Als Mann und Frau erschuf er sie

von antimodernist2014

Die Kirche und der Evolutionismus

5. Wie Dörpinghaus herausfand, kam für die katholische Kirche „diese Entwicklung zunächst unerwartet“. Das überrascht, denn sie hatte sich ja schon lange angebahnt, vom Nominalismus und der „Renaissance“ über den Protestantismus bis zur „Aufklärung“ und der französischen Revolution. Mit Galilei im 17. Jahrhundert und den „Enzyklopädisten“ im 18. Jahrhundert hatte es auch bereits konkrete Vorläufer gegeben. Man hätte also gewarnt sein können, doch „noch niemals vorher war versucht worden, unter Berufung auf die Naturwissenschaft den Glauben an Gott als Schöpfer und Erhalter der Welt so radikal in Frage zu stellen“, und noch niemals vorher „war versucht worden, in so breitem Maße große Teile der Öffentlichkeit mit den ständig fortschreitenden Ergebnissen der Naturwissenschaft in einer Weise vertraut zu machen, die den Materialismus und Atheismus – mindestens aber den Agnostizismus – als die einzig möglichen und daher notwendig zu ziehenden Konsequenzen erscheinen ließen“ (ebd.). Es ging dabei „schließlich und letztlich um die Glaubwürdigkeit der Kirche, um ihre Fähigkeit, in einer Zeit, in der eine durchgängige Säkularisierung des Weltbildes erfolgte, den formenden Einfluß auf die zu ihr Gehörenden nicht zu verlieren“ (a.a.O. S. 9 f). Es ging um „die Glaubwürdigkeit der gesamten auf die Natur bezogenen Angaben des biblischen Schöpfungsberichts“ (a.a.O. S. 14) und damit um die Glaubwürdigkeit der Heiligen Schrift und der göttlichen Offenbarung, und es ging „zugleich um den Kampf gegen den sich als Religionsersatz anbietenden Materialismus“ (a.a.O. S. 15).

Es war somit nichts Geringes, was auf dem Spiel stand. Umso mehr ist man verwundert, daß der Kampf auf kirchlicher Seite kaum oder nur eher nebenbei geführt wurde. Zwar leisteten namentlich die Jesuiten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch einigen Widerstand, doch verlagerte der „Kulturkampf“ die Problematik mehr auf das politische Gebiet und drängte die Katholiken in den „Konservativismus“, „der um die Jahrhundertwende fortschrittlicheren Geistern vielfach Anlaß zu Kritik bot“ (a.a.O. S. 29). „Die schon vor Ausbruch des Kulturkampfes verursachte und dann durch Jahrzehnte hindurch beibehaltene polemische und apologetische Kampfstellung gegen den modernen Unglauben hatte zu einer Entfremdung von der modernen Welt und ihren ohne Mitwirkung des katholischen Volksteils entstandenen Bildungsgütern geführt“, meint Dörpinghaus. „Die katholische Abkapselung vom kulturellen Leben der Nation, das Zurückbleiben der deutschen Katholiken auf dem Gebiete der Wissenschaft war unübersehbar geworden“ (ebd.). Daher rührt jenes Inferioritäts-Denken oder -Gefühl seitens der Katholiken, das sie drängte, den Anschluß an die „moderne Welt“ zu suchen, und im „Aggiornamento“ des „II. Vatikanums“ endete.

6. Um die Jahrhundertwende herum registriert Dörpinghaus ein Bemühen, „die Spannung zu überwinden“, einen Willen, „ohne Aufgabe der Glaubensüberzeugung das Ghetto aufzubrechen, in das sich der Katholizismus in fruchtloser Opposition zu seiner Umwelt zurückgezogen hatte, das Wagnis, sich ‚voll und ganz in unser gegenwärtiges Leben, mitten in unsere moderne Kultur‘ zu stellen“, wie es die damals neu entstandene Zeitschrift „Hochland“ formulierte (ebd.). Man bemühte sich „um eine Neugestaltung des Verhältnisses zu den Naturwissenschaften, um eine Wiederbegegnung von Kirche und Natur“ (a.a.O. S. 37). Daraus entstanden die Versuche, den Darwinismus – und damit den atheistischen Materialismus – mit der kirchlichen Schöpfungslehre irgendwie zu „harmonisieren“. Ein Ding der Unmöglichkeit.

Es war George Lemaître (1894-1966), ein belgischer Priester, der zum Begründer der „Urknall“-Theorie wurde. Zwangsläufig beschäftigte er sich als Priester „auch mit der Frage nach der Vereinbarkeit von kath. Schöpfungslehre und wiss. Urknalltheorie“, wie „Kirchenlexikon.de“ bemerkt. „Im Dezember 1940 war L. aufgrund seiner Leistungen in die Päpstliche Akademie der Wissenschaften berufen worden. Auf einer Tagung im November 1951 akzeptierte die Akademie L.s Theorie. Pius XII. führte in einem abschließenden Vortrag aus, der mit dem Urknall zeitlich festlegbare Anfang der Welt sei einem göttlichen Schöpfungsakt entsprungen.“ Ja, der Papst ging sogar so weit, aus dem „Urknall“ einen „Gottesbeweis“ ableiten zu wollen. Wie ein „Blogger“ berichtet: „Papst Pius XII. erklärte am 22. November 1951 in einer Ansprache vor der päpstlichen Akademie der Wissenschaften die Urknalltheorie – eine naturwissenschaftliche Theorie – zu einem Beweis für die Existenz Gottes. Hier die Worte seiner denkwürdigen Rede: ‚Thus, with that concreteness which is characteristic of physical proofs, it has confirmed the contingency of the universe und also the well-founded deduction as to the epoch when the cosmos came forth from the hands of the Creator. Hence, creation took place in time. Therefore, there is a Creator. Therefore, God exists.‘ (Ref.: Pius XII.; Modern Science and The Existence of God. In: The Catholic Mind 49 (1952), p. 182 – 192).“ (Päpstlicher als der Papst). Das heißt verdolmetscht: „Mit jener Konkretheit also, die charakteristisch für physische Beweise ist, hat sie [die „Urknall“-Theorie] die Kontingenz des Universums und auch die begründete Ableitung der Epoche bestätigt, als der Kosmos aus den Händen des Schöpfers hervorgegangen ist. Daher fand die Schöpfung in der Zeit statt. Es gibt also einen Schöpfer. Deshalb existiert Gott.“ In Wahrheit war der „Urknall“ alles andere als ein „Gottesbeweis“, paßte er doch vielmehr exakt in das materialistisch-„naturwissenschaftliche“ Weltbild, wie es bereits von Büchner vertreten worden war (s.o.).

In seinem Apostolischen Rundschreiben „Humani Generis“ vom 12. August 1950 ging Papst Pius XII. auf den „Evolutionismus“ ein. „Deshalb verbietet es das Lehramt der Kirche nicht“, schrieb er, „daß die Theorie des Evolutionismus, insoweit dort Forschungen angestellt werden über die Herkunft des menschlichen Leibes aus einer bereits bestehenden Materie – während ja der katholische Glaube uns verpflichtet, daran festzuhalten, daß die Seelen unmittelbar von Gott geschaffen sind – gemäß dem augenblicklichen Stand der weltlichen Wissenschaften und der heiligen Theologie, Gegenstand von Untersuchungen und Besprechungen gelehrter Fachleute auf beiden Gebieten sei“ (Ausgabe Haselböck, Freude an der Wahrheit Nr. 118, S. 20). Zwar warnte der Papst vor der „Verwegenheit“, so zu tun, „als sei sozusagen der Ursprung des menschlichen Leibes aus einer bereits bestehenden und lebenden Materie durch bis jetzt gefundene Indizien und durch Schlußfolgerungen aus diesen Indizien bereits mit vollständiger Sicherheit bewiesen“, und als „liege aus den Quellen der Göttlichen Offenbarung kein Grund vor, welcher auf diesem Gebiet die allergrößte Mäßigung und Vorsicht verlangen würde“, doch wurde diese Warnung gerne überhört aus Freude darüber, endlich auch als Katholik ungehindert an der Diskussion der Entstehung des Menschen aus dem Tierreich teilnehmen zu können.

Im Entwurf einer „Dogmatischen Konstitution“ zum „II. Vatikanischen Konzil“ mit dem Titel „Verteidigung der Unversehrtheit des Glaubensdepositums“ beschäftigte sich die von „Johannes XXIII.“ errichtete Theologische Vorbereitungskommission in einem eigenen Kapitel mit dem Thema „Schöpfung und Evolution“. Das Schema bekräftigt die Hervorbringung der Welt aus Nichts durch Gott am Beginn der Zeit, ohne auf den „Urknall“ weiter einzugehen (Kap. III. Nr. 12). Es weist den „materialistischen Evolutionismus“ zurück, welcher „behauptet, daß die Welt, die sich unaufhörlich wandelt und entwickelt, ihren Ursprung nicht von Gott hat und nicht von ihm regiert wird, und daß in ihrem Fortschritt nichts anderes geschieht, als daß sich die ungeschaffene Materie fortwährend wandelt und aus ihr neue und vollkommenere Strukturen hervorgebracht werden, die also schon in gewisser Weise in der ungeschaffenen Materie enthalten waren“. Ebenfalls zurückgewiesen wird ein „pantheistischer Evolutionismus“, der zwar „zugibt, daß die Welt von einem einzigen und immateriellen Prinzip herrührt, das sie göttlich nennen, aber fälschlicherweise die Dinge so begreift, als sei die Welt nichts anderes als die Gesamtheit der Veränderungen, insbesondere im Leben des menschlichen Geistes, die durch die allmähliche Selbstevolution dieses Prinzips hervorgerufen werden“ (Nr. 13).

Die „Kinder der Kirche“ sollten sich nicht durch „falsche Meinungen“ beirren lassen, etwa die, „daß Gott allmählich eine uranfängliche Vielfalt von Realitäten, die bereits vor jeder göttlichen Handlung existieren, in die Einheit bringt“, oder „daß Gott die Evolution der Welt so lenkt, dass er allmählich alle Dinge in sich sammelt, dass er sie irgendwie mit sich selbst verbindet und dass er so auf irgendeine Weise an der Konstruktion der Welt teilnimmt“ (Nr. 14). Der Evolutionismus als solcher wird jedoch nicht zurückgewiesen, vielmehr erfolgt wieder die Ermahnung, die „Entwicklung der Welt“ klug zu studieren, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen, sondern nur das, „was wirklich sicher ist“, vorzulegen, „ob es sich nun um die Entstehung der Gestalt des Universums handelt, oder um die Geschichte der Erde und die vielfältige Entwicklung des Lebens auf ihr, oder sogar den Ursprung und das Wachstum des menschlichen Geschlechtes“. Solches schade „der Glaubenslehre nicht, im Gegenteil“, es biete „angemessene Hilfe an, um sie zu erhellen“ (Nr. 15). Gewisse „Fragen der Weltentwicklung, die den katholischen Glauben direkt oder indirekt berühren“, seien „mit allergrößter Vorsicht zu behandeln, damit die wahren Glaubenserklärungen nicht widersprochen oder gefährdet werden“ (ebd.).

Der letzte Abschnitt des Kapitels geht speziell auf die „Erschaffung des Menschen und die Entwicklung des Lebens“ ein. „Was die wissenschaftliche Erforschung der Anfänge des Lebens betrifft“, heißt es da, „insbesondere im Hinblick auf die Frage, ob das menschliche Geschlecht aus einem früheren Lebewesen hervorgegangen sein könnte, so muß vor allem die katholische Lehre von der Zusammensetzung des Menschen aus Geist und Materie, die sich wesentlich voneinander unterscheiden, bewahrt werden; und dasselbe gilt auch für die Lehre von der unmittelbaren göttlichen Schöpfung der Seele eines jeden Menschen aus dem Nichts, so daß nicht zugegeben werden darf, dass die menschliche Seele aus irgendeinem bereits irgendwie vorher existierenden Lebensprinzip entstanden ist.“ Darüberhinaus müsse „der erste Ursprung des menschlichen Körpers … mit allerhöchster Mäßigung und Vorsicht behandelt werden, denn dieses Thema betrifft nicht nur die Naturwissenschaften, sondern zum Teil auch die Philosophie“ (Nr. 16).

Wie wir wissen, wurde selbst dieses sehr moderate Schema, das weder den Evolutionismus als solchen noch sogar die Entstehung des menschlichen Leibes aus dem Tierreich grundsätzlich zurückwies, auf dem „II. Vatikanum“ gleich zu Beginn zusammen mit allen anderen Entwürfen der Vorbereitenden Theologischen Kommissionen dem Papierkorb überantwortet. Der „nachkonziliare“ „Papst Johannes Paul II.“ sprach endlich davon, daß „die Evolutionstheorie als ‚ernstzunehmende Hypothese‘“ zu sehen und „in der Zwischenzeit „mehr als nur eine Hypothese“ geworden sei“ (Botschaft an die Mitglieder der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften anlässlich ihrer Vollversammlung am 22. Oktober 1996; zitiert nach „Wikipedia“, Artikel „Theistische Evolution“).

Die Entstehung des menschlichen Leibes

7. Die „Traditionalisten“ von heute singen dem „Urknall“ eine begeisterte Hymne, solcherart geschehen im „Mitteilungsblatt“ der „Piusbruderschaft“ Nr. 373 vom Februar 2010 (zum „Urknall“ und seiner Tauglichkeit als Gottesbeweis vgl. Der heilige Thomas und der Urknall, Ist der Gott des Urknalls der Gott der Katholiken?). Von skandalisierten Gläubigen und Priestern alarmiert, wiegelte der damalige deutsche „Pius“-Sektionschef ab unter Hinweis erstens auf Papst Pius XII., zweitens, indem er behauptete, der „Urknall“ habe gar nichts mit dem „Evolutionismus“ zu tun, und drittens sei sogar ein „gewisser Evolutionismus“ durchaus mit dem katholischen Glauben wohlvereinbar. Ein Priester der „Piusbruderschaft“, der lange Jahre an einem ihrer Seminare unterrichtete, äußerte sich bei einem Vortrag vor Akademikern überzeugt, daß die Abstammung des menschlichen Leibes aus dem Tierreich mittlerweile als sicher erwiesen gelten müsse. Als Beleg diente ihm dazu ein „Gendefekt“, der außer beim Menschen nur bei den „Primaten“ zu finden sei. Der „Seminardozent“ zog dazu per analogiam seine Schlüsse: Wenn zwei Schüler in einer Klassenarbeit exakt denselben Fehler aufwiesen, so sei evident, daß der eine beim anderen abgeschrieben habe. (Wer aber hat bei wem abgeschrieben? Der Mensch beim Affen oder umgekehrt?)

Der „Gendefekt“, auf welchen sich der „Dozent“ bezog, wird uns in „Keinsteins Kiste – Natur und Wissenschaft für alle Sinne“ wie folgt beschrieben: „Dass wir Vitamine zu uns nehmen müssen, ist eine Folge von ‚Erbkrankheiten‘, die sich bei den Vorfahren des Menschen und verschiedener heutiger Tiere vor Jahrmillionen entwickelt haben. Vitamin C zum Beispiel können die meisten Tiere heutzutage selbst herstellen. Auch beim Menschen und anderen Trockennasenprimaten (also allen Affen sowie Koboldmakis) ist ein Stoffwechselweg dafür entwickelt. Allerdings ist bei gemeinsamen Urahnen dieser Arten (den Menschen eingeschlossen) vor 61-74 Millionen Jahren eine Mutation des Gens für das Enzym L-Gulonolactonoxidase aufgetreten. Dieses Enzym katalysiert den letzten Schritt zur Herstellung von Vitamin C in unserem Organismus. Die Mutation (ein Fehler in der Gensequenz, dem Bauplan für das Enzym) führte dazu, dass die Nachfahren jener Urahnen-Spezies keine funktionsfähige L-Gulonolactonoxidase mehr herstellen können.“

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