Innere Versöhnung in der Kirche

von antimodernist2014

10. Im „Motu proprio Ecclesia Dei“ vom 2. Juli 1988 schlug Neurom einen etwas anderen Weg ein. Aufgrund der unerlaubten Bischofsweihen durch Erzbischof Lefebvre hatte man einen Grund gefunden, ihn und die von ihm geweihten Bischöfe zu „exkommunizieren“ und ins „Schisma“ zu tun. So hoffte man, die Bewegung zu spalten und einen großen, wenn nicht den größeren Teil derselben in die Menschenmachwerkskirche gänzlich zu integrieren. Man zeigte sich daher deutlich entgegenkommender als vier Jahre zuvor: „All jenen katholischen Gläubigen, die sich an einige frühere Formen der Liturgie und Disziplin der lateinischen Tradition gebunden fühlen, möchte ich auch meinen Willen kundtun – und wir bitten, daß sich der Wille der Bischöfe und all jener, die in der Kirche das Hirtenamt ausüben, dem meinen anschließen möge -, ihnen die kirchliche Gemeinschaft leicht zu machen, durch Maßnahmen, die notwendig sind, um die Berücksichtigung ihrer Wünsche sicherzustellen.“ Eindringlich ermahnt das „Motu proprio“: „Ferner muss überall das Empfinden derer geachtet werden, die sich der Tradition der lateinischen Liturgie verbunden fühlen, indem die schon vor längerer Zeit vom Apostolischen Stuhl herausgegebenen Richtlinien zum Gebrauch des Römischen Meßbuchs in der Editio typica vom Jahr 1962, weit und großzügig angewandt werden.“

Das klingt schon sehr viel freundlicher, konnte aber aufgrund der enthaltenen „Exkommunikation“ für ihren Erzbischof und des Schismavorwurfes von seiten der „Piusbruderschaft“ nicht als „zweiter Schritt“ gefeiert werden. Es führte jedoch zur Bildung der nach dem „Motu proprio“ benannten „Kommission Ecclesia Dei“, mit welcher die „Piusbruderschaft“ heute die freundlichsten Beziehungen pflegt, sowie zur Gründung der „Petrusbruderschaft“ und der Entstehung anderer „altritueller“ „Ecclesia Dei“-Gemeinschaften.

Bemerkenswert sind einige Grundzüge, welche in diesem Dokument aufscheinen und bereits auf das fast zwanzig Jahre später verfaßte „Motu proprio“ von „Papst Ratzinger“ hinweisen, der damals als „Präfekt der Glaubenskongregation“ für die Verhandlungen Neuroms mit den „Traditionalisten“ zuständig und der eigentliche Kopf hinter „Ecclesia Dei“ war. „Der Ausgang, den die Bewegung Erzbischof Lefebvres nunmehr genommen hat, kann und muss für alle katholischen Gläubigen ein Anlass zu einer gründlichen Besinnung über die eigene Treue zur Tradition der Kirche sein“, heißt es recht nachdenklich, „wie sie, durch das ordentliche und das außerordentliche kirchliche Lehramt, authentisch dargelegt wird, besonders durch die Konzilien, angefangen vom Konzil von Nizäa bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil. Diese Besinnung muß alle erneut und wirksam von der Notwendigkeit überzeugen, daß die Treue noch vertieft und gefestigt werden muß und irrige Interpretationen sowie willkürliche und ungerechtfertigte Erweiterungen in Dingen der Glaubenslehre, der Liturgie und der Disziplin vollständig zurückzuweisen sind.“ Darin können wir deutlich die Handschrift Joseph Ratzingers erkennen, der immer schon gerne einen „Geist des Konzils“ und einen „Ungeist“ desselben unterschied. Jener „Ungeist“ des „II. Vatikanums“ bestand für ihn genau in dem, was hier „irrige Interpretationen sowie willkürliche und ungerechtfertigte Erweiterungen“ genannt wird.

Ein weiterer Grundzug der Sichtweise Ratzingers ist die dialektische Einheit in der Vielfalt. Auch sie finden wir im „Motu proprio Ecclesia Dei“: „Es ist aber auch erforderlich, dass alle Hirten und übrigen Gläubigen aufs neue sich bewusst werden, dass die Vielfalt der Charismen sowie der Traditionen der Spiritualität und des Apostolates nicht nur legitim sind, sondern für die Kirche einen Schatz darstellen; so wird die Einheit in der Vielfalt zur Schönheit, – zu jener Harmonie, die die irdische Kirche, vom Heiligen Geist angeregt, zum Himmel emporsteigen läßt.“ Schließlich wird der Grundgedanke Ratzingers von der „Kontinuität des Konzils mit der Tradition“ formuliert, den er später als „Benedikt XVI.“ mit seiner „Hermeneutik der Reform“ zu einem beherrschenden Thema seines „Pontifkates“ machen wird: „Wir möchten ferner auch die Theologen und Fachgelehrten der anderen kirchlichen Wissenschaften darauf aufmerksam machen, dass auch sie von den augenblicklichen Umständen herausgefordert sind. Die Breite und Tiefe der Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils machen nämlich neue und vertiefte Untersuchungen notwendig, in denen die Kontinuität des Konzils mit der Tradition klar hervorgehoben wird, vornehmlich in jenen Bereichen der Lehre, die, weil sie vielleicht neu sind, von einigen Teilgruppen der Kirche noch nicht recht verstanden wurden.“

Mit seiner Erhebung zum Nachfolger „Johannes Pauls II.“ sah Ratzinger seine Stunde gekommen. Die „Piusbruderschaft“ hatte nicht zuletzt dank der Bischofsweihen von 1988 „Exkommunikation“ und „Schisma“ ebenso wie den Tod Erzbischof Lefebvres im Jahr 1991 schadlos überstanden, sie hatte ihre Stellung als „Ersatzkirche“ etabliert und sogar noch weiter ausgebaut und dominierte nach wie vor die „Traditionalisten“-Bewegung, ja sie dominierte sie umso mehr, als der Nachwuchs sich zunehmend aus ihren eigenen Reihen speiste. Zugleich trat damit eine gewisse Stagnation ein und ein Ghetto-Gefühl, die sie empfänglich machten für neue Initiativen. Der „Zahn der Zeit“ und die „Pius“-Ideologie hatten das Ihrige getan, den Widerstand zu zermürben und aufzuweichen. Die Aufregung über die harten Auseinandersetzungen rund um die Bischofsweihen von 1988 war auf beiden Seiten abgeklungen. Die Zeit schien reif.

„Freigabe der alten Messe“

11. Wie wir heute wissen, wurden die neuen Bemühungen um eine „Annäherung und Verständigung“ zwischen Neurom und der „Piusbruderschaft“, welche offiziell im „Heiligen Jahr“ 2000 ihren Anfang nahmen, durch inoffizielle Kontakte einer Art „Bilderberger“-Gruppe namens „GREC“ vorbereitet. Der damalige „Kardinal“ Ratzinger war einer der Männer im Hintergrund dieser Gruppe. Es war damals ein Fahrplan in drei Punkten festgelegt worden. Die „Aufhebung der Exkommunikation“ war einer davon, doch der erste betraf die „Freigabe der alten Messe“. Diesen zu erfüllen, war eines der Anliegen Ratzingers mit seinem „Motu proprio Summorum Pontificum“.

In seinem von uns bereits erwähnten Begleitbrief zu seinem „Motu proprio“ weist Joseph Ratzinger darauf hin, „daß in der von Erzbischof Lefebvre angeführten Bewegung das Stehen zum alten Missale zum äußeren Kennzeichen wurde“. Diese Verknüpfung zwischen „alter Messe“ und der „von Erzbischof Lefebvre angeführten Bewegung“ galt es aufzulösen, zumal sich auch viele andere Menschen, „die klar die Verbindlichkeit des II. Vaticanums annahmen und treu zum Papst und zu den Bischöfen standen“, „doch auch nach der ihnen vertrauten Gestalt der heiligen Liturgie“ sehnten, „zumal das neue Missale vielerorts nicht seiner Ordnung getreu gefeiert, sondern geradezu als eine Ermächtigung oder gar als Verpflichtung zur ‚Kreativität‘ aufgefaßt wurde, die oft zu kaum erträglichen Entstellungen der Liturgie führte“. Hier spricht Ratzinger „aus Erfahrung“, da er „diese Phase in all ihren Erwartungen und Verwirrungen miterlebt“ und gesehen habe, „wie tief Menschen, die ganz im Glauben der Kirche verwurzelt waren, durch die eigenmächtigen Entstellungen der Liturgie verletzt wurden“. Einer dieser tief verletzten Menschen dürfte er selber gewesen sein.

Wir entnehmen daraus ein erstes konkretes, doppeltes Ziel des „Motu proprio“. Das „alte Missale“ soll der „von Erzbischof Lefebvre angeführten Bewegung“ als „Kennzeichen“ und Kampfmittel genommen werden und auch solchen zugute kommen, „die klar die Verbindlichkeit des II. Vaticanums annahmen und treu zum Papst und zu den Bischöfen standen“, sich aber durch die oft „kaum erträglichen Entstellungen der Liturgie“ tief verletzt fühlten. Dazu war die „alte Messe“ den „Traditionalisten“ als Sondergut zu entreißen und zum Allgemeingut der „Konziliaren Kirche“ zu machen. Hat das „Motu proprio“ dieses Ziel erreicht? Im Prinzip und bis zu einem gewissen Grad auf jeden Fall.

„Mgr.“ Dominique Rey, „Bischof“ von Fréjus-Toulon in Frankreich, hat „das Motu proprio Benedikts XVI. in seiner Diözese großzügig angewendet“. Das berichtet Christophe Geffroy von „La Nef“. Er hat mit dem „Bischof“ anläßlich des zehnjährigen Jubiläums von „Summorum Pontificum“ ein Gespräch geführt. Er habe das „Motu proprio“ damals „kindlich angenommen“, sagt „Mgr.“ Rey. Es schien ihm den Leiden derer ein Ende zu bereiten, welche „wünschten, in der Kirche nach den alten liturgischen Riten zu beten und bislang davon ausgeschlossen waren“. Es habe sich außerdem um einen „Akt der Versöhnung“ gehandelt, um die „Spaltungen der Vergangenheit“ zu überwinden. Nach zehn Jahren seien die Früchte greifbar. „Die alte Liturgie ernährt Gemeinschaften oder Pfarreien in wachsender Zahl und zieht die jungen Leute an.“ Alles geschehe im Rahmen einer „legitimen Verschiedenheit“ unter all den mit ihrem Bischof in Gemeinschaft stehenden „christlichen Gemeinschaften“. In Toulon hat der „Bischof“ bereits eine „Personalpfarrei“ für die „außerordentliche Form“ errichtet und sie einer „neuen Gemeinschaft“ übergeben, deren Mitglieder, ebenso wie gewisse Diözesan-Seminaristen, „die niederen und höheren Weihen, einschließlich der Priesterweihe, entsprechend dem usus antiquior empfangen“.

Auch wenn es noch nicht allzu viele „Bischöfe“ weltweit sind, so ist doch „Mgr.“ Rey kein Einzelfall mehr. Die „Piusbruderschaft“ hat es zunehmend schwerer, ihre Position zu behaupten und ihren „illegalen“ Status zu rechtfertigen. Auch „Mgr.“ Rey hofft auf die Versöhnung und betet dafür, „daß sie bald verwirklicht wird“. Für ihn versteht es sich von selbst, „daß der Klerus und die Gläubigen der Bruderschaft St. Pius X. auch unsere Brüder im katholischen Glauben sind“. „Die Hindernisse zu überwinden, die sich aus der Vergangenheit ergeben haben, würde es ihnen ermöglichen, ihren vollen und ganzen Platz im Schoße der Kirche einzunehmen, wo sie ihre Berufung als Zeugen Christi und der Wahrheit für die Welt von heute haben.“

12. Die „Versöhnung“ mit der „Piusbruderschaft“ war zweifellos ein Schwerpunkt des „Motu proprio“, das ja vor dem Hintergrund des „Drei-Punkte-Plans“ gesehen werden muß. „Papst Ratzinger“ erinnert deshalb in seinem Begleitbrief an die Bemühungen „Johannes Pauls II.“ mit seinem „Motu proprio Ecclesia Dei“: „Der Papst hatte damals besonders auch der ‚Priester-Bruderschaft des heiligen Pius X.‘ helfen wollen, wieder die volle Einheit mit dem Nachfolger Petri zu finden, und hatte so eine immer schmerzlicher empfundene Wunde in der Kirche zu heilen versucht. Diese Versöhnung ist bislang leider nicht geglückt, aber eine Reihe von Gemeinschaften machten dankbar von den Möglichkeiten dieses Motu Proprio Gebrauch.“ Das gilt auch zehn Jahre später. Die „Versöhnung“ ist immer noch nicht vollständig geglückt, wenngleich die Annäherung große Fortschritte gemacht hat, sodaß die „Piusbrüder“ problemlos und freundschaftlich mit Bergoglio und der „Kommission Ecclesia Dei“ verkehren und nun selber von der „außerordentlichen Form des römischen Ritus“ sprechen statt nur von ihrer „messe de toujours“.

13. „Hatte man unmittelbar nach dem Ende des II. Vaticanums annehmen können, das Verlangen nach dem Usus von 1962 beschränke sich auf die ältere Generation, die damit aufgewachsen war, so hat sich inzwischen gezeigt, daß junge Menschen diese liturgische Form entdecken, sich von ihr angezogen fühlen und hier eine ihnen besonders gemäße Form der Begegnung mit dem Mysterium der heiligen Eucharistie finden.“ Dadurch sei „ein Bedarf nach klarer rechtlicher Regelung entstanden, der beim Motu Proprio von 1988 noch nicht sichtbar war“, schreibt Ratzinger weiter in seinem Begleitbrief.

Damit hatte man also nicht gerechnet, daß nicht nur die „ältere Generation“ an ihrer „alten Messe“ festhalten würde, sondern daß auch „junge Menschen diese liturgische Form entdecken, sich von ihr angezogen fühlen und hier eine ihnen besonders gemäße Form der Begegnung mit dem Mysterium der heiligen Eucharistie finden“. Diese nicht an irgendwelche „Traditionalisten“-Gruppen zu verlieren, sondern mit „klarer rechtlicher Regelung“ einen Rahmen zu schaffen, um sie in die Menschenmachwerkskirche einzubinden, war ebenfalls ein Ziel des „Motu proprio“. Wie weit ist dies gelungen?

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