Wahre Prophetie

von antimodernist2014

Dementsprechend erinnert Kardinal Billot daran: „In der Tat werden die Prophetien nicht gegeben, um die eitle Neugierde der Menschen zu befriedigen, sondern um solcher Zwecke willen, die Gottes würdig sind. Diese können sein: Gott will, daß wir uns auf gewisse Ereignisse vorbereiten, oder daß wir, zuvor gewarnt, uns vor der angekündigten Katastrophe retten können. Im einen wie im anderen Fall genügt es, daß uns das Ereignis in seinen allgemeinen Zügen bekannt ist, ganz besonders dessen Vorzeichen. Es ist keineswegs nötig, daß uns alle Einzelheiten bekannt sind. Dies zeigt auch, daß Gott nicht weniger seine Herrschaft über die moralische Welt ausübt als über die physische, eine Herrschaft, kraft deren nichts geschieht, weder im Kleinen noch im Großen, was nicht von Gott vorhergesehen, disponiert und gewollt ist: ‚Dies alles mußte geschehen, auf daß die Schrift erfüllt werde.‘“

Das Weinen des Erlösers, das Weinen Unserer Lieben Frau

Wagen wir auf dem Fundament dieser Einsichten einen ersten Blick auf die Große Botschaft von La Salette. Ohne Zweifel ist diese Botschaft, wie wir schon kurz angesprochen haben, endzeitlich, d.h. sie thematisiert die letzten Zeiten unserer Geschichte, die Zeit, die dem Weltende vorangeht und im eigentlichen Sinne „Endzeit“ genannt wird, „apokalyptische Zeit“. Schon der von der Gottesmutter gewählte Rahmen und die auffällige Art ihrer Erscheinung sind ein bedeutsamer Hinweis.

In dem Editorial zum Buch von Johannes Maria Höcht „Die Große Botschaft von La Salette“ leitet Arnold Guillet mit folgendem ergreifenden Gedanken ins Thema des Buches ein: „In La Salette hat Maria die letzte Waffe einer Frau und Mutter eingesetzt, ihre Tränen: sie weint, wie einst ihr Sohn geweint hat beim Anblick von Jerusalem. Ich kenne kein Ereignis der Kirchengeschichte, das mich innerlich mehr berührt als dieses historische Ereignis von La Salette. Maria, die Königin des Himmels, kommt ins abgelegenste Tal der Hochalpen, sie setzt sich nieder und weint, und sie beauftragt zwei Hirtenkinder, ihrem Volk zu sagen, warum sie weint. Sie weint, weil sie zusehen muß, wie die Welt die Liebe ihres Sohnes verschmäht. Sie sieht aber auch, wohin der Massenabfall führt, nämlich in die ewige Verdammnis der Hölle. Die Liebe zu ihren Kindern ist so groß und das Geheimnis der Bosheit ist so schrecklich, daß ihr die Tränen kommen, daß sie einen letzten, erschütternden Aufruf an ihre Kinder richtet, zurückzukehren und Buße zu tun, weil sie nicht mehr in der Lage ist, den strafenden Arm ihres Sohnes zurückzuhalten. Jesus hat nicht ohne Grund geweint, denn er sah den Abfall seines Volkes, das er sammeln wollte, wie eine Henne ihre Küklein sammelt («Ihr aber habt nicht gewollt»). Jesus sah im Geiste die Zerstörung Jerusalems voraus, die eine Generation später, im Jahre 70 durch die Römer erfolgen sollte… Das Strafgericht, das damals über Jerusalem hereinbrach, war das schrecklichste in der Geschichte Israels. Auf dem Ölberg, im Anblick der heiligen Stadt, war es Jesus, der geweint hat; hier, im Hochtal der französischen Alpen, ist es Maria, die weint. Das Strafgericht, das auf die Tränen Jesu folgte, war schrecklich; das Strafgericht, das auf die Tränen seiner Mutter folgen wird, wird viel schrecklicher sein. «Beim ersten Hieb seines zornblitzenden Schwertes werden die Berge und die Natur vor Entsetzen erbeben… Die Natur verlangt nach Rache für die Menschen und sie zittert vor Angst in Erwartung dessen, was über die von Verbrechen bedeckte Erde hereinbrechen wird.» Das sind Worte von apokalyptischer Wucht; so kann nur eine reden, die Macht hat“ (Johannes Maria Höcht, Die Große Botschaft von La Salette, Christiana-Verlag Stein am Rhein, 1983, S. 7f).

Wie bei den meisten Kommentaren bleibt es sodann bei der Andeutung der apokalyptischen Macht der Worte derjenigen, die auf dem Berg von La Salette weint. Schon der so offensichtliche Zusammenhang mit dem Weinen Christi über Jerusalem wird nicht wirklich ausgedeutet. Denn über wen weint denn der göttliche Erlöser angesichts dieser Stadt, dieser Häuser, dieses Tempels? Was erschüttert das göttliche Erlöserherz so sehr, daß dem Heiland der Welt die Tränen kamen? Er weint über das auserwählte Volk des Alten Bundes, das Ihn, den Sohn Gottes nicht erkannt hat, ja Seine Kreuzigung fordern wird und darum nicht mehr weiß, was ihm zum Frieden dient: „Als er näher kam und die Stadt erblickte, weinte er über sie und sagte: ‚Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was dir zum Frieden dient! Nun aber ist es vor deinen Augen verborgen. Denn es wird eine Zeit über dich kommen, da deine Feinde einen Wall gegen dich aufwerfen, dich ringsum einschließen und dich von allen Seiten bedrängen werden. Sie werden dich und deine Kinder, die in dir sind, zu Boden schmettern und keinen Stein in dir auf dem anderen lassen, weil du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast‘“ (Lk. 19, 41-44).

Das Volk des Alten Bundes versagt im alles entscheidenden Augenblick, weshalb der hl. Paulus feststellt: „Was Israel anstrebte, hat es nicht erreicht. Nur die Auserwählten haben es erreicht. Die übrigen aber wurden verstockt. Wie geschrieben ist: ‚Gott gab ihnen einen Geist der Betäubung, Augen, um nicht zu sehen, Ohren, um nicht zu hören, bis auf den heutigen Tag‘“ (Röm. 11,7f). Es geht also hier nicht um die Einzelnen, nicht um diesen oder jenen aus dem Volk Israel, es geht darum, daß die ganze Führung Israels versagt und einen Großteil des Volkes mit ins Verderben zieht, was im Untergang Jerusalems seinen sichtbaren Ausdruck findet. Jesus weint über dieses furchtbare Versagen, das zugleich eine furchtbare Schuld bedeutet und das Volk Israel schließlich über die ganze Welt zerstreut. Wir wissen nicht, was für ein Segen es gewesen wäre, wenn ganz Israel den gottgesandten Messias anerkannt hätte. Der hl. Paulus deutet es uns nur ein klein wenig an, wenn er zu bedenken gibt: „Wenn aber schon ihr Fehltritt Reichtum für die Welt bedeutet und ihr Versagen Reichtum für die Heiden, wieviel mehr dann ihre Vollzahl!“ (Röm. 11,12). Das ganze Ausmaß des Dramas der Verwerfung Israels kann nur das göttliche Erlöserherz ermessen. Wie unermeßlich traurig stimmt es dieses göttliche Herz Jesu, feststellen zu müssen: „Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was dir zum Frieden dient! Nun aber ist es vor deinen Augen verborgen.“

In La Salette weint Maria. Sie steht dabei nicht auf dem Ölberg, sondern hoch oben in den Alpen, um auf Frankreich und ganz Europa zu schauen, also das ehemals christliche Abendland, die Wiege der römisch-katholischen Kirche. Über wenn aber weint Maria? Die Parallele zum Weinen Jesu am Ölberg ist eigentlich unübersehbar. Aber stimmt es, was Arnold Giullet behauptet: „Sie weint, weil sie zusehen muß, wie die Welt die Liebe ihres Sohnes verschmäht. Sie sieht aber auch, wohin der Massenabfall führt, nämlich in die ewige Verdammnis der Hölle“? Daß die Welt die Liebe ihres Sohnes verschmäht, das ist nun wahrlich nichts Ungewöhnliches und Auffallendes. Unser göttlicher Lehrmeister betont es mehrmals: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und wehklagen, aber die Welt wird sich freuen…“ (Joh. 16,20). Oder auch: „Gerechter Vater, die Welt hat dich nicht erkannt. Ich aber habe dich erkannt, und diese haben erkannt, daß du mich gesandt hast“ (Joh. 17,25). Und gleich zu Beginn des Johannesevangeliums: „Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden und die Welt hat ihn nicht erkannt“ (Joh. 1,10).

Natürlich weint Maria nicht deswegen, weil „die Welt“ ihren Sohn nicht mehr liebt, sondern sie weint, weil das auserwählte Volk des Neuen Bundes, die Katholiken nämlich, ihren Sohn nicht mehr lieben, sondern Ihn durch ihre Untreue und Gottlosigkeit immer mehr beleidigen. So wie die Israeliten, das Volk des Alten Bundes, immer mehr in die Verstockung geraten sind und schließlich von ihrer gottgegebenen Sendung abfielen, so ist es am Ende der Zeiten wieder, aber diesmal mit dem Volk des Neuen Bundes. Nicht die Welt, die den Vater gar nicht kennt, sondern die Katholiken fallen vom Glauben ab. Oder noch etwas genauer: Die Hierarchie reißt das ganze Volk mit in den Abgrund des Irrglaubens! Im Alten Bund waren es die Pharisäer und Sadduzäer, die Hohenpriester mit dem Synedrium, und im Neuen Bund die „Bischöfe“ und der „Papst“.

Darum weint auf dem Ölberg der göttliche Erlöser über Jerusalem und Seine Mutter weint auf dem Berg von La Salette über das neue Jerusalem, nämlich die Kirche. Erklärt doch der hl. Paulus im Galaterbrief: „Hagar bedeutet nämlich den Berg Sinai in Arabien, der dem jetzigen Jerusalem gleicht, das mit seinen Kindern in Knechtschaft lebt. Die Freie aber bedeutet das himmlische Jerusalem, und das ist unsere Mutter!“ (Gal 4,25f). Nun ist aber die streitende Kirche in dieser Weltzeit noch vielerlei Prüfungen ausgesetzt und die Katholiken müssen sich in den vielen Versuchungen bewähren. Diese Versuchungen nehmen in der Endzeit zu, wie uns die Geheime Offenbarung des hl. Apostels Johannes eindringlich zeigt.

Das Vorbild: Der Untergang Jerusalems

Es wird wieder so sein wie zur Zeit des Untergangs Jerusalems, als alle ungläubigen Juden sich in der Stadt verschanzt haben, weil sie sich einbildeten, darin sicher zu sein, wohingegen sie darin alle auf furchtbarste Weise umkommen sollten. Haben doch die Römer die Stadt zunächst eingeschlossen, dann ausgehungert und schließlich erobert, niedergebrannt und endlich geschleift, d.h. bis auf die Grundmauern niedergerissen. Die damals lebenden Judenchristen haben die Stadt gemäß der Voraussage unseres Herrn Jesus Christus verlassen und sind in die Berge geflohen. Gehen wir auf dieses Vorbild der Geschehen am Ende der Weltzeit etwas ausführlicher ein, damit wir die heutige Wirklichkeit – sind wir ja inmitten dieser Endzeit – besser deuten können.

Es war im Jahre 66 n. Chr., als der römische Prokurator Gessius Florus 17 Talente aus dem Tempelschatz forderte. Die Juden weigerten sich und eroberten die Burg Antonia, wobei sie die Besatzung niedermachten. Als sie zudem das tägliche Opfer für den Kaiser im Tempel einstellten, kam das einer Kriegserklärung gleich. In diesem Krieg verzeichneten die Juden zunächst einige Erfolge, aber die Weltmacht Rom konnte es natürlich nicht dabei bewenden lassen. Kaiser Nero ernannte den Feldherrn Titus Flavius Vespasianus zum Feldherrn und sandte ihn mit drei Legionen und 50 000 Mann Hilfstruppen ins Heilige Land. In kürzester Zeit war Galiläa erobert, das Land verwüstet, die Bevölkerung niedergemacht oder als Kriegsgefangene und Sklaven verschleppt worden. Durch den Selbstmord Neros kam jedoch der Vorstoß zum Stilltand. Nachdem Vespasian von den Truppen im Osten als Kaiser ausgerufen wurde, segelte er nach Rom zurück und übergab seinem Sohn Titus den Oberbefehl.

Durch dieses politisch bedingte Zögern der römischen Truppen steigerte sich das Vertrauen der Juden in die Uneinnehmbarkeit Jerusalems ins Grenzenlose. Man erinnert sich unwillkürlich an die Zeit des Propheten Jeremias, der vom Herrn den Auftrag erhält: „Stelle dich an das Tor des Tempels des Herrn und verkünde dort dieses Wort: Hört das Wort des Herrn, ihr Judäer alle, die ihr durch diese Tore kommt, um den Herrn anzubeten! So spricht der Herr der Heerscharen, der Gott Israels: ‚Bessert euren Wandel und euer Tun, so will ich euch wohnen lassen an dieser Stätte! Traut nicht dem Lügenwort: Der Tempel des Herrn! Der Tempel des Herrn! Der Tempel des Herrn ist dies!‘“ (Jer. 7,2-4).

In ihrer Verblendung verschanzen sich die Juden in der Stadt und meinen darin den Römern Widerstand leisten zu können. Titus begann im Frühjahr des Jahres 70 die Belagerung der Stadt mit den üblichen Formalitäten: Die Römer forderten die Stadt zur Übergabe auf, was die Juden natürlich stolz und voller Hohn ablehnten. Schon nach zwei Wochen gelang es den Römern eine Bresche in die dritte Stadtmauer zu schlagen und zur zweiten vorzurücken. Nach weiteren fünf Tagen war auch die zweite Stadtmauer überwunden, die Römer standen also vor der letzten. Als Titus davon hörte, daß die Stadt durch geheime Zugänge und unterirdische Gänge vom Land her versorgt wurde, ließ er in der Rekordzeit von drei Tagen einen 8,2 km langen Wall aufwerfen, der die Stadt vollkommen vom Umland abschnitt. Jeden Flüchtling, der ergriffen wurde, ließ er kreuzigen. Manchmal waren es 500 am Tag. Die Stadt war allmählich ausgehungert und niemand hatte mehr die Kraft und Zeit, die Toten zu begraben. Daher wurden sie einfach über die Stadtmauer geworfen, wo sie sich zu wahren Leichenbergen auftürmten.

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