Besinnung zum Advent

von antimodernist2014

Obwohl Lukas, den Paulus im Kolosserbrief den „geliebten Arzt“ (4, 14) nennt, der Mitarbeiter des Völkerapostels wurde und im Herbst des Jahres 60 den Apostel freiwillig auf seiner Gefangenschaftsreise nach Rom begleitete und dort den Evangelisten Markus kennenlernte, dessen Evangelium er später als Grundlage für sein eigenes Werk benutzen sollte, will man ihm dennoch keinen Glauben schenken. Dabei mußte gerade Lukas, der kein „Jünger Jesu“ und darum auch nicht „Augen- und Ohrenzeuge der Taten und Reden Jesu“ war, wie wir gehört haben, den Ereignissen des Lebens Jesu besonders sorgfältig nachforschen.

Gerhard Kroll erklärt: „Nach einer literarischen Sitte seiner Zeit widmete er sein Werk einer hochgestellten Persönlichkeit, dem edlen Theophilus. Seine Absicht bringt der Verfasser im Vorwort klar zum Ausdruck: Die historisch feststellbaren und durch die sorgfältigen Nachforschungen des Evangelisten geschichtlich verbürgten Einzeltatsachen sollen dem gläubig gewordenen Theophilus als Beweis der Zuverlässigkeit der christlichen Heilsverkündigung dienen. … Lukas kommt es aber auf Genauigkeit an. Er präzisiert die unbestimmte Angabe mit dem Satz: ‚Diese Aufzeichnung war die erste, welche unter dem Statthalter Syriens, Quirinius, stattfand‘ (Lk 2, 2)“ (Ebd. S. 10).

Die sog. historisch-kritische Methode: Ein Angriff auf die göttliche Wahrheit

Mit dem Aufkommen der sog. historisch-kritischen Methode geriet dieser Satz des Lukasevangeliums in die Schußlinie der rationalistischen Aufklärer. Rationalistisch heißt übersetzt vernünftig. Wobei jedoch für die sog. Rationalisten das einzig Vernünftige der Unglaube ist. Je glaubensloser einer ist, je gottloser er sich gibt, desto vernünftiger erscheint er diesen Leuten.

David Friedrich Strauß, der mit seinem zweibändigen Werk „Das Leben Jesu kritisch bearbeitet“ im Jahre 1835 ungeheures Aufsehen erregte, formuliert sein rationalistisches Vorurteil so: „Sind die Evangelien wirklich geschichtliche Urkunden, so ist das Wunder aus der Lebensgeschichte Jesu nicht zu entfernen; ist umgekehrt das Wunder mit der Geschichte unvereinbar, so können die Evangelien keine geschichtlichen Quellen sein.“ Da es aber nach seiner rationalistischen Grundauffassung das Übernatürliche gar nicht gibt, Wunder somit unmöglich sind, bleibt für ihn nur die eine Schlußfolgerung übrig: Die Evangelien können keine historischen Quellen sein.

Der hl. Thomas von Aquin hätte solch seltsame Erwägungen ganz einfach dumm genannt, denn das Dümmste, was es gibt, ist für ihn, Gott zu leugnen. Von solchen Einsichten ist der Gottesleugner Strauß natürlich himmelweit entfernt, weshalb er das Ergebnis seiner Kritik an dem lukanischen Kindheitsbericht in fünf Thesen zusammengefaßt hat:

1. Eine allgemeine Einschätzung des Römischen Reiches hat es nie gegeben.
2. Eine kaiserliche Steuerveranlagung ist im Herrschaftsbereich des Königs Herodes höchst unwahrscheinlich.
3. Die Zählung des Quirinius konnte nicht in die Zeit des Herodes fallen, da Quirinius zu Lebzeiten des Königs nie Statthalter von Syrien war.
4. Die Meldung Josefs in Bethlehem ist unrömisch.
5. Eine Registrierung Mariens ist überflüssig.

Es soll hierzu nur ganz kurz Stellung genommen werden, um aufzuzeigen, wie diese rationalistische – bzw. nach Thomas von Aquin dumme – Kritik anhand der geschichtlichen Fakten in nichts zusammenbricht.

Gerhard Kroll geht der Frage nach: „Wie steht es mit den anderen Einwänden, die Strauß vorgebracht hat?“ Der geschichtliche Befund, der die Frage beantwortet, ist folgendermaßen:

„Ein ägyptischer Papyrus (P. Lond. III, 904) aus dem Jahre 104 n. Chr. hat uns die Verordnung des römischen Präfekten C. Vibius Maximus für einen solchen Provinzialzensus erhalten (vgl. Abb. 5). Der rekonstruierte Text lautet deutsch:
‚Gaius Vibius Maximus, Statthalter von Ägypten, sagt:
Da die Haushaltungsschätzung bevorsteht, ist es notwendig, allen, die etwa aus irgendeiner Ursache außerhalb der Bezirke sind, zu gebieten, daß sie zurückkehren zu ihrem heimatlichen Herd, damit sie das übliche Schätzungsgeschäft erledigen und dem ihnen obliegenden Feldbau sich hingeben.‘ …
Nach diesem ägyptisch-römischen Schema wurde auch der Zensus in der Provinz Syrien durchgeführt, wie es von Ulpian in den Digesten bezeugt wird: Die Steuerpflicht erfaßte die Männer im Alter von 14 Jahren, die Frauen von 12 Jahren an, beide Geschlechter bis zum Alter von 65 Jahren (Dig.L, 15,3 pr.). …
Zur Registrierung gehörte noch die bei Ulpian belegte Verordnung: Wer Grundbesitz in einer anderen Gemeinde hat, muß seine Deklaration in derjenigen Gemeinde abgeben, in deren Feldmark der Grundbesitz liegt. Denn die Grundsteuer muß man an diejenige Gemeinde abführen, in deren Territorium man Grundbesitz hat“ (Ebd. S. 16f).

Damit ist der Evangelist Lukas vollkommen gerechtfertigt, wohingegen der Zweifler David Friedrich Strauß, wie nicht anders zu erwarten, als voreingenommener Dummkopf dasteht. Wobei man aber leider nicht sagen kann, wie vielen Katholiken dessen Dummheiten den Glauben gekostet hat und immer noch kostet. Denn daran hat sich seit nunmehr fast zwei Jahrhunderten nicht mehr viel geändert: Der Unglaube erscheint den meisten Zeitgenossen seit der sog. Aufklärung vernünftiger als der Glaube. Was für ein Wahnsinn!

Zusammenfassend stellt Josef Dillersberger fest: „Es ist das Verdienst Josef Pickls (Messiaskönig Jesus, München 1934), in wenigen Seiten (a. a. O. 268—278) den Evangelisten Lukas in diesen einleitenden Sätzen zur Geburtsgeschichte vollkommen gerechtfertigt zu haben. Es gab also eine solche Aufschreibung noch vor dem Tode des Herodes, also zur Zeit der Geburt Jesu. Und diese Aufschreibung war auch die erste, die unter römischer Oberhoheit stattfand, wenn sie auch noch kein eigentlich römischer Reichszensus war“ (Josef Dillersberger, Lukas, 2. Band Heiliger Anfang, Verlag bei Otto Müller, Salzburg – Leipzig 1939, S. 74). Sodann leitet er zum eigentlichen Thema über: „Nachdem also der Tatbestand unzweifelhaft geblieben ist, können wir uns nunmehr wieder mit um so größerer Freude der tieferen Kunde hingeben, die uns Lukas hier andeuten will.“

Genau das wollen wir jetzt auch beherzigen und tun, wir wollen uns „mit um so größerer Freude der tieferen Kunde hingeben, die uns Lukas hier andeuten will“.

Die Erfüllung der Zeit: Die Geburt des Messias in der Vaterstadt Bethlehem

Der hl. Evangelist Lukas berichtet nicht einfach, was sich damals in Bethlehem ereignet hat, sondern er ordnet in seiner Einleitung das zu beschreibende Geschehen der Geburt Jesu Christi in den Lauf der Weltgeschichte ein. Wozu Josef Dillersberger treffend bemerkt: „Das ist doch über alles andere wichtig: daß die ganze Welt in Bewegung war durch diese Verfügung des Augustus eben um jene Zeit, als der Christus geboren wurde. Diese Bewegung, die zum erstenmal um jene Zeit auch das Judenland erfaßte und mit hineinzog in die Völkerwelt der Heiden ringsum, war ein erstes großes Zeichen, wie die Welt über diesem Kinde nie mehr zur Ruhe kommen werde, die Juden nicht und die Heiden nicht. Von Rom aus wird künftighin durch alle Geschlechter-Reihen der Menschen das ‚Dogma‘ – Anordnung, Befehl, Weisung – ausgegeben werden, die sich alle, wie jenes erste ‚Dogma‘ des Augustus, letztlich auf jenes Kind beziehen, das damals geboren werden sollte“ (Ebd. S. 75).

Ein direkt bezaubernder Gedanke! Die Vorsehung Gottes bettet die Erfüllung der Zeit, die eigentlich alles entscheidende Zeitenwende, in eine weltweite Bewegung ein, die sowohl die Juden als auch die Heiden ergreift. Auf Anordnung des Kaisers Augustus hin muß jeder im Reich sich aufschreiben lassen. Und wohin beordert der Befehl des Kaisers die vielen, vielen Menschen? In ihre Vaterstadt! Auch dazu weiß Dillersberger etwas Wunderschönes zu sagen: „Voll schicksalhafter Vorbedeutung ist ferner, daß das Ziel der Ruhelosigkeit, die sich der Völker damals bemächtigte, die Heimat war, daß ‚ein jeglicher in seine Stadt‘ hin drängte! Denn die Bewegung und Unruhe, die durch dieses Kind im Menschen ausgelöst wird, soll sie ihrer wahren und bleibenden Heimat, dem Hause des ewigen Vaters, entgegenführen. Diese Unruhe zu Gott erfaßte damals symbolhaft die Welt, als Er geboren wurde. Daß diese Aufschreibung und damit die Bewegung zum erstenmal die Welt erfaßte, kann nicht wundernehmen. Es war nicht geziemend, daß früher jemals ein ähnliches Ereignis die Menschen derart in Unruhe brachte!“ (Ebd. S. 76).

Erst wenn Er in unsere Menschenwelt kommt, dann gibt es wieder Heimat – und alle Menschen sollen sich auf den Weg zum Hause des ewigen Vaters machen. Vorher, ehe Er als Mensch geboren wurde, konnte es eine solche Unruhe gar nicht geben, denn das Menschenherz wußte ja gar nicht mehr so recht und genau, wo es eigentlich zuhause war. Die Sünde hatte nämlich die Erinnerung an das göttliche Zuhause bei den meisten Menschen mehr oder weniger verdunkelt oder es womöglich sogar ganz und gar ausgelöscht. Heimatlos irrte der Mensch umher und verirrte sich immer noch mehr und mehr. Seine Gotteserkenntnis verfinsterte sich so sehr, daß er begann, Sonne, Mond und Sterne anzubeten und an einen ganzen Himmel voll Götter zu glaubten. Sobald jedoch Er, der Sohn des ewigen Vaters, vom Himmel her in unsere Menschenwelt kommt, offenbart ER uns den Vater in Seiner Herrlichkeit – „Das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht ergriffen“ (Joh. 1, 5).

Die wunderbare Geburt des Erlösers aus Maria, der Jungfrau

So gehen also der hl. Josef und seine jungfräuliche Braut gemäß der Anordnung des Kaisers Augustus nach Bethlehem. Was erwartet sie dort?

„Erst als dies alles geschehen war und sie, wie alle anderen, ‚ihre‘ Stadt, d. i. die Stadt Davids, erreicht hatten, ‚erfüllten sich nun die Tage‘, da sie gebären sollte. Keine Spur von solch weltgeschichtlichen Maßen für die Tage der Erfüllung findet sich in der Geschichte der Geburt des Johannes. Da erfüllten sich die Tage eben nach dem Ablauf der natürlichen Frist allein.
Die Geburt selbst wird mit unsterblich einfachen Worten und dennoch mit großer Betonung und Feierlichkeit erzählt. Während von Elisabeth in dem viel kürzeren Bericht zwei verschiedene Worte für ‚Gebären‘ gebraucht werden, ist hier mit Bedacht dasselbe Wort gleich dreimal verwendet worden: ‚Zeit des Gebärens‘, ‚gebar‘ und ‚Erstgeborener‘ (immer Formen des griechischen Wortes: tiktein)! Das griechische Wort bedeutet ‚gebären‘ im ausschließlichen Sinne von der Frau, während das zweite Wort, das oben bei der Geburt des Johannes auch gebraucht wurde, (gennaan) auch die Beziehung zum Manne einschließt. Noch einmal soll also die sorgfältige Wahl des Wortes ankündigen, daß es sich in dieser Geburt um eine ausschließliche Angelegenheit der Mutter allein handelt. Er ist jungfräulich Erstgeborener, und darum in solch einzigartiger Weise Erstgeburt, daß er so genannt werden muß, auch wenn er der einzige Sohn blieb“ (Ebd. S. 76 f).

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