Als Mann und Frau erschuf er sie

von antimodernist2014

1. In der Vorstellung mancher Zeitgenossen erschient das 19. Jahrhundert als die „gute alte Zeit“, eine „Zeit großer Stabilität“, als „alles noch in Ordnung war“. Man denkt an Biedermeier, Romantik, Restauration, und übersieht, daß all das höchstens das letzte Aufflackern gewesen ist vor dem Zusammenbruch. Das 19. Jahrhundert war die Zeit größter Umbrüche auf allen Gebieten, politisch, wirtschaftlich, geistig, in Kunst und Philosophie, Gesellschaft und Kirche. Namentlich die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts bis über die Jahrhundertwende und hinein in den Beginn des 20. Jahrhunderts stellte einen Abschnitt der Geistesgeschichte dar, „in dem die Naturwissenschaften im Verein mit Technik und Industrie an die Stelle alter theologisch-philosophischer Weltdeutung ein neues Weltbild setzten“, wie es Hermann Josef Dörpinghaus formuliert (Hermann Josef Dörpinghaus, Darwins Theorie und der deutsche Vulgärmaterialismus im Urteil deutscher katholischer Zeitschriften zwischen 1854 und 1914, Inaugural-Dissertation, Freiburg i.Br. 1969, S. 1). Ein größerer Umbruch als der des gesamten Weltbildes ist kaum denkbar.

Atheistisch-materialistische Weltanschauung

2. „Unter dem Einfluß des Comte’schen Positivismus wollte man nun allein das durch Erfahrung und Experiment Nachgewiesene als gesichert gelten lassen, fest überzeugt von der Deckungsgleichheit zwischen objektiver wissenschaftlicher Erkenntnis und absoluter Seinswahrheit“, schreibt Dörpinghaus. „Diese Erkenntnishaltung begünstigte notwendig die Entwicklung antichristlicher Denkformen, denn die energische Opposition gegen die Metaphysik, der man die Bedeutung des Unbeweisbaren beilegte, hieß nichts anderes, als die bisher auch und gerade im Rahmen naturwissenschaftlicher Forschung gestellte Frage nach Gott als dem Urheber des Seienden methodisch auszuschalten, weil es sich bei ihr um eine philosophische Frage handelte“ (ebd.). Es gelang der Naturwissenschaft, „Bereiche zu erschließen, die man zuvor nur durch das recht unmittelbar gedachte Wirken metaphysischer Faktoren zu begreifen wußte, die nun aber durch natürliche, innerweltliche Ursachen ihre völlig befriedigende Erklärung fanden“. „Damit mußte die bisher enge Durchdringung der Natur mit religiösen Vorstellungen unterschiedlichster Art zunehmend an Überzeugungskraft verlieren und die Annahme von Wundern, die die Naturgesetze durchbrachen, der immer präziseren Kenntnis von der die Natur durchwaltenden eisernen Gesetzmäßigkeit weichen“ (a.a.O. S. 2).

Schon seit dem Ende der 1840er Jahre „mehrten sich die Versuche, die kausalmechanische Naturerklärung zu einer atheistisch-materialistischen Weltanschauung auszuweiten“, worin sich insbesondere „der Zoologe Karl Vogt (1817-95), der Physiologe Jakob Moleschott (1822-93) und der Mediziner Ludwig Büchner (1824-99)“ hervortaten. Das „Hauptwerk“ des letzteren „Kraft und Stoff“, das 1855 erschien, vertrat „unter steter Berufung auf die Erfahrungswissenschaften die Auffassung, daß die Welt in ihrem Werden und Sein nichts anderes als Kraft und Stoff sei, wie das Demokrit schon gelehrt habe“. „Die Annahme eines außerweltlichen Schöpfers wurde als überflüssig abgelehnt, da die Materie schon von Ewigkeit her existiere und bereits im Urnebel [dem Vorläufer des „Urknalls“] alle künftigen Bildungen mit Einschluß vernünftiger Wesen enthalten gewesen seien. Ein qualitativer Unterschied zwischen Leben und Leblosem bestehe nicht, das Leben habe als kompliziertes System der Mechanik zu gelten. Das Seelisch-Geistige sei nichts als Gehirnfunktion, weshalb die Existenz einer substantiellen, geistigen, unsterblichen Seele als religiöses Vorurteil abgetan werden könne“ (ebd.). Da haben wir die ganze „moderne“ Weltanschauung, wie sie heute populäres Allgemeingut geworden ist.

Kritik „an tradiertem religiösen Gedankengut leistete zu gleicher Zeit auch schon die aufblühende Geschichtswissenschaft, indem sie zahlreiche bisher für wahr gehaltene Legenden über Christentum und Papsttum, über Heilige und Wunder zerstörte“ (a.a.O. S. 3). Besonderen Einfluß hatte auf diesem Gebiet David Friedrich Strauß (1808-72), der im Jahr 1835 „in seinem ‚Leben Jesu‘ das biblische Christusbild als Mythos, d.h. als Erzeugnis der absichtslos wirkenden Gemeindedichtung“ darstellte und und damit zum Urahn der Modernisten wurde. Das, „was Strauß historisch kritisch zu entwurzeln suchte, das leistete zu gleicher Zeit der wie Strauß von Hegel beeinflußte Philosoph und ehemalige Theologiekandidat Ludwig Feuerbach (1804-72) auf philosophischem Boden“ (a.a.O. S. 4). „Feuerbach, Schrittmacher für Karl Marx, bezeichnete die überlieferte christliche Religion als eine Illusion des nach Glück suchenden menschlichen Geistes. Er wollte Religionslehre als Anthropologie verstanden wissen, indem er den Menschen in den Mittelpunkt alles Erkennens stellte. Sein atheistischer Anthropologismus begrenzte das Erkennen auf das Diesseitig-Menschliche und kam damit ganz den positivistisch-materialistischen Tendenzen in der Naturwissenschaft entgegen“ (ebd.). Damit wurde Feuerbach seinerseits zum Schrittmacher nicht nur für Marx, sondern auch für den späteren Modermismus.

3. Wir sehen, im 19. Jahrhundert war bereits allerhand los zur geistigen Zerstörung des Glaubens und der Kirche. Es liefen in ihm „Anschauungen zusammen, deren gemeinsame Basis die Überzeugung von der Widerlegung der Religion … durch die kritische Wissenschaft bildete“. „Von zwei Seiten her, vom mechanistisch-naturwissenschaftlichen Vulgärmaterialismus eines Büchner, Vogt und Moleschott und von der bürgerlich-antikirchlichen und antireligiösen Bewegung aus, wie sie sich exemplarisch in Strauß und Feuerbach verkörpert, war damit dem Christentum um die Mitte des vorigen [19.] Jahrhunderts eine unerbittliche Kampfansage gemacht. Sie mußte umso ernster genommen werden, als die exakte Wissenschaft einen Glauben erweckt hatte, ein gläubiges Vertrauen auf den Fortschritt, dessen unmittelbare Rechtfertigung im stürmischen Aufschwung von Technik und Wirtschaft lag“ (ebd.). Leider hat man auf diese Kampfansage auf katholischer Seite viel zu wenig, zu spät und zu schwach reagiert.

„Dieser Aufschwung, der für viele eine Vervollkommnung der Lebenshaltung, für alle eine Verlängerung der Lebenserwartung mit sich brachte, mußte auch zu einer Veränderung der Lebenspraxis führen, mußte das Interesse an transzendenten Fragen zugunsten sehr realer, diesseitiger, materieller Ziele notwendig verkümmern lassen. Nicht erst der Himmel, der, wie Heine es spöttisch formuliert hatte, den Engeln und den Spatzen überlassen bleiben konnte, sondern schon der technische und wirtschaftliche Fortschritt bot die Aussicht, auch ohne die in ihren Lehren so offensichtlich widerlegte Kirche ein besseres, menschenwürdigeres Dasein führen zu können“ (ebd.). Diese Anschauungen bildeten nicht nur die Grundlage für den Kommunismus, sondern für alle „modernen“ Ideologien, sie beschreiben exakt die heute allgemein verbreitete „Lebenspraxis“ des „modernen“ Menschen.

„In diese durch Wissenschaftsgläubigkeit, religiösen Indifferentismus und praktischen Materialismus weithin bestimmte Zeit“ – und wir sprechen wohlgemerkt von der Mitte des 19. Jahrhunderts! – „griff Darwins Buch über die Entstehung der Arten mit starken Wirkungen ein“ (a.a.O. S. 4 f). „Seine Veröffentlichung im Jahre 1859 kam einer echten Sensation gleich. Das beruhte weniger auf der Behauptung des Verfassers, daß alle organischen Wesen in einem genetischen Zusammenhang ständen“, als vielmehr an der „kausale(n) Erklärung, die Darwin mit der Selektionstheorie dem Evolutionsprozeß gab“. „Die Theorie von der dem Zufall überlassenen Auslese des Stärkeren im Kampfe ums Dasein, von der stetig wirkenden Zuchtwahl ließ das Zustandekommen sinnvoller Gebilde auf rein mechanischem Wege verständlich werden, ohne daß man eine Intervention Gottes in den Naturprozeß zu Hilfe nehmen mußte. Gerade die Zweckmäßigkeit, die immer den Einsatz eines intelligenten, transzendenten Prinzips zu fordern schien, ließ sich nun auf eine rein mechanische Bedingtheit zurückführen. Der in der Natur herrschende Mechanismus erwies sich als omnipotent, die Behauptung vom Nichtvorhandensein eines weisen und vorsorgenden Gottes erhielt ihre letzte Fundierung. Damit kamen Darwins Gedankengänge dem materialistischen und antichristlichen Weltbild der Zeit in unerhörtem Maße entgegen. Mit einem Schlage rückten nun die Probleme des Lebens und des Lebendigen in den Vordergrund des wissenschaftlichen Interesses, wie aber auch in die Mitte der weltanschaulichen Diskussion“ (a.a.O. S. 5). Bis heute ist das so geblieben. Daher der ungeheure Aufwand, mit welchem die Suche nach „Leben im All“ betrieben wird, und die fiebernde Sensationsgier, die diese Suche begleitet und befeuert.

„Die Überzeugung, mit Hilfe von Darwins Theorie endgültig die grundlegende kirchliche Lehre von Schöpfung und Vorsehung widerlegen zu können, […] ließ den Darwinismus zu einem – wie es schien – untrennbaren Bestandteil der materialistischen Weltanschauung werden. Und wer immer in den politisch und sozial progressiven Kreisen, vom Liberalismus bis hin zum Sozialismus, in der, bzw. den Kirchen die Verkörperung von Reaktion und Fortschrittsfeindlichkeit erblickte, der mochte glauben, mit Darwins Gedankengut, mit der Möglichkeit, die Welt evolutionär und mechanisch erklären zu können, die entscheidende, wissenschaftlich begründete Gegenposition bezogen zu haben“ (a.a.O. S. 5 f). Ludwig Büchner formulierte es so: „Daß der alte religiöse oder Kirchen-Glaube dem Geiste der Zeit und der Massen nicht mehr genügt und durch etwas Anderes ersetzt werden muß, dürfte klar und kaum mehr zu bestreiten sein“ (a.a.O. S. 6).

4. Die „eigentliche Triebkraft für die Weiterentwicklung des Materialismus als Weltanschauung“ wurde jedoch Ernst Haeckel (1834-1919), Professor für Zoologie, der „in der Folge die Darwin’sche Entwicklungs- und Selektionslehre zur Grundlage eines weltanschaulichen Systems“ machte, „das unter die philosophische Kategorie ‚Monismus‘ fällt“. „Das absolute Prinzip dieses Monismus, die durch die mechanistische Evolution bestimmte ‚universale Substanz‘, hatte zwei fundamentale Attribute, nämlich die Materie und den mit der Materie gleichgesetzten Geist. Haeckels Monismus war ein auf die Spitze getriebener Materialismus, dessen Spezifikum in der atheistisch-evolutionistischen, naturalistischen Auffassung des gesamten Seienden lag“ (a.a.O. S. 6). Dazu wurde der „Darwin‘sche Entwicklungsgedanke“ von ihm „nach zwei Seiten hin ausgebaut: Einmal wurde das von Darwin selbst nicht ausgeschlossene schöpferische Eingreifen Gottes an der Basis des organischen Entwicklungsprozesses verneint und durch das Postulat der per Zufall erfolgten Urzeugung aus Materie ersetzt, so daß ein kontinuierlicher Übergang zwischen belebter und unbelebter Materie bestand. Zum Zweiten wurde der Entwicklungsgedanke auch auf den Menschen angewandt, eine logische Konsequenz, die Darwin noch vermieden hatte“ (a.a.O. S. 6 f).

„Haeckel behauptete sowohl die leibliche Abstammung der Menschen aus dem Tierreich als auch die Entwicklung des menschlichen Geistes ‚durch stufenweise Hervorbildung aus der Wirbeltierseele‘, wobei ‚das Geistesleben der wilden Naturvölker‘ ihm und anderen als Beweis diente“ (a.a.O. S. 7). Immerhin gälte Haeckel damit heute als etwas antiquiert und wohl sogar „rassistisch“. „Für ihn bestand kein Wesensunterschied zwischen Geist und Materie. Die Wirklichkeit war völlig einheitlicher Natur, durchwaltet von einer geschlossenen Naturkausalität. Die als ewig und unerschaffen angenommene Materie entwickelte sich mechanisch in unendlich unbegrenztem Raum und in unendlich unbegrenzter Zeit über die Entfaltung des Universums, Erdentwicklung, Urzeugung bis hin zum menschlichen Geist, dessen Wirken als ‚eine Summe von physiologischen Bewegungserscheinungen der Gehirnteilchen‘ verstanden wurde. Auf einen extramundanen [außerweltlichen] Gott konnte Haeckel demnach verzichten. An seiner Stelle statuierte er als säkularisiertes Surrogat eine monistische Religion mit pantheistischen Zügen, die in der Verehrung ethischer Ideale gipfelte und später mit der Gründung des deutschen Monistenbundes (1906) auch ihren organisatorischen Unterbau erhielt“ (ebd.).

Damit war die gedankliche Basis vorhanden, um mit einer „nicht übersehbare(n) Flut“ von Büchern, Broschüren, Zeitschriftenartikeln und Vorträgen „in den vielerorts entstehenden Bildungsvereinen“ „im Namen der alles entschleiernden Naturwissenschaft den Kirchen und ihrem ‚durch die neuere Forschung überholten‘ Lehrgut auf den Leib zu rücken“ (a.a.O. S. 8). „Im Urteil des Religionshistorikers Hirsch wird ‚das Menschenalter nach Erscheinen von Darwins Entstehen der Arten die Zeit, … in welcher für weite Schichten des deutschen Volkes der Glaube an Gott und Unsterblichkeit, der bis dahin trotz den Zweifeln der Gebildeten im Wesentlichen ein gemeinsames, geistiges Gut geblieben war, zusammengebrochen ist‘“ (a.a.O. S. 9). Das galt zweifellos nicht nur „für weite Schichten des deutschen Volkes“, sondern für alle Länder wenigstens Europas und Nordamerikas.

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