwenden.

2. STEPHEN HAWKING

In den letzten Jahrhunderten hat es sicherlich eine ganze Reihe großer Wissenschaftler gegeben, die man unter unserer Überschrift „Die Starwissenschaftler“ einordnen könnte. Viele werden wohl im Fachbereich der Physik ganz spontan an Albert Einstein denken, dessen Name direkt sprichwörtlich geworden ist. Wenn einer ganz besonders begabt ist und mit seiner Intelligenz herausragt, so sagt man: Er ist ein Einstein.

Dennoch wollen wir hier nicht auf diesen bedeutenden Physiker eingehen, sondern einen anderen, spätergeborenen herausgreifen: Stephen William Hawking. Auch von ihm sagten schon die Mitschüler in der Schule, er sei ein Einstein, wobei er diesen aktuell sogar noch an Popularität übertreffen dürfte, er ist ein richtiger Starwissenschaftler. Dieser Physiker macht deutlich, Begabung allein macht noch keinen Star, auch wenn sie noch so groß ist, in der heutigen Zeit muß ein Star vor allem zu den Medien passen. Will ein Wissenschaftler zum Star werden, muß er schon ein ganz bestimmtes Profil haben, saß daß es den speziellen Erwartung der Medien entspricht. Bei Stephen Hawking kommen gleich mehrere Faktoren zusammen, die ihn für die modernen Medien interessant machen.

Leben und Werk

Versuchen wir, das Leben und Werk dieses Physikers nachzuzeichnen und sodann aufgrund der schon über Galilei gewonnen Erkenntnisse zu deuten.

Galilei ist auch gleich das richtige Stichwort, denn Steven Hawking kam am 300. Todestag des Starwissenschaftlers Galileo Galilei, nämlich am 8. Januar 1942, in Oxford in England zur Welt, was er auch nicht müde wird zu betonen. Es gibt wohl nur ganz wenige Wissenschaftler, die von den Medien so mystifiziert wurden und werden wie Hawking. Dazu prädestinierte ihn auch eine weitere Laune des Schicksals. Mit 21 Jahren wurde bei Hawking ALS, ein Nervenleiden (amyotrophe Lateralsklerose) diagnostiziert. Diese unheilbare Krankheit beraubt den Patienten zunächst der Fähigkeit die Muskeln zu gebrauchen, später der Stimme, so daß allmählich jegliche Bewegungsfähigkeit verloren ging. Die Lebenserwartung bei dieser Krankheit liegt gewöhnlich bei zwei bis drei Jahren. Hawking berichtet: „Als Trost erhielt ich vom Arzt die Auskunft, die Krankheit sei nicht schmerzhaft und greife den Intellekt nicht an. Trotzdem sah ich wenig Sinn, meine Forschungen fortzuführen, weil ich nicht damit rechnete, lange genug zu leben, um meine Promotion abzuschließen.“

Wie wir wissen, kam es dann aber doch ganz anders. Warum? „Entscheidend war, dass ich mich mit Jane Wilde verlobte, die ich zur Zeit der Diagnose kennengelernt hatte. Das gab mir einen Grund zu leben.“ Seit 1986 – nach einer Kehlkopfoperation – verständigt sich der gelähmte Physiker mit Hilfe eines Sprachcomputers. Der US-Akzent der Stimme des Computers wurde mit den Jahren ein Teil seiner selbst: „Die Stimme ist zu meiner geworden.“ Hawking meint dazu einmal, die Krankheit sei „kein so großer Schlag“ gewesen. „Bevor ich sie hatte, fand ich das Leben ziemlich langweilig. Ich glaube, jetzt bin ich glücklicher.“

Es zeigte sich in den nächsten Jahren, daß die Krankheit bei ihm ungewöhnlich langsam voranschritt, weshalb Hawkings neuen Lebensmut schöpfte und auch eine ganz neue Arbeitsfreude fand: „Da jeder Tag mein letzter sein könnte, habe ich ein riesiges Verlangen, das Beste aus jeder einzelnen Minute zu machen.“ Hawking wurde zum ehrgeizigen Physiker, genauer zum Kosmologen, also zu einem Mann, der das Weltall verstehen möchte. „Ich möchte wissen, warum das Universum so ist, wie es ist, und warum es überhaupt existiert.“

Zunächst war Hawking jedoch nicht Professor für Physik, sondern drei Jahrzehnte Mathematikprofessor in Cambridge, wobei die Menschen der Gegensatz zwischen seiner körperlichen Behinderung und der geistigen Regsamkeit faszinierte. „Ich bin der Archetypus eines behinderten Genies“, stellt er selbst fest. „Die Menschen sind fasziniert von dem Gegensatz zwischen meinen extrem eingeschränkten körperlichen Fähigkeiten und den gewaltigen Ausmaßen des Universums, mit dem ich mich beschäftige.“

Berühmt wurde Hawking schließlich durch seine Arbeiten über sog. Schwarze Löcher. Entgegen der damaligen Meinung berechnete er, daß auch Schwarze Löcher Strahlung abgeben. Das würde heißen, Schwarze Löcher sind keine Endstationen. Zwar ziehen diese alle Materie der Umgebung ins Innere und lassen nicht einmal mehr das Licht entkommen, doch mutmaßte Hawking, daß sie dennoch in Folge der Quantenphysik eine Strahlung abgeben, die sog. Hawking-Strahlung. Das „Verdampfen“ eines Schwarzen Loches würde aber extrem lange dauern, weil die Strahlung extrem gering sei.

Der Gedanke stieß in der Fachwelt zunächst auf breite Ablehnung, aber Hawking konnte durch weitere Arbeiten allmählich ein Umdenken bewirken. Heute sind wohl die meisten Physiker von der Theorie Hawkings überzeugt, wenngleich ein experimenteller Beweis bisher nicht erbracht werden konnte. Obwohl also diese Hawking-Strahlung bis heute nicht nachgewiesen werden konnte, überzeugte diese Theorie dennoch spontan – ja wen eigentlich? Man muß wohl sagen: Zunächst die Öffentlichkeit, d.h. heißt die Medien! Hawking sucht die Öffentlichkeit. Er weiß wie wohl kaum jemand anderer seine Behinderung und die daraus folgende Einmaligkeit seiner Begabung medienwirksam einzusetzen – oder verstehen es vielmehr die Medien, diese für ihre Zwecke größtmöglich zu nutzen? Jedenfalls paßt beides kongenial zusammen.

„Eine kurze Geschichte der Zeit“ (englischer Originaltitel: A Brief History of Time) ist sein 1988 erschienenes Buch, in dem er sich bemüht, seine physikalischen Theorien populärwissenschaftlich darzustellen. Dieses Buch entwickelte sich schnell zu einem Bestseller, von dem bis zum Jahr 2002 mehr als neun Millionen Exemplare verkauft wurden, obwohl selbst der Times-Rezensent des viel bejubelten Buches offen eingestehen mußte, über Seite 29 nicht hinausgekommen zu sein. Da anzunehmen ist, daß der Rezensent ein klein wenig von Physik verstand, kann man sich leicht vorstellen, wie es einfacheren Lesern ergangen ist. Der Wissenschaftsautor Robert Matthews brachte das Phänomen Hawking und Medien auf den Punkt, wenn er „die Unfähigkeit der Medien, über Hawkings Rollstuhl hinauszusehen“, feststellt. Hawking wurde eine Art Popstar der Wissenschaft! Selbst Hollywood lag ihm zu Füßen. Er hatte Gastauftritte in den Fernsehserien „Raumschiff Enterprise“ und in „The Big Bang Theory“, wirkte in der Zeichentrickserie „Die Simpsons“ mit und die Verfilmung seines Lebens, „Die Entdeckung der Unendlichkeit“, erhielt erwartungsgemäß einen Oscar.

Da drängt sich die Frage auf: Was macht diesen Physiker für die Medien so interessant?

Während die eigenen Fachkollegen ihm eher skeptisch gegenüberstehen (1998 fragte etwa das renommierte britische Institute of Physics 250 führende Forscher nach dem größten Physiker aller Zeiten. Mit 119 Stimmen landete Einstein unangefochten auf Platz 1. Hawking erhielt gerade einmal zwei Stimmen. Der Sekretär des Nobelkomitees, Anders Barany, formulierte es einmal diplomatisch: „Hawking hat großartige Arbeit geleistet, aber wir sind uns nicht sicher, ob sie wirklich in Beziehung zur Natur steht.“), stylen ihn die Medien zum Genie hoch. Warum machen sie das? Hawking ist erklärter oder besser gesagt bekennender Atheist. Und mit Gottlosigkeit und Gottesleugnung läßt sich in dieser modernen Gesellschaft immer Aufmerksamkeit erregen und somit viel Geld machen. Hawking ist der Mann, der Gott überflüssig macht – wenigstens in den Augen der Medien und somit in den Augen der meisten Menschen.

Als Stephen Hawking zusammen mit Leonard David Mlodinow das Buch vom „Großen Entwurf“ herausgab, in dem sie wieder einmal Gott für die Entstehung der ganzen Welt überflüssig machten, wollte letzterer zu seinen persönlichen Motiven nichts sagen und meinte: „Unsere eigenen religiösen Ansichten spielen keine Rolle.“ Hawking wird in einem Interview mit der BBC jedoch etwas deutlicher, indem er beteuert: „Geplant haben wir diese Debatte sicher nicht. Gott wäre nicht nötig gewesen in meinem Buch, aber es hätte nicht so viel öffentliche Aufmerksamkeit erregt, wenn ich nicht wieder auf ihn eingedroschen hätte.“

Hier hätte der Interviewer eigentlich einhaken und feststellen müssen: Deine Sprache verrät dich ja. Denn warum sollte man auf einen Gott eindreschen, den es doch nach eigener Aussage gar nicht gibt, wenn nicht deswegen, weil man einen Rachefeldzug gegen diesen Gott meint führen zu müssen, der einen in das Gefängnis eines bewegungsunfähigen Körpers eingesperrt hat? Hawking ist nicht einfach Atheist, sondern Antitheist, ein Gotteshasser. Das paßt natürlich ausgezeichnet zu den heutigen Medien. Als Antitheist erweist er sich zugleich als ein ziemlich primitiver Materialist: „Ich sehe das Gehirn als einen Computer an, der aufhört zu arbeiten, wenn seine Einzelteile nicht mehr funktionieren. Es gibt kein Leben nach dem Tod für kaputte Computer.“

Theorie für alles

Bevor wir dieses Zitat etwas genauer unter die Lupe nehmen wollen, soll erst noch die wissenschaftliche Arbeit des von den Medien gestylten „Jahrhundertgenies“ skizzenhaft dargestellt werden. Um Hawkings Arbeit zu verstehen, muß man eines immer in Erinnerung behalten: Hawking ist theoretischer Physiker, was doch ein recht seltsames, typisch modernes Phänomen ist. Die Universität, an der er lehrt, hat zwar einen altehrwürdigen Ruf, aber nicht die notwendigen milliardenschweren Forschungsmittel, die in diesem Bereich notwendig wären, um – nennen wir es einmal so – richtige Physik zu betreiben, so erklärte einmal ein gestandener Physiker dieses Phänomen. Es kommt noch hinzu, daß auf dem Gebiet der Kosmologie offensichtlich unter den Fachkollegen eine erstaunliche Freizügigkeit im Umgang mit neuen Hypothesen herrscht, solange sie mit dem Hauptdogma übereinstimmen. Man darf als Physiker im Bereich der Kosmologie mit minimalen oder, wenn es nicht anders geht, auch mit gar keinen Forschungsergebnissen große Theorien aufstellen, was so in keinem anderen Bereich der Wissenschaft möglich ist. Das alles kam Hawking sehr entgegen. Zudem wußte er wohl auch von Anfang an, wie begierig die Medien nach Theorien sind, die Gott überflüssig erscheinen lassen. Es bot sich also ein günstiger Rahmen für seine „Forschung“, d.h. Hypothesenbildungen.

Was will Hawking als Wissenschaftler erreichen? Als er im Juni 1998 Österreich besuchte, wurde das altehrwürdige Haus der Industrie in Wien viel zu klein. Der völlig überraschte Veranstalter gestand, man „hätte das Ernst-Happel-Stadion füllen können“. Hawking hatte seinen Zuhörern in seinem Vortrag versprochen, eine „Theory of Everything“, also eine Theorie für alles anzubieten. Ein fürwahr recht anspruchsvolles Versprechen, das Hawking freilich bis heute nicht einlösen kann.

Als er 1980 auf den berühmten Lukasischen Lehrstuhl für Mathematik in Cambridge berufen wurde, den einst Sir Isaac Newton innehatte, stellte er in seiner Antrittsrede die Frage: „Ist das Ende der theoretischen Physik in Sicht?“ Er selbst glaubte, mit der großen vereinheitlichten Theorie der Quantengravitation alle physikalischen Phänomene beschreiben zu können – und versprach, bis Ende des 20. Jahrhunderts würde die Weltformel zur Verfügung stehen. Das wiederum würde das Ende der theoretischen Physik bedeuten, denn dann gäbe es nichts mehr weiter zu sagen. In einem späteren Interview mit der Zeitschrift FOCUS mußte er sein Versprechen revidieren: „Ich glaube immer noch, dass wir es bis zum Ende des Jahrhunderts schaffen, diesmal aber zum Ende des 21. Jahrhunderts.“ Was sind schon Jahrhunderte, wenn es um das vollkommene Verständnis der ganzen Welt geht, möchte man dazu sagen.

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