Ein Zeichen des Widerspruchs

von antimodernist2014

Die Große Botschaft von La Salette ist zweifelsohne eine Verstehenshilfe der Apokalypse des heiligen Apostels Johannes. Wir wollen daher in einer kleinen Serie von Artikeln versuchen, sie näher kennenzulernen. Im ersten Teil unserer Arbeit über die Erscheinung von La Salette haben wir besonders auf die Seherin geschaut, an der sich bewahrheitet hat, was unser göttlicher Lehrmeister feststellte: „Gedenkt des Wortes, das ich zu euch gesprochen habe: Der Knecht ist nicht mehr als sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie auch euch verfolgen. Haben sie mein Wort gehalten, so werden sie auch das eure halten“ (Joh. 15,20). Melanie wurde ihr ganzes Leben lang verfolgt, verleumdet, mißverstanden und wegen ihres himmlischen Auftrages lächerlich gemacht. Dennoch hatte es Gott gefügt, daß sie die ersten Jahre nach der Erscheinung zunächst unter dem Schutz von Mgr. Philibert de Bruillard, Bischof von Grenoble, einer „der schönsten Gestalten der hohen französischen Geistlichkeit und eine(r) der edelsten Ausnahmen innerhalb des angepaßten und bürokratisierten Episkopats seiner Zeit“ in relativer Ruhe leben konnte, so daß sich der Glaube an La Salette im Volk genügend festigte, um die folgenden schweren Stürme zu überdauern. „Seine hocharistokratische Art wurde durch so viel leutselige Großzügigkeit gemildert, dass er bei den Armen sehr beliebt war. Sein theologisches Wissen machte ihn tatsächlich zum Lehrer seiner Priester. Seine Kenntnis der Seelen stützte sich auf eine lange und gewissenhafte Erfahrung“ (Gouin, Paul: „Melanie, die Hirtin von La Salette“, Stein am Rhein 1982, S. 90f).

Mgr. Philibert de Bruillard war es auch, der die Untersuchung der Ereignisse von La Salette anordnete und diese leitete.

„Als er über das Geschehnis von La Salette und die Lage der Kinder unterrichtet worden war, übernahm er die Sorge für deren Erziehung und setzte den Eltern Melanies sogar eine kleine Pension aus. Er wollte sich über die Erscheinung kein Urteil erlauben, ehe er nicht alle Vorsichtsmaßregeln einer unparteiischen Prüfung getroffen hatte. Bischof de Bruillard bestellte zunächst im Dezember 1846 zwei Kommissionen, deren eine aus Domherren und deren andere aus Professoren bestand, die beauftragt waren, unabhängig voneinander alle Unterlagen der Untersuchung zu prüfen und daraus, ohne sich abzusprechen, jede einen Bericht zu verfassen.
Die Prüfung der Verhöre der Kinder und der Umstände der Erscheinung dauerte sieben Monate. Dann trat eine einzige Kommission aus sechzehn Mitgliedern unter dem Vorsitz des Bischofs zusammen und tagte achtmal. Hier machte sich die Opposition zur Anerkennung des Wunders drohend bemerkbar. Der Hauptgegner war der Pfarrer von Saint Joseph aus Grenoble, Abbé Cartellier. Bischof de Bruillard, weit davon entfernt, ihm zu widersprechen, bat ihn um nähere Erläuterung seiner Einwände. Er schrieb ihm am 8. Januar 1848: ‚Ich erwarte von Ihnen schriftlich, und wenn möglich umgehend, Mitteilung über die Dinge, welche Sie über die Kinder erfahren haben und einen Schatten auf deren Aussagen werfen, die sie Ihnen verdächtig machen …‘ (Akt Chaper, No. 44)
Da Abbé Cartellier keine Beweise für seine Anspielungen fand, brachte er eine Methode auf, die nach ihm viele Male angewendet wurde und die darin bestand, die Kinder in Verruf zu bringen. Vor allem Melanie, weniger liebenswürdig und rätselhafter als Maximin, ist die Zielscheibe vager, aber heimtückischer Anspielungen in den Gesprächen von einem zum anderen, die nicht verfehlen, bald sie zu treffen und zu verleumden, bald ihr Zeugnis zu entstellen. Die Untersuchung führte aber nichtsdestoweniger zu einem der Kirchendoktrin gemässen Hirtenbrief, durch welchen Bischof de Bruillard auf die wunderbare Realität der Erscheinung schloss und die Wallfahrten nach La Salette gestattete. Dieser mit dem Datum vom 19. September 1851 versehene Hirtenbrief wurde in der ganzen Diözese von Grenoble am 16. November 1851 von den Kanzeln verkündet“ (Ebd. S. 92).

Von Leon Bloy haben wir schon gehört, daß das Leben Melanies von Anfang an ungewöhnlich war, d.h. ungewöhnlich begnadet. Dies zeigte sich vor allem in vielen außergewöhnlichen Leiden, welche dieses Mädchen schon in der Kindheit zu erdulden hatte, die aber letztlich bis zu ihrem Tode fortdauerten. Hierzu eine kleine Episode aus der Zeit nach der Erscheinung.

Die Reaktion des Vaters auf die Berufung Melanies

Es war im Oktober 1851, Melanie hatte den Entschluß gefaßt, in ein Kloster einzutreten. Aber ihr Vater machte sich auf den Weg nach Corps und führte Melanie gewaltsam aus dem Kloster weg und nahm sie wieder mit sich nach Hause. In der Folge versuchte er alles, sie von ihrem Entschluß, in ein Kloster einzutreten, wieder abzubringen. Er schloß sie im Haus ein und wachte mit dem Gewehr unter dem Arm vor der Türe. Melanie aß vier Tage nicht und legte sich auch nicht schlafen. Sie wartete auf einen günstigen Moment, um fliehen zu können, der sich jedoch nicht ergab. Nach dem Gebet mit ihren Geschwistern sagte sie eines Tages zu diesen: „Was man auch immer tun wird, um mich zurückzuhalten, man wird damit nicht zu Rande kommen; ich werde mich in ein Kloster einschließen. Ich will Schwester werden, oder aber ich will eher sterben, als in diesem Ozean der Verbrechen bleiben, von dem die Erde überschwemmt ist“ (Ebd. S. 99). Die Kinder erzählten davon ihrem Vater, der sich darüber so sehr aufregte, daß er das Gewehr lud, Melanie packte, mit ihr aus dem Haus ging, sich ihr gegenüberstellte und schließlich abdrückte. Durch ein Wunder ging der Schuß unter dem Arm Melanies hindurch, ohne sie zu verletzen.

Als ein Herr aus Paris von dem Vorfall hörte, beeilte er sich, den Vater aufzusuchen. Und weil dieser ihm 600 Franken schuldete, machte er dem Vater den Vorschlag, er würde ihm diese Schuld erlassen, wenn er ihm Melanie verkaufe. Der Vater stimmte dem Handel zu. Es heißt in einem Bericht darüber: „Melanie war sehr glücklich darüber, mit unserem Heiland eine kleine Ähnlichkeit zu haben. Von diesem Augenblick an konnte sie sich etwas freier bewegen. Am darauffolgenden Tag brach sie nach Grenoble auf und machte Bischof Philibert de Bruillard ihre Aufwartung, der sie nach Corenc schickte“ (Ebd. S. 100).

Es ist kaum zu fassen, der Vater verkauft seine eigene Tochter um einen Schuldennachlaß von 600 Franken. Aber Melanie war dennoch glücklich, weil sie dadurch dem göttlichen Heiland ähnlich werden durfte, der um 30 Silberlinge verkauft wurde. Es wird Melanie ihr ganzes Leben so gehen, um Gottes und der Botschaft Unserer Lieben Frau willen, wird sie ihr ganzes Leben lang umhergestoßen werden.

Behandlung Melanies durch den Bischof von Grenoble

Mit dem Rücktritt und dem Tod von Bischof Philibert de Bruillard verliert Melanie ihren irdischen Beschützer. Der Nachfolger des Bischofs war von einem ganz anderen Geist erfüllt, einem ganz und gar unchristlichen. Melanie schreibt: „Die Pension, die Bischof de Bruillard immer für mich an die Schwestern von der Vorsehung bezahlt hatte, wurde bei Eintreffen von Bischof Ginoulhiac ausgesetzt. Alles wurde geändert. Ich war überzählig. Ich preise die Barmherzigkeit Gottes, die mich in meinem Nichts ließ. Wie der wohltuende Regen den Staub, den die Winde verweht haben, an den Boden bindet… so bewirken die Erniedrigungen, Verfolgungen und Entbehrungen, dass die Seele in ihre Nichtigkeit zurückkehrt…“ (Ebd. S. 105f).

Bischof Ginoulhiac galt zwar als guter Verwaltungsmann, hatte jedoch, wie viele damals, einen aufgeklärten Glauben. Nach der Revolution von 1848 bemühte sich Napoleon III., das Kaiserreich wieder aufzurichten, wovon sich alle einen neuen Frieden erwarteten. Der neue Bischof verheimlichte seine bonapartistischen Neigungen nicht, was natürlich dem Regime zusagte und entsprechende Erwartungen weckte. Aufgrund dieser politischen Erwartungen bereiteten dem Prälaten die Geheimnisse der Hirtenkinder eine nicht geringe Sorge. Man hatte schon versucht, Maximin sein Geheimnis zu entlocken, aber vergebens. Man befürchtete nämlich, die Geheimnisse von La Salette wären nicht gerade dazu angetan, die Absichten der Royalisten zu ermutigen, ja vielmehr befürchtete man, sie könnten bei den Katholiken eine Opposition heraufbeschwören, die sich gegen die kaiserliche Regierung richten könnte. Weil auch Melanie ihr Geheimnis vollkommen bewahrte, sah er in ihrer Gegenwart eine Gefahr für die geordneten Verhältnisse in seiner Diözese.

Dieser Bischof von Grenoble paßt vollkommen zur einer Beschreibung Melanies in einem Brief aus Castellamare vom 23. Juni 1883: „Die Personen, die dem Teufel gehören, vollbringen die Werke des Teufels. Es sind die christlichen Seelen, die Leuchten in der Kirche, das Salz der Erde, die ihre Pflichten nicht mehr tun. Oh, ich höre nicht auf zu sagen, daß die Säulen der Kirche für die Gläubigen Steine des Anstoßes geworden sind … Aber der Mond wird sich verdunkeln, die Sterne fallen herunter, doch der Mond erhält sein Licht von der Sonne, wie die Kirchenfürsten von Jesus Christus ihr göttliches Licht erhalten, damit sie es den Gläubigen weitergeben. Wenn aber der Glaube in ihnen nachläßt, bleiben die Gläubigen ohne geistige Nahrung. Gott der Schöpfer und Erhalter des Universums ist viel stärker als die Hölle; wenn folglich Gott mit den guten Seelen ist, vermögen die Bösewichte nichts. Man betet nicht mehr, und wenn man betet, geschieht das mit den Spitzen der Lippen. Die Gläubigen beten nicht, weil sie ihre Hirten nicht beten sehen. Die gottgläubigen Priester dürfen den heiligen Altar nur verlassen, um die Kranken und Betrübten zu besuchen. Wenn wir nicht Buße tun, werden wir alle verloren gehen.“

Es ist unschwer zu erkennen, wie in den Worten dieses Briefes die Mahnungen der Gottesmutter widerhallen. Die große Botschaft von La Salette ist ganz besonders eine Mahnung an die Priester, ein Vorausverkünden des großen Abfalls ganz besonders unter den Bischöfen und Priestern. Dieser Abfall der Hirten wird einen Großteil der Herde mit ins ewige Verderben stürzen. Wie erschreckend groß ist die Verantwortung der Hirten in der hl. Kirche: „Es sind die christlichen Seelen, die Leuchten in der Kirche, das Salz der Erde, die ihre Pflichten nicht mehr tun. Oh, ich höre nicht auf zu sagen, daß die Säulen der Kirche für die Gläubigen Steine des Anstoßes geworden sind.“ Das hat damals schon für viele Hirten gegolten, obwohl es auch noch viele vorbildliche, nach Heiligkeit strebende Bischöfe und Priester gab. Wie würde Melanie da erst heute klagen und mahnen?

Melanie unter der Obhut des Bischofs von Castellamare

Aber kommen wir zurück zu Melanie und dem Nachfolger von Bischof de Bruillard. Melanie berichtet von einem Besuch Bischofs Fava bei Bischof Francesco Saverino Petagna von Castellamare Ende des Jahres 1878. Der Besuch galt aber gar nicht Bischof Petagna, sondern, wie Mgr. Petana Melanie mitteilte: „Der Bischof von Grenoble verlangt mit dem Ausdruck gebieterischer Machtvollkommenheit, Sie zu zwingen, sich in seine Diözese zu begeben…“ Schon als sie ins bischöfliche Palais kam, begegnete sie einigen weinenden alten Domherren, die sagten: „Es wäre besser gewesen, er wäre in seiner Diözese geblieben und nicht hierhergekommen, um unseren Bischof zu töten. Hätte er keine Soutane angehabt, so hätten wir ihn für einen Gendarmen gehalten, hochmütig und gebieterisch wie er sich benahm.“ Andere Domherren baten Melanie: „Sorgen Sie aus Barmherzigkeit dafür, daß die grausamen Vorstellungen des Bischofs von Grenoble bei Mgr. Petagna, der ohnehin schon krank genug ist, aufhören.“

Da ihr Bischof schon sehr leidend war, nahm Melanie die Bürde auf sich, mit den Gästen zu speisen. Es ist durchaus wert, den Bericht Melanies über dieses Mittagessen etwas eingehender auf sich wirken zu lassen: „Zu Mittag erschien der Bischof von Grenoble mit Pater Berthier. Sein erstes Wort war: ‚Nach Rom bin ich aus drei Gründen gekommen: Um meine Ordensregel für die Patres und die Schwestern genehmigen zu lassen; dann, um die Bezeichnung Basilika für die Kirche auf dem Berge von La Salette zu erreichen und schließlich, um eine neue Marienstatue ähnlich dem Modell, das ich mitgebracht habe, schaffen zu lassen; denn sehen Sie, keine Statue stellt die Heilige Jungfrau wirklich gut dar, die weder ein Halstuch noch eine Schürze gehabt haben dürfte; alle Welt hält sich darüber auf und missbilligt diese Bäuerinnentracht. Das Modell, das ich herstellen ließ, ist wesentlich besser! Vor allem wird sie kein Kreuz tragen, denn sehen Sie, das bedrückt die Pilger, und die Heilige Jungfrau wird wohl kein Kreuz gehabt haben…‘ Ich verzichte auf weitere Schilderungen, da sich meine Feder sträubt, alles niederzuschreiben, was der Bischof gesagt hatte. Ich war erschrocken; kaum brachte ich heraus; ‚Und am Sockel Ihrer Statue, Euer Gnaden, werden Sie in großen Lettern eingravieren lassen: Die Jungfrau nach der Vision von Mgr. Fava‘“ (Gouin, Paul: „Melanie, die Hirtin von La Salette“, Stein am Rhein 1982, S. 145).

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