Innere Versöhnung in der Kirche

von antimodernist2014

Ist in den Beziehungen zwischen den „Traditionalisten“ und Neurom von der „alten Messe“ die Rede, so ist stets das „präkonziliare“ Zwischenstadium von 1962 gemeint. „Papst Ratzinger“ schreibt in seinem „Motu proprio“: „Andererseits hingen in manchen Gegenden nicht wenige Gläubige den früheren liturgischen Formen, die ihre Kultur und ihren Geist so grundlegend geprägt hatten, mit derart großer Liebe und Empfindung an und tun dies weiterhin, daß Papst Johannes Paul II., geleitet von der Hirtensorge für diese Gläubigen, im Jahr 1984 mit dem besonderen Indult ‚Quattuor abhinc annos‘, das die Kongregation für den Gottesdienst entworfen hatte, die Möglichkeit zum Gebrauch des Römischen Meßbuchs zugestand, das von Johannes XXIII. im Jahr 1962 herausgegebenen worden war; im Jahr 1988 forderte Johannes Paul II. indes die Bischöfe mit dem als Motu Proprio erlassenen Apostolischen Schreiben ‚Ecclesia Dei‘ auf, eine solche Möglichkeit weitherzig und großzügig zum Wohl aller Gläubigen, die darum bitten, einzuräumen.“ Eben jenes „Römische Meßbuch“, das „von Johannes XXIII. im Jahr 1962 herausgegebenen worden war“ ist auch Gegenstand der „Freigabe“ in seinem eigenen „Motu proprio“ von 2007.

Der Hintergrund dazu ist folgender. Die Bewegung der „Traditionalisten“, welche nach dem „II. Vatikanum“ entstanden war und einige der „konziliaren Neuerungen“, insbesondere aber den „Novus Ordo Missae“ ablehnte, wurde ab Mitte der 1970er Jahre mehr und mehr von Erzbischof Lefebvre und seiner „Piusbruderschaft“ dominiert. In deren Anfängen in Fribourg und Ecône hatte man die ersten „nachkonziliaren“ Bücher von 1965 verwendet, ehe man im Jahr 1974 unter dem Druck der „Basis“ zu den letzten „vorkonziliaren“ Büchern von 1962 wechselte. In den deutschsprachigen und anglophonen Ländern war es auch bei den „Pius“-Priestern Usus, die Bücher von vor 1955 zu benutzen. Erst in „den 1980er Jahren legte Ebf. Lefebvre der gesamten FSSPX auf, das Meßbuch und Brevier von Johannes XXIII. zu verwenden“, berichtet P. Anthony Cekada, ein Zeitzeuge. „Wie wir ebenfalls später erfuhren, war dies Teil der ‚Verhandlungen‘, die Bf. Lefebvre mit Ratzinger und Johannes Paul II. geführt hatte. Er hatte sogar darum gebeten, das Meßbuch von 1962 zu benutzen, dasselbe Buch, das dann später für die Indultmesse vorgeschrieben wurde, die Petrusbruderschaft und für die Motu-Messe Ratzingers von 2007.“

Die Festlegung der „Traditionalisten“-Szene auf die Bücher von 1962 geschah demnach bereits im Zug der ersten Verhandlungen zwischen „Piusbruderschaft“ und „Rom“ zu Beginn der 1980er Jahre und in einem gewissen Einvernehmen. Damit wurde dekretiert, was fortan in diesen Kreisen als „alte Messe“ zu gelten hatte. Von da an waren es nur noch die Splittergrüppchen der „Sedisvakantisten“, welche an der wirklichen „alten Messe“ festhielten, wie sie vor Beginn der „Transmutation“ ausgesehen hatte. Mit der „antiqua forma Ritus Romani“, der „alten Form des römischen Ritus“, „der Römischen Liturgie in der Gestalt vor der Reform von 1970“, der „überlieferten Liturgie“, „tridentinischen Messe“, dem „klassischen römischen Ritus“ oder der „überlieferten lateinischen Messe“ ist hingegen stets dasselbe gemeint: das „Missale des seligen Johannes XXIII.“ oder die „präkonziliaren“ Bücher von 1962. Wir sagen bewußt „präkonziliar“ statt „vorkonziliar“, insofern die „präkonziliare Phase“ nicht einfach nur vor dem „II. Vatikanum“ liegt, sondern dieses vorbereitet und darauf hinzielt.

Niemals abgeschafft

6. Der Kern des „Motu proprio“ Ratzingers alias „Benedikts XVI.“ lautet: „Nachdem die inständigen Bitten dieser Gläubigen schon von Unserem Vorgänger Johannes Paul II. über längere Zeit hin abgewogen worden sind und Wir auch die Kardinäle in dem am 23. März 2006 abgehaltenen Konsistorium angehört haben, nachdem alles reiflich abgewogen worden ist, nach Anrufung des Heiligen Geistes und fest vertrauend auf die Hilfe Gottes, BESCHLIESSEN WIR mit dem vorliegenden Apostolischen Schreiben folgendes: Art. 1. Das von Paul VI. promulgierte Römische Meßbuch ist die ordentliche Ausdrucksform der ‚Lex orandi‘ der katholischen Kirche des lateinischen Ritus. Das vom hl. Pius V. promulgierte und vom sel. Johannes XXIII. neu herausgegebene Römische Meßbuch hat hingegen als außerordentliche Ausdrucksform derselben ‚Lex orandi‘ der Kirche zu gelten, und aufgrund seines verehrungswürdigen und alten Gebrauchs soll es sich der gebotenen Ehre erfreuen. Diese zwei Ausdrucksformen der ‚Lex orandi‘ der Kirche werden aber keineswegs zu einer Spaltung der ‚Lex credendi‘ der Kirche führen; denn sie sind zwei Anwendungsformen des einen Römischen Ritus. Demgemäß ist es erlaubt, das Meßopfer nach der vom sel. Johannes XXIII. im Jahr 1962 promulgierten und niemals abgeschafften Editio typica des Römischen Meßbuchs als außerordentliche Form der Liturgie der Kirche zu feiern. Die von den vorangegangenen Dokumenten ‚Quattuor abhinc annos‘ und ‚Ecclesia Dei‘ für den Gebrauch dieses Meßbuchs aufgestellten Bedingungen aber werden wie folgt ersetzt: …“ Es folgen die Artikel 2 bis 12 mit den entsprechenden Bestimmungen.

Hierzu stellt sich die Frage: Kann irgendwer, und sei es der Papst, einfachhin „BESCHLIESSEN“, daß das „von Paul VI. promulgierte Römische Meßbuch“ die „ordentliche Ausdrucksform der ‚Lex orandi‘ der katholischen Kirche des lateinischen Ritus“ ist; daß das „vom hl. Pius V. promulgierte und vom sel. Johannes XXIII. neu herausgegebene Römische Meßbuch“ hingegen „als außerordentliche Ausdrucksform derselben ‚Lex orandi‘ der Kirche zu gelten“ hat; daß „es erlaubt“ ist, das „Meßopfer nach der vom sel. Johannes XXIII. im Jahr 1962 promulgierten und niemals abgeschafften Editio typica des Römischen Meßbuchs als außerordentliche Form der Liturgie der Kirche zu feiern“? Kann man „BESCHLIESSEN“, daß etwas sei, was nicht ist?

„Papst Ratzinger“ hielt es seinerzeit für nötig, seinem „Motu proprio“ einen Begleitbrief an die „Brüder im Bischofsamt“ beizugeben. Er geht darin auf „zwei Befürchtungen“ ein, welche im Vorfeld seines „Motu proprio“, dessen Kommen schon länger angekündigt war, „Verwirrung gestiftet“ hatten. An erster Stelle stand demnach „die Furcht, hier werde die Autorität des II. Vatikanischen Konzils angetastet und eine seiner wesentlichen Entscheidungen – die liturgische Reform – in Frage gestellt“. Doch: „Diese Befürchtung ist unbegründet.“ Denn selbstverständlich ist und bleibt „das von Papst Paul VI. veröffentlichte und dann in zwei weiteren Auflagen von Johannes Paul II. neu herausgegebene Missale die normale Form – die Forma ordinaria – der Liturgie der heiligen Eucharistie“, während die „letzte dem Konzil vorausgehende Fassung des Missale Romanum, die unter der Autorität von Papst Johannes XXIII. 1962 veröffentlicht und während des Konzils benützt wurde“, „demgegenüber als Forma extraordinaria der liturgischen Feier Verwendung finden“ könne. Es sei „nicht angebracht, von diesen beiden Fassungen des Römischen Meßbuchs als von ‚zwei Riten‘ zu sprechen“ sondern es handele sich „vielmehr um einen zweifachen Usus ein und desselben Ritus“.

Wichtig erscheint die Betonung, daß es um die „letzte dem Konzil vorausgehende Fassung des Missale Romanum“ geht, „die unter der Autorität von Papst Johannes XXIII.“, dem „Konzilspapst“, „1962 veröffentlicht und während des Konzils benützt wurde“. Schließlich soll ja nicht „die Autorität des II. Vatikanischen Konzils angetastet und eine seiner wesentlichen Entscheidungen … in Frage gestellt“ werden. Joseph Ratzinger hatte ebenso gut wie Erzbischof Lefebvre verstanden, daß die wahre „vom hl. Pius V. promulgierte“ Heilige Messe den „Brüdern im Bischofsamt“ nicht zu verkaufen gewesen wäre. Es fällt auf, daß er einmal das „vom hl. Pius V. promulgierte und vom sel. Johannes XXIII. neu herausgegebene Römische Meßbuch“ benennt, das andere Mal von der „vom sel. Johannes XXIII. im Jahr 1962 promulgierten und niemals abgeschafften Editio typica des Römischen Meßbuchs“ redet. War dieses „Römische Meßbuch“ nun vom heiligen Papst Pius V. „promulgiert“ und „vom sel. Johannes XXIII.“ nur „neu herausgegeben“, oder war es von letzterem „promulgiert“? Promulgation bedeutet Gesetzeskraft. Hat der heilige Pius V. dem „Römischen Meßbuch“ Gesetzeskraft gegeben oder der „sel. Johannes XXIII.“?

7. „Benedikt XVI.“ legt jedenfalls Wert auf die Feststellung, „daß dieses Missale nie rechtlich abrogiert wurde und insofern im Prinzip immer zugelassen blieb“. Es ist dies, was die „Traditionalisten“ mit höchster Genugtuung erfüllte und ihnen bis heute als Beweis dient, wie recht sie in all ihrem Beharren doch hatten. Es überrascht jedoch, wenn man einige frühere Aussagen Joseph Ratzingers kennt, welche aus seiner Zeit als „Präfekt der Glaubenskongregation“ stammen. „Es gibt gar keinen Zweifel, daß dieses neue Missale in vielem eine wirkliche Verbesserung und Bereicherung brachte“, heißt es da etwa, „aber daß man es als Neubau gegen die gewachsene Geschichte stellte, diese verbot (!) und damit Liturgie nicht mehr als lebendiges Wachsen, sondern als Produkt von gelehrter Arbeit und von juristischer Kompetenz erscheinen ließ, das hat uns außerordentlich geschadet.“ „Aber ich war bestürzt über das Verbot (!) des alten Missale, denn etwas Derartiges hatte es in der ganzen Liturgiegeschichte nie gegeben. […] Das nunmehr erlassene Verbot (!) des Missale, das alle Jahrhunderte hindurch seit den Sakramentaren der alten Kirche kontinuierlich gewachsen war, hat einen Bruch in die Liturgiegeschichte getragen, dessen Folgen nur tragisch sein konnten.“ (J. Kardinal Ratzinger, Aus meinem Leben. Lebenserinnerungen Stuttgart 1998, S. 172). „Jenen Uniformismus, mit dem man jetzt das absolute Verbot (!) des Missale von 1962 zu rechtfertigen versucht, hat es in der Geschichte allenfalls in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gegeben…“

„Papst Ratzinger“ scheint dem „Kardinal Ratzinger“ zu widersprechen. Als „Kardinal“ beklagte er wiederholt das „Verbot“ des „alten Missale“. Er trat dafür ein, „daß die ‚Exkommunikation des alten Missale aufhören muß‘“, schreibt Michael Schneider und zitiert den „Kardinal“: „Was der Kirche tief geschadet hat und immer noch schadet, ist der Graben, den man zwischen ‚vorkonziliar’ und ‚nachkonziliar’ aufgerichtet hat, als ob es sich um zwei Kirchen und zwei Liturgien handelte, als ob das damals Heiligste nun das Verbotenste und Schlimmste wäre.“ Als „Papst“ benutzt er nun die Gelegenheit, per „Beschluß“ diesen „Graben“ zu schließen, indem er ganz einfach behauptet, daß es ihn nie gegeben habe. Die dialektische Überwindung des „Bruches“ „zwischen ‚vorkonziliar‘ und ‚nachkonziliar‘“ sah er gewissermaßen als seine Lebensaufgabe und insbesondere als seinen Auftrag im „päpstlichen Amt“. Vor diesem Horizont allein ist sein „Motu proprio“ ebenso zu verstehen wie seine Versöhnungsbemühungen mit den „Traditionalisten“.

Wie ist es nun? War das „alte Missale“ verboten oder nicht? Prof. Wolfgang Waldstein hat dazu eine gelehrte Arbeit vorgelegt: „Zur Frage der normativen Qualität des Verbots des Missale Romanum von 1962“, publiziert im „Rundbrief Pro Missa Tridentina Nr. 31“ vom März 2006. Er bezieht sich auf einen Brief, den „Kardinal Joseph Ratzinger bereits 1976 als Professor mir geschrieben hat, daß es sich dabei um einen ‚der kirchlichen Rechts- und Liturgiegeschichte durchaus fremden Typus von Verbot des Bisherigen‘ handelt“. Ratzinger habe ihm damals bestätigt: „Ich kann aus meiner Kenntnis der Konzilsdebatte und aus nochmaliger Lektüre der damals gehaltenen Reden der Konzilsväter mit Sicherheit sagen, daß dies nicht intendiert war.“ Das werde „auch durch Art. 4 der Liturgiekonstitution (Sacrosanctum Concilium) bestätigt, der in den offiziellen Übersetzungen lautet: ‚Treu der Überlieferung erklärt das Heilige Konzil schließlich, daß die heilige Mutter Kirche allen rechtlich anerkannten Riten gleiches Recht und gleiche Ehre zuerkennt. Es ist ihr Wille, daß diese Riten in Zukunft erhalten und in jeder Weise gefördert werden, … .“ Ein weiterer Beweis ist ihm die Bulle „Quo primum“ des heiligen Pius V., „mit der am 14. Juli 1570 das von ihm überarbeitete Missale Romanum in Kraft gesetzt wurde“, und welche „im § 2 bestimmt, daß alle Riten, die von Anfang an vom Apostolischen Stuhl approbiert worden waren oder über 200 Jahre in den gleichen Kirchen zur Feier der heiligen Messe ununterbrochen gebraucht wurden, weiterhin gültig bleiben“ sollten. „Pius V. hat also mit der Einführung des überarbeiteten Missale Romanum die Vielfalt liturgischer Formen ausdrücklich bekräftigt.“

Den Einwand, daß es sich bei der „Neuen Messe“ um die erneuerte Form der „alten“ handle und insofern nicht um einen anderen Ritus, läßt Prof. Waldstein nicht gelten: „Schon die Realitäten, die Ratzinger aufgezeigt hat, machen die Fiktion von der Identität der neuen Messe mit der alten völlig zunichte. Aber auch die Darstellung Bugninis betreffend die Bischofssynode 1967 und die Vorgänge um die Publikation der neuen Messe zeigen, welche Umbrüche mit diesen Vorgängen verbunden waren. Jeder aufmerksame Beobachter und leidvolle Teilnehmer an von Liturgiekreisen oder ‚autonomen‘ Geistlichen ‚gestalteten‘ Liturgien kann seit Jahrzehnten bezeugen, daß die neue Liturgie tatsächlich eine neue ist, und zwar auch dann, wenn sie korrekt gefeiert wird.“ Hier widerspricht ihm freilich „Papst Ratzinger“ mit seinem „Motu proprio“, in dem dieser behauptet, es seien nicht verschiedene Riten, sondern nur „zwei Anwendungsformen des einen Römischen Ritus“.

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