Noch einmal die Leoninischen Gebete

von antimodernist2014

Außerdem sei zu beachten, sagt P. Cekada, daß die in Frage stehenden Stellen, die gekürzt wurden, nicht im Futur gehalten seien, wie man es von einer Prophetie erwarten sollte, sondern in der Vergangenheitsform, sich also auf Ereignisse beziehen müßten, welche 1888 bereits stattgefunden haben. Man müsse also die Situation in Italien zu Ende der 1880er Jahre in Betracht ziehen, um zu verstehen, wer oder was gemeint sei. Wir dürfen die in Rede stehende Passage noch einmal wiedergeben, damit wir wissen, wovon wir sprechen: „Die überaus durchtriebenen Feinde erfüllen die Kirche, die Braut des unbefleckten Lammes, mit Galle und Bitterkeit und berauschen sie mit Wermut. Ihre frevlerischen Hände haben sie an die heiligsten Schätze gelegt. Selbst am heiligen Ort, wo der Sitz des heiligen Petrus und der Lehrstuhl der Wahrheit zur Erleuchtung der Völker errichtet ist, haben sie den Thron ihrer abscheulichen Gottlosigkeit aufgestellt, voller Heimtücke, damit, nachdem der Hirt geschlagen ist, sie auch die Herde zerstreuen können.“

Fr. Cekada ist der Ansicht, mit den „durchtriebenen Feinden“ sei niemand anders gemeint als jene Revolutionäre, welche damals den Kirchenstaat überfielen und die kirchlichen Güter raubten. Mit dem „Thron der abscheulichen Gottlosigkeit“, welcher „am heiligen Ort“ aufgestellt wurde, „wo der Sitz des heiligen Petrus und der Lehrstuhl der Wahrheit zur Erleuchtung der Völker errichtet ist“, sei auf den Thron des italienischen Königs angespielt, welcher im Quirinalpalast aufgestellt wurde, der ursprünglich der bevorzugte Palast des Papstes war, wo die Päpste ihre Hofhaltung hatten und die Konklave stattzufinden pflegten. 1888 stand ebendort der Thron des räuberischen und exkommunizierten Königs. Im Jahr 1902 hatten sich die Verhältnisse gewandelt. Leo XIII. stand schon seit Jahren in geheimen Verhandlungen mit dem neuen König Umberto. Der König war bereit zu Zugeständnissen und erhoffte dafür die päpstliche Anerkennung. In dieser Situation war natürlich der inkriminierte Textabschnitt, der obendrein den König mit dem Teufel in Verbindung brachte, aus diplomatischen Gründen nicht mehr angängig und wurde daher entfernt.

Wir hatten dieselben Fakten in unserem Beitrag so zusammengefaßt: „1902 kam es zu einer Annäherung des Vatikans mit dem italienischen König. Da man aber die Stelle des Michaelsgebetes von den ‚gerissenen Feinden‘, die den ‚Thron des grauenvollen Frevels aufgestellt‘ haben, auch (bzw. irrtümlich muß man wohl sagen) auf den italienischen König, der im Quirinal seinen Thron aufgestellt hatte, bezogen hat, stand dieser Passus der Diplomatie sozusagen im Wege, weshalb man ihn gestrichen und das Michaelsgebet gekürzt hat.“ Wir sind nicht der Meinung, daß Papst Leo XIII. so kurzsichtig war, sein St. Michaelsgebet rein auf die damaligen politischen Verhältnisse zu münzen und daraus gleich noch einen offiziellen Exorzismus zu machen. Er hatte mit Sicherheit die Gesamtsituation vor Augen, jenen entscheidenden Endkampf des Satan gegen die Kirche, wovon die Besetzung Roms nur eine Episode war. Es schiene uns geradezu lächerlich, wenn mit dem „Thron der abscheulichen Gottlosigkeit“ lediglich der Thron des italienischen Königs gemeint gewesen sein sollte. Auch schiene es uns nicht zum Naturell dieses eher besonnenen und diplomatisch bemühten Papstes zu passen, in einer so heftigen und beinahe primitiven Weise auf ein politisches Ereignis zu reagieren. Allenfalls mag er befürchtet haben, man könne die bewußten Worte irrtümlich in der genannten Weise auffassen, und sie deshalb haben entfernen lassen.

Daß eine Prophetie in der Vergangenheitsform abgefaßt ist und nicht im Futur, ist keine Seltenheit. Wir finden das oft genug in der Heiligen Schrift. Beispielsweise der berühmte Psalm 22: „Sie haben meine Hände und meine Füße durchbohrt, gezählt all meine Gebeine und schauen mich nun an und betrachten mich. Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und das Los über mein Gewand geworfen“ (Ps. 22, 17-19). Als der König David diesen Psalm schrieb, standen diese Ereignisse noch in weiter Zukunft. Er schildert sie jedoch aus der Perspektive des gekreuzigten Heilands und sieht sie daher als bereits geschehen oder gerade geschehend. Wir hatten bereits Gelegenheit, auf die besondere Eigenart der Prophetie hinzuweisen, daß sie die Ereignisse im Gegensatz zur geschichtlichen Betrachtung gewissermaßen „von oben“ betrachtet. „Deshalb sagen die Theologen, die Prophetie sähe im Unterschied zur Geschichte die Ereignisse im Spiegel der Ewigkeit, d.h. in den Ideen, die diese ewige Dauer Gottes repräsentieren, in deren Sicht die längsten Zeiträume wie in einem Augenblick erscheinen; denn ‚tausend Jahre sind vor Gott wie ein einziger Tag‘“ (Wahre Prophetie).

Die Prophetie sieht oft für uns Zukünftiges als vergangen oder gegenwärtig, oder sie sieht zwei Ereignisse gleichzeitig, die zeitlich weit auseinanderliegen, aber vom Sinn her zusammengehören, besonders dann, wenn das eine Ereignis der „Typus“ oder Vorbild für das andere ist. Exemplarisch dafür gilt die Vorhersage des Heilands vom Ende der Welt, in welcher Er den Untergang Jerusalems im Jahre 70 n. Chr. zusammen mit den Ereignissen in den Letzten Zeiten schaut, das eine als Vorbild für das andere. Ähnliches können wir auch für das prophetische Gebet Leos XIII. annehmen, zumal die Geschehnisse, auf welche es sich bezog, damals bereits ihren Anfang genommen hatten. Konnte da nicht die Eroberung und Besetzung des Kirchenstaates und des politischen Rom durch die freimaurerischen Revolutionäre im 19. Jahrhundert ein Vorbild sein für das, was im 20. Jahrhundert geschah durch die geistige Besetzung Roms durch die Menschenmachwerkskirche des „II. Vatikanum“? Wir bleiben dabei, daß es sich um ein prophetisches Gebet handelt, das heute noch mehr Aktualität besitzt als zur Zeit von Leo XIII. Mag auch der Anlaß zu seiner Abfassung ein sehr konkreter, geschichtlicher gewesen sein, so ist doch der Horizont dieses Gebetes sehr viel weiter.

Gebetsverpflichtung beendet?

8. Im vierten Punkt seiner Abhandlung korrigiert P. Cekada den bisweilen zu hörenden falschen Einwand, durch die Leoninischen Gebete sei die Messe verändert worden. In Wahrheit seien diese Gebete nicht Teil der Hl. Messe, sondern würden stets als „nach der Messe“ zu beten aufgeführt. Ursprünglich sei die Vorschrift gewesen, die Leoninischen Gebete nach jeder gesprochenen, also nicht gesungenen, Messe zu verrichten, spätere Dekrete sprechen nur von privaten Messen. Die Heilige Ritenkongregation hat einige Dekrete zu diesem Thema verfaßt, die nicht alle ganz klar sind, was zu verschiedenen Interpretation unter den Rubrizisten und Liturgieexperten führte. Später gab es einige Ausnahmen, in welchen die Leoninischen Gebete nach der gesprochenen Messe auszulassen sind. 1964, noch vor dem Ende des „II. Vatikanums“, erließ der Vatikan eine „Liturgische Instruktion“, in welcher es hieß: „Das Schlußevangelium wird ausgelassen, die Leoninischen Gebete werden unterdrückt.“ Nur die „traditionellen“ Priester behielten diese Gebete bei.

Die von Pius XI. im Jahr 1930 verfügte Intention für die Leoninischen Gebete, nämlich die Freiheit der Religionsausübung in Rußland, sei seit 1990 erreicht, sagt P. Cekada. Damals nämlich erließ die noch existierende Sowjet-Union bereits ein Gesetz, welches die Religionsfreiheit garantierte. Nach dem Fall der Sowjet-Union gilt erst recht, daß in Rußland die Religion wieder frei ausgeübt werden kann. Somit sei das Gebetsanliegen erfüllt. Sollten also die Leoninischen Gebete trotzdem weiterhin verrichtet werden? Nach den Prinzipien des Kirchenrechts eigentlich nicht, meint P. Cekada. Ein Gesetz würde normalerweise aufhören zu verpflichten, wenn sein Zweck obsolet geworden ist.

Dasselbe gelte für eine Gebetsverpflichtung, wenn das Ziel dieses Gebetes nicht erreichbar oder bereits erlangt worden sei. P. Cekada weiß für diese Aufstellung zahlreiche Kanonisten und Moraltheologen als Autoritäten anzugeben. Ein gewisser P. Bede Lebbe habe in einem Kommentar über die Messe im Jahr 1949 ausdrücklich geschrieben, daß die Rosenkranzandacht für den Monat Oktober ebenso wie die Leoninischen Gebete für die Lösung der „römischen Frage“ gedacht gewesen seien und daher im Jahr 1929 ihre Verpflichtung verloren hätten. Erst durch die Intentionsänderung durch Pius XI. hätten letztere wieder Verpflichtungskraft erlangt. Dieser Argumentation gemäß meint P. Cekada, daß es keine Verpflichtung mehr gebe zur Verrichtung der Leoninischen Gebete nach der Stillen Hl. Messe.

Wir sind der Ansicht, daß die Intention der Päpste sehr viel weiter gefaßt war, wie wir bereits dargelegt haben, und daß es angesichts der endzeitlichen Auseinandersetzungen, in denen wir uns befinden, nach wie vor und vielleicht mehr denn je notwendig ist, den Rosenkranz zu beten und den Himmel „für die Bekehrung der Sünder, für die Freiheit und Erhöhung unsrer heiligen Mutter, der Kirche“ zu bestürmen sowie den heiligen Erzengel Michael anzurufen, uns „im Kampfe“ zu verteidigen, unser Schutz „gegen die Bosheit und die Nachstellungen des Teufels“ zu sein und als „Fürst der himmlischen Heerscharen“ den „Satan und die anderen bösen Geister, die in der Welt umhergehen, um die Seelen zu verderben, durch die Kraft Gottes in die Hölle“ hinabzustürzen. Nein, für uns hat die Verpflichtung zum Verrichten dieser Gebete am Schluß der Heiligen Messe noch lange nicht geendet, und wir fassen sie im ursprünglich gegebenen Sinn auf, d.h. sie nach jeder gesprochenen, stillen Hl. Messe zu beten. Und auch wenn sie nicht selber Teil der Hl. Messe sind, so nehmen sie doch gewissermaßen einen natürlichen Platz dort ein, um dieselbe abzurunden. Denn die Hl. Messe beginnt mit dem Stufengebet vor den Stufen des Altars, und sie endet nun gewissermaßen mit den Schlußgebeten, wieder an den Stufen des Altars.

9. P. Cekada ist der Auffassung, wie er in seinem fünften Punkt darlegt, daß man nach Wegfall der Verpflichtung zum Beten der Leoninischen Gebete stattdessen auch andere Gebete an ihrer Stelle einsetzen könne. In einigen Ländern gebe es entsprechende Gebräuche. So sei es in England beispielsweise üblich, ein Gebet für den König zu verrichten, in Irland bete man vor den Schlußgebeten den Ps. 129 und eine Oration für die Verstorbenen. Zwar sei es nicht empfehlenswert, generell spezielle Gebete nach der Messe anzufügen, aber von Fall zu Fall bei besonderen Anliegen oder Gelegenheiten sei es durchaus zulässig. Die Gebete sollten jedoch einen öffentlichen oder allgemeinen Charakter haben und von der Kirche für den Gebrauch am Altar approbiert sein. Auch sollte der Priester dazu seinen Manipel und möglichst auch das Meßgewand ablegen und keine Texte verwenden, die länger als die Leoninischen Gebete sind.

Wir unsererseits belassen es bei den Leoninischen Gebeten und sind sicher, damit im Sinne und Auftrag der Kirche zu handeln. Auch wüßten wir keine dringlicheren und umfassenderen Gebetsanliegen als die himmlische Hilfe für die Gläubigen in diesen gegenwärtigen Stürmen zu erflehen und den endlichen Triumph der heiligen Kirche. Wenn diese Gebete einst ihr Ziel erlangt haben werden, wird uns die Kirche selber sagen, ob wir sie fortan unterlassen oder durch andere ersetzen sollen.

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