Innere Versöhnung in der Kirche

von antimodernist2014

Im März diesen Jahres fand in Herzogenrath die 18. „Kölner Liturgische Tagung“ statt. „Von den Klischees, die sich manche für diejenigen zurechtschustern, die eine bewährte und heilige Liturgie lieben“, hätten dort „keine Bestand“, schwärmt ein Berichterstatter in einem Artikel auf „kath.net“. „Weder ist hier ein Hort von verklebten Nostalgikern, die angeblich Verstaubtes von gestern reanimieren wollen, noch findet man hier nur ältere Teilnehmer. Im Gegenteil: Hier trifft sich eine bunte Vielfalt derer, die den ernstzunehmenden Dialog über Kirche und Liturgie nicht nur plakativ fordern, sondern vor allem auch wagen und beherrschen. Und das generationenübergreifend. Und auch die mehr als 70 Priester unter den 240 Teilnehmern passen in kein kleinkariertes Klischee oder in eine alles so einfach machende Schublade von Vorurteilen.“ Ein Beispiel dafür liefere „der Erzbischof von Portland/Oregon, Alexander Sample, mit seinem autobiographischen Bekenntnis“.

Ganz „ein Kind der Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils“, sei dieser „mit der neuen Liturgie aufgewachsen und habe sogar Zelebrationen rund um einen Tisch sitzend, bei denen Brotschalen zur Kommunion rundgereicht wurden, als ganz normal und ‚sehr relevanten Weg‘, der junge Leute anspreche, empfunden“. Als Bischof habe er dann „angefangen, den alten Ritus überhaupt zu entdecken“, und habe 2008 damit begonnen, „diese Form regelrecht zu lernen, als Folge des Motto (!) proprio ‚Summorum Pontificum‘ Benedikts XVI.“. Da habe sich „etwas Wesentliches mit ihm“ ereignet, und er sei „tief beeindruckt“ gewesen „von der Schönheit, der Würde und der Heiligkeit der traditionellen Messe“.

Offensichtlich hat das „Motto proprio“ hier seine Wirkung getan. Mit ihm „begann sein Weg der Erneuerung“, sagt der „Bischof“. „Er, der selbstverständlich und gerne auch den Novus Ordo andächtig und ehrfurchtsvoll feiert und zu feiern versteht, machte sich auf einen neuen Weg.“ Und nach „18 Jahren Priesterleben und zwei Jahren als Bischof“ entdeckte er „einen reichen Schatz an Spiritualität und Ehrfurcht vor Gott“. „Als erst nach dem Konzil Aufgewachsener habe er dabei logischerweise bei sich keine Grundlage für Nostalgie oder Rückwärtsgewandtheit vorfinden können.“ Auch der Wunsch Ratzingers, es möchten sich „beide Formen des Usus des Ritus Romanus gegenseitig befruchten“, scheint bei unserem „Bischof“ in Erfüllung gegangen zu sein. Gewiß verwirklicht er, „der selbstverständlich und gerne auch den Novus Ordo andächtig und ehrfurchtsvoll feiert und zu feiern versteht“, das, was Ratzinger in seinem Brief beschrieb: „In der Feier der Messe nach dem Missale Pauls VI. kann stärker, als bisher weithin der Fall ist, jene Sakralität erscheinen, die viele Menschen zum alten Usus hinzieht. Die sicherste Gewähr dafür, daß das Missale Pauls VI. die Gemeinden eint und von ihnen geliebt wird, besteht im ehrfürchtigen Vollzug seiner Vorgaben, der seinen spirituellen Reichtum und seine theologische Tiefe sichtbar werden läßt.“

„Mgr“. Pozzo, der Sekretär der Kommission „Ecclesia Dei“, bekennt in einem „Interview“ mit „L‘Homme Nouveau“ anläßlich des zehnjährigen Jubiläums von „Summorum Pontificum“: „Als Priester ließ mich die außerordentliche Form einen wertvollen Schatz kennenlernen, der in keiner Weise dem Novus Ordo widerspricht, sondern die Werte und Aspekte der Liturgie unterstreicht und hervorhebt, welche im Vordergrund stehen müssen. Nicht daß diese Aspekte im Novus Ordo fehlen – wenn er gemäß den Rubriken und im Einklang mit der Lehre gefeiert wird – aber sie sind im Vetus Ordo sichtbarer und greifbarer. … Ich muß sagen, daß die Zelebration der Messe nach dem Vetus Ordo in mir eine größere Ehrfurcht bei der Messe des Novus Ordo unterstütz, indem ich die theologische Tiefe besser erkenne, welche dieser auch enthält.“ Der „Vetus Ordo“ als Hilfe für eine „ehrfurchtsvollere“ Feier des „Novus Ordo“. Dieses Ziel hat Ratzinger wenigstens partiell erreicht.

14. Den tiefsten und wichtigsten Grund seines „Motu proprio“ läßt Ratzinger freilich am Ende seines Briefes erkennen: „Es geht um eine innere Versöhnung in der Kirche.“ Seine größte Sorge galt von jeher jenem „Bruch“, den er sich auftun sah zwischen „Traditionalisten“ und „Progressisten“, einer „Spaltung“, die sich dort anbahnen konnte, und die er durch seine dialektische Großtat überwinden und in einen Sprung in die Postmoderne umwandeln wollte. Darum übt er sich in der „coniunctio oppositorum“, der Vereinigung der Widersprüche. „Es gibt keinen Widerspruch zwischen der einen und der anderen Ausgabe des Missale Romanum“, dekretiert er erneut in seinem Begleitbrief. „In der Liturgiegeschichte gibt es Wachstum und Fortschritt, aber keinen Bruch“, wie er es bereits in seinem „Motu proprio“ dekretiert hatte. „Was früheren Generationen heilig war, bleibt auch uns heilig und groß; es kann nicht plötzlich rundum verboten oder gar schädlich sein. Es tut uns allen gut, die Reichtümer zu wahren, die im Glauben und Beten der Kirche gewachsen sind und ihnen ihren rechten Ort zu geben.“ Andererseits: „Um die volle communio zu leben, können die Priester, die den Gemeinschaften des alten Usus zugehören, selbstverständlich die Zelebration nach den neuen liturgischen Büchern im Prinzip nicht ausschließen. Ein völliger Ausschluß wäre nämlich nicht in Übereinstimmung mit der Anerkennung des Wertes und der Heiligkeit des Ritus in seiner erneuerten Form.“

„Das Motu proprio Summorum Pontificum zielt nicht auf einer liturgische Uniformität, sondern auf eine Versöhnung in der Kirche“, erklärt „Mgr.“ Pozzo in seinem „Interview“. „Unter diesem Blickwinkel ist die Bilanz dieses ersten Jahrzehnts in großen Teilen positiv, denn diese Auffassung hat, wenn auch nicht ohne Anfangsschwierigkeiten, allmählich zahlreiche Diözesen gewonnen und es möglich gemacht, das gegenseitige Mißtrauen abzubauen. Insbesondere in Frankreich und den Vereinigten Staaten, den Ländern, welche die meisten Zelebrationen in der außerordentlichen Form aufweisen, kann das Ergebnis als befriedigend und ermutigend gewertet werden, nicht zuletzt dank des apostolischen Eifers der Institute, welche der Jurisdiktion der päpstlichen Kommission Ecclesia Dei unterstehen.“

„Reform der Reform“

15. Der „alte Usus“, die These, und die „neuen liturgischen Bücher“, die Antithese, versöhnen sich und verbinden sich schließlich in der Synthese, der „Reform der Reform“. Das war der eigentliche große Traum des Liturgikers und Dialektikers Ratzinger. Noch als „Kardinal“ hatte er sich zur einer „Reaktivierung“ des „alten Ritus“ geäußert und gesagt: „Das würde allein keine Lösung sein. Ich bin zwar der Meinung, daß man viel großzügiger den alten Ritus all denen gewähren sollte, die das wünschen.“ In einem Brief vom 23. Juni 2003 schrieb er an einen Altphilologen: „Ich glaube aber, daß auf Dauer die römische Kirche doch wieder einen einzigen römischen Ritus haben muß; die Existenz von zwei offiziellen Riten ist in der Praxis für die Bischöfe und Priester nur schwer zu ‚verwalten’.“ Er sprach von einem „Römischen Ritus der Zukunft“ und beschrieb diesen wie folgt: „Der Römische Ritus der Zukunft sollte ein einziger Ritus sein, auf Latein oder in der Landessprache gefeiert, aber vollständig in der Tradition des überlieferten Ritus stehend; er könnte einige neue Elemente aufnehmen, die sich bewährt haben, wie neue Feste, einige neue Präfationen in der Messe, eine erweiterte Leseordnung – mehr Auswahl als früher, aber nicht zuviel – eine ‚Oratio fidelium’, d.h. eine festgelegte Fürbitt-Litanei nach dem Oremus vor der Opferung, wo sie früher ihren Platz hatte.“

In seinem Buch „Der Geist der Liturgie“ sinnierte Ratzinger: „Man könnte sagen, daß die Liturgie damals – 1918 – in mancher Hinsicht einem Fresko glich, das zwar unversehrt bewahrt, aber von einer späteren Übertünchung fast verdeckt war: Im Meßbuch, nach dem der Priester sie feierte, war ihre von den Ursprüngen her gewachsene Gestalt ganz gegenwärtig, aber für die Gläubigen war sie weithin unter privaten Gebetsanleitungen und -formen verborgen. Durch die Liturgische Bewegung und durch das Zweite Vatikanische Konzil wurde das Fresko freigelegt, und einen Augenblick waren wir fasziniert von der Schönheit seiner Farben und Figuren. Aber inzwischen ist es durch klimatische Bedingungen wie auch durch mancherlei Restaurationen oder Rekonstruktionen gefährdet und droht zerstört zu werden, wenn nicht schnell das Nötige getan wird, um diesen schädlichen Einflüssen Einhalt zu gebieten. Natürlich darf es nicht wieder übertüncht werden, aber eine neue Ehrfurcht im Umgang damit, ein neues Verstehen seiner Aussage und seiner Wirklichkeit ist geboten, damit nicht die Wiederentdeckung zur ersten Stufe des definitiven Verlustes wird“ (Der Geist der Liturgie, S. 7 f). Es fällt nicht schwer, in seinem „Römischen Ritus der Zukunft“ jenes Stadium der Transmutation zu erblicken, da nach dem „II. Vatikanum“ das übertünchte „Fresko freigelegt“ worden war und er sich „fasziniert“ zeigte „von der Schönheit seiner Farben und Figuren“, ehe es erneut von „schädlichen Einflüssen“ drohte „übertüncht“ zu werden. Es handelt sich um die erste „nachkonziliare“ Fassung des Missale von 1965.

Seine Synthese sah demnach so aus, daß man sich in der dialektischen Spannung der „versöhnten“ Riten von 1962, dem letzten „vorkonziliaren“, und von 1969, dem „Novus Ordo“, etwa in der Mitte treffen solle, beim ersten „nachkonziliaren“ von 1965. Damit wäre dem „Konzil“ und seinen „Reformen“ entsprochen, gleichzeitig die Auswüchse des „Novus Ordo“ abgeschnitten und den Anhängern der „alten Liturgie“ weit entgegengekommen. Der „Bruch“ wäre geheilt, die „Spaltung“ vermieden. Zurecht hoffte Ratzinger, in Erzbischof Lefebvre dafür einen Partner zu finden, hatte doch dieser sich anfangs seinerseits recht angetan gezeigt von den „konziliaren Reformen“ und anstandslos die Bücher von 1965 für sich und seine Bruderschaft übernommen, ehe er unter dem Druck seiner Seminaristen zu den Büchern von 1962 zurückkehrte.

„Es ist klar, daß der erste Teil der Messe, der geschaffen ist, die Gläubigen zu belehren und sie ihren Glauben ausdrücken zu lassen, diese Ziele in einer deutlicheren und in gewissem Ausmaß verständlicheren Weise erreichen mußte. Nach meiner bescheidenen Ansicht schienen zwei Reformen in diesem Sinne nützlich, erstens die Riten dieses ersten Teils und einige Übersetzungen in die Landessprache.“ So hatte sich Mgr. Lefebvre einst zu den „konziliaren Reformen“ geäußert. „Das hätte dadurch zu geschehen, daß sich der Priester den Gläubigen nähert, mit ihnen in Verbindung steht, betet und singt, daß er sich also am Lesepult aufhält, daß er die Epistel und das Evangelium in ihrer Sprache verliest und mit den Gläubigen die himmlischen, traditionellen Weisen des Kyrie, des Gloria und des Credo singt. All das wären glückliche Reformen, die diesen Teil der Messe seinen wahrhaften Zweck wiederfinden lassen.“

Es sieht im Moment so aus, als wollte diese „Reform der Reform“ ein Wunschtraum bleiben. Zu sehr hat sich die Vorstellung der „zwei Formen“ oder „zwei Riten“ festgesetzt, mal in unversöhnlichem Gegensatz, mal in „versöhnter Verschiedenheit“. Doch es wäre nicht das erste Mal, daß ein Ratzinger seiner Zeit weit voraus war und eine ferne Zukunft vorweg nahm. Sein Nachfolger oder „Co-Papst“ Bergoglio ist an liturgischen Dingen wenig bis gar nicht interessiert. Seine „Meßfeiern“ ohne Gesang, ohne Kniebeugen, schmucklos und stillos, so profan wie nur möglich, sind nicht angetan, Liebhaber der „alten Liturgie“ zu gewinnen.

Friedliche Koexistenz der Riten

16. Als bleibender Ertrag von „Summorum Pontificum“ dürfte sich erhalten die offizielle Anerkennung des „Meßbuchs, das von Johannes XXIII. 1962 herausgegeben worden war“, als legitime „außerordentliche Form“ der Messe der Menschenmachwerkskirche des „II. Vatikanums“ neben dem „Novus Ordo“ als deren „ordentlicher Form“. Es wird damit die Brücke geschlagen von der „präkonziliaren“ zur „postkonziliaren“ Phase der Neuerungen und alles zusammen sanktioniert und mit dem Band der „Kontinuität“ umschlungen. Es waren in der Tat Stadien eines Prozesses, wie wir gesehen haben, und in der „Konziliaren Kirche“ mit ihrem Evolutionismus und ihrer „lebendigen Dynamik“ zählen Entwicklungen mehr als Formen.

„Mgr.“ Guido Pozzo bekräftigt in seinem Gespräch mit Guillaume Luyt von „L‘Homme Nouveau“: „Das Motu proprio zielt nicht auf irgendeine liturgische Uniformität, sondern auf eine wahre Versöhnung in der Kirche, indem er die beiden Formen des römischen Ritus nebeneinander bestehen läßt unter Berücksichtigung ihrer Besonderheiten. Wie die Instruktion Universae Ecclesiae unterstreicht, hat der Heilige Vater mit Summorum Pontificum ein universales Gesetz der Kirche erlassen, indem er eine präzisere Regelung traf für die Zelebration der Sakramente im Vetus Ordo und indem er festsetzte, daß die Texte des römischen Missale des seligen Paul VI. und jene, die auf die letzte Ausgabe zurückgehen, welche unter Johannes XXIII. erschien, zwei Formen der römischen Liturgie darstellen, die jeweils ordentlich und außerordentlich genannt werden. Es handelt sich um zwei Anwendungen des einen römischen Ritus, die Seite an Seite leben: der ordentliche als der allgemeine und gewöhnliche Gebrauch, der außerordentliche als spezieller Gebrauch (aber keineswegs in außergewöhnlichen oder seltenen Fällen), der aufgrund seiner ehrwürdigen und alten Tradition mit all dem Respekt betrachtet werden muß, den er verdient.“

Vollkommen erfüllt wurde damit der Wunsch von S.E. Erzbischof Lefebvre, den er am 17.9.1976 in einem Brief an den Präsidenten von „Una Voce“ äußerte: „Für die universale Kirche wünsche ich wie Sie die friedliche Koexistenz der vor- und nachkonziliaren Riten. Man lasse also die Priester und die Gläubigen wählen, welche ‚Familie des Ritus‘ sie bevorzugen und welchem sie anhängen wollen. In der Folge warte man dann ab, dass der Lauf der Zeit das Urteil Gottes erkennen lasse im Hinblick auf die Wahrheit und die Heilswirksamkeit für die katholische Kirche und für die ganze Christenheit.“ Darin zeigt sich die tiefe Einigkeit der scheinbaren Antipoden Lefebvre und Ratzinger. Wenn das keine „innere Versöhnung in der Kirche“ ist!

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