Innere Versöhnung in der Kirche

von antimodernist2014

8. Seine These geht nun dahin, daß die „tridentinische Messe“ unter jene „rechtlich anerkannten Riten“ fällt, welche nach dem Willen des hl. Pius V. ebenso wie des „II. Vatikanums“ „in Zukunft erhalten und in jeder Weise gefördert werden“ sollen. Er meint sogar, auch „Paul VI.“ vereinnahmen zu können, insofern er angibt, „daß die Apostolische Konstitution Missale Romanum vom 3. April 1969“, mit welcher „Paul VI.“ die „Neue Messe“ einführte, „kein Verbot anderer Riten enthält“, und das obwohl diese Konstitution mit den Worten endet: „Die Bestimmungen dieser Konstitution treten am 30. November, dem ersten Adventssonntag dieses Jahres, in Kraft. Unsere Anordnungen und Vorschriften sollen jetzt und in Zukunft gültig und rechtskräftig sein, unter Aufhebung jedweder entgegenstehender Konstitutionen und Verordnungen Unserer Vorgänger sowie aller übrigen Anweisungen, welcher Art sie auch seien. Gegeben zu St. Peter in Rom, am 3. April, Gründonnerstag 1969, im sechsten Jahre Unseres Pontifikates.“ Auch stellte Montini alias „Paul VI.“ in einer Ansprache vom 29. November 1969 ausdrücklich fest, daß es sich um eine „Reform“ ein und derselben Messe handelt, welche der ausdrückliche Wille des „II. Vatikanums“ gewesen sei. Zwar gibt er zu: „Die hl. Messe wird künftig in einer Weise gefeiert, die sich deutlich von dem unterscheidet, woran wir in den letzten 400 Jahren seit Papst Pius V. und dem Konzil von Trient gewöhnt waren.“ Er betont aber: „Die Messe des neuen Ordo ist und bleibt die gleiche Messe, die wir immer hatten. Wenn sich etwas geändert hat, dann das, daß ihre Selbstindentität in einiger Hinsicht noch klarer zum Ausdruck gebracht wird.“

Prof. Waldstein hingegen meint, das „Verbot selbst hat sich sozusagen ‚schleichend‘ entwickelt in einer Instructio und in Notificationes der Congregatio pro Cultu Divino“. „Die Instructio de constitutione Apostolica ‚Missale Romanum‘ gradatim ad effectum deducenda vom 20. Oktober 1969“ bestimme in der Nr. 7, „daß die einzelnen Bischofskonferenzen den Tag festsetzen sollen, ab dem der Ordo Missae, ausgenommen in den in den Nummern 19 und 20 genannten Fällen, in Gebrauch genommen werden muß. In der Nr. 14 wird das etwas verschärft wiederholt. Dieser Tag darf nicht über den 28. November 1971 hinausgeschoben werden. Damit ist in der Instructio selbst kein direktes Verbot ausgesprochen.“ Er zitiert die Nr. 19 der Instruktion: „Priester in fortgeschrittenem Alter, welche die Messe ohne Volk feiern, und die vielleicht größere Schwierigkeiten mit dem neuen Ordo Missae und den zu verwendenden Texten des Missale Romanum und der Leseordnung in der Messe haben, können, mit Zustimmung des eigenen Ordinarius, die jetzigen Riten und Texte weiter gebrauchen.“ Und die Nr. 20: „Aber besondere Fälle, nämlich von gebrechlichen Priestern, oder von solchen, die durch Krankheiten oder andere Schwierigkeiten behindert sind, sollen dieser Heiligen Kongregation vorgelegt werden.“ Immerhin muß der Professor nun gestehen: „Das Verbot ergibt sich hier aus dem Umkehrschluß.“

Waldstein ist der Ansicht, „daß es sich bei den beiden Notificationes um rechtswidrige Verordnungen handelt“. „Diese Tatsache wurde mit der Fiktion verschleiert, daß die neue Liturgie keine neue sei. Sie sind jedenfalls keine kirchlichen Gesetze im formellen Sinne. Daher hat es auch kein im formellen Sinne rechtliches Verbot der alten Liturgie gegeben. Das Verbot beruhte auf administrativen Maßnahmen einer Kongregation. Can. 34 § 2 CIC bestimmt: ‚Anordnungen von Instruktionen heben Gesetze nicht auf, und wenn irgendwelche mit Vorschriften von Gesetzen nicht in Einklang gebracht werden können, entbehren sie jeder Rechtskraft.‘ Das Verbot der früheren Liturgie kann jedenfalls mit Art. 4 der Liturgiekonstitution nicht in Einklang gebracht werden.“ Trotzdem fuhr die „Gottesdienstkongregation“ unbeirrt fort, den Gebrauch des „alten Missale“ weiter einzuschränken und zu unterdrücken: „Die Ausnahme für alte und kranke Priester wurde dahin eingeengt, daß nunmehr eine ‚Erlaubnis vom Ordinarius zugestanden werden kann‘ (patet facultatem ab Ordinario concedi posse). Der Bischof mußte also nunmehr um Erlaubnis gebeten werden. Wie solche Bitten in der Regel faktisch behandelt wurden, ist hier nicht näher zu erörtern. Die Kongregation wollte aber sicher gehen und hat zusätzlich bestimmt, daß die Bischöfe diesen alten und kranken Priestern keine Erlaubnis geben dürfen, diese Messe ‚cum populo‘, also mit dem Volk, zu feiern.“

„Auch wenn diese Notificatio vom damaligen Präfekten Kardinal Iacobus Robertus Knox unterzeichnet wurde, so stammt sie zweifellos vom mitunterzeichnenden Sekretär A. Bugnini“, mutmaßt der Herr Professor. „Die Schritt für Schritt zunehmende Einengung einer Erlaubnis macht deutlich, wie sich in der Tat die ‚harte Linie‘ durchsetzte. Wenn man die Leidenswege vieler Priester und Gläubigen kennt, die mit dieser ‚harten Linie‘ begonnen haben, dann weiß man, wie berechtigt die Aussage Kardinal Ratzingers zum Verbot der Liturgie aller Jahrhunderte ist, wenn er sagt: ‚das hat uns außerordentlich geschadet.‘“

Die These Prof. Waldsteins läßt sich ungefähr wie folgt zusammenfassen: De jure gab es nie eine Abschaffung der „früheren Liturgie“. Dies lag weder in der Absicht der Väter des „II. Vatikanums“, wie der Art. 4 der Liturgiekonstitution beweist, noch war es der Wille Pauls VI. oder seiner Nachfolger. De facto wurde durch „rechtswidrige Verordnungen“ und mittels „administrativen Maßnahmen“ der „Gottesdienstkongregation“ mit ihrem Sekretär Bugnini eine „harte Linie“ durchgesetzt, welche einem „Verbot der Liturgie aller Jahrhunderte“ gleichkam. Tatsächlich steht jedoch sowohl die Absicht des „II. Vatikanums“ fest, die „frühere Liturgie“ vollständig durch die „erneuerte“ zu ersetzen (wobei hier allein der Text zählt, den die „Konzilsväter“ in großer Einmütigkeit – wenn auch vielleicht in mehr oder weniger verschuldeter Unkenntnis des Inhalts bzw. der eigentlichen Ziele – unterzeichnet haben, und nicht ihre subjektiven Absichten, die sie vielleicht damit verbunden haben), als auch der feste Wille „Pauls VI.“, seinen „Novus Ordo“ allen Priestern des römischen Ritus ausnahmslos aufzuerlegen. Letzterer beklagte in einer Ansprache Mitte der 1970er Jahre, daß es immer noch so viel Widerstand gegen seine „Neue Meßordnung“ gebe, und betonte ausdrücklich, daß die Ausnahmen von der Verpflichtung, diesen zu übernehmen, nur für alte und kranke Priester gälten und strikt zu handhaben seien. Sein Nachfolger „Johannes Paul II.“ fand es in seinem „Apostolischen Schreiben VICESIMUS QUINTUS ANNUS“ vom 4. Dezember 1988 anläßlich des 25. Jahrestags der „Konzilskonstitution Sacrosanctum Concilium“ für angebracht, seinem Bedauern darüber Ausdruck zu verleihen („valde dolendum est“), daß es immer noch Gläubige gebe, die „in einseitiger und exklusiver Weise zu den vorhergehenden liturgischen Formen zurückgekehrt“ seien, „die einige von ihnen als einzige Sicherheitsgarantie für den Glauben betrachten“.

Von Montini zu Ratzinger

9. Die Schwierigkeit liegt darin, daß die Menschenmachwerkskirche des „II. Vatikanums“ von ihrer Natur her keine Rechtsgemeinschaft ist, sondern ein Unrechts-System. Sie ist eine illegitime Gegen-Kirche, und darum herrscht in ihr nicht Recht, sondern Willkür, Subjektivismus, zugleich Anarchie und Tyrannei. Es wäre sinnlos, irgendeine gültige Gesetzgebung in ihr ausmachen zu wollen. Montini alias „Paul VI.“ war der „Papst“ der „Neuen Messe“. Sie war sein „Kind“, und darum wollte er sie allen ausnahmslos auferlegen. Wojtyla alias „Johannes Paul II.“ hatte keinerlei Bezug zur „alten Messe“. Er liebte sie nicht und er haßte sie nicht. Als „Pop-Pope“ hatte er eine Vorliebe für „Mega-Events“, und so glichen seine „Papst-Messen“ und Auftritte bei „Weltjugendtagen“ mehr Popkonzerten und Folklore-Shows. Für das Anhangen an die „alte Messe“ hatte er kein Verständnis. Er war aber bereit, ihre Anhänger in Maßen zu dulden, um des lieben Friedens willen, solange diese keine Exklusivität beanspruchten.

Ratzinger beschreibt den Vorgang in seinem „Motu proprio“: „Andererseits hingen in manchen Gegenden nicht wenige Gläubige den früheren liturgischen Formen, die ihre Kultur und ihren Geist so grundlegend geprägt hatten, mit derart großer Liebe und Empfindung an und tun dies weiterhin, daß Papst Johannes Paul II., geleitet von der Hirtensorge für diese Gläubigen, im Jahr 1984 mit dem besonderen Indult ‚Quattuor abhinc annos‘, das die Kongregation für den Gottesdienst entworfen hatte, die Möglichkeit zum Gebrauch des Römischen Meßbuchs zugestand, das von Johannes XXIII. im Jahr 1962 herausgegebenen worden war; im Jahr 1988 forderte Johannes Paul II. indes die Bischöfe mit dem als Motu Proprio erlassenen Apostolischen Schreiben ‚Ecclesia Dei‘ auf, eine solche Möglichkeit weitherzig und großzügig zum Wohl aller Gläubigen, die darum bitten, einzuräumen.“

So „weitherzig und großzügig“ war der „Indult“ von 1984 noch nicht gewesen. Dort heißt es, es seien vier Jahre zuvor „auf besonderen Wunsch von Papst Johannes Paul II.“ die „Bischöfe der ganzen Kirche“ aufgefordert worden, „Bericht zu erstatten“ darüber, „wie Priester und Gläubige in ihren Diözesen das von Papst Paul VI. promulgierte Missale in genauer Befolgung der Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils angenommen haben“, ferner über „die Schwierigkeiten bei der Durchführung der Liturgiereform“ sowie „eventuelle Widerstände, die es zu überwinden galt“. Aufgrund der erhaltenen Antworten „schien das Problem der Priester und Gläubigen, die dem sogenannten ‚tridentinischen Ritus‘ verbunden geblieben waren, fast vollständig gelöst“. Wir dürfen dem entnehmen, daß bis dahin immer noch die Linie „Pauls VI.“ verfolgt worden war, das „Neue Missale“ überall durchzusetzen und entgegenstehende „Probleme“ zu „lösen“. Wie sich zeigte, war jedoch das „Problem der Priester und Gläubigen, die dem sogenannten ‚tridentinischen Ritus‘ verbunden geblieben waren“, hartnäckiger als gedacht.

Darum erfolgte der „Indult“: „Da aber das Problem weiterbesteht, gibt der Heilige Vater in dem Wunsch, diesen Gruppen entgegenzukommen, den Diözesanbischöfen die Vollmacht, von dem Indult Gebrauch zu machen, aufgrund dessen Priester und Gläubige, die in dem an den eigenen Bischof zu richtenden Gesuch genau anzugeben sind, die Messe nach dem Missale Romanum in seiner Ausgabe von 1962 feiern dürfen“, allerdings unter strengen Bestimmungen, die „beachtet werden müssen“. Die erste Bedingung lautete: „Es muss eindeutig und öffentlich feststehen, dass der jeweilige Priester und die jeweiligen Gläubigen in keiner Weise die Positionen derjenigen teilen, die die Legitimität und Rechtgläubigkeit des Missale Romanum in Zweifel ziehen, das Papst Paul VI. 1970 promulgiert hat.“ Weitere Bestimmungen legten fest, daß die Feiern „nach dem Missale von 1962 und in lateinischer Sprache gehalten werden“ müßten und „keine Vermischung zwischen Riten und Texten der beiden Missale erfolgen“ solle. Nur Gruppen, „die darum ersuchen“, sollten vom Bischof die Erlaubnis erhalten, in „Kirchen und Oratorien, die der Bischof bestimmt“, „nicht jedoch in Pfarrkirchen, außer mit besonderer Erlaubnis, und an den Tagen und unter den Bedingungen, die vom Bischof nach Art einer Gewohnheit oder durch einen eigenen Akt approbiert sind“. Außerdem sollte jeder Bischof die „Gottesdienstkongregation“ über seine Erlaubnisse informieren und nach Ablauf eines Jahres über seine Erfahrungen Bericht erstatten. „Diese Erlaubnis, die kennzeichnend ist für die Sorge des gemeinsamen Vaters um alle seine Söhne, darf in einer Weise benutzt werden, die die Befolgung der Liturgiereform im Leben der jeweiligen kirchlichen Gemeinschaften nicht beeinträchtigt“, wird zum Schluß noch einmal betont.

Trotz seiner sehr restriktiven Bedingungen wurde dieser „Indult“ von der „Piusbruderschaft“ seinerzeit als ein „erster Schritt“ bejubelt, wenngleich man ihn seiner vielen Einschränkungen wegen zurückwies. Bemerkenswert ist die große Sorge, die in diesem Schreiben aufscheint, daß die Ergebnisse der „Liturgiereform“ durch jene „Priester und Gläubigen, die dem sogenannten ‚tridentinischen Ritus‘ verbunden geblieben waren“, gefährdet werden könnten. Sie schienen noch nicht so gefestigt wie zwanzig Jahre später. Auffallend ist auch die darin bereits vorgenommene Beschränkung auf das „Missale von 1962“. Die Menschenmachwerkskirche war sich ihrer damals noch nicht so sicher, und die „Traditionalisten“-Bewegung noch nicht so sehr durch die „Piusbruderschaft“ vereinheitlicht und monopolisiert.

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