Innere Versöhnung in der Kirche

von antimodernist2014

1. Vor zehn Jahren, am 7. Juli 2007, erließ Joseph Ratzinger als „Benedikt XVI.“ sein vielbeachtetes „Motu proprio Summorum Pontificum“, untertitelt „De usu extraordinario antiquae formae Ritus Romani“, „über den außerordentlichen Gebrauch der alten Form des römischen Ritus“, oder „über den Gebrauch der Römischen Liturgie in der Gestalt vor der Reform von 1970“, wie die deutsche Übersetzung auf den Seiten des Vatikan lautet.

2. Die „Petrusbruderschaft“ begrüßte damals freudig „aus ganzem Herzen mit großer Dankbarkeit die schon lange erhoffte Veröffentlichung des Motu Proprios ‚Summorum Pontificum‘ unseres Heiligen Vaters Benedikt XVI., das die erweiterte Zulassung der überlieferten Liturgie regeln soll“. „Mit besonderer Freude“ erfüllte sie dabei nach den Worten ihres „Distriktoberen“ „die hierin erfolgte Klarstellung über den bedeutenden Platz, den das Missale des seligen Johannes XXIII. im Leben der Kirche einnimmt“. Die „Piusbruderschaft“ in Gestalt ihres Vorsitzenden jubelte, „Benedikt XVI.“ habe „die tridentinische Messe wieder in ihre Rechte eingesetzt“, und freute sich, „daß die Kirche so ihre liturgische Tradition wiederfindet“. „Für diese große geistige Wohltat“ sprachen die „Piusbrüder“ „dem Obersten Hirten ihre innige Dankbarkeit aus“. „Mit großer Freude und Dankbarkeit“ begrüßten auch „die in den katholischen Vereinigungen Pro Missa Tridentina, Una Voce Deutschland und Pro Sancta Ecclesia zusammengeschlossenen traditionsverbundenen Gläubigen“ das weltbewegende Ereignis. Es sei dies „ein historischer Wendepunkt in der nachkonziliaren Entwicklung“. Der „seit vielen Jahrhunderten gefeierte klassische römische Ritus“ werde „als außerordentliche Form des römischen Ritus anerkannt“ und erhalte „damit endlich nach mehr als 35 Jahren der de-facto-Abschaffung wieder seinen festen Platz in der Kirche zurück“.

Wir wollen anläßlich des Jubiläums ein wenig Bilanz ziehen, welche Früchte nach zehn Jahren aus diesem inzwischen sagenumwobenen „Motu proprio“ (in „Traditionalisten“-Kreisen hat es bereits einen legendären Status als „das“ Motu proprio schlechthin, ähnlich wie „das“ Konzil und „der“ Erzbischof; man braucht nicht zu sagen, welches Motu proprio, welches Konzil oder welcher Erzbischof gemeint ist) tatsächlich hervorgegangen sind. Nach allgemeinem Sprachgebrauch bei den „Traditionalisten“ ist damit die „Freigabe der alten Messe“ erfolgt. „Das Motu proprio Summorum Pontificum zur Rehabilitierung der überlieferten lateinischen Messe vor nunmehr 10 Jahren war eine entscheidende Tat für das Gesunden der Kirche“, behauptet ein führender Lefebvrist.

„Alte“ und „Neue Messe“

3. Um die Vorgänge exakt nachzuvollziehen, ist zunächst eine wichtige Klärung erforderlich. Das „Motu proprio“ selbst spricht in seinem lateinischen Titel von der „antiqua forma Ritus Romani“, der „alten Form des römischen Ritus“, in deutscher Übertragung von „der Römischen Liturgie in der Gestalt vor der Reform von 1970“. Die „traditionsverbundenen Gläubigen“ nennen sie „überlieferte Liturgie“, „Missale des seligen Johannes XXIII.“, „tridentinische Messe“, „klassischer römischer Ritus“ oder „überlieferte lateinische Messe“. Im Volksmund wird das, was hier gemeint ist, kurz „alte Messe“ genannt und der sog. „Neuen Messe“ gegenüber gestellt.

Der Ausdruck „Novus Ordo Missae“ stammt von „Papst Paul VI.“ persönlich. Dieser hielt am 29. November 1969, dem Vorabend des Inkrafttretens seiner Konstitution „Missale Romanum“ zur „Einführung des gemäß Beschluß des Zweiten Vatikanischen Konzils erneuerten Römischen Meßbuches“, bei seiner Generalaudienz eine Ansprache, in welcher er sagte: „Wir wollen eure Aufmerksamkeit auf ein Ereignis lenken, das der Lateinischen Katholischen Kirche unmittelbar bevorsteht: Die Einführung der Liturgie nach dem Neuen Ordo der hl. Messe. Diese Liturgie wird in den italienischen Diözesen vom 1. Adventssonntag an verpflichtend, er fällt in diesem Jahr auf den 30. November. Die hl. Messe wird künftig in einer Weise gefeiert, die sich deutlich von dem unterscheidet, woran wir in den letzten 400 Jahren seit Papst Pius V. und dem Konzil von Trient gewöhnt waren.“ Zurecht wird man von dem „Neuen Ordo der hl. Messe“, welcher sich „deutlich von dem unterscheidet, woran wir in den letzten 400 Jahren seit Papst Pius V. und dem Konzil von Trient gewöhnt waren“, als einer „Neuen Messe“ reden oder der „Messe Pauls VI.“, welche der „alten Messe“, der „Messe Pius‘ V.“ oder „tridentinischen Messe“ gegenübersteht.

Der Übergang von der einen zur anderen ist jedoch nicht abrupt erfolgt, sondern in einem längeren Prozeß nach Art einer alchimistischen „Transmutation“. „Das Große Werk, die Transmutation des Alchemisten konnte mehrere Monate oder gar Jahre dauern“, schreibt „Wikipedia“. In der Alchemie war man, in etwas eigenwilliger Anwendung des Aristotelischen Hylemorphismus (wonach jeder Körper aus Form und Materie besteht) überzeugt, „alle Stoffe seien nicht nur aus Eigenschaften, sondern aus Prinzipien aufgebaut“. „Somit war es theoretisch möglich, einen beliebigen Stoff (hyle), vorzugsweise also unedle Metalle, mit den edlen Prinzipien (eidos) von Gold oder Silber neu zu gestalten. Das war idealerweise möglich, wenn man zuvor den unedlen Stoff von unedlen Prinzipien befreit hatte und ihn damit empfänglich für neue Prinzipien gemacht hatte.“ Annibale Bugnini, der Schöpfer des „Novus Ordo“, wendete diese Technik auf die Liturgie an. Die Heilige Messe war ihrer „unedlen“ Prinzipien zu entkleiden, als da waren mittelalterlicher Aberglaube, barocke Überwucherungen durch allerhand Unrat und klerikalen Pomp, welcher „der inneren Wesensart der Liturgie weniger entspricht“, oder Dinge, die „sich als weniger geeignet herausgestellt haben“, wie es in „Sacrosanctum Concilium“ heißt (SC 21), und natürlich der elitäre aristokratische Dünkel einer „Priesterliturgie“.

Alsdann waren ihr die „edlen Prinzipien“ einzupflanzen, um der Liturgie „einerseits die ehrwürdige Einfachheit des apostolischen goldenen Zeitalters wieder(zu)geben“ und sie „andererseits mit dem Zustand des modernen Bewußtseins sowie der modernen Zivilisation in Einklang“ zu bringen, wie es der Luziferianer Abbé Roca formuliert hatte. „Die Riten mögen den Glanz edler Einfachheit an sich tragen und knapp, durchschaubar und frei von unnötigen Wiederholungen sein. Sie seien der Fassungskraft der Gläubigen angepaßt und sollen im allgemeinen nicht vieler Erklärungen bedürfen“ (SC 34). Sie sollen „das Heilige, dem sie als Zeichen dienen, deutlicher zum Ausdruck bringen, und so, daß das christliche Volk sie möglichst leicht erfassen und in voller, tätiger und gemeinschaftlicher Teilnahme mitfeiern kann“ (SC 21). Ganz dem entsprechend sah Bugnini die Liturgie der Kirche als ein altes, vom Verfall bedrohtes Gebäude, das dringend der Reparatur oder Erneuerung bedürftig war. Ihre „Mängel, Unzulänglichkeiten und Beschwerlichkeiten“ machten sie geistig „steril“ und unzugänglich für das moderne Empfinden. Man müsse zur Einfachheit der ersten Zeiten, zur Liturgie der frühen Kirche zurückkehren und alle späteren Entwicklungen, speziell des Mittelalters und der nachtridentinischen Zeit, wieder rückgängig machen. Insbesondere sei die Liturgie dem Volk zurückzugeben, sie sei zu „demokratisieren“, wie Dom Bauduin es genannt hatte.

4. Für sein „Großes Werk“ benötigte Bugnini gut zwanzig Jahre. Es begann 1948 mit seiner Ernennung als Sekretär der von Pius XII. einberufenen „Päpstlichen Kommission für eine allgemeine Reform der Liturgie“. Die wichtigsten Etappen waren die „Experimentelle Osternacht“ 1951, danach 1955 die „Neuordnung der Karwoche“, welche P. Carlo Braga, ein Mitarbeiter der Päpstlichen Kommission später einmal den „Kopf des Rammbocks“ genannt hat, mit „welchem die Festung der bis anhin statischen Liturgie eingerissen wurde“. Ebenfalls im Jahr 1955, am 23. März, erging das Dekret der Ritenkongregation „Cum nostra hac aetate“ über „die Vereinfachung der Rubriken“. Ihr Sinn war, ganz im Geist von Roca, „dem Officium eine größere Einfachheit zu geben“, und es geschah „am ‚formreichen Gebäude‘ der Liturgie das gleiche, was in unseren Jahren an so manchem Gotteshaus geschieht: Fialen, Türmchen, Schnitzwerk, Aufbauten werden entfernt, damit das Gotteshaus dem gehetzten Menschen des technischen Zeitalters eine immer klarere Ruhe entgegenstrahle“ (Schnitzler).

Die Einführung der Abendmesse und Neuregelung des eucharistischen Fastens (1953 – 1957) waren ebenso wichtige Schritte wie die Instruktion der Ritenkongregation „De musica sacra et sancta liturgia“ vom 3. Sept. 1958, in welcher die „tätige Teilnahme“ der Gläubigen bereits weitreichend verwirklicht worden ist, insbesondere durch die „dialogisierte Messe“. Ihre Zusammenfassung und ihren ersten vorläufigen Abschluß erlangte diese erste Phase der „Transmutation“ 1962 in den „Büchern Johannes‘ XXIII.“. Dieser vorläufige Abschluß erfolgte, weil das „II. Vatikanum“ unmittelbar bevorstand und den endgültigen Durchbruch zu ermöglichen versprach. „Nach langer und reiflicher Überlegung haben Wir geglaubt“, schreibt „Johannes XXIII.“ in seinem Motu proprioRubricarum instructum“ vom 25. Juli 1960, in welchem er die Herausgabe seiner Bücher ankündigt, „daß die fundamentalen Grundsätze einer allgemeinen Erneuerung der Liturgie im kommenden Konzil den Vätern vorgelegt werden müssen, aber daß die bereits bekanntgegebene Reform der Rubriken von Brevier und Missale nicht länger zurückgestellt werden sollte.“

Sekretär der Liturgischen Vorbereitenden Kommission für das Konzil ist wieder Annibale Bugnini, und wenn er auch für die eigentliche Konzilskommission dann nicht übernommen wurde, so ist doch er der Hauptverantwortliche für den Text der Liturgiekonstitution des „II. Vatikanums“ „Sacrosanctum Concilium“, in welcher die neuen Prinzipien, allen voran die „tätige Teilnahme der Gläubigen“, endgültig für die „Erneuerung der Liturgie“ verpflichtend erklärt wurden. „So richtet die Kirche ihre ganze Sorge darauf, daß die Christen diesem Geheimnis des Glaubens nicht wie Außenstehende und stumme Zuschauer beiwohnen; sie sollen vielmehr durch die Riten und Gebete dieses Mysterium wohl verstehen lernen und so die heiligen Handlungen bewußt, fromm und tätig mitfeiern, sich durch das Wort Gottes formen lassen, am Tisch des Herrenleibes Stärkung finden. Sie sollen Gott danksagen und die unbefleckte Opfergabe darbringen nicht nur durch die Hände des Priesters, sondern auch gemeinsam mit ihm und dadurch sich selber darbringen lernen“ (SC 48). Das „allgemeine Priestertum der Gläubigen“ tritt zumindest gleichberechtigt neben das Priestertum des geweihten Priesters und macht die Messe zur Gemeinschaftsveranstaltung. Den Gemeinschaftscharakter betont auch die Einführung eines neuen „Konzelebrationsritus“.

Bereits seit Herbst 1963 arbeitete eine von Paul VI. einberufene Kommission geheim an der Umsetzung der vom „II. Vatikanum“ beschlossenen Liturgiereform. Ihr Sekretär hieß wiederum Annibale Bugnini. Am 3. Januar 1964 wurde Bugnini zum Sekretär des „Consilium ad exsequendam Constitutionem de sacra Liturgia“, also des „Rates zur Durchführung der Konstitution über die heilige Liturgie“, ernannt, dessen Vorsitz Kardinal Lercaro innehatte und der eigens geschaffen worden war, um die Liturgiekonstitution umzusetzen. „Das Consilium übte vom 19. Februar 1964, dem Datum seiner offiziellen Errichtung, bis 1969 seine Arbeit als ein direkt vom Papst abhängiges Organ aus und beraubte damit die heilige Ritenkongregation ihrer Vollmachten“ (Mattei S. 404). In dieser Zeit erfolgten rasch hintereinander die weiteren Schritte: Das neue, zweiteilige Missale von 1965, der „Römische Meßkanon Lateinisch-Deutsch“ im Jahr 1967, schließlich die drei „neuen Hochgebete“ 1968. Spätestens damit war das Herzstück der Heiligen Messe, der Meßkanon, beseitigt und einem „Eucharistischen Hochgebet“ gewichen, und der Weg war frei für die letzte und endgültige Neugestaltung: den „Novus Ordo Missae“, welcher am Gründonnerstag, dem 3. April 1969, durch die Apostolische Konstitution Pauls VI. „Missale Romanum“ zur „Einführung des gemäß Beschluß des Zweiten Vatikanischen Konzils erneuerten Römischen Meßbuches“ promulgiert wurde. Es dauerte noch einige Zeit, bis überall die „Neuen Meßbücher“ vorlagen, vor allem die Übersetzungen, und dann verpflichtend eingeführt waren.

In Deutschland war es Mitte der 1970er Jahre so weit: „Das zweibändige Meßbuch wurde am 10. Dezember 1974 von Papst Paul VI. bestätigt und am 1. Fastensonntag 1976 eingeführt; es löste das dreibändige Altarmeßbuch (1965) und die bisherigen deutschen ‚Studientexte‘, die seit 1967 in Gebrauch waren, wie auch das Missale Romanum Tridentinum ab“, heißt es in einer Studie von Michael Schneider („Zur Beurteilung der Liturgiereform und der Tridentinischen Messe im theologischen Werk Joseph Ratzingers“, Köln 2007). „Wohl können ältere, kranke oder behinderte Priester weiterhin das Missale Romanum Tridentinum accommodatum Papst Pius’ V. verwenden, insofern sie ohne Volk die Messe zelebrieren und eine Erlaubnis des Bischofs gegeben ist; diese Erlaubnis liegt auch in einzelnen Kirchen der Bistümer zu bestimmten Zeiten vor.“ Auch diese Entwicklung wurde von Bugnini begleitet, der von 1969 bis 1975 die neugegründete römische „Kongregation für den Gottesdienst“ leitete, welche die frühere Ritenkongregation ablöste. Erst nachdem sein „Großes Werk“ vollendet war, wurde er als „Apostolischer Pro-Nuntius“ in den Iran abgeschoben.

5. Dieser kleine Überblick zeigt, daß die „Neue Messe“ den Endpunkt, den „terminus ad quem“, eines Prozesses darstellt, dessen Anfangspunkt, den „terminus a quo“, die Römische Messe bildet, wie sie vom heiligen Papst Pius V. im Auftrag des Konzils von Trient kodifiziert worden und abgesehen von den größeren Reformen des heiligen Pius X., die allerdings kaum die Messe selber betrafen, beinahe vierhundert Jahre unverändert geblieben war. Wir nennen sie daher gewöhnlich „alte Messe“, „tridentinische Messe“, „Messe des hl. Pius V.“, oder nach ihrer Reform „Messe des hl. Pius X.“ Bei den verschiedenen Stadien der „Transmutation“, insbesondere den in eigene Bücher gefaßten von 1962 und 1965, haben wir es gewissermaßen mit „Zwischenstationen“ zu tun, die zwischen der „alten“ und der „Neuen Messe“ liegen, je nach fortschreitender Jahreszahl jeweils näher der „tridentinischen Messe“ oder dem „Novus Ordo“.

Seiten: 1 2 3 4 5