Besinnung zum Advent

von antimodernist2014

Die göttliche Vorsehung fügt seit Ewigkeit das weltgeschichtliche Puzzle dieser Heiligen Nacht wundersam zusammen. Das heilige Paar kommt nach Bethlehem, findet aber in der überfüllten Stadt keine Herberge. Das von Gott in Seiner ewigen Weisheit erwählte Ziel der Reise ist kein Königspalast, sondern ein Grottenstall. Im Angesicht dieses Stalles erfüllen sich die Tage, und es kommt für Maria die Zeit der Geburt. Wie unglaublich genau ist das Wort Gottes im Ausdruck, wie präzise wählt der Heilige Geist, der eigentliche Autor der hl. Evangelien, die Wörter aus, um das Geheimnis dieser Geburt so präzise wie nur möglich zu beschreiben. „Das griechische Wort bedeutet ‚gebären‘ im ausschließlichen Sinne von der Frau“ – denn hier gibt es allein eine menschliche Mutter und einen ewigen Vater im Himmel! „Die Geburt selbst wird mit unsterblich einfachen Worten und dennoch mit großer Betonung und Feierlichkeit erzählt“, stellt Dillersberger fest: „… und sie gebar ihren erstgeborenen Sohn, wickelte Ihn in Windeln und legte Ihn in eine Krippe…“ Dieses Kind ist Gott von Gott und Licht von Licht – „Er ist jungfräulich Erstgeborener, und darum in solch einzigartiger Weise Erstgeburt, daß er so genannt werden muß, auch wenn er der einzige Sohn blieb.“

Angesichts dieses Wunders kann man nur ausrufen: Was für ein Kind und was für eine Mutter! Mit der jungfräulichen Geburt beginnt sogleich das wunderbarste Zwiegespräch, das die Menschenwelt je gehört hat. Es ist ein nie mehr endendes Liebesgespräch zwischen dem Sohn Gottes und Seiner hochgebenedeiten Mutter. Und hinein in die Stimme der Mutter „Du bist mein geliebter Sohn“ mischt sich schon, wenn auch noch unhörbar für die Menschen, die Stimme des himmlischen Vaters: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen“ (Mk 1, 11). Da staunen selbst die Engel und bewundern und besingen die unergründlichen göttlichen Ratschlüsse.

Lassen wir hierzu Josef Dillersberger noch einen Gedanken anfügen, der all unsere Erwägungen abzurunden vermag: „So einfach also der Bericht über die Geburt ist, dieses unverwandte Verweilen des Blickes auf ihr, der Mutter allein, wie sie auch alle nächsten Dienste um das Kind besorgt, ja selbst die völlige Einsamkeit um die Futterkrippe herum, da sonst in der großen Herberge kein Platz mehr war, webt dennoch um dieses Ereignis einen Zug großer, geradezu herber Majestät! Die ersten Augenblicke Seines menschlichen Daseins gehören in herber, jungfräulicher Abgeschlossenheit der Mutter allein. Grandios ist dieser erste Verzicht auf nahezu alle Bequemlichkeit des irdischen Lebens, freilich auch wieder ein erneuter Hinweis auf sein letztes Ziel hier auf Erden: das Opfer, von dem alle Lebewesen zehren sollen (darum wohl das Liegen in der Futterkrippe!)“ (Ebd. S. 78).

Schärfer kann der Kontrast nicht mehr sein als hier: Die unendliche Majestät des menschgewordenen Gottessohnes wählt als erste Heimstatt in unserer Menschenwelt eine Futterkrippe. Denkt man da nicht unwillkürlich an das Manna, das Himmelsbrot? Von Seinem Opfer sollen alle Menschen leben, d.h. Gnadenleben empfangen. Wie wörtlich wird diese Wahrheit Wirklichkeit werden. Er, der einmal sagen wird, „Denn mein Fleisch ist eine wahre Speise und mein Blut ein wahrer Trank. Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm“ (Joh. 6, 55 f), liegt als Kind in der Futterkrippe, in der sonst Heu und Stroh als Nahrung für die Tiere zu liegen pflegen. So erscheint schon die Futterkrippe als Altar.

Die Verkündigung der Geburt durch die Engel

Nach dem geheimnisvollen Geschehen der wunderbaren jungfräulichen Geburt, die sich in der Einsamkeit und Verborgenheit des Stalles ereignet, lenkt das hl. Evangelium unseren Blick auf die Felder draußen vor der Stadt. Dort lagern die Hirten und halten Wache bei ihrer Herde. Was für eine Gnade wird ihnen in dieser Heiligen Nacht zuteil! Lassen wir Josef Dillersberger weitererzählen und -erklären: „Ein Engel des Herrn trat plötzlich vor sie hin, aber, genau sagt es mit einem sorgsam gewählten Wort der griechische Text, so, daß er deutlich ‚über‘ ihnen, also etwa zu Häupten, in der Luft schwebte. Die dunkle Nacht war plötzlich hell erleuchtet von dem Lichtglanz des Herrn selbst, der auch die Hirten umgab. An der Krippe begab sich keine besondere Erscheinung, die Jungfrauengeburt allein war Wunder genug. Dort herrschte die Tatsache allein – hier ist das dazu gehörige Wort. Dort war allein die Geburt des Menschenkindes, hier ist Sein Lichtglanz, denn Er ist der Herr, und Seine Göttlichkeit wird kundgetan“ (Ebd. S. 79).

Das Wunder der Jungfrauengeburt muß enthüllt werden, offenbar gemacht werden den Menschen, denn sie sollen dieses Wunder zu ihrem Heil glauben. Wer wäre besser als Bote dieses Wunders geeignet als ein Engel? Diesem ist die Welt Gottes viel vertrauter als uns Menschen, wenn auch das Kind in der Krippe jeden Engel eine Ewigkeit lang in Erstaunen versetzt. Der Engel erscheint also den Hirten, um diesen das Geschehen im Stall von Bethlehem zu deuten, denn „…hier ist Sein Lichtglanz, denn Er ist der Herr, und Seine Göttlichkeit wird kundgetan“. Der Engel also strahlt im hellsten Licht vor den Hirten und spricht sie an.

„In knapper Kürze, aber voll bewegter Kraft und Gewalt, ergehen die Worte des Engels an die Hirten, unvergänglich in ihrer Schönheit. Wieder ist geheimnisvolle Dreiheit in der Botschaft: zuerst die Freude, die allem Volke werden soll, dann die Geburt in mächtigen Worten und zuletzt das Zeichen.
Und selbst im einzelnen Satz steigert sich jeweils die Botschaft in drei Stufen zu voller Höhe. Denn die Tatsache, daß der Engel sich als ‚Frohbotschafter‘ bezeichnet, wird übersteigert durch die nächste, daß er ‚große Freude‘ künden soll, und erreicht das Vollmaß mit der Kunde, daß diese Freude ‚allem Volke‘ zuteil wird. Mag es auch dem Buchstaben nach und von den Hirten zuerst als Freude für das Volk Israel aufgenommen worden sein, dem Geiste nach ist doch der volle Universalismus gemeint, der der ganzen Gemeinschaft der Menschen, allem Volke auf Erden, gilt. Erst wenn alles Volk, in großer Gemeinschaft, dies aufnimmt, ist das Ereignis ‚die große Freude‘!“ (Ebd. S. 79f).

Wer kann es fassen, die Freude ist zurückgekehrt in unsere Menschenwelt. Der Engel ist ein wahrer Frohbotschafter, ein Künder der übergroßen gottgeschenkten Freude. Diese Freude gilt nicht nur den paar Hirten auf den Feldern draußen vor der Stadt, sondern allem Volke. Und jedem kann diese Freude zuteil werden, jedem, der guten Willens ist. Sie ist nicht ein ausschließliches Privileg von wenigen, von ein paar Auserwählten, sondern der ganzen Gemeinschaft der Menschen soll die Geburt dieses Kindes zur Freude werden.

Wie aber ist so etwas möglich? Wer kann denn solche Freude in unsere so freudlos gewordene Welt der Sünde bringen? Das ist für einen Menschen unmöglich, aber es ist nicht unmöglich für den allmächtigen und allgütigen Gott.

Der Name des messianischen Gottkönigs

„Das Zweite ist dann die volle Verkündigung der Persönlichkeit dessen, der geboren ist. Indem der Engel in raschem Flusse gleich drei Titel oder Namen nennt: Erlöser, Christus, Herr, hat er, zugleich einzig dastehend im Schrifttum aller Evangelien, das ganze Wesen dieses Neugeborenen umreißen wollen. Denn ‚Erlöser‘ ist schließlich nichts anderes als ‚Jeschuah‘ Jesus, sein Name, den er als Mensch, als zweiter Adam des Menschengeschlechtes, führt. Der Name Christus weist hin auf sein messianisches Königtum, vor allem den Juden verständlich. Mit dem Namen ‚Herr‘ aber ist Er auch den Heiden verständlich genug als göttliches Wesen bezeichnet. Wieder haben wir also jene ‚Dreifaltigkeit‘ der Bezeichnung, wie sie der Engel schon vor der Jungfrau anwandte. Erst so ist Seine Eigenart voll und klar erfaßt, wenn Er als wahrer Mensch, als wahrer Gott und wahrer König zugleich in einer einzigen Person bekannt wird. Darum ist diese Bezeichnung des Engels eingegangen in die Bekenntnis- und Gebetsformeln der Kirche und des Volkes: ‚Herr Jesus Christus‘, so lautet Sein voller Name, so bekennt Ihn der Glaube, so ruft Ihn an das Gebet“ (Ebd. S. 80).

Diese von Gott geschenkte Freude ist kein einfaches, blindes, irrationales Gefühl, sondern sie hat einen Namen, der über allen Namen steht: JESUS. Der Grund für die Weihnachtsfreude ist Seine Herrlichkeit: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, eine Herrlichkeit als des Eingeborenen vom Vater, voll Gnade und Wahrheit“ (Joh. 1, 14). So steht es im Evangelium des hl. Johannes: „wir haben seine Herrlichkeit geschaut“! Unfaßbar ist diese Wahrheit und dennoch ist sie ganz und gar wahr. Jeder kann Seine Herrlichkeit schauen, alle die „nicht aus dem Blut, nicht aus dem Wollen des Fleisches und nicht aus dem Wollen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind“ (Joh. 1, 13). Dieses unvorstellbare Wunder des aus Gott geboren werden geschieht allein durch unseren hl. Glauben: „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben“ (Joh. 1, 12) – „‚Herr Jesus Christus‘, so lautet Sein voller Name, so bekennt Ihn der Glaube, so ruft Ihn an das Gebet.“

Man kann angesichts solcher himmelstürmender Gedanken Josef Dillersberger nur recht geben: „In wundersatter Fülle liegt so das Evangelium von der Geburt des göttlichen Kindes vor uns. Voraus geht die mächtige Bewegung durch die ganze Welt… ‚Groß ist der Friedenskönig, dessen Antlitz ersehnt die ganze Erde‘ — diese kirchliche Weihnachtsantiphon darf füglich als feinste Ausdeutung des Lukasberichtes gelten. … Ein gewaltiger Einbruch des Himmels auf die Erde ist dies. Ein schwaches Bild und Gleichnis soll es sein für jene unfaßbar ewig neue Geburt des Sohnes aus dem Schoße des Vaters im ‚heiligen Lichtglanz‘ des Geistes, wenn in himmlischem Lichtglanz das Wort des Engels verkündet: ‚Heute ist euch geboren …‘ und dazu unzählige Geisterscharen das Loblied Gottes singen. Ein schwaches Bild, aber welch mächtigen Lebens voll ist selbst dieses schon, wahrhaft eine ‚kühne‘ Verwirklichung jenes dunklen Psalmwortes: Im Lichtglanz voll Heiligkeit noch vor dem Morgenstern hab aus dem Vaterschoße ich (heute) Dich gezeugt (vgl. Pf. 109, 3 mit Pf. 2, 7 nach der Vulgata! — Der Wortlaut des Psalms nach der kirchlichen Liturgie genommen!)“ (Ebd. S. 83f).

Ist es nicht ergreifend? Das Geheimnis der Heiligen Nacht umwirbt unsere Menschenherzen. Der Sohn, der den ewigen Schoß des Vaters verläßt, um in unsere Welt zu kommen, möchte die Macht der Sünde zerstören. Auch in unseren Herzen soll Christus geboren werden durch das Wirken der hl. Kirche. Diese übernatürliche Tatsache der Christusgeburt im Schoß der jungfräulichen Kirche gibt die Weihnachtsmesse des mozarabischen Ritus wieder: „Was einst leiblich an Maria geschah, möge sich geistlich an der Kirche vollenden. Daß Dich, o Herr, ein unbezweifelter Glaube empfange, ein rechtes Gemüt Dich gebäre, eine von der Kraft des Allerhöchsten überschattete Seele Dich umfasse. Geh‘ nicht weg von uns, sondern gehe hervor aus unserer Mitte – aus der Innerlichkeit unserer geistlichen Existenz. Amen.“

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