Schildbürgertheologen

von antimodernist2014

Unser Piusideologe würde darauf ein wenig verlegen werden – und weiter nachdenken, d.h., er würde wieder seinen Eimer nehmen, zur Türe gehen, nochmals ins Haus gehen und die Taschenlampe holen, denn es ist 21.00 Uhr und stockdunkel draußen, würde sodann draußen eine Zeit lang auf das Licht warten, schließlich mit seiner Taschenlampe in den Eimer leuchten, um ganz zufrieden ins Haus zurückzukehren, weil er doch noch eine neue Erleuchtung in seinem Eimer eingefangen hat.

Das neue Licht der Pius-Einsicht hört sich so an: „Dieselbe Linie hat die Priesterbruderschaft verfolgt in ihren Verhandlungen mit der römischen Hierarchie im 21. Jahrhundert. Die Priesterbruderschaft ist nie nach Rom gegangen, um den Papst und die Hierarchie zu bitten, zum traditionellen Glauben zurückzukehren, bevor man die Möglichkeit einer kanonischen Anerkennung überhaupt in Betracht gezogen hat. Sie hat nie ein Glaubensbekenntnis des Papstes verlangt, eine Widerrufung von Häresien, einen Syllabus von Irrtümern oder irgendetwas dergleichen. So etwas würde bedeuten, daß die Priesterbruderschaft höher und der Papst ihr untergeben wäre, daß es daher eher eine Frage des Papstes gewesen wäre, die rechtliche Anerkennung von der Priesterbruderschaft zu erhalten, als umgekehrt. Kurz gesagt, es würde einen schismatischen Geist bedeuten.“

Diejenigen, die noch nicht dabei ermüdet sind, die unendliche Geschichte der Piusannäherung an das modernistische Rom zu verfolgen, werden aufgrund dieser Behauptung etwas verwundert sein, denn die Tatsachen sprechen doch eine ganz andere Sprache. An anderer Stelle haben wir das schon satirelos dargelegt (Lefebvristische dogmatische Theologie). Dort haben wir u.a. daran erinnert, daß das „Pius-Generalkapitel“ im Jahr 2006 folgende Erklärung abgegeben hat: „In der Tat haben die Kontakte, die sie [die Bruderschaft] mit den römischen Autoritäten sporadisch unterhält, allein zum Ziel, ihnen zu helfen, sich die Tradition wieder zu eigen zu machen, die die Kirche nicht verleugnen kann, ohne ihre Identität zu verlieren, und nicht das Suchen eines Vorteils für die Bruderschaft selbst, oder ein unmögliches, rein praktisches ‚Abkommen‘ zu erreichen. An dem Tag, an dem die Tradition ihre Rechte wiedererlangt, ‚ist das Problem der Wiederversöhnung gegenstandslos und die Kirche wird eine neue Jugend finden‘ [Brief von Mgr. Lefebvre vom 2. Juni 1988 an Papst Johannes Paul II.].“

Man darf wohl annehmen, unser Seminardozent war damals schon Mitglied der Piusbruderschaft und kennt diesen Text aus dem gemeinschaftsinternen Mitteilungsblatt. Aber auch einen anderen Text seines Gründers und obersten Lehramtes müßte er kennen. Nach den unerlaubten Bischofsweihen von 1988 war wieder einmal die Zeit für harte Worte. Bezeichnenderweise dachte Lefebvre damals schon wieder an die Zukunft – also weitere Romverhandlungen – aber unter dem Vorzeichen der Härte. Wenn er wieder mit Rom sprechen würden, dann würde er die Fragen stellen, er würde klar machen, was er von Rom erwarte. Er würde dem Papst wie einst Paulus dem Petrus ins Gesicht schleudern: „Sind Sie einverstanden mit den großen Enzykliken aller Ihrer päpstlichen Vorgänger? Sind Sie einverstanden mit Quanta Cura von Pius IX., Immortale Dei und Libertas von Leo XIII., Pascendi von Pius X., Quas Primas von Pius XI., Humani generis von Papst Pius XII.? Stimmen Sie mit diesen Päpsten und ihren Aussagen vollkommen überein? Billigen Sie den Antimodernisteneid noch? Treten Sie für das soziale Königtum Unseres Herrn Jesus Christus ein?“ Trotz dieser klaren Sachlage traut sich der Herr Dozent des Piusseminars zu behaupten, man höre und staune: „Sie hat nie ein Glaubensbekenntnis des Papstes verlangt, eine Widerrufung von Häresien, einen Syllabus von Irrtümern oder irgendetwas dergleichen.“

Dabei ist das noch nicht alles. Das oberste Lehramt des Herrn Paters hatte damals zudem hinzugefügt – es war eine sehr heiße Phase der Piusgeschichte: „Wenn Sie die Lehre Ihrer Vorgänger nicht annehmen, hat es keinen Sinn, miteinander zu reden. Solange Sie nicht bereit sind, das Konzil unter Bezug auf die Lehre Ihrer päpstlichen Vorgänger zu reformieren, ist ein Dialog weder nützlich noch möglich.‘ So werden die Positionen klar sein. … Was uns trennt, ist die Lehre. Das ist klar“ (Mgr. Lefebvre, Fideliter Nr. 66., November-Dezember 1988, S. 12-13).

Bei so starken Worten denkt man unwillkürlich: Lefebvre locuta, causa finita. Von wegen! Der Pius-Ideologe führt trotz dieser klaren Worte seines Erzbischofs aus:

„Die Priesterbruderschaft hat eigentlich nur Forderungen erhoben, die ihrer eigentlichen Haltung entsprechen, im Besonderen die Forderung, so bleiben zu dürfen, ‚wie sie ist‘. Sie versuchte im Generalkapitel von 2012 sechs Bedingungen festzulegen – keine einzige betraf den Glauben des Papstes – die im Fall einer kanonischen Anerkennung sicherstellen, dass sie unversehrt und genügend selbstständig bleiben würde.
Damit soll nicht gesagt sein, Mitglieder der Priesterbruderschaft, sogar bis in höchste Ränge, seien zu gewissen Zeiten nicht versucht gewesen zu behaupten, der wahre Geist des Erzbischofs und der Bruderschaft würde verlangen, daß der Papst die traditionelle Lehre bekennt, bevor es zu irgendeiner praktischen Anerkennung kommen kann. Dies ist vielmehr der Standpunkt der losen Ansammlung von ehemaligen Priestern der Bruderschaft, die unter dem Namen ‚Widerstand‘ bekannt ist und einen ehemaligen Bischof der Priesterbruderschaft in ihren Reihen hat.
Was hier bekräftigt wird, ist die Position einer ‚strikten Einheit im Glauben vor einer kanonischen Anerkennung‘ und war nie und zu keiner Zeit die offizielle Haltung der Priesterbruderschaft, weder in der Zeit des Erzbischofs noch nach seinem Tod.“

Letzteres ist sicherlich nicht wahr, bzw. zumindest nicht ganz wahr – außer man verwandelt den Zick-Zack-Kurs Marcel Lefebvres in eine Gerade. Die Piusbrüder bevorzugen derzeit, daraus gleich eine vierspurige Autobahn zu machen. Eines jedoch muß man P. Robinson zugestehen, wenn man den Gesamtkurs betrachtet, hat er wohl recht, die heißen Phasen des Kampfes dienen eher den gemächlichen als umgekehrt. Im Grunde ging es Mgr. Lefebvre und seiner Bruderschaft – das getraut sich der Pater so offen und ehrlich zu sagen – niemals um den katholischen Glauben, sondern immer nur darum, so bleiben zu dürfen, „wie sie sind“. Das einzig Wichtige bei all den Verhandlungen mit Rom ist, „daß sie unversehrt und genügend selbstständig bleiben“ dürfen. Mit „sie“ ist natürlich nicht die Kirche, sondern die Piusbruderschaft gemeint. Ein Katholik würde ja sofort denken, nur die Kirche hat die Garantie von Jesus Christus erhalten, immer „unversehrt und genügend selbstständig“ zu bleiben, was freilich die letzten Jahrhunderte immer schwieriger wurde, da die Feinde der Kirche den Freiheitsraum in der Gesellschaft immer mehr beschneiden konnten. Nun fordert aber die Piusbruderschaft nicht Freiheit gegenüber einem gottlosen Staat, sondern gegenüber der Kirche! Wenn das nicht absurd ist?

Angesichts solcher Unsinnigkeiten muß Hochwürden nochmals seinen Eimer holen, vor die Türe gehen und nach Licht Ausschau halten. Es ist inzwischen Mitternacht geworden, eine mond- und sternlose Mitternacht. Wie man sich denken kann, ficht das unseren tapferen Piusbruder in keiner Weise an, hat er doch vorsichtshalber wieder seine Piustaschenlampe mitgenommen. Als er damit in seinen Eimer leuchtet, ist er etwas besorgt, denn die Batterie scheint schon bedenklich schwach zu sein. Aber es reicht noch für einen Strahl aus der Piusfunzel – und Hochwürden kann beruhigt ins Haus zurückkehren.

Als er ganz gespannt in seinen Eimer schaut, erkennt er geistesblitzartig drei Prinzipen – Gott sei Dank, denkt er. Wie lauten diese wohl? „Das erste Prinzip ist, daß die Priesterbruderschaft Papst Franziskus als Papst anerkennt. Erzbischof Lefebvre hat den Sedisvakantismus auf der Ebene seiner Priesterbruderschaft immer zurückgewiesen, wenn er auch eine gewisse Toleranz gegenüber einzelnen Sedisvakantisten geübt hat. Bis zum heutigen Tag müssen alle Kandidaten für höhere Weihen in der Bruderschaft am Tag vor ihrer Weihe vor dem allerheiligsten Sakrament versichern, daß der Papst der Papst ist.“

Das sind weltbewegende Einsichten: „Der Papst ist Papst.“ Für den Herrn Dozenten des Piusseminars klingt das höchstwahrscheinlich wie ein Glaubensbekenntnis, ja das Pius-Glaubensbekenntnis schlechthin: „Der Papst ist Papst!“ Nochmals sei es hervorgehoben: Welch weltbewegende Einsicht eines Dogmatikers in einem Piusseminar! Darauf würde so schnell kein Mensch kommen, daß der Stuhl ein Stuhl ist, der Baum ein Baum, die Maus eine Maus oder die Kuh eine Kuh. Das muß einem erst einmal gesagt werden von einem studierten Theologen, jawohl!

Uns scheint es hingegen, daß diese Aussage ein freudscher „Versprecher“ unseres Dozenten war, der nun wirklich das erste und einzige Prinzip der Piusideologie formuliert: Der Papst ist immer Papst, da kann er nun wirklich machen, was immer er will. Er kann Irrlehren verkünden, Sakramentsriten ungültig machen, die Gebote Gottes abschaffen, die ganze Kirche zerstören – immer bleibt er der Papst, dieser Mann mit der weißen Soutane in Rom. Den Nachsatz eines Bauers, den ein äußerst begabter Piusideologe dieser Aussage anfügte, zitiert P. Robinson zwar nicht, aber sachlich ist er präsent: „…ich aber bleib katholisch.“ Deswegen muß uns dieser „Papst“ auch garantieren, daß wir so bleiben dürfen wie wir sind, nämlich katholisch und nicht etwa so werden müssen wie er, nämlich Häretiker, Sakramentenzerstörer, Gottesgeboteleugner und Kirchenzerstörer. Es ist schon wahr – wenn auch nicht so ganz stringent, wie es der Piusideologe schreibt, denn auch hierzu gibt es heiße Phasenphrasen: „Erzbischof Lefebvre hat den Sedisvakantismus auf der Ebene seiner Priesterbruderschaft immer zurückgewiesen.“

Bei solch tiefen Einsichten und solch umwerfend klarer Logik muß man natürlich die einzig gangbare Lösung rigoros zurückweisen. Da hat unser Dogmatiker des Piusseminars durchaus recht. Würde er nämlich die Lehre der Kirche, daß ein Irrlehrer nicht Papst sein kann, ernst nehmen, müßte er sein ganzes Studium von vorne beginnen und anfangen, katholische anstatt lefebvristische „Theologie“ zu studieren. Aber das wäre wohl das Allerletzte, was der Pater tun würde.

So hartnäckig wie er ist, hat unser Robinson auf seiner einsamen Insel in seinem Eimer trotz der nur noch schwach leuchtenden Piustaschenlampe noch ein Prinzip gefunden: „Das zweite Prinzip ist, daß Papst Franziskus der Papst der katholischen Kirche ist.“ Vielleicht ist es dem Leser auch so ergangen wie dem Schreiber dieser Zeilen: Was ist denn das schon wieder für ein seltsames Prinzip? Daß eine bestimmte Person Papst der Kirche ist, ist doch ein historisches Faktum und kein Prinzip, das doch seinem Wesen nach theoretisch ist. Hinzu kommt noch, dem Herrn Dozenten passiert bei der Formulierung seines zweiten Prinzips scheinbar nochmals ein lapsus linguae, derselbe wie beim ersten Prinzip, denn korrekt, sachlich richtig und darum auch allein sinnvoll müßte es heißen: „…daß Jorge Mario Bergoglio Papst der katholischen Kirche ist.“ Aber womöglich war es gar kein Versprecher mehr, sonst hätte der Pater ihn nicht gleich nochmals wiederholt, vielleicht ist es das Ideologie-Mantra (ständig wiederholtes Wort oder Satz) der Piusbrüder, das sie gebetsmühlenartig ununterbrochen wiederholen müssen, so daß es sie selbst im Schlaf verfolgt und zu Freud´schen Versprechern am laufenden Band führt. Für einen Professor für Dogmatik und Philosophie (!) an einem Priesterseminar bedeutet ein Satz wie „Das zweite Prinzip ist, daß Papst Franziskus der Papst der katholischen Kirche ist“, daß sich dieser offensichtlich schon im geistigen Delirium befindet, was natürlich sehr zu bedauern ist.

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