Der Lotse verläßt das gesunkene Schiff

von antimodernist2014

Es ist schon sehr lange her, daß wir unter unserer Rubrik „Difficile est…“ etwas veröffentlicht haben. Zur Erinnerung: Der römische Dichter Juvenal hat Anfang des 2. Jahrhunderts angesichts der Intrigen am kaiserlichen Hof seine Eindrücke in dem Satz zusammengefaßt: „Difficile est, satiram non scribere.“ – „Es fällt schwer, keine Satire zu schreiben“ (Juvenal, Satiren I, 30). Dasselbe kann man sicherlich ebenfalls angesichts der neurömischen Intrigen im Vatikan und zudem angesichts der halbkonservativen bis konservativen Schreiberlinge sagen, die versuchen, diese Intrigen nachzuzeichnen und „katholisch“ zu deuten.

Wir haben uns bisher ernstlich bemüht, bei den Kommentaren der vielfältigen Kuriositäten der neurömischen Gerüchteküche und deren Deutungen möglichst nüchtern und sachlich zu bleiben und keine Satiren zu schreiben. Wobei man uns vor allem von gewisser Seite dennoch – also trotz unserer ehrlichen Bemühungen um Sachlichkeit – Polemik, bitteren Eifer oder sogar Rachsucht vorgeworfen hat. Da ist ganz einfach festzustellen, daß bekanntlich getroffene Hunde bellen.

Erst diese Tage ist uns ein Blättchen zugesteckt worden, herausgegeben von einem ehemaligen Mitglied der Petrusbruderschaft, das aber inzwischen, wie man uns sagte, in einer Diözese Dienst tut. Zugegebenermaßen haben es die Halbkonservativen oder Konservativen neurömischen Pseudokatholiken heutzutage besonders schwer – mit einem Jorge Mario Bergoglio an der Spitze der Menschenmachwerkskirche, der als „Papst“ Franziskus derselben vorsteht. Auch unserem Schreiber bereitet das Benehmen des Herrn Bergoglio offensichtlich einiges Kopfzerbrechen, was in dem uns zugesteckten Blättchen auch thematisiert wird. Unser Schreiber beginnt seine Gedanken zum Thema „Wie sollen wir unseren Glauben leben? Grundsätzliche Überlegungen zur Abberufung von Kardinal Müller“ folgendermaßen:

Liebe Gläubige,
die Abberufung von Kardinal Müller von der Glaubenskongregation erschüttert im Moment die gläubigen Katholiken. Kardinal Müller stand in seiner Amtszeit als Präfekt der Glaubenskongregation für eine klare Auslegung des Glaubensgutes der katholischen Kirche. Er betonte die Verpflichtung der Auslegung des Glaubens im Zusammenhang mit der gesamten Überlieferung der Katholischen Kirche. Was bedeutet die Abberufung von Kardinal Müller für die aktuelle Situation in der Katholischen Kirche? Sind wir zurecht oder zu Unrecht mißtrauisch?

Beim Lesen dieser Zeilen ist man schon sehr geneigt auszurufen: „Hoppla, was ist denn da passiert?“ Der Theologe Gerhard Ludwig Müller ist plötzlich der Garant für „eine klare Auslegung des Glaubensgutes der katholischen Kirche“. Das scheint doch eine völlig neue, genauer gesagt absurde Ansicht zu sein. Der ehemalige Petrusbruder scheint noch niemals davon gehört zu haben, daß die Modernisten gerne mit ihren Anhängern Katz‘ und Maus spielen. Darum gibt es immer sog. konservative und sog. progressive Modernisten, also Bremser und Gasgeber auf dem Weg des Fortschritts. Dabei sind oft diejenigen Modernisten, die auf der Karriereleiter das Bischofsamt anstreben oder auch dafür auserwählt wurden, eher konservativ, wohingegen die Professoren weitgehend progressiv sind. Den Theologieprofessor Gerhard Ludwig Müller würde ein Katholik niemals als glaubenstreu bezeichnen, auch nicht einmal als konservativen Modernisten, sondern viel eher als gemäßigten Progressisten. Denn als Professor unterlag Herr Müller natürlich auch dem internen Druck seiner Zunft, möglichst viel Neues, Auffallendes, wenn nicht sogar Aus-dem-Rahmen-Fallendes zu veröffentlichen, wollte er von den Herren Kollegen einigermaßen ernst genommen werden.

Der Münchner Dogmatiker, der dann nicht auf den so sehr ersehnten erzbischöflichen Stuhl von München-Freising, sondern nur auf den Bischofsstuhl von Regensburg berufen wurde, hat auch, wie seine Kollegen Ratzinger und Rahner, einen Grundkurs zur Dogmatik, also zur Glaubenslehre geschrieben, der sich jedoch von den anderen wesentlich unterschied, nämlich im ganzen Aufbau. Während die „alten“ Dogmatiken sich an die Gliederung des Glaubensbekenntnisses hielten und sich zudem an die „Summa theologiae“ des hl. Thomas von Aquin anlehnten, hat Müller, der ein Schüler eines Schülers Karl Rahners, nämlich Karl Lehmanns, ist, gemäß einem Vorschlag Rahners diese Gliederung aufgeben. Der Theologe Müller rechtfertigte seine Neukonzeption der Dogmatik mit dem Vorwurf an die „alte“ Theologie, diese würde mit ihrer etwas sehr schematischen Gliederung dazu verleiten, „daß man die immanente Trinität Gottes schon bei der Behandlung der Schöpfungslehre als gegeben voraussetzt, obwohl sie sich erst im Gang der Heilsgeschichte (ökonomische Trinität) als das transzendente Prinzip von Schöpfung und Heilsgeschichte manifestiert“.

Mit dieser Entscheidung Müllers für eine neue Einteilung seiner Dogmatik entgegen jahrhundertealter anderer Gewohnheit (also entgegen der katholischen Tradition), ist eine kopernikanische Wende verbunden – so etwas ist immer gut, ganz modern und darum dem modernen Menschen gefällig und den anderen Professoren gegenüber sehr profilierend! Nun ist seine, des Herrn Müllers Theologie nicht mehr eine Wissenschaft „von oben“, sondern von „von unten“. Theologie von unten ist aber „Theologie“ vom Menschen her gesehen und nicht von Gott – also keine Gotteswissenschaft mehr, sondern Menschenwissenschaft. Rahner nennt das etwas umständlicher: Anthropologische Wende. Diese anthropologische Wende sieht man dem Werk natürlich auch an, Müller schreitet durchaus vom Wort zu Tat. Gleich zu Beginn seines Werkes steht eine recht ausführliche und eng an Karl Rahners anthropologische Wende der Theologie angelehnte „Offenbarungstheologische Erkenntnislehre“, die selbstverständlich ganz der „nouvelle théologie“, also der „neuen Theologie“ huldigt – wie könnte es auch anders sein, wenn der Herr Professor Karriere machen möchte, was man Gerhard Ludwig Müller durchaus nachsagte.

Um nicht allzu sehr vom Thema abzukommen, soll nur noch darauf hingewiesen werden, daß Gerhard Müller in seiner Dogmatik schon eine postmoderne Vielfalt an Autoren zu Wort kommen läßt, wobei deren Stimme offensichtlich den „Traditionsbeweis“ der alten Dogmatiken ersetzen soll. Zu diesen Namen gehören u.a. Martin Luther (auffallend häufig!), natürlich auch Karl Rahner, oder aber Gustavo Gutiérrez, Edward Schillebeeckx, Hans Urs von Balthasar usw. Während Müller diesen nicht gerade durch Rechtgläubigkeit glänzenden Herren jeweils eine recht freundliche Interpretation zuteilwerden läßt, kommen die neuscholastischen Autoren bei ihm meist sehr schlecht weg. Wie bei den anderen modernen Autoren wird auch bei Müller Theologie zur bloßen Theologiegeschichte, d.h. die „Wahrheit“ wird nur aus der jeweiligen geschichtlichen Epoche heraus verständlich und ist deswegen natürlich auch mit dem Lauf der Zeit veränderlich.

Abschließend soll noch erwähnt werden, daß auch Gerhard Müller im Sinne der konservativen Modernisten die unfehlbaren Entscheidungen des kirchlichen Lehramtes auf die außerordentlichen Akte einschränkt – auf die ganz und gar außerordentlichen, muß man schon präzisieren, denn nach Gerhard Müller zählen zu den Dogmen im Sinne des Vatikanums nur die Unbefleckte Empfängnis, die Unfehlbarkeit des Papstes und der Jurisdiktionsprimat, sowie die leibliche Aufnahme der Gottesmutter in den Himmel. Bei einer solch beängstigend schmalen durch unfehlbare Sicherheit abgesicherten Basis des Glaubens stellt sich natürlich sofort die Frage nach der Interpretationshoheit in Sachen Glauben. Nun, die Antwort ist ganz einfach, die liegt bei Herrn Müller, zunächst als Theologieprofessor, dann als Bischof und schließlich als Chef der Glaubenskongregation. Und, so sagen seine Gegner: Dies hat Herr Müller immer sehr ernst genommen.

Aber zurück zu unserem Thema, zurück zu den Bauchschmerzen unseres ehemaligen Petrusmannes: Für diesen ist also Gerhard Ludwig Müller, dieser Gerhard Ludwig Müller mit der anthropologischen Wendedogmatik und den gerade einmal drei Dogmen, der Garant für eine „klare Auslegung des Glaubensgutes der katholischen Kirche“. Bei einer solch seltsamen Ansicht ist zu befürchten, daß die Ausbildung bei den Petrusleuten genauso „suboptimal“ ist wie bei ihren älteren „Pius“-Brüdern. Zudem ist erstaunlich, daß genau dies auch die Meinung der Medien ist, denn gemäß dieser gilt Müller „als konservativer Hardliner, der grundlegende Reformen in der katholischen Kirche ablehnt“. Normalerweise wird man doch als mitdenkender Katholik sofort hellhörig, sobald die Medien dieselbe Meinung vertreten wie man selbst.

Für unsere Befürchtung einer mangelhaften Ausbildung liefert unser Artikel-Schreiber auch sofort den Beweis. Er fordert seine Leser auf, „einen Blick auf das Amt der Katholischen Kirche“ zu werfen. Er meint wohl das Amt in der Katholischen Kirche, denn die Katholische Kirche ist sicherlich kein Amt, jedoch gibt es in ihr selbstverständlich verschiedene Ämter, ja sogar Ämter, die göttlichen Rechts sind. Nachdem wir darüber belehrt werden, daß es in der Katholischen Kirche wesentlich drei Ämter gibt, heißt es weiter: „An der Erfüllung dieser Aufgaben (der einzelnen Ämter) müssen sich alle Amtsträger vom Niedrigsten bis zum Höchsten messen lassen. Und es liegt auf der Hand: Es gibt Amtsträger, die ihr Amt sehr gut erfüllen und es gibt Amtsträger, die das Gegenteil von dem tun, was sie tun sollten. Damit man sich nicht falsche Illusionen macht, ist diese Unterscheidung sehr wichtig. Die Katholische Kirche bleibt die Gleiche.“

Hiermit hat der Schreiber die übliche Tradi-Spielwiese für ihre ihren Glauben betreffenden Hobbyphantastereien abgesteckt: Es gibt in der Katholischen Kirche Ämter und natürlich auch Amtsträger. Die Amtsträger können auch Fehler machen, sie können gut oder schlecht sein, ja sogar „das Gegenteil von dem tun, was sie tun sollten“, das macht aber gar nichts und kümmert auch niemanden, denn die „Katholische Kirche bleibt die Gleiche“.

Das nennt man wohl ein Wunder, ein permanentes Wunder sogar! Solcherlei Wunder gibt es freilich nur in der Tradikirche, nicht einmal im echten Leben. Schon in jeder Firma hätte nämlich jeder Chef albtraumähnliche Existenzängste, sobald er feststellen würde, fast alle seine Abteilungsleiter tun „das Gegenteil von dem…, was sie tun sollten“. Und er wüßte, wenn er nicht sofort einschneidende Maßnahmen ergreift und diese Leute aus seiner Firma entfernt, ist alles aus, die Firma ist in kürzester Zeit bankrott und es droht die feindliche Übernahme. Unser Schreiber aber meint – allen Ernstes, wie wir noch deutlicher sehen werden – in der Kirche sei das ganz anders.

Wie kommt der Mann zu diesem Wahn? Wir lesen weiter: „Als Amtsträger ist man aber vom obersten bis zum niedrigsten Amtsträger an die objektiven Gegebenheiten des Glaubens und der Sakramente gebunden. Nicht man kann, sondern man muß die Wahrheiten des Glaubens, die Gebote Gottes und die Heiligungsmittel der katholischen Kirche so gut wie nur möglich verwalten und verkündigen. Wer es nicht tut, verletzt seine Pflicht. Und es gibt für keinen Amtsträger die Garantie, daß er seine Pflichten immer bestens erfüllt oder daß er sie nicht in schwerwiegender Weise verletzen würde.“

Also Leute, aufgepaßt! Traut niemandem, denn es gibt „keinen Amtsträger“, der seine Pflichten nicht in schwerwiegender Weise verletzten könnte. Auch in der Kirche Jesu Christi kann man sich auf niemanden verlassen! Aber, so wird dem einen oder anderen als Einwand kommen: Was ist mit dem Papst?

Unser ehemaliger Petrusmann erahnt ebenfalls diesen Einwand und belehrt uns erstaunlicherweise ganz lefebvristisch: „Die Unfehlbarkeit des Papstes bedeutet nur, daß er bei der Verkündigung eines Dogmas keinen Irrtum verkündet und daß dort, wo der Papst ist, die Katholische Kirche ist. Durch diese Katholische Kirche werden wir gerettet und der Teufel kann die Katholische Kirche nicht zerstören. Aber daß die Katholische Kirche nicht zerstört werden kann – ‚die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen‘ (Mt. 16,18) – schließt dem Sinne nach mit ein, daß sie durch die Angriffe des Teufels schweren Schaden leiden kann, aber eben nicht zerstört werden wird.“

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