Die Starwissenschaftler II

Wie wir sehen, ist Hawkings Anliegen recht ehrgeizig: „Ich versuche ,Gottes Plan‘ zu verstehen. Und das Ergebnis dieses Versuchs? Ein Universum, das keine Grenzen im Raum hat, weder einen Anfang, noch ein Ende in der Zeit und nichts, was einem Schöpfer zu tun bliebe.“ Wie schaut nun diese doch im Grunde äußerst anspruchsvolle „Theorie für alles“ konkret aus? „Mein Ziel ist einfach das vollständige Verständnis des Universums – warum es ist, wie es ist, und warum es überhaupt existiert“, erklärt Hawking seinen Fans.

Schon bei seiner Doktorarbeit, die auf Arbeiten des Mathematikers und Physikers Roger Penrose beruhte, versucht Hawking diese Fragen anzugehen. Penrose machte sich darüber Gedanken, was wohl geschieht, wenn einem Stern der nukleare Brennstoff ausgeht und er sodann unter der Kraft seiner eigenen Gravitation in sich zusammenbricht. Seine Gleichungen berechnen, daß der Stern zu einem Punkt von unendlicher Dichte zusammenschrumpft. Nach der Allgemeinen Relativitätstheorie Einsteins führt das zu einer unendlichen Krümmung in der Raumzeit. Einen solchen Zustand nennen die Physiker eine Singularität. Eine solche Singularität entsteht, so vermutet Hawking, im Inneren von Schwarzen Löchern.

Überträgt man nun dieses Geschehen auf die Entstehung des Universums, so würde sich zeigen, daß die im Universum befindlichen Massen gegeneinander immer mehr zusammengedrängt würden. Am Ende, bzw. ganz am Anfang, würde bzw. wäre das ganze All so hoch verdichtet und in einem so winzigen Raum zusammengedrängt, daß eine solche Singularität entsteht, in der Temperatur, Dichte, Energie und Krümmung unendlich sind, wohingegen Raum und Zeit auf den Wert null zusammenschrumpfen – was also bedeuten würde, daß das ganze Weltall im „Nichts“ verschwinden würde. Wenn nämlich Raum und Zeit auf den Wert null reduziert sind, dann ist nichts mehr davon übrig, selbst wenn Temperatur, Dichte, Energie und Krümmung unendlich sind. Am Ende, bzw. am Anfang haben wir somit nach dieser „Theorie“ die Unendlichkeit im Nichts, was doch recht beeindruckend ist für jeden, der nicht mehr selber denken kann.

Der FOCUS-Online-Autor Michael Odenwald macht sich solche Gedanken nicht, sondern folgert in seinem Artikel „Genie auf Augenhöhe mit Albert Einstein“ zum 70. Geburtstag Hawkings aus diesen hawkingschen Gedanken- und Rechenspielen: „Damit hatte Hawking bewiesen, dass eine Urknall-Singularität unvermeidlich war.“ So einfach sind also in dieser Physik „Beweise“. Man stellt willkürlich eine Behauptung auf, rechnet sodann ein wenig herum und schon ist der „Beweis“ erbracht. Hierzu möchten wir an unsere Ausführungen zu Galilei und die Mathematisierung der Physik bzw. Kosmologie erinnern (Die Starwissenschaftler). Es zeigt sich wieder einmal, wie wirksam diese Neuinterpretierung der Wirklichkeit war und ist und daß sich keiner mehr Rechenschaft darüber ablegt, was denn die Mathematik genau berechnet oder überhaupt von der Wirklichkeit berechnen kann, weshalb auch Arbogast Schmitt in seinem Buch „Die Moderne und Platon“ mahnte: „Diese Annahmen enthalten (wenn auch nicht intendiert) erheblich mehr Metaphysik als die platonische Ideenlehre.“ Und es ist immer gefährlich und verheerend, wenn Metaphysik von Physikern betrieben wird, die von Philosophie nichts verstehen.

Hierzu ein aktuelles Beispiel: „Bei unserer Theorie setzen wir lediglich voraus, dass sich ein Schwarzes Loch aus einzelnen Bestandteilen, den Gravitonen, zusammensetzen muss. Alles andere ist Mathematik, alles andere lässt sich ableiten“, sagt Georgi Dvali. „Ich weiß nicht, wie das schiefgehen könnte – es sei denn, die Natur ist völlig verrückt geworden“ (Alexander Stirn, Forschungsmagazin Einsichten 1/2014). Die entscheidende Frage ist doch wohl, wer hier verrückt geworden ist und nicht mehr zwischen „Science“, also Wissenschaft und „Fiktion“, also Traumwelten, unterscheiden kann.

Um die Leichtfertigkeit, mit der man hier die ganze Welt meint erklären zu können, etwas aufzuhellen, sollen im Folgenden zwei Kommentare zu den Thesen Hawkings folgen. Lassen wir uns zunächst vom FOCUS-Online-Autor Michael Odenwald weiter die Gedankenwelt des britischen Wissenschaftlers erklären und uns zeigen, was denn dieser schon alles „bewiesen“ hat:

Im September 1973 fuhr Hawking nach Russland, um dort mit seinem Fachkollegen Jakow Seldowitsch weiter an Schwarzen Löchern zu forschen. Dabei entdeckten beide, dass die Schwerkraftmonster, sofern sie rotieren, eine bestimmte Strahlung aussenden. Die dafür notwendige Energie sollte der Rotationsenergie entstammen. Der Effekt, so hofften sie, ließe sich durch eine Verbindung von Relativitätstheorie und Quantenmechanik erklären. Diese Idee, die zu einer Theorie der Quantengravitation führen könnte, die letztlich eine alles erklärende Weltformel wäre, bestimmt Hawkings Forschungsarbeit bis heute.
Später allerdings fand er heraus, dass auch nicht rotierende Schwarze Löcher Energie in Form von Strahlung abgeben. Der Gedanke stieß in der Fachwelt zunächst auf Ablehnung. Erst eine Veröffentlichung in der Zeitschrift „Nature“ und ein Vortrag mit dem Titel „Sind Schwarze Löcher weißglühend?“, den Hawking 1976 in Boston hielt, bewirkten ein Umdenken. Heute sind die meisten Physiker davon überzeugt, dass Schwarzer Löcher die seither so genannte Hawking-Strahlung abgeben und nach Äonen in einem letzten Strahlenblitz verpuffen.

Nochmals sei daran erinnert, daß es selbst zum Zeitpunkt der Abfassung des Artikels keinerlei experimentellen Beweis für die sog. Hawking-Strahlung gab. Warum sind aber nun plötzlich und dennoch die meisten Physiker davon überzeugt, daß es nicht nur eine Hypothese, sondern wirklich so ist? Wie kann man das Ganze genauer erklären?

Stattdessen gelten in so winzigen Dimensionen die Gesetze der Quantenmechanik, die das Verhalten der Elementarteilchen beschreiben. Bislang aber sperren sich beide gegen die Vereinheitlichung zur Quantengravitation. Hawking ersann eine Näherungslösung, die zwar rein spekulativ war, aber eine Reihe neuer Möglichkeiten bot. Seit 1981 hatte er sich mit den „Grenzbedingungen des Universums“ befasst. Daraus entstand schließlich eine Theorie über den Ursprung des Universums, die einen Schöpfungsakt ohne Schöpfer ermöglicht: Hawking hatte Gott gleichsam abgeschafft.

Ein wahrlich seltsamer Satz steht hier im Mittelpunkt: „Hawking ersann eine Näherungslösung, die zwar rein spekulativ war, aber eine Reihe neuer Möglichkeiten bot.“ Es reicht also einfach aus, eine rein spekulative Näherungslösung zu ersinnen, um gleich eine Reihe von Möglichkeiten zu eröffnen, die man natürlich jederzeit gleich wieder als Wirklichkeiten ansehen kann. – Man muß demnach nur im Niemandsland der Vermutungen Möglichkeiten weiterspinnen, um neue Erkenntnisse in der Wissenschaft zu gewinnen. Und das soll dann noch seriöse Wissenschaft sein. Offensichtlich stört ein solcher Umgang mit der Wissenschaft nur mehr wenige, wie wir weiter belehrt werden, vielmehr:

Es ist in der Tat ein revolutionäres Konzept, das Hawking mit seinem Fachkollegen James Hartle von der University of California in Santa Barbara ausarbeitete. Bis dahin galt, dass sich aus verschiedenen Anfangs- oder Randbedingungen die Naturgesetze ergeben, die fortan die Entwicklung des Universums bestimmen. Hawking und Hartle machten die Randbedingungen nun zu einem Teil der Naturgesetze. Damit würden sie Bestandteil einer Quantengravitation, die ohne eine Grenze der Raumzeit auskommt. „Man könnte einfach sagen: Die Grenzbedingung des Universums ist, dass es keine Grenze hat. Das Universum wäre völlig in sich abgeschlossen und keinerlei äußeren Einflüssen unterworfen. Es wäre weder erschaffen noch zerstörbar. Es würde einfach SEIN“, schrieb Hawking. Dann benötigte es aber auch keinen Schöpfer.

Wenn es wirklich so ist, wie Hawking behauptet – „Die Grenzbedingung des Universums ist, dass es keine Grenze hat“ – dann müßte man zugleich zugeben und festhalten, daß nunmehr Sprache keinen Sinn mehr hat, weil die ganze Wirklichkeit voller unauflösbarer Widersprüche ist. Grenzbedingungen, die keine Grenze mehr haben, existieren deswegen nicht, weil sie ein Widerspruch in sich sind. Eine Grenze, die keinerlei Begrenzung kennt, ist keine Grenze mehr. Daß aus einem solchen Widerspruch sodann recht seltsame Schlußfolgerungen zu ziehen sind, sollte eigentlich keinen denkfähigen Menschen wundern: „Das Universum wäre völlig in sich abgeschlossen und keinerlei äußeren Einflüssen unterworfen. Es wäre weder erschaffen noch zerstörbar. Es würde einfach SEIN.“ Vielleicht hätte der Schuster doch bei seinem Leisten bleiben und sich einmal darüber Gedanken machen sollen, was ein Physiker im Rahmen der Physik wissen kann und was nicht. Darin liegt wohl auch die eigentliche Fehlentwicklung in der modernen Kosmologie, daß hier Physik mit Phantasie oder auch mit Magie verwechselt wird.

Diesen Verdacht erhärtet nochmals der FOCUS-Online-Autor Michael Odenwald: „Weiter wandte sich der Physiker einer speziellen Art der Quantengravitation zu, der so genannten M-Theorie. Der Name steht wahlweise für Membran, Mutter (aller Theorien), Magisch, Mysteriös oder Matrix. Sie ging aus der Stringtheorie hervor, die Teilchen als winzige, fadenförmige Gebilde von 10 hoch -33 (ein millionstel milliardstel milliardstel milliardstel) Zentimeter Länge beschreibt, die wie die Saite eines Streichinstruments (Englisch: string) schwingen. Doch aus ihren Gleichungen ergibt sich eine Raumzeit mit zehn Raumdimensionen und einer Zeitdimension, was weit über die vertrauten drei Dimensionen unseres Kosmos hinausgeht.“

Das muß man nun wirklich zugeben, „eine Raumzeit mit zehn Raumdimensionen und einer Zeitdimension“ geht über alles Vorstellbare weltweit hinaus, vielleicht sogar über alles Wirkliche, wie man wohl durchaus mit gleichem Recht vermuten darf. Sobald man jedoch diesen Schritt einmal gemacht, also alle Bedenken über den wirklichen Erklärungswert dieser Theorien beiseitegeschoben hat, geht es richtig schnell vorwärts:

Der Gedanke lässt sich fortspinnen: Vielleicht ist unser ganzes All ja nichts als eine große 3-D-Bran, die in einem vierdimensionalen Hyperraum schwebt. Und: Womöglich hat es darin Gesellschaft. Die Quantenmechanik erlaubt, dass scheinbar aus dem Nichts Branen hervorspringen und wieder verschwinden. „Eine solche Quantenschöpfung gleicht der Bildung von Dampfblasen in kochendem Wasser“, erläutert Hawking. „Manche fallen wieder in sich zusammen, andere expandieren, wie es bei unserem Universum geschah.“ So könnten unablässig weitere Kosmen entstehen, jeder einzelne mit eigenen physikalischen Gesetzen. Wie Inseln im Ozean liegen sie im Multiversum. Für die Gleichungen der M-Theorie gibt es 10 hoch 500 Lösungen, von denen jede möglicherweise ein eigenes Universum beschreibt.

Wenn das nicht beeindruckend ist, 10 hoch 500 Lösungen, das ist eine Zehn mit 500 Nullen, das ist mehr als alle Atome im bekannten Universum! Ebensoviele mögliche Welten gibt es nach dieser „Theorie“. Der Autor hat wohl, ohne es zu merken, diesmal den richtigen Begriff gewählt, schreibt er doch „fortspinnen“. Es ist wahr, auf dieser Basis läßt sich sehr viel, ja unendlich viel, 10 hoch 500 Mal fortspinnen, sofern man nur Lust und Laune und Geld und Zuhörer oder Leser dazu hat.

Wie kommt also unsere Welt ins Dasein? Man muß schon gut hinhören, was Hawking wagt zu sagen: „Spontane Erzeugung ist der Grund, warum etwas ist und nicht einfach nichts, warum es das Universum gibt, warum es uns gibt. Es ist nicht nötig, Gott als den ersten Beweger zu bemühen, der das Licht entzündet und das Universum in Gang gesetzt hat.“ So einfach ist das also, durch eine „spontane Erzeugung“ des im Nichts zusammengedrückten Universums ist unsere ganze Welt geworden – und dazu braucht es nun wirklich keinen Gott, das geht so ganz von selbst und ganz ohne Eingriff von „außen“. Der FOCUS-Autor weiß noch eine besondere Pointe zu berichten:

Pikanterweise präsentierte Hawking diese Hypothese erstmals ausgerechnet im Vatikan. Dorthin hatte die Kurie 1981 einige Kosmologen eingeladen, um über den Urknall und die Evolution des Alls zu diskutieren. Zur Eröffnung sagte der damalige Papst Johannes Paul II., die Wissenschaft möge doch den Urknall als „Refugium Gottes“ unangetastet lassen. In seinem Bestseller „Eine kurze Geschichte“ der Zeit schrieb Hawking später: „Ich war froh, dass er das Thema des Vortrages nicht kannte, den ich gerade auf der Konferenz gehalten hatte: Ich hatte über die Möglichkeit gesprochen, dass das Universum keinen Anfang hat, dass es keinen Schöpfungsaugenblick gibt.“