Die Starwissenschaftler II

Nun ist – Gott sei Dank! – noch nicht die ganze Zunft der Physiker bereit, irgendwelchen Phantasien eines ohne Forschungsmittel herumrechnenden Kollegen einfachhin zuzustimmen:

Allerdings kritisierten Fachkollegen die Hypothese, weil sich Hawking eines mathematischen Tricks bediente: Er führte eine imaginäre Zeitkoordinate ein, die keine reale physikalische Entsprechung hat. Dadurch entsteht ein raumzeitliches Gebilde, das keinen Rand aufweist. Deshalb ist es sinnlos, wissen zu wollen, was dahinter kommt. Hawking verteidigte sich damit, dass die imaginäre Zeit in seinem Modell ebenso reell sei wie die tatsächlich gemessene. In späteren Interviews bekräftigte er seine Überzeugung, dass das Universum spontan aus dem Nichts entstand. Die Naturgesetze würden dann seine weitere Entwicklung bestimmen: „Diese Gesetze können von Gott erlassen worden sein oder nicht, aber er kann nicht eingreifen und die Gesetze brechen, sonst wären es keine Gesetze. Gott bliebe allenfalls die Freiheit, den Anfangszustand des Universums auszuwählen. Aber selbst hier könnten Gesetze herrschen. Dann hätte Gott überhaupt keine Freiheit.“

Nun ist es doch Zeit, mit dem Philosophen Boethius festzustellen: „Si tacuisses, philosophus mansisses – Wenn du geschwiegen hättest, wärest du ein Philosoph geblieben.“ Zu sagen, daß ein ganzes, hochkomplexes, unvorstellbar reiches Universum einfach spontan aus nichts entsteht, hat mit Wissenschaft nun wirklich nichts mehr zu tun, ja es hat mit Denken nichts mehr zu tun. Herr Hawking hat sich offensichtlich in all den Jahren seines Studiums keinerlei ernsthafte Gedanken darüber gemacht, was eine fachliche Grenzüberschreitung ist, sodaß er den Bezug zur Realität vollkommen verloren hat. Er ist offensichtlich aus der Sicht seiner recht kleinen Welt jederzeit bereit, sich eines Tricks zu bedienen, damit auch die Welt so herauskommt, wie er sie sich denkt. Eine „imaginäre Zeitkoordinate“ mehr oder weniger, wen kümmert es – hören Sie genau hin! – diese „imaginäre Zeit ist in seinem Modell ebenso reell … wie die tatsächlich gemessene“. Das muß nun wirklich ein Zaubermodell sein, das einer imaginären Zeit einfach Realität verleihen kann. Wie gesagt, es sind nicht alle Kollegen einfachhin bereit, solche Gedankenspiele gleich als Wirklichkeit anzuerkennen – die Medien hingegen durchaus! Hawking ist ein Medienstar, er ist der Guru der physikalischen Welterklärung, da gehen die kritischen Stimmen, bis auf wenige Ausnahmen, gewöhnlich unter. Eine solche Ausnahme findet sich auf „wissenschaft.de“. Dort heißt es „Medienschelte und Hawking-Tadel“:

Stephen Hawkings neue These hatte ein großes mediales Echo. Und es gab bisweilen geharnischte Kritik – sowohl an den Medien als auch an Hawking selbst. „Hawkings Meinung, dass keine Ereignishorizonte existieren, wird von vielen seiner Kollegen geteilt, mich eingeschlossen. Sie ist in keiner Weise neu“, sagt beispielsweise Sabine Hossenfelder vom Nordita-Institut in Stockholm, die mit Lee Smolin vom Perimeter Institute im kanadischen Waterloo schon vor einigen Jahren Ähnliches publiziert hat. „Nichts hat sich in unserem Verständnis Schwarzer Löcher aufgrund von Hawkings Artikel geändert.“ Aber der Physiker ist nun einmal enorm populär. Da verwundert es nicht, dass Massenmedien seine Aussagen aufgreifen. Ärgerlich ist aber, wenn das auf verzerrte oder gar falsche Weise geschieht. „Es ist unerquicklich, dass Hawkings Aussage so fehlinterpretiert wurde, weil viele Leute nun meinen, Schwarze Löcher existieren gar nicht“, sagt Sabine Hossenfelder. Matt Strassler von der Harvard University sieht es ähnlich: „Das schuf eine große Verwirrung.“ Er fürchtet sogar, das Ganze spiele Wissenschaftsgegnern in die Hände, „denn es erweckt den Anschein, dass Forscher täglich ihre Meinung ändern und dass keine etablierten Fakten existieren“. Wenn Hawking recht hat – und das ist keineswegs sicher –, sind die Schwarzen Löcher bloß etwas weniger schwarz und abgründig als bislang gedacht, doch sie sind nicht als astronomische Objekte verschwunden. Das ging in vielen Berichten unter. Ob die Folgen wirklich so dramatisch sind, wie Strassler meint, lässt sich schwer abschätzen. Der Physiker reagierte jedenfalls ziemlich ungehalten: „Manchmal sind die Medien wie ein Schwarzes Loch: Informationen gehen hinein, und nachdem sie bis zur Unkenntlichkeit verrührt wurden, kommen sie wieder heraus durch einen mysteriösen Prozess, der für niemanden einen Sinn ergibt. Außer, dass in diesem Fall eines sehr deutlich wird: Informationen sind verloren gegangen und Fehlinformationen wurden erzeugt.“

Hawkings Hintermann

Wie wir schon gesehen haben, sucht Hawking die Öffentlichkeit, d.h. die Medien. Da darf es ihn auch nicht verwundern, wenn er medienwirksam verstanden und interpretiert wird – und es scheint ihn auch nicht zu verwundern, im Gegensatz zu manchen Fachkollegen. Diese scheinen doch recht naiv zu sein, wenn sie meinen, den Medien gehe es um die Wahrheit. Aber geht es Hawking um die Wahrheit? Nein, es geht ihm um seine Theorie, es geht darum, diese bekannt und zu Geld zu machen.

Auf „zeit.de/zeit-wissen“ findet man einen durchaus lesenswerten Artikel von Steffan Heuer über „Hawkings Hintermann“. Darin erfährt man, daß der britische Physiker sich für sein Buch „Der große Entwurf“ Schützenhilfe bei Leonard Mlodinow geholt hat. Dieser ist nicht nur Physiker, er ist zudem im Showgeschäft zuhause. Also der richtige Mann, um Showbusiness und Wissenschaft zusammenzubringen, also die eigene Wissenschaft richtig zu vermarkten. Lassen wir uns dieses Zusammenspiel etwas genauer erklären. Wir erfahren von Steffan Heuer über Leonard Mlodinow:

In Europa gibt es diesen Typ Forscher nicht – noch nicht. In der hiesigen Hochschulwelt gälte es als Verrat an den Idealen der Wissenschaft, sich dem seichten Kommerz zu verkaufen. Die academia jenseits des Atlantiks ist weniger dünkelhaft, doch auch dort fällt Mlodinow aus allen Mustern. Zwar gibt es nicht wenige Wissenschaftler, die gelegentlich einen Ausflug in die Populärkultur wagen. Für Mlodinow jedoch ist Popularisierung mehr als eine nette Abwechslung, sie ist sein Geschäftsmodell.
Er will weder forschen noch lehren, sondern unterhalten, und er macht gerade so viel Wissenschaft, wie er dafür braucht – gerade genug, um von Larry King als »Physiker am Caltech« vorgestellt zu werden. Die elitäre Technische Hochschule in Pasadena bei Los Angeles hat ihm 2005 eine Gastdozentur eingeräumt. Vor drei Jahren hat er seine letzte Vorlesung gehalten, eine Einführung in die Wahrscheinlichkeitsrechnung auf dem Niveau deutschen Gymnasiallehrstoffs.

Das ist also der Mann, den sich Hawking ins Boot holte. Das fällt ihm wohl deswegen auch so leicht, weil er im Grunde dieses Geschäftsmodell schon von Anfang an anvisiert hat. Höchst komplexe, kosmische, sternenbildende, das menschlichen Denken an den Rand drückende Vorkommnisse als Massenunterhaltung, als Showbusiness.

Über die Arbeitsweise des Mannes im Boot erfahren wird folgendes: Das erste Buch Mlodinows, das „Fenster zum Universum über die Geschichte der Geometrie erntete einhellige Kritiken: gut geschrieben, schlampig recherchiert. Mlodinow hatte Galileo Galilei ins Gefängnis gesteckt statt – wie historisch unzweifelhaft belegt – unter Hausarrest gestellt, den großen deutschen Mathematiker Bernhard Riemann in »Georg« umgetauft und den Franziskanerorden schon Jahrhunderte vor seinem Gründer Franz von Assisi wirken lassen. »Ein paar kleine Fehler«, findet Mlodinow. »Ein seichtes Buch über eine tiefe Materie, von der der Autor so gut wie nichts versteht«, urteilte Robert Langlands, einer der angesehensten Algebraiker der Welt.“

Für einen seriösen Wissenschaftler doch eine etwas merkwürdige Wahl, würde man denken, aber nein: „Stephen Hawking störte sich offenbar nicht an den »kleinen Fehlern«. Zu sagen hatte er selbst genug, er und seine Verleger suchten nur jemanden, der ihm helfen konnte, es verständlich zu sagen. »Der Stil des Fensters zum Universum gefiel Stephen, und es gefiel ihm, dass ich Physiker bin«, erzählt Mlodinow, »eines Tages rief seine Assistentin bei mir an und fragte mich, ob ich mit ihm arbeiten wolle. Ich dachte eine Millisekunde nach und sagte Ja.« Es war die große Chance für Mlodinow, seine beiden Seiten endlich fruchtbar zusammenzubringen.“

Wie wir schon kurz angeführt haben, wurde das erste Buch von Hawking, „Eine Kurze Geschichte der Zeit“, zwar weltweit mehrere Millionen Mal verkauft, aber die meisten Leser haben wohl nicht bis zu zum Schluß des Buches durchgehalten. Die Verleger Hawkings fürchteten deswegen sicherlich zu Recht, noch einmal würden sich die Leser das nicht mehr bieten lassen. Mlodinow sollte ihrem Star zu einem gefälligeren und verständlicheren Stil verhelfen. Man ging dabei so vor: „Mlodinow schrieb die ersten 30 Seiten in immer neuen Fassungen, bis Hawking zustimmte. Dann schrieb Mlodinow den Rest herunter. Er spielte aus, was er in Hollywood gelernt hatte: »Beim Fernsehen lernt man, sich dem Ton einer Serie anzupassen. Ich weiß, wann der Zuschauer müde wird, wann er Pause machen will, wann ein Werbefenster dran ist und man sich noch ein Bier holen will. Nicht anders ist es mit dem Spannungsbogen eines Wissenschaftsbuchs.« 2005 erschien die Kürzeste Geschichte der Zeit, die sich noch besser verkaufte als ihre sperrige Vorläuferin und zweifellos mehr gelesen wird.“

Es ist verständlich, Mlodinow wollte diesen Erfolg nicht einfach verpuffen lassen. Er schlug darum Hawking 2006 vor, gemeinsam eine Fortsetzung zu schreiben. Hawking gefiel der Vorschlag und er stimmte zu. „Im Herbst 2010 erschien Der große Entwurf. So ganz hat es nicht geklappt mit der Ebenbürtigkeit. Während Mlodinow hartnäckig von »Stephen und mir« spricht, bleibt Hawking konsequent bei der ersten Person Singular, und Mlodinows Name steht deutlich kleiner auf dem Cover. Aber davon lässt Mlodinow sich nicht die Laune verderben: »Die Schriftgröße ist genauso groß wie bei all meinen anderen Büchern.«“

Doch kommt es nicht auf die Titelseite an, sondern auf den Inhalt. Und da muß man gestehen: „Tatsächlich trägt Der große Entwurf eindeutig Mlodinows Handschrift: große Rätsel, starke Thesen. In der Kurzen Geschichte der Zeit hatte Hawking noch versucht, seine Leser möglichst nah an das Denken und Arbeiten theoretischer Physiker zu führen. Im Großen Entwurf halten er und Mlodinow sich mit solchen Details nicht auf. Jetzt geht es stracks zu den großen Fragen: »Warum existieren wir? Existiert Gott?« Die Antworten kommen geschmückt mit Cartoons von verschrobenen Mathematikern und Interferenzskizzen mit gelben Enten auf dem Teich. Der große Entwurf könnte auch Begleitband zu einer Fernsehserie sein.“

Der Leser bekommt somit ein Buch über eine hochkomplexe kosmologische Frage, die in einer Weise beantwortet wird, die auch ein Begleitband zu einer Fernsehserie sein könnte. Mit anderen Worten, die Wissenschaft bleibt auf der Strecke, aber dafür gibt es umso mehr Show, was jedoch nur verkaufsfördernd wirken kann. Zudem wollen die beiden Autoren gezielt provozieren, was ihnen auch bestens gelingt. „Es ist lehrreich, die Reaktionen auf die Kurze Geschichte der Zeit und den Großen Entwurf zu vergleichen. Damals waren es Respekt und Bewunderung. Heute ist es vor allem Aufregung. »Hawking schafft Gott ab«, titelte die Londoner Times. Der Erzbischof von Canterbury fühlte sich genötigt, den Schöpfer in Schutz zu nehmen. Die frühere Chefin der wissenschaftsnahen Royal Institution, Baronin Susan Greenfield, verglich Hawking mit den Taliban.“