Wahre Prophetie

von antimodernist2014

Die Große Botschaft von La Salette ist zweifelsohne eine Verstehenshilfe der Apokalypse des heiligen Apostels Johannes. Nachdem wir uns die Hirtin Melanie, die Seherin von La Salette, angesehen und die Botschaft von La Salette als ein Zeichen des Widerspruchs kennengelernt haben, wollen wir im dritten Teil unserer Arbeit wahre Prophetie verstehen und lesen lernen.

Die Große Botschaft von La Salette ist einzigartig. Das ist wohl auch der Grund für die Zurückweisung durch viele moderne Katholiken. In La Salette sagt die weinende Gottesmutter zusammengefaßt auf fünf DIN-A4 -Seiten alles, was für die kommende Zeit für einen Katholiken wissensnotwendig ist. Welch ein Kontrast zu den vielen falschen Botschaften, in denen die Erscheinungen ganze Bücher mit sog. Botschaften füllen. In Lourdes wird Maria noch weniger sagen als in La Salette, weil alles Wichtige schon gesagt ist und das, was immer wiederholt werden muß, sich in diese wenigen Worte zusammenfassten läßt: Betet und tut Buße!

Je eingehender man sich mit der Großen Botschaft von La Salette beschäftigt, desto mehr stößt man auf eine Tatsache: Es gibt keinen wirklich brauchbaren Kommentar zu den Worten der weinenden Gottesmutter. Zuweilen stößt man auf den einen oder anderen guten und interessanten Ansatz, aber in der Folge fällt man wieder in eine erstaunliche Oberflächlichkeit, so als wollte man mit aller Gewalt den Ernst der Botschaft nicht wahr haben. Wir haben schon gesehen, daß Leon Bloy sein ganzes Leben lang vergeblich dafür kämpfte, der Botschaft Gehört zu verschaffen. Das Auffallendste in der Großen Botschaft sind sicherlich die zahlreichen Hinweise auf die bzw. Parallelen zu der Apokalypse. Da liest man etwa von den 10 Königen, von Henoch und Elias, den Plagen und Zornschalen, dem Greuel der Verwüstung an heiliger Stätte – und vom Kommen des Antichristen. Da müßte man doch erwarten, der Leser würde zur Heiligen Schrift greifen und die Geheime Offenbarung befragen, um die Hinweise in der Großen Botschaft verstehen zu können – aber nein, Fehlanzeige! Jedenfalls ist uns wenigstens im deutschsprachigen Raum kein Kommentar bekannt, der die apokalyptischen Hinweise in der Großen Botschaft ernst nimmt und dementsprechend zu deuten versucht.

Eigenart der Prophetie

Ehe wir dies tun können, müssen wir vorweg noch auf eine wesentliche Eigenart der Prophetie hinweisen, vor allem der Endzeitprophetie. Das große Vorbild für alle diese Prophetien – auch für die Geheime Offenbarung selbst – sind die Endzeitreden Jesu Christi.

Den Anlaß für diese Reden bildete ein Sparziergang des Heilandes mit den Jüngern auf dem Ölberg. Die Jünger sahen auf die prächtigen Bauten der Tempelanlage, eines der beeindruckendsten Bauwerke der damaligen Welt. Bei diesem Anblick spricht einer der Jünger voller Begeisterung: „Siehe, Meister! Was für Steine und welch herrliche Gestalt!“ Jesus aber erwiderte: „Du siehst all diese Bauten! Kein Stein wird davon auf dem anderen bleiben!“ Diese Worte Jesu wurden auf dem Weg zum Ölberg gesprochen, als sie das Cedrontal am Ostabhang des Ölberges durchschritten. Jesus hatte Halt gemacht und sich gerade niedergesetzt, mit Blick auf den Tempel, dessen imposante Silhouette sich gegen den Himmel in den Strahlen der untergehenden Sonne abzeichnete. Die Worte Jesu drängten geradezu nach einer Erklärung. Vier der vertrautesten Jünger, Petrus, Jakobus, Johannes und Andreas, beeilten sich deswegen, die Frage zu stellen: „Sage uns, wann werden diese Dinge geschehen, und welches wird das Zeichen deiner Wiederkunft sein?“ (Vgl. Matth. 24,1-51; Marc. 13,1-37; Luc. 21,5-6).

Der göttliche Lehrmeister gibt hierauf die Antwort, in der der Untergang Jerusalems mit dem Weltende verbunden wird. Der Untergang Jerusalems wird zum Vorbild, zum Typus für das Geschehen des Weltendes. In vielen Prophezeiungen läßt sich dasselbe beobachten, Zeitnahes wird mir Fernem verbunden, weil das eine, das Bekannte hilft, das andere, das Zukünftige und Unbekannte, besser zu verstehen.

Hören wir hierzu eine Erklärung von Kardinal Billot in seinem Buch „Die Parusie“ (Kardinal Louis Billot, Die Parusie, Pro Fide Catholika, Durach 1991). Der Kardinal weist zunächst auf einen Unterschied hin, den es zu beachten gibt:

„Wenn wir nun die Prophetie mit der geschichtlichen Betrachtung vergleichen: worin liegt der wesentliche Unterschied? Er liegt in der Perspektive. Sowohl bei der Geschichte als auch bei der Prophetie liegt ein jeweils anderer Gesichtspunkt vor. Die Perspektive der Geschichte liegt auf der Ebene, in der die Ereignisse dieser Welt ablaufen. Wer weiß denn nicht, daß dieselben Dinge und Gegebenheiten von verschiedenen Standpunkten anders aussehen und daß man ganz aus der Nähe nur einen kleinen Ausschnitt sieht, während man z.B. vom Flugzeug aus einen Gesamtüberblick gewinnt: anders also die Perspektive in einer Ebene, anders die Vogelperspektive, anders der Blick vom Tal aus, anders die Aussicht von einem hohen Berggipfel. Die Geschichte hat ihren Beobachtungsposten in der ‚Ebene‘ (der Zeit), sie folgt den Ereignissen Schritt für Schritt. Es wird nacheinander dargestellt, ohne die Zwischenräume zu überspringen, in eben so vielen, deutlich unterschiedenen Bildern.
Die Prophetie hingegen hält sich auf jenen hohen ‚Gipfeln‘ auf, die den gesamten Ablauf der Zeit überragen. Sie wird einzig und allein durch die Sonne des Vorherwissens Gottes erleuchtet. Deshalb sagen die Theologen, die Prophetie sähe im Unterschied zur Geschichte die Ereignisse im Spiegel der Ewigkeit, d.h. in den Ideen, die diese ewige Dauer Gottes repräsentieren, in deren Sicht die längsten Zeiträume wie in einem Augenblick erscheinen; denn ‚tausend Jahre sind vor Gott wie ein einziger Tag‘“ (S 12f).

Jedes geschichtliche Ereignis läßt verschiedene Betrachtungsweisen zu. In der Geschichtsschreibung werden immer nur diejenigen Fakten erwähnt, die auf der Ebene liegen, „in der die Ereignisse dieser Welt ablaufen“. Mit anderen Worten, die dem Historiker mit natürlichen Mitteln greifbar sind. Wenn aber Gott Geschichte erzählt, dann als Heilsgeschichte. Gott zeigt „im Unterschied zur Geschichte die Ereignisse im Spiegel der Ewigkeit“. Von der Ewigkeit aus betrachtet, schaut aber die Welt und auch die Ereignisse in unserer Welt ganz anders aus. Wie Kardinal Billot weiter bemerkt, kommt noch hinzu: „Der Gegenstand der Prophetie als solcher ist die Zukunft, nicht die Vergangenheit oder Gegenwart.“ Dem menschlichen Wissen ist die Zukunft verborgen.

„Die Zukunft kann man nur lesen im unendlichen Vorherwissen Gottes, in den Plänen seiner souveränen Vorsehung, in den Anordnungen seiner ordnenden Weisheit, in den ewigen Ratschlüssen endlich, die jede Entwicklung von Jahrhunderten messen, und von den göttlichen Tiefen, in denen sie verborgen sind. Und da die göttlichen Pläne der Gegenstand der Prophetie sind, ist es nicht verwunderlich, daß sie es nicht einfachhin nur mit nackten Tatsachen zu tun hat, sondern mit den Verflechtungen der Ereignisse, die ihnen die Ordnung des göttlichen Planes gibt.
In dieser Ordnung nun, im Plan der göttlichen Vorsehung bzw. in der Anordnung der unendlichen Weisheit, wo jegliche Ökonomie der Dinge mit einer unvergleichlichen Meisterschaft und Kunst disponiert ist, verhalten und verbinden sich die Ereignisse ganz anders als nur durch einfache, gleichzeitige Chronologie. Es gibt darin eine Art der Verknüpfung, die man anderswo vergeblich suchen würde, weil sie allein der göttlichen Macht angehört. Es gibt eine Verbindung in der Heilsgeschichte, die darin besteht, daß das Vorbild und das im Vorbild Bezeichnete in eins geschaut werden, so daß frühere Ereignisse Schattenbilder der nachfolgenden sind, welche sich verhalten wie die Skizze zum fertigen Bild, das sie andeutet“ (S 13f).

Im Plan der göttlichen Vorsehung gibt es viele verborgene Wege, die unser Menschenverstand nicht überschauen kann. Wir können nur bestaunen, daß Gott alles „mit einer unvergleichlichen Meisterschaft und Kunst disponiert“. Diese Wahrheit kommt in der Heiligen Schrift immer wieder zutage, wenn Gott in die Menschengeschichte Vorbilder gestaltet, die sich sodann erst nach Jahrhunderten in ihrer wahren Bedeutung offenbaren. Wenn etwa der hl. Paulus im ersten Korintherbrief erklärt: „Ich will euch, Brüder, nicht im unklaren lassen: Unsere Väter waren zwar alle unter der Wolke, alle zogen durch das Meer, und alle wurden in der Wolke und im Meer auf Mose getauft, und alle aßen dieselbe geistige Speise, und alle tranken denselben geistigen Trank; sie tranken nämlich aus dem geistigen Felsen, der ihnen folgte: Der Fels war Christus“ (1 Kor. 10,1ff), dann stehen mit einem Mal all diese Ereignisse des Volkes Israel beim Auszug aus Ägypten in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem göttlichen Erlöser, und der Auszug des Volkes aus der Knechtschaft Ägyptens wird ein Typus für die Erlösung der Seele durch den göttlichen Heiland.

Dieser Zusammenhang ist natürlich menschlichen Augen verborgen, er ist nur der göttlichen Allwissenheit offenbar, wie auch Kardinal Billot hervorhebt: „Der Gegenstand der Prophetie wird durch den Propheten im Spiegel der Ewigkeit gesehen und von ihm geschaut in den Harmonien des Planes der göttlichen Vorsehung. So werden Ereignisse, Menschen und Fakten miteinander verbunden, die in der geschichtlichen Abfolge so nicht vorkommen, wobei aber Vorbild und Erfüllung wie in einem Blick geschaut werden. So sieht Jesus das Ende Jerusalems als beispielhafte Vorwegnahme für das Ende der Welt, und das ist die grundlegende Tatsache. So sieht der Prophet Daniel in Antiochus einen Vorläufer des Antichrist, der am Ende kommen wird (Dan. 11 f.). Der hl. Hieronymus sagt dazu: ‚In der Hl. Schrift ist es üblich, die Wahrheit durch die künftigen Dinge bestätigen zu lassen. So trägt der Psalm 71 den Titel ,Auf Salomon‘. Indessen trifft nicht alles, was dort gesagt wird, auf Salomon zu. Aber die Prophetie erfüllt sich in Salomon wie in einem Schattenriß der Wahrheit, um sich dann vollkommen im Erlöser zu erfüllen.‘ (Vgl. Hieronymus: „In Danielem“ Kap. XI)“ (S 14f).

Sobald man diese Tatsache bei den Prophetien ernst nimmt, weiß man auch um die Schwierigkeiten bei der Interpretation der Texte. Kardinal Billot weiß um den naheliegenden Einwand: „Wenn das so ist, daß man verschiedene Dinge miteinander vermischt, die weit auseinanderliegen, so wird doch in die Prophetie Verwirrung und Dunkelheit gebracht, deren wahrer Sinn für einen großen Teil der Menschen nur sehr schwer verständlich ist, wenn sie ihn überhaupt begreifen. Wenn man aber das Wesen der Prophetie betrachtet, verschwindet diese Schwierigkeit. Die Prophetie stellt ja die Geschichte aus dem Blickpunkt der Ewigkeit dar und sie betrifft zudem noch die Zukunft, die uns – aus verständlichen Gründen – immer bis zu einem bestimmten Grad verschlossen bleiben muß. Die Geschichte liegt vor uns im hellen Licht, während die Prophetie immer in ein gewisses Hell-Dunkel getaucht bleibt.“

Für keinen anderen Text der hl. Schrift gilt das so sehr wie für die Geheime Offenbarung des hl. Apostels Johannes, von der der hl. Hieronymus sagt: „Die Apokalypse des Johannes hat soviele Geheimnisse wie Wörter. Damit habe ich doch wenig gesagt im Verhältnis zu dem, was das Buch verdient: in jedem einzelnen Wort verbergen sich vielfache Erkenntnisse“ (Hl. Hieronymus im Brief 103 an Paulinus, Kapitel VII.). Jeder ernsthafte Ausleger dieser wahrhaft geheimnisvollen Texte wird darum voller Vorsicht sein, damit er sich nicht in diesem Hell-Dunkel verfängt und als lichtvolle Erkenntnis das präsentiert, was letztlich nur Eigendünkel und die zweifelhafte Frucht von falscher Neugierde ist.

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