Das Gleichnis vom Hochzeitsmahl – einst und heute

von antimodernist2014

Unser Prediger zieht nach dieser Einsicht – „Es ist unplausibel und das sind die Gleichnisse Jesu sonst nicht“ (da sollte er doch etwas genauer bei seinen Kollegen nachlesen) – den messerscharfen modernistischen Schluß: „Erkennbar hat sich an diesem Gleichnis ein Redaktor zu schaffen gemacht, der die Vorlage überarbeitet und dabei seine Interessen und seine spezielle Sichtweise eingetragen hat.“

So ist das nämlich nach den Modernisten: Die heiligen Evangelien sind gar nicht vom hl. Matthäus, Markus, Lukas und Johannes geschrieben, sondern von vielen Redakteuren über einen recht langen Zeitraum zusammengetragen und sodann vielleicht noch von einem Endredaktor ein wenig geglättet worden. Es ist zwar kein einziges Buch jemals so entstanden, aber die heiligen Evangelien, ja die ganze Heilige Schrift, schon. Wie die Modernisten wissen, hat es also Leute gegeben, die glaubten, dieser Jesus von Nazareth sei der Sohn Gottes, also die göttliche Wahrheit selber, in Person – und sodann haben sie gelogen, daß sich die Balken biegen, um genau das den anderen Zeitgenossen einzureden. Um das glauben zu können, muß man wahrlich Modernist sein, was doch schon eine unheimliche Leistung zu nennen ist. Aber gehen wir nun noch etwas der Fälscherarbeit des Redakteurs einer modernen Zeitung nach, in der „die Vorlage überarbeitet und dabei seine Interessen und seine spezielle Sichtweise“ in jeden Artikel hineingelegt wird – oder haben wir da etwas verwechselt?

Diese Sichtweise ist stark vom Erlebnis der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 nach Christus durch die Römer geprägt. Diese Zerstörung wird durch das Gleichnis als Gericht Gottes über Israel gedeutet, weil es die Einladung Gottes zum Heil nicht angenommen hat. Das Gleichnis ist vom Redaktor zu einer Allegorese umgearbeitet worden. Jedes einzelne Element des Gleichnisses steht für etwas anderes: Der König ist Gott, der Sohn, dessen Hochzeit gefeiert werden soll, ist Jesus. Die umgebrachten Boten des Königs sind die Propheten. Die Gäste von der Straße sind die Heiden, die anders als Israel der Einladung Gottes folgen. Der eine Gast, der kein ordentliches Gewand anhat, ist ein Christ, der es mit seinem Glauben nicht richtig ernst meint und dem im Gleichnis mal so richtig eingeheizt wird. Auch in der Johannesapokalypse findet sich solch eine Verwerfung: „Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde“ (Offenbarung 3,16.). Eindeutigkeit war ein hohes Gut bei den ersten Christen, weil immer wieder massive Verfolgung drohte und sie sich auf den Unterschied von Freund und Feind verlassen können mussten.

Wie im Schulbuch für modernistische Irrlehren wird uns hier eines der agnostizistischen Prinzipien dieses glaubenszerstörenden Systems vor Augen geführt. Für einen Modernisten gibt es natürlich keine echten Prophezeiungen, weil niemand die Zukunft wissen kann und deswegen natürlich auch Jesus von Nazareth nicht wissen konnte, was im Jahr 70 sein wird. Also muß dieses Gleichnis auf jeden Fall nach der Zerstörung Jerusalems erfunden und niedergeschrieben worden sein. Der Fälscher hat dieses sein Wissen um den Untergang Jerusalems sodann dem Rabbi aus Nazareth in den Mund gelegt und mit allerlei sinnbildlichem Schnickschnack vermengt – der einer recht primitiven Gottesvorstellung entsprang. Damals war man nun einmal noch darauf fixiert, die Welt in Freunde und Feinde einzuteilen, und da geschieht es den Feinden gerade recht, wenn der König ihre Stadt zerstören und anzünden läßt. Und natürlich gibt es auch unter den frühen Christen Gute und Böse, weshalb der „eine Gast, der kein ordentliches Gewand anhat, …ein Christ (ist), der es mit seinem Glauben nicht richtig ernst meint und dem im Gleichnis mal so richtig eingeheizt wird“.

Das alles weiß unser Prediger und Herr Professor so genau, weil er nämlich dem primitiven Fälscher über die Schultern geschaut hat – oder etwa doch nicht? Denn vielleicht war der Fälscher gar nicht so primitiv wie der Prediger? Jedenfalls ist so ein primitiver Fälscher mit einem so primitiven Gottesbild leider, genauso wie ein Modernist, kein Einzelfall, wie wir in der Predigt weiter erfahren:

Die Vorlage für solch eine Geschichtsdeutung, wie sie der Redaktor mit seinem Gleichnis vorstellt, findet sich im sogenannten Deuteronomistischen Geschichtswerk im Alten Testament. Es umfasst Teile des 5. Buchs Mose – Deuteronomium, daher der Name – sowie Teile der Bücher Josua, Richter, Könige. Der Deuteronomist interpretiert die erste Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier im Jahr 587 als Gericht Gottes über Israel. Gott habe Israel bestraft, weil Israel nicht Jahwe allein, sondern vielen Göttern gedient habe. Diese Geschichtsdeutung, entwickelt im babylonischen Exil, hatte damals enorm produktive Wirkungen. Sie ermöglichte es Israel trotz der Niederlage gegen die Babylonier an seiner Religion festzuhalten. Zum ersten Mal in der Weltgeschichte kam es zu einer Religion, die unabhängig von Herrschaft und Land zu existieren verstand, weil man auch eine politische und militärische Niederlage religiös zu verarbeiten wusste. Nach demselben Muster versucht nun der Redaktor die zweite Zerstörung Jerusalems zu deuten. Der Unterschied dabei ist: Der Redaktor gehört anders als der Deuteronomist nicht zu den Verlieren, denen ein Licht aufgeht. Vielmehr sieht er sich auf der Seite der Sieger, die Recht behalten haben. Und dadurch bekommt seine Argumentation so einen falschen, unangenehmen Zungenschlag. Die Folgen waren denn auch verheerend. Das Gleichnis konnte zur Rechtfertigung von Judenhass und Judenverfolgung verwendet werden. In seiner matthäischen Form hat es eine ganz und gar schreckliche Wirkungsgeschichte.

Hier kommt ein zweites Vorurteil der Modernisten zum Zuge: Es gibt niemals originale Leistungen, immer wurde alles abgeschrieben. Ein Homer, ein Augustinus, ein Dante, ein Shakespeare, ein Schiller, Goethe und Eichendorff haben immer nur woanders abgeschrieben. Das Dumme ist nur, daß niemand weiß, wo der erste abgeschrieben hat. Aber so ist das bei den Modernisten, das ist eines ihrer Dogmen. Darum ist auch sicher, unser minderbelichteter Redakteur hat, ehe er seine raffinierte Fälscherarbeit begonnen hat, in den Büchern des Alten Testamentes herumgeschaut und all das abgeschrieben, was dort steht und auf die Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 übertragen. Dabei gibt es aber einen wesentlichen, um nicht zu sagen unangenehmen Unterschied: „Der Redaktor gehört anders als der Deuteronomist nicht zu den Verlieren, denen ein Licht aufgeht. Vielmehr sieht er sich auf der Seite der Sieger, die Recht behalten haben.“

Die Zerstörung Jerusalems war natürlich kein Gericht Gottes über die ungläubigen Juden, die den Tod unseres Herrn Jesus Christus gefordert und von Pilatus erzwungen haben, sondern bloß ein historisches Ungeschick, eine üble Laune des Schicksals, und natürlich hat unser Herr Jesus Christus nicht auf dem Kreuzweg zu den weinenden Frauen von Jerusalem gesagt: „‚Ihr Töchter von Jerusalem, weint nicht über mich, weint vielmehr über euch selbst und über eure Kinder.‘ Denn seht, es werden Tage kommen, da man sagen wird: Selig die Unfruchtbaren, der Schoß, der nicht geboren, und die Brust, die nicht gestillt hat! Da wird man den Bergen zurufen: ‚Fallt über uns!‘, und den Hügeln: ‚Bedeckt uns!‘ Denn wenn das am grünen Holz geschieht, was wird dann mit dem dürren geschehen?“ (Lk 23, 28-31). Das konnte Jesus gar nicht zu den Frauen sagen, weil er natürlich nicht wissen konnte, daß im Jahre 70 der römische Feldherr Titus Jerusalem dem Erdboden gleich machen würde und es den Bewohnern Jerusalems, die in der Stadt eingeschlossen wurden, sehr schlecht ging. Aber der hinterhältige und primitive Fälscher konnte das – und ahnte nicht, was er damit anrichtete, denn: „Die Folgen waren denn auch verheerend. Das Gleichnis konnte zur Rechtfertigung von Judenhass und Judenverfolgung verwendet werden. In seiner matthäischen Form hat es eine ganz und gar schreckliche Wirkungsgeschichte.“

Schuld daran ist, wie gesagt, der hochmütige und übermütige Fälscher, der sich über den Untergang Jerusalems wie ein Sieger freute, wodurch „seine Argumentation so einen falschen, unangenehmen Zungenschlag“ bekommen hat. Vielleicht kann aber der Schreiber des hl. Evangeliums gar nichts dafür, wenn der eine oder andere solche Schlußfolgerungen aus seinen Worten gezogen hat? Wie ist das eigentlich, darf nach den Terrorattentaten mit Lastwägen und Autos überhaupt noch jemand Autos und Lastwagen bauen? Oder wird er allein dadurch, daß er Autos oder gar Lastwagen baut, schon ein Terrorist, weil er damit deren Anschläge erst ermöglicht? Ist womöglich jeder Arbeiter in einer Auto- oder Lastwagenfabrik ein heimlicher Mithelfer der Terroristen?

Sei es wie auch immer, nach so einer verheerenden Wirkgeschichte ist unser Prediger zunächst einmal mit dem Gleichnis beim „Fälscher“ Matthäus, oder wie der Schreiber auch immer geheißen haben mag, fertig. So ein ungereimtes Zeug ist einfach nicht zu gebrauchen. Erleichtert stellt er aber fest, daß es ja noch andere Fälscher gibt, findet sich das Gleichnis doch auch noch bei „Lukas“. Warum nun der Redakteur bei Lukas nicht geschummelt hat, das erklärt unser Prediger seinen armen Zuhörern leider nicht. Dafür gibt er ihnen aber seine eigene Fälschung zum Besten:

Vergleicht man die verschiedenen Fassungen, dann dürfte das Gleichnis bei Jesus ursprünglich so ausgesehen haben: Ein wohlhabender Mann lädt zu einem Gastmahl ein. Als das Mahl fertig vorbereitet ist, lässt er die zuvor schon Eingeladenen durch einen Boten an die Einladung erinnern: Jetzt ist alles vorbereitet, jetzt kommt. Das war eine damals übliche Vorgehensweise. Doch die Eingeladenen lassen sich entschuldigen. Jede Entschuldigung ist für sich genommen nachvollziehbar: Einer hat geheiratet, einer hat Land gekauft, ein dritter hat in großem Maßstab Vieh erworben, um das er sich kümmern muss. Hätte nur einer abgesagt, hätte man das entschuldigen können. Dass aber alle absagen, verärgert den Gastgeber. Und nun kommt das Überraschende: Das Fest findet trotzdem statt. Der Gastgeber lässt sich die Laune nicht verderben. Es wird dennoch gefeiert, wenn nicht mit den ursprünglich Geladenen, dann eben mit denen, die Zeit und Lust dazu haben. Der Bote geht an die Hecken und Zäune, wie es bei Lukas heißt, und lädt alle ein, die kommen können. Die anderen aber, die ursprünglich Geladenen, die so wahnsinnig vielbeschäftigt und wichtig sind, die gehen leer aus.

Das ist nun wirklich ein tolles Gleichnis, ein richtiges modernistisches Allerweltsgleichnis. So macht man aus einer frohen Botschaft über das Himmelreich ein richtig menschenfreundliches, humanistisches Geschwätz. Dieser „Jesus“ hat nun keine Härten und keine Kanten mehr – und natürlich auch keinerlei göttlichen Wahrheitsanspruch. Das nennen die Modernisten Entmythologisierung! Entmythologisierung, das ist eine Maschine, da gibt man oben Gott ein und unten kommt ein bloßer Mensch heraus, ein sehr bloßer, ziemlich primitiver, armseliger, nullachtfünfzehn Mensch.

Bei so viel Nettigkeit und allgemeiner Unverbindlichkeit findet der Prediger es sogar notwendig zu betonen: „Auch in dieser Fassung hat das Gleichnis einen durchaus ernsten, mahnenden Zug: Es gibt Chancen, die man nicht verpassen sollte, sagt es. Passt auf, dass ihr keine falschen Prioritäten setzt. Passt auf, dass ihr euch das Beste nicht entgehen lasst. Und die Chance, um die es dabei Jesus geht, ist das Reich Gottes, die Einladung zu Gottes Heil, die Mitwirkung und Teilhabe an Gottes neuer Welt.“

Beim kritischen Zuhörer kommen aber doch Zweifel auf, denn woher weiß denn der Prediger eigentlich, daß es bei seinem frei erfundenen Gleichnis noch um das Reich und Heil Gottes geht? Kennt er etwa das Reich und Heil Gottes aus persönlicher Erfahrung? Weiß er deswegen über das Reich Gottes sichere Auskunft zu geben, wie der ewige Sohn des himmlischen Vaters? Wohl kaum, er kann seinen Zuhörern letztlich nur seine eigenen ungereimten Phantasien vortragen, die durchaus nicht besser sein müssen als die der Fälscher in seiner Luther-Bibel. Aber diese Einsicht ist leider dem Modernisten durch seine eigenen Vorurteile versperrt. Was aber ist die Pointe des selbsterfundenen Gleichnisses des Predigers? Womöglich ist der Leser doch noch darauf gespannt, weshalb wir sie ihm auch nicht vorenthalten wollen:

Vielmehr geht es Jesus mit seinem Gleichnis um Menschen, die in dem was sie tun, unnötig gefangen sind, um Menschen, die voller Angst, voller Sorge oder voller Eifer nachhaltig und trotz zahlreicher Warnungen nicht ablassen können von dem, was sie quält, was sie unfrei macht und ihr Leben behindert. Und von dieser Art Menschen gab es damals und gibt es heute eine ganze Menge.
Betrachten wir unser Gleichnis also als freundliche Einladung an die Freunde Jesu: Das Fest findet auf jeden Fall statt. Ob wir kommen oder nicht: Gottes Einladung gilt. Es gibt Nächste, die auf uns warten. Es gibt erfülltes Leben. Es wird gefeiert und wir sind dabei willkommen und eingeladen. Wer die falschen Prioritäten setzt, verpasst das Beste. ‚Ich sollte mehr arbeiten‘, wird er zu sich sagen – so lange bis er tot ist. – Amen.

Es war natürlich gar nicht anders zu erwarten: Von Gericht, Himmel und Hölle ist nichts mehr übriggeblieben. Alles, was bleibt, ist diesseitiges Geschwätz und die Versicherung: „Das Fest findet auf jeden Fall statt. Ob wir kommen oder nicht: Gottes Einladung gilt.“ Bei so viel unbegründetem Optimismus ist dann freilich zu befürchten, es kommen alle Zuhörer ohne hochzeitliches Gewand in den himmlischen Hochzeitssaal. Und der König wird kommen und fragen: „Wie bist du herein gekommen, und hast doch kein hochzeitliches Kleid an?“

Kehren wir noch einmal zu unseren von der Kirche beglaubigten Erklärern der Heiligen Schrift zurück und überlassen wir das Schlußwort nochmals dem hl. Thomas von Aquin, d.h. eigentlich den Kirchenvätern, die er so wunderbar zusammenfaßt:

Und weil bei dem Mahle der Hochzeit nicht der Anfang (Hieronymus), sondern das Ende gesucht wird, so heißt es weiter: Denn Viele sind berufen, Wenige aber auserwählt. – Denn ohne Ausnahmen werden die Menschen zu der allgemeinen Wohltat eingeladen (Hilarius); von den Berufenen oder Eingeladenen aber werden nach der Entscheidung des Verdienstes die Bewährten auserwählt. – Denn Einige fangen das Gute gar nicht an (Gregor d. Große), andere harren in dem angefangenen Guten nicht aus. Aber um so mehr soll jeder in Furcht und Kummer sein, als er das Künftige nicht weiß. – Oder der Sinn ist dieser (Chrysostomos): So oft Gott seine Kirche heimsucht, tritt er in sie ein, um die Gäste zu sehen, und wenn er einen sieht, der kein hochzeitliches Kleid hat, so fragt er ihn: Wozu wurdest du Christ, wenn du solche Werke tust? Einen Solchen übergibt also Christus seinen Dienern, d.h. einigen Lehrern der Verführung, und sie binden seine Hände, d.h. seine Werke, und Füße, d.h. die Regungen der Seele, und werfen ihn hinaus in die Finsternis, d.h. in die Irrtümer, entweder der Heiden oder Juden oder Ketzer. Denn die entfernte Finsternis ist die der Heiden, weil sie die Wahrheit verachten, welche sie nicht hörten; die äußere die der Juden, welche sie hörten, aber nicht glaubten, die äußerste die der Ketzer, welche sie hörten und lehrten (aber danach selbst verwarfen).

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