Die Starwissenschaftler II

Was will man mehr, um ein Buch bekannt und interessant zu machen? Gott abzuschaffen macht sich immer gut, was kümmert einen da, wenn die Physik etwas auf der Strecke bleibt. Steffan Heuer meint: „Die Physik, um die es in dem Buch geht, ist nun wirklich nicht geeignet für Talkshows und Schlagzeilen. Die von Hawking kreierte sog. M-Theorie ist aus der sog. Stringtheorie hervorgegangen. Sie ist ein hochabstraktes formales Ungetüm, fern jeglicher experimenteller Überprüfbarkeit, noch nicht einmal fertig formuliert. Wenn Hawking sie zur »einzig möglichen vereinheitlichten Theorie« erklärt, übertreibt er maßlos. Die meisten Physiker sehen diese »vereinheitlichte Theorie«, also eine alles erklärende Weltformel, in weiter Ferne.“

Wie wir schon gehört haben, hat Hawking selbst das Erreichen dieses Ziels um ein Jahrhundert verschieben müssen, vom Ende des 20. auf das Ende des 21. Jahrhunderts, was ihn aber doch nicht davon abhält, in seinem Buch zu behaupten, es schon erreicht zu haben – einfach nur eine medienwirksame Behauptung? Jedenfalls braucht er diese Behauptung, weil er Gott abschaffen möchte, weshalb „Die Presse“ in Wien kritisiert, das Buch sei „mehr Theologie als Physik“, was die Absurdität des Ganzen wohl am Treffendsten benennt. Das muß man einmal in aller Ruhe bedenken: Herr Hawking und Herr Mlodinow schreiben gemeinsam ein Buch, in dem sie eine physikalische Hypothese vorstellen wollen, die eine Formel für alles bietet, also für die ganze Welt, aber dabei gleiten sie unmerklich von der Physik in die Theologie ab, obwohl sie doch das Buch besonders deswegen geschrieben haben, um Gott zu leugnen. Womöglich ist doch etwas schief gegangen – und das Ergebnis war sowohl eine schlechte Physik als auch eine absurde Theologie.

Die Zukunft der Physik

Wäre Hawking nicht nur ein theoretisierender Physiker, sondern ein echter Denker, ein Philosoph, hätte er sich seine neue Vorhersage sparen können, denn eines ist sicher: Es wird niemals eine solch vereinheitlichte Theorie für alles, eine alles erklärende Weltformel geben. Es wäre doch endlich für die Physiker Zeit, sich einzugestehen, was David Lindley in seinem Buch „Das Ende der Physik“ abschließend feststellt: „Um es deutlich zu sagen: Diese Allumfassende Theorie ist ein Mythos. Ein Mythos ist eine Weltsicht, die innerhalb ihres Bezugssystems sinnvoll ist und für alles rund um uns herum eine Erklärung liefert, die sich jedoch weder überprüfen noch widerlegen läßt. Ein Mythos ist eine Erklärung, mit der jedermann übereinstimmt, weil es bequemer ist, nicht etwa, weil man ihre Wahrheit beweisen kann. Die Allumfassende Theorie, dieser Mythos, bedeutet tatsächlich das Ende der Physik – nicht etwa, weil die Physik endlich in der Lage wäre, alles im Universum zu erklären, sondern weil die Physik am Ende all dessen angekommen ist, was sie erklären kann“ (David Lindley, Das Ende der Physik, Birkhäuser, 1994, S. 281).

Weil jedoch ein solches Eingeständnis schwer fällt und nicht medienwirksam verkauft werden kann, wird man es wohl vehement bekämpfen. Damit wird aber aus der Wissenschaft eine Ideologie. Anders als bei der Wissenschaft ist bei einer Ideologie das Ergebnis immer schon vorgegeben. Die ideologisierte Wissenschaft forscht immer in einem vorgeschriebenen Interessenrahmen, einem ideologischen Mainstream.

In der Einleitung zu seinem bedenkenswerten Buch „Die Zukunft der Physik“ weist Lee Smolin darauf hin, daß es für einen Physiker durchaus nicht so einfach ist, aus einer etablierten Meinung auszuscheren, selbst wenn gewichtige Gründe dafür sprechen. „Die aggressive Förderung der Stringtheorie hat dazu geführt, dass sie zum bevorzugten Forschungsfeld geworden ist, das die Antworten auf die großen Fragen der Physik liefern soll. Fast jeder Teilchentheoretiker mit einer dauerhaft en Stellung am prestigeträchtigen Institute for Advanced Study, einschließlich seines Direktors, ist Stringtheoretiker; die einzige Ausnahme ist jemand, der vor Jahrzehnten eingestellt wurde. Gleiches gilt für viele angesehene Universitäten, Institute und Stipendien. Die Stringtheorie nimmt heute eine so beherrschende Stellung in der akademischen Welt ein, dass es praktisch beruflichem Selbstmord gleichkommt, wenn sich ein junger theoretischer Physiker für ein anderes Forschungsfeld entscheidet. Selbst auf Gebieten wie der Kosmologie und Teilchenphänomenologie, zu denen die Stringtheorie keine Vorhersagen macht, gehört es zum guten Ton, dass Forscher am Anfang ihrer Referate und Aufsätze ihre Überzeugung bekunden…“ (Lee Smolin, DIE ZUKUNFT DER PHYSIK, Deutsche Verlags-Anstalt, 2009, S. 23).

Querdenker haben es somit äußerst schwer, jedenfalls können sie von ihren Gedanken, mögen sie auch noch so genial sein, nicht leben, weil „es praktisch beruflichem Selbstmord gleichkommt, wenn sich ein junger theoretischer Physiker für ein anderes Forschungsfeld entscheidet“. Der junge Wissenschaftler wird sich deswegen sicherlich sehr gut überlegen, was er denkt und was er nicht denkt.

Wie wir schon gehört haben, ist die Stringtheorie eine der wichtigsten Grundlagen für Hawkings Hypothesen. Diese Theorie beansprucht ebenfalls wie Hawkings M-Theorie, alles zu erklären, alles aus „einfachsten“ Voraussetzungen zu erklären, was wiederum ihre Popularität erklärt, denn da ist immer zu erhoffen, daß sodann Gott überflüssig wird. Dazu Lee Smolin weiter: „Sie nimmt für sich in Anspruch, die Welt der großen Dinge und die Welt der kleinen Dinge zu beschreiben – Gravitation und Elementarteilchen; zu diesem Zweck stellt sie die kühnsten Hypothesen aller Theorien auf: Sie behauptet, die Welt enthalte bis jetzt noch nie beobachtete Dimensionen und viel mehr Teilchen, als bislang bekannt. Gleichzeitig äußert sie die Vermutung, dass alle Elementarteilchen aus den Schwingungen einer einzigen Einheit – des Strings – erwüchsen, die einfachen und schönen Gesetzen gehorche. Sie behauptet von sich, die einzige Theorie zu sein, die alle Teilchen und alle Kräfte der Natur vereinheitliche. In dieser Eigenschaft verspricht sie, saubere und eindeutige Vorhersagen für jedes Experiment zu machen, das jemals durchgeführt wurde und noch durchgeführt werden wird. In den letzten zwanzig Jahren sind viel Energie und viel Zeit in die Stringtheorie investiert worden, aber wir wissen noch immer nicht, ob sie wahr ist. Selbst nach so viel Arbeit macht die Theorie keine neuen Vorhersagen, die von heutigen – oder auch nur heute vorstellbaren – Experimenten zu überprüfen wären“ (Ebd. S. 15).

Grundsätzlich ist es recht einfach, zu behaupten, man könne alles vorhersagen, wenn dieses „alles“ sodann durch keinerlei Experimente zu überprüfen ist. Letztlich kann man dann sagen, was man will. Wenn nun die meisten Physiker meinen, einer solchen Theorie anhängen zu müssen, dann ist es auch leicht verständlich, daß auch Stephen Hawking eine ziemliche Narrenfreiheit hat, immer neue Theorien zu erfinden. Denn im Endeffekt gibt es schon lange keine experimentelle Basis mehr für all diese Theorien. Sie sind reine hochkomplexe mathematische Konstrukte, von denen keiner mehr sagen kann, welchen Erklärungswert für die Wirklichkeit diese noch haben.

Dementsprechend stellt Lee Smolin fest: „Die wenigen sauberen Vorhersagen, die sie macht, sind schon aus anderen, längst akzeptierten Theorien hergeleitet worden. Zum Teil scheint die Stringtheorie deshalb keine neuen Vorhersagen zu machen, weil sie eine unendliche Zahl von Spielarten aufweist. Selbst wenn wir uns auf Vorhersagen beschränken, die sich mit einigen grundlegenden Beobachtungen unseres Universums decken, etwa seiner ungeheuren Größe und der Existenz dunkler Energie, sehen wir uns noch immer 10500 verschiedenen Stringtheorien gegenüber – eine 1 mit 500 Nullen, mehr als alle Atome im bekannten Universum. Angesichts einer so ungeheuren Zahl von Theorien ist die Wahrscheinlichkeit gering, irgendein Versuchsergebnis zu finden, das nicht von einer dieser Theorien vorhergesagt wird. Also, egal, was die Experimente zutage fördern, die Stringtheorie lässt sich nicht widerlegen. Daher gilt aber auch der umgekehrte Schluss: Kein Experiment wird jemals in der Lage sein, sie zu bestätigen“ (Ebd.).

Liest man solche Zeilen aufmerksam, wird man doch etwas verunsichert: Wie kann so etwas sein? Wie können Scharen von hochkarätigen Wissenschaftlern einem solchen Wahngebilde nachlaufen, das kein Experiment jemals wird bestätigen können? Ist der Gruppenzwang inzwischen so groß? Offensichtlich schon. Was steckt jedoch hinter all diesen Zahlenspielereien, diesen unendlich vielen möglichen Welten, Multiversen? Sobald man den Anspruch erhebt, die ganze Welt ohne Gott erklären zu wollen, wird das eigene Vorhaben notwendigerweise zum Selbstläufer. Denn um den allmächtigen Gott, den Schöpfer Himmels und der Erde durch innerweltliche Ursachen, Gründe, Gesetze „ersetzen“ zu können, ist ein unendlicher Aufwand notwendig. Darum ist eines ganz sicher, dieses Unternehmen kommt niemals an ein Ende.

Zuweilen gibt es noch Wissenschaftler, die an dieser Einsicht sich stoßen, wie etwa „Gerard’t Hooft, der einen Nobelpreis für seine Arbeit auf dem Gebiet der Teilchenphysik erhielt“, dieser „hat den Zustand der Stringtheorie wie folgt charakterisiert: »Gegenwärtig wäre ich noch nicht einmal bereit, die Stringtheorie eine ›Theorie‹ zu nennen, eher ein ›Modell‹ oder noch nicht einmal das: lediglich eine Ahnung. Schließlich sollte eine Theorie nicht mit Anweisungen daherkommen, wie man sie zu handhaben hat, um die Dinge zu erkennen, die man beschreiben möchte, in unserem Falle die Elementarteilchen, und man sollte, zumindest im Prinzip, in der Lage sein, die Regeln zu formulieren, die erforderlich sind, um die Eigenschaften dieser Teilchen zu berechnen und um neue, sie betreffende Vorhersagen zu machen. Stellen Sie sich vor, ich gebe Ihnen einen Stuhl und erkläre Ihnen gleichzeitig, dass die Beine noch fehlen und dass der Sitz, die Rücken- und die Armlehnen vielleicht schon bald geliefert werden. Egal, was ich Ihnen da gegeben habe, darf ich es noch einen Stuhl nennen?«“ (Ebd. S. 17f).

Der Nobelpreisträger trifft des Pudels Kern. Eine „Theorie“, deren Wirklichkeitsgemäßheit in keiner Weise aufzuzeigen ist, ist allerhöchstens ein „Modell“, wobei die Stringtheorie nicht einmal das ist. Obwohl sie behauptet, alles erklären zu können, liefert sie nur Bruchteile von Erklärungen, von denen letztlich niemand weiß, wovon diese Bruchteile überhaupt Bruchteile sind. Auch der Nobelpreisträger David Gross, einer der engagiertesten und lautstärksten Fürsprecher der Stringtheorie, mußte am Ende einer Konferenz, in der die Fortschritte der Theorie gefeiert werden sollten, zugeben: „Wir wissen nicht, worüber wir sprechen … Die Physiker befinden sich heute in der gleichen Situation wie damals, als die Radioaktivität ihnen Rätsel aufgab … Ihnen fehlte etwas absolut Fundamentales. Uns fehlt heute vielleicht etwas ebenso Grundsätzliches“ (Ebd. S. 18).

Dieses ehrliche Eingeständnis des Nobelpreisträgers ist immerhin erfreulich, aber dennoch ist es nur halb wahr. Denn das Rätsel, das dem Kosmologen aufgegeben ist, ist nicht vergleichbar mit demjenigen, das die Radioaktivität dem Physiker aufgab. Das Rätsel um die Radioaktivität ist nämlich physikalisch lösbar, das Rätsel, das die Entstehung der Welt aufgibt, kann jedoch niemals von der Physik allein gelöst werden. Denn dieses Rätsel ist vor allem ein philosophisch-theologisches. Würden die Kosmologen sich das nur endlich eingestehen, kämen sie sicherlich auch in ihren Forschungen wieder weiter, denn sie würden wieder nur das erforschen, was man allein mit naturwissenschaftlichen Mitteln erforschen kann. Nur würden dann die Ergebnisse anders ausfallen.

Solange man dazu nicht bereit ist, klammert man sich an jeden noch so dünnen Strohhalm. Wie letztes Jahr im Februar wieder einmal geschehen. „Einstein hatte recht. Gravitationswellen entdeckt, Einsteins große These, bewiesen. Jetzt können Sie es glauben. In Washington gaben Forscher bekannt: Das entscheidende Signal ist eingefangen“ – so titelte etwa „Zeit.de“. Natürlich sind die Medien begeistert, denn es gelang angeblich dem Experimentalphysiker Jeff Steinhauer in seiner hausgemachten Schall-Variante eines Schwarzen Lochs die Hawking-Strahlung zu beobachten. Steinhauer ist sich sicher: „Ich denke, diese Arbeit steht für sich als Verifikation von Hawkings Berechnungen.“ Doch nicht alle Wissenschaftler teilen die Selbstsicherheit des Forschers, denn Steinhauer ist dafür berüchtigt, alleine zu arbeiten. Das macht aber die Verifizierung seiner Arbeiten recht schwer. „Große Entdeckungen brauchen solide Beweise“, gab der renommierte Astrophysiker Bill Unruh dem New Scientist zu bedenken.

Zudem ist natürlich wissenschaftlich nachzufragen, was denn die akustische Version eines Schwarzen Loches mit wirklichen Schwarzen Löchern zu tun hat. Jeder Forscher muß doch, solange er nüchtern nachdenkt, zugeben, ein akustisches Schwarzes Loch ist eben doch kein echtes Schwarzes Loch – ein wissenschaftlicher Beweis darüber, inwiefern sich diese Ergebnisse auf das All übertragen lassen, steht mal wieder aus.

Aber vorsichtshalber ist die Physikwelt trotzdem schon einmal von Steinhauers „unglaublich elegantem“ Versuchsaufbau begeistert, so umschreibt jedenfalls Grant Tremblay, NASA Einstein Fellow an der Yale University, gegenüber der Washington Post das Experiment. Weil nun mal Schwarze Löcher so extrem schwierig zu untersuchen sind – stellen Sie sich vor, neben Ihnen tut sich plötzlich ein solches Schwarzes Loch auf – sind auch die unscheinbarsten Analogien wie etwa das Modell Steinhauers schon das Beste, das die Wissenschaft zur Zeit zu bieten hat und deswegen immerhin besser als gar nichts. Während Jeff Steinhauer sich vollkommen überzeugt gibt: „Die Messungen bestätigen die Quantennatur der Hawking-Strahlung“, formulieren es die „Nature“-Herausgeber schon viel vorsichtiger: „Der Versuch könnte einer experimentellen Beobachtung der Hawking-Strahlung bisher am nächsten kommen.“

Da wohl noch niemand von den Herren Wissenschaftlern selbst in die Nähe eines Schwarzen Loches geflogen ist, ist es durchaus wahr: „Der Versuch könnte einer experimentellen Beobachtung der Hawking-Strahlung bisher am nächsten kommen.“ Nur wissen wir immer noch nicht, was dieses Experiment mit wirklichen Schwarzen Löchern zu tun hat. Das dürfte auch gar nicht so wichtig sein, wichtig ist nur die Erfolgsmeldung in den Medien – immerhin nach 100 Jahren Relativitätstheorie.

Bei allen bleibenden Zweifeln ist aber eines sicher, einer wird sich auf jeden Fall freuen: Stephen Hawking natürlich, der größte Starwissenschaftler unserer Zeit – freilich verkannt von seinen Fachkollegen, denn wie wir schon gehört haben: „Hawking hat großartige Arbeit geleistet, aber wir sind uns nicht sicher, ob sie wirklich in Beziehung zur Natur steht.“ Da kann man nur noch verblüfft mit dem englischen Dichter William Shakespeare feststellen: „Und ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode.“

P.S. „Hawking ist Mitglied auf Lebenszeit bei der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften“ („Wikipedia“).