Noch einmal die Leoninischen Gebete

von antimodernist2014

Als die Revolutionen im Kirchenstaat tobten und dieser schließlich verlorenging, war der Papst sich im klaren, was vor sich ging. Auch Leo XIII. konnte die „römische Frage“ ohne Zweifel in den Horizont der gesamten Ereignisse einordnen. In seiner Enzyklika „Humanum genus“ vom 20. April 1884 heißt es: „Neben dem Reich Gottes auf Erden, der wahren Kirche Christi, gibt es noch ein anderes Reich, das des Satans, unter dessen Herrschaft alle stehen, die dem ewigen göttlichen Gesetz den Gehorsam verweigern […]. In unseren Tagen scheinen alle diejenigen, die dieser zweiten Fahne folgen, miteinander verschworen zu sein in einem überaus erbitterten Kampf unter der Leitung und Hilfe des Bundes der sogenannten Freimaurer.“ Er wußte genau, worum es geht, nämlich den Generalangriff jener, „die dieser zweiten Fahne folgen“, gegen die Kirche, und zwar „unter der Leitung und Hilfe des Bundes der sogenannten Freimaurer“. Der führende Revolutionär bei der Eroberung Roms, Garibaldi, war bekanntermaßen ein bedeutender Freimaurer. „1844 wurde Garibaldi in der Loge Les Amis de la Patrie in Montevideo in den Freimaurerbund aufgenommen“, lesen wir in „Wikipedia“, „und wechselte 1861 in die Loge Sebezia in Neapel, die sich daraufhin in Grande Oriente di Napoli umbenannte. 1864 wurde in Florenz ein Kongress einberufen, der die Vereinigung der Großlogen Italiens zum Ziel hatte. Sie bildeten einen Dachverband von Großlogen, den Vorläufer des Grande Oriente d’Italia, zu dessen Großmeister Garibaldi gewählt wurde. 1877 nahmen die Freimaurer von Italien mit Freimaurerbannern in einer Großveranstaltung an der Enthüllung des Garibaldi-Denkmals auf der Piazza Mentana in Florenz teil.“

Die Eroberung Roms und Kaperung der päpstlichen Länder war nur eine Schlacht in diesem langwährenden und erbitterten Kampf, die Lösung der „römischen Frage“ war eine weitere. Doch der Kampf dauerte an, auch wenn sich der Schauplatz verlegte und nunmehr eine Verfolgung in Rußland ausbrach. Es war ganz natürlich, daß der Papst den Schwerpunkt seiner Waffen des Gebets nun dorthin richtete. Ein Krieg geht weiter bis zum endgültigen Sieg, mag auch die eine Schlacht verloren, die andere gewonnen werden. Man kann sich fragen, ob die Lösung der „römischen Frage“, so wie sie durch die Lateranverträge erfolgte, oder die „Öffnung des Eisernen Vorhangs“, so wie er geschehen ist, wirklich Siege der Kirche waren. Eindeutig ist, daß der Kampf keineswegs beendet ist. Er tobt wütender denn je, und er wird noch ärger werden.

Darum ist und bleibt es unser Anliegen, durch die Macht des Gebetes den Himmel zu bestürmen, ihn unablässig „für die Bekehrung der Sünder, für die Freiheit und Erhöhung unsrer heiligen Mutter, der Kirche“ anzurufen, auch wenn die Bedrohungen heute ganz anderer, viel schlimmerer Art sind, und um den Sieg zu bitten. Der Sieg wird sein, wenn der große Heerführer, der heilige Erzengel Michael, „den Satan und die anderen bösen Geister, die in der Welt umhergehen, um die Seelen zu verderben, durch die Kraft Gottes in die Hölle“ gestoßen haben wird. „Und ich sah einen Engel vom Himmel niedersteigen, der den Schlüssel zum Abgrund und eine große Kette in seiner Hand hielt. Er packte den Drachen, die alte Schlange, die der Teufel, der Satan ist, fesselte ihn auf tausend Jahre und warf ihn in den Abgrund. Dann verschloß er ihn und legte ein Siegel darauf. Nicht mehr sollte jener die Völker verführen, bis die tausend Jahre zu Ende wären. Danach muß er für kurze Zeit losgelassen werden“ (Offb 20, 1-3). Das ist der Triumph in dieser großen apokalyptischen Entscheidungsschlacht, den wir erwarten und um den wir in den Leoninischen Gebeten flehen. Solange wir nicht so weit sind, haben diese Gebete ihren Zweck noch nicht erreicht.

Im Jahr 1929 begannen nicht nur die grausamen Verfolgungen in Rußland, es war auch jenes Jahr, in welchem an Schwester Lucia von Fatima die Aufforderung erging: „Es ist der Augenblick gekommen, in dem Gott den Heiligen Vater auffordert, in Vereinigung mit allen Bischöfen der Welt die Weihe Rußlands an mein Unbeflecktes Herz zu vollziehen. Er verspricht, es durch dieses Mittel zu retten.“ Dieser Wunsch wurde vom Beichtvater der Schwester Lucia nach Rücksprache mit dem Bischof von Leiria sogleich nach Rom weitergeleitet. Papst Pius XI. war also im Bilde, und es scheint nicht ausgeschlossen, daß seine „neue Intention“ auch eine Reaktion auf diese Bitte der Gottesmutter war. Die Weihe selber wollte er offensichtlich nicht vornehmen, aber es wäre nachvollziehbar, daß er im Jahr 1934 die Intention mit der „Bekehrung Rußlands“ etwas Fatima-konformer gestalten wollte, wie dies unsere Quellen besagen, zumal damals auch außerhalb Rußlands die Freiheit der Kirche zunehmend in Gefahr geriet, etwa im nationalsozialistischen Deutschland.

Die Grundausrichtung der Gebete bleibt ohnehin die gleiche. Schwester Lucia sagte in einem Gespräch 1957 mit P. Fuentes, die allerseligste Jungfrau habe ihr mitgeteilt, „daß der Teufel einen Kampf gegen die Jungfrau führt, einen Entscheidungskampf“. Sie fuhr fort: „Es ist der letzte Kampf, wo eine Partei siegreich sein und die andere eine endgültige Niederlage erleiden wird.“ Sie sagte auch: „Pater, der Teufel führt die Entscheidungsschlacht gegen die Jungfrau, und Sie wissen, was Gott am meisten beleidigt und ihm in kürzester Zeit die meisten Seelen gewinnt, ist die Eroberung der gottgeweihten Seelen.“ Fatima fügt sich nahtlos in diesen großen Entscheidungskampf um „die Bekehrung der Sünder, für die Freiheit und Erhöhung unsrer heiligen Mutter, der Kirche“, wie ihn schon Pius IX., Leo XIII. und Pius X. geführt hatten. Mit den Schlußgebeten nach der Hl. Messe setzen wir diesen Kampf unbeirrt fort.

„Zweifelhafte Geschichten“

6. Im dritten Punkt behandelt P. Cekada „zwei zweifelhafte Geschichten“, welche mit den Leoninischen Gebeten verbunden werden. Die eine sei die „angebliche Vision“ Papst Leos. Nachdem er einige verschiedene im Umlauf befindliche Berichte über diese Vision und die dadurch veranlaßte Einführung des St. Michaelgebetes angeführt hat, faßt er die daraus sich ergebenden Probleme wie folgt zusammen: Es gebe in den Berichten keine Angabe von Quellen; die verschiedenen Behauptungen widersprächen einander darüber, wo die Vision stattgefunden habe, ob nach der Messe am Fuß des Altares oder in einer Besprechung mit den Kardinälen; sie seien nicht übereinstimmend in Zeitpunkt und Ablauf der Vision; die Daten, welche für die Vision angegeben werden (1880, 1884 und 1888) stimmten nicht mit dem Datum überein, zu welchem das St. Michaelsgebet tatsächlich eingeführt wurde, nämlich 1886; es scheine keine Bestätigung für diese Geschichte in zeitgenössischen Quellen zu geben, wie man es erwarten sollte, wenn sie wirklich stattgefunden hätte. Somit schließt sich der Autor der Schlußfolgerung eines P. Bers aus den 1930er Jahren an, „daß diese ‚Vision‘ erst in späterer Zeit aus gewissen Gründen erfunden“ worden sei.

Wir haben unsererseits auf die verschiedenen Versionen der Berichte über die Vision Leos XIII. hingewiesen und einige mit Quellenangaben wiedergegeben, die sich in vielem nicht decken und in manchem zu widersprechen scheinen. Unsere Schlußfolgerung war jedoch die: „Zusammenfassend kann man aber doch feststellen: Es ist geschichtlich sicher, daß Leo XIII. eine besondere übernatürliche Erleuchtung hatte, die ihn bewegte, die Gebete nach der stillen hl. Messe einzuführen. Auch kann man davon ausgehen, daß das Wesentliche dessen, was der Papst erlebt hat, in seinem Michaelsgebet zu Ausdruck kommt, das er daraufhin verfaßt hat.“ Es scheint uns klar, daß Leo XIII. die Sache nicht an die große Glocke hängen wollte und es keinen „offiziellen“ Text über diese Vision gibt. Aber wie das Sprichwort sagt: „Kein Rauch ohne Feuer.“ Daß die Berichte reine Erfindungen wären und nicht ein „fundamentum in re“ hätten, schiene uns überaus unwahrscheinlich. Selbst Sagen, Märchen und Legenden haben gewöhnlich einen wahren Kern.

Es ist eine beliebte Methode der rationalistischen Bibelkritik, aus den Unterschieden und scheinbaren Widersprüchen in den Berichten der Evangelien darauf zu schließen, daß es sich um viel später entstandene reine Erfindungen handle. Dagegen wird von katholischer Seite stets ins Feld geführt, daß Zeugenberichte in der Regel unterschiedlich ausfallen. Gerichtspsychologen bestätigen, daß eine zu genaue Übereinstimmung solcher Aussagen eher darauf schließen lasse, daß sie unecht sind und abgesprochen. Umso weniger dürfen wir eine solche Übereinstimmung in diesem Fall erwarten, da es sich nicht um das inspirierte Wort Gottes und auch nicht um autorisierte Zeugen handelt. Einige Widersprüche ließen sich gewiß erklären. Die Bibelkritik hat beispielsweise geltend gemacht, daß das Wunder der Brotvermehrung zweimal im Evangelium berichtet werde, jedoch jeweils mit ganz verschiedenen Angaben über den Ort des Geschehens und die Zahl der Brote und Fische, der gespeisten Menschen und der übriggebliebenen Stücklein. Daraus schlossen sie, daß es gar nicht stattgefunden habe. In Wahrheit waren es jedoch tatsächlich zwei verschiedene Gelegenheiten, bei welchen der Heiland dieses Wunder wirkte, was die Unterschiede erklärt. Was, wenn Leo XIII. nicht nur einmal eine solche Vision hatte, sondern zweimal, zu verschiedenen Daten und an verschiedenen Orten? Wir wissen es nicht, aber es wäre denkbar. Somit scheinen uns die angeführten Gründe kein Beweis, daß es gar keine Vision gegeben habe. Wir denken vielmehr, daß es alle diese Berichte nicht gäbe, wenn nicht etwas gewesen wäre. Im Kern stimmen sie ja überein: Papst Leo XIII. wurde eine Erleuchtung zuteil, die ihn auf den Generalangriff des Teufels ggegen die Kirche hinwies.

7. Die zweite „zweifelhafte Geschichte“, welche laut P. Cekada in Traditionalistenkreisen umgeht, ist die von der angeblichen „Fälschung“ des St. Michael-Gebetes gegenüber der ursprünglichen, längeren Version von Leo XIII. Das ursprüngliche Gebet, das vor einer Besetzung des päpstlichen Stuhls durch eine freimaurerische Infiltration der Kirche warnte, sei nach dem Tode Leos XIII. von „Verschwörern“ zensiert worden. Cekada gibt dazu die geschichtlichen Fakten. Am 25. September 1888 hat Papst Leo ein Gebet zum heiligen Erzengel Michael approbiert und einen Ablaß von 300 Tagen auf dessen Rezitation gewährt. Zum damaligen Zeitpunkt war das St. Michaelsgebet nach der Hl. Messe bereits zwei Jahre in Gebrauch, und es handelte sich um ein vollständig neues Gebet.

Ähnlich wie im Text von 1886 ruft auch das neue Gebet die Hilfe des heiligen Michael an in unserem Kampf gegen den Teufel. Es ist jedoch ein längerer Text, der ausführlich auf die Machenschaften des Satan eingeht. Nach seiner Approbation wurde der Text in die offizielle Sammlung der kirchlichen Gebete mit Ablässen aufgenommen, die „Raccolta“. Zwei Jahre später approbierte Leo XIII. einen neuen und ausführlichen „Exorzismus gegen Satan und die apostatischen Engel“ zum Gebrauch jener Bischöfe und Priester, welche eine besondere Erlaubnis haben. Dieser Exorzismus benutzte das Gebet von 1888 zum heiligen Erzengel Michael und wurde in den Anhang des Römischen Rituale aufgenommen.

Spätere Ausgaben der „Raccolta“ enthielten eine gekürzte Version des Gebetes von 1888, und spätere Ausgaben des Rituale Romanum gingen sogar noch weiter und ließen die „anstößigsten“ Passagen aus. Das war bereits im Jahr 1902, also noch vor dem Tod von Leo XIII., und die Neuausgabe geschah durch die Ritenkongregation zusammen mit der Kongregation für die Ablässe. Damit ist das bestätigt, was wir in unserem letzten Beitrag (Nachtrag…) geschrieben hatten: „Bereits 1902, also noch vor dem Tod Leos XIII., wurde es [das Gebet zum heiligen Erzengel Michael] durch eine gekürzte Version ersetzt!“ Und „die Veränderungen bezüglich des St. Michaelsgebet betreffen nur den kleinen Exorzismus, den Leo XIII. ins Rituale aufgenommen hat“, nicht aber das Gebet zum heiligen Erzengel Michael nach der Hl. Messe.

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